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Neue jüdische Presse · 1922-05-04 · Heft 17 (4.5.1922) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 17 (4.5.1922)
Date
1922-05-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert ML 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland ML 60.00, für Ausland 10 franz., 5 schweiz Fres., 3 holl. Fl., 8 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 1 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Gaty Geis JnserttonSpreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mt. 4.f-, für die Rellamezrile DU. IS-—. Platz« und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in allen Lnnoncen-Bureaus. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 20. Jahrgang. Donnerstag, den «. IZ»r 5682 (4. Mai LS22) Nr. 17. Die Speisegesetze. „Meine Eltern haben wohl noch rituell gelebt; — ich halte aber nichts von diesen alten Speisegesetzeil, die im heißen Palästina ihre Berechtigung gehabt haben dürsten," — so hört man oft Leute in prominenter jüdischer Stellung spreche». Wer weiß, welches Mindestmaß an jüdischem Wissen und jüdischer Lebensführung in manchen jüdischen Gemeinden zur Parnossimwahl genügt, ivcnn nur im Höchstmaß ein Portemonnaie vorhanden ist, schweigt am besten zusolcher Rede. Wohl wurden in den finanziell schwach snndjerten jüdischen Gemeinden stets gern Reiche in die Ehrenämter gewählt, doch man-verlangte ehedem auch jüdisches Wissen und jüdische Lebensführung in Verbindung mit dem Reichtum. Aber heute. . . . Wenn häufig auch wo anders in der Welt ohne Vernunft regiert wird, Mit weniger Vernunft, als es in jüdischen Gemeinden möglich ist, sicher nirgends. So hat mancher Gemeindevorstehdv Jahrzehnte hindurch, die Zeit seiner Kraft, dem Erwerbe gelebt, ist außer an den hohen Feiertagen nie. mit dein Judentum in Berührung gekommen, weiß von seiner Literatur nur das wenige Leitfadenmäßige der Religionsstunden .seiner Gymnasialzeit, — aber da er sich jetzt Muße sür Angelegenheiten idealer Natur gönnen kann und sich eine angesehene soziale Stellung erarbeitet hat, ist er würdig, Vorstand einer jüdischen Gemeinoe zu sein und über Fragen zu entscheiden/ über die ihm wirklich kein Urteil'zusteht. .. Doch wir wollten von.den Speisegesetzen reden. - 'Unsere, jüdischen Gesetze — als» auch die Speisegesetza — tragen nationalen Charakter, denn sie erhaltendas jstd. Volk. Daher bedarf es an und füjr sich zu der Verpflichtung, sie zu beobachte», keiner Begründung. Synagoge, - Sabbat . und Speisegesetze haben das jüdische Volk in der Zerstreuung seit zwei Jahrtausenden erhalten. Wer diese drei Gründjäulen'negiert, zerschneidet seine jüdische Zukunft, wenn nicht feiste Kinder, dann gehen seine Enkel uird wenn nicht diese,-dann gehen seine Urenkel dem jüdischen Volke ver- '.loren. Man keimt die Epidemien der Mischehen >und der Taufen; 'Mi der» Nichtbeachtung der Synagoge als ge- .meinsamc Versa,iimlungsstätte der jüdischen Gesamtheit -und der Nichtbeachtung des Sabbats und der Speisegesetze haben sie ihren Ursprung. Unsere jüdischen Gesetze sind gleichzeitig religiöser Natur, und ihn^n muß daher, immer ein ethischer Zweck eigen sein.. Die,. Religion läßt sich jedoch nicht mit dem Seziestmesser zerlegen oder fein säuberlich iu Retorten fassen. Man kann viel von ihrem Wesen erfassen,1 hat aber kein Recht zu sagen, daß man sie in irgend einem ihrer Teile ganz erfaßt., hat. ' ' ' Auch über unsere Spcisegesetze darf sich nur mit Zurückhaltung geäußert werden. Bei dem Streben, ihren ethischen Zweck /zu ergründen, dürfte folgendes dem Verständnisnahe -kommen. Der Blutgenutz, ist verboten, denn in seinem Blüte.ist die Seele des Tieres, und der Mensch soll mit der» Genuß des Tieres nichts „vom Tierischen" in sich aufnehme». Dann sind von den warmblütigen Tieren nur die zum Genuß erlaubt, die sich von Pflanzen nähren und in denen daher nicht hier' Raubtiertrieb lebt. Wie verhängnisvoll kann der Trieb im Leben des Menschen werden, denn' er entscheidet zwischen Gut und Böse und ein klein wenig mehr an Triebanstoß kann in einsm einzigen Augenblicke ein.ganzes Leben zu einer Tragödie gestalten. -Darum dürften unsere Speisegesetze'ein' Erziehungsmittel sein, im Kampfe der Triebe die Kraft zu besitzen, den güten Trieb die Oberhand gewinnen zu lassen. In dem Thoraabschnitte des dieswöchentlichen Sabbates wird eine Fülle von Verordnungen gegeben, durch die der Mensch „heilig" wird, d. h. sein Leben zu einem! harmonischen, der Gottesebenbildlichkeit würdigen, Segen spendenden gestaltet. Und am Ende dieser Verordnungen heißt es:. „Unterscheidet zwischen-dem reinen Säugetier: und dem unreinen, zwischen dem unreinen Vogel und dem reinen, verunreinigt eure Seelen nicht durch Säugetiere und durch Vögel und durch das Gewürm' der Erde, das ich euch als verunreinigend ausgeschieden habe. Damit ihr mir heilig seid, wie ich euer Gott heilig bin ..." Jüdische 'Väter und jüdische Mütter: Nicht mit Vermögen und nicht mit Kenntnissen gebt ihr euren Kindern! das Glück ihres Lebens, sondern nur, indem ihr sie gesund an Körper und an Geist erhaltet. - Hierzu will euch euer Judentum führen und in den Verordnungen des Judentums die Speisegesetze! Die zionistische Jahreskonferenz. > Die Exekutive der Zionistischen Organisation teilt mit: 'Der zionistische Zentralrat (Jahreskonferenz)), der in denjenigen Jahren, in 'welchen der .Kongreß nicht stattfindet, tagt, wird voraussichtlich am 1. September zusammentreten. - Gemäß Paragraph 36 des neuen OrganisationsstatntZ sind die Ausgaben des Zentralrates die gleichen wie die hes Kongresses, nur darf er das Statut nicht änderin und ist nicht berechtigt, das Aktionskomitee und die Exekutive zu wählen. Jedoch hat der Zeutralrat das Recht — mit zwei Drittel Mehrheit der anwesenden Mitglieder! —, die Exekutive abzuberusen, welche hiergegen innerhalb zwei Monaten au einen außerordentlichen- Kongreß appellieren kann. ' 1 Angesichts der politischen Lage, vor allem angesichts der Möglichkeit, daß das Palästinamandat in den nächsten Monaten voin Völkerbund genehmigt wird, ist anzunehmen, daß die diesjährige Tagung des Zentralrates! vor sehr schwerwiegende Beschlüsse gestellt werden wird. Es wird sich darum handeln, die Grundlinien der Politik zu bestimmen, die die Zionistische Organisation nach Erteilung des. Mandates zu verfolgen hat. Dem Zentralrat gehören folgende Personen an: ' 1. Die Mitglieder des Mtionskonntees, 2. Der Präsident des letzten Kongresses, >3. Je ein Vertreter des Direktoriums, des Jewish Colonial Trust, des Jüdischen Nationalfonds, des Keren Hajessod, 4. Der Vorsitzende des Kongreßgerichts, des Ehrengerichts und der Kongreßanwalt. ö. Delegierte der Landes- und Sonderverbände. Die Exekutive hat die Landes- und Sonderverbände ersucht,' ihre Vertreter sür die Jahreskonferenz sogleich zu ernennen. Der Paragraph 38 des Statuts, welcher die Ernennung dieser Vertreter regelt, lautet: „Jedem Landesverbände und jedem Sonderverbande steht das Recht zu, für je 10000 Schekel, sowie für den Ueberschuß von 5000 Schekel über 10000, 20000 usf. je einen Vertreter in den Zentralrat zu entsenden. Ein Landesverband, der mindestens 1500 Schekel zählt, ist berechtigt, einen Delegierten zu entsenden, auch wenn die Zahl von 10 000 Schekel nicht erreicht ist. Landesverbände. welche die Zahl von 1500 Schekel nicht erreichen, .können sich mit andern Landesverbänden in ähnlicher Lage zwecks Erreichung dieser Ziffer und Entsendung eines gemeinsamen Vertreters verbinden. Hierbei werden nur diejenigen - Schekel gezählt, die im letzten Jahre an den Verband entrichtet und von diesem an dir Exekutive voll abgesührt worden sind. (Der Ausdruck „im letzten Jahre" bedeutet nicht etwa das verflossene Kalenderjahr, sondern das im Statut der Zionistischen Organisation in Par. 57 festgesetzte Berwaltungsjahr, welches die Zeit vont 1. -Juli eines Jahres .bis zum 30. Juni des folgendes-Jahres umfaßt.) Der Modus der Wahl bleibt den Landesverbänden und Sondervrrbänden überlassen. Diese müssen.Bestimmungen hierüber in ihr Verbandsstatut aufnehmen. Zugleich mit der Wahl der Delegierten sind sür den Fall der dauernden Behinderung Ersatzwahlen vorzunehmen." Aus diesen BestinNnungen geht hervor, daß das Recht der Landes- und Sonderverbande zur Entsendung von Vertretern in den Zentralrat/ von ihrer Schekelleistunß abhängt. Die Verbände können schon jetzt die Wahl von Vertretern vornehmen, da die meisten Verbände ja ünqcjsähr, übersehen können, wie hoch ihre diesjährige Schekelzahl sein wird./Es'können auch mehr Delegierte vorläufig ernannt werden, als möglicherweise auf Grund der erreichten Schekelzahl zur Teilnahme an d-er Jahreskonferenz berechtigtsein werden, mir mutz in diesem Falle der Exekutive mitgeteilt werden, in welcher Rechenfolge dir Delegierten ernannt find. ~ Die Exekutive macht auf das nachdrücklichste daraus aufmerksam, daß nur voll abgelieferte Schekel bei deq Anerkennung der Delegiertenmandate berücksichtigt werden können. Der Schlußtennin, bis zu lvelchem alle Schekelgelber in diesem Jahre beim Jewish Colonial Trust in London eingegangen sein müssen, ist der 15. Juli. RaudbemerkuugeL. Drei Jahre jüdische« Ausbaus. Wir Juden sind selbst unsere ungerechtesten Beurteiler. Es ist das auch eine der Goluserschrinuiigen, daß wir die Distanz zu uns.verloren haben. sollst Menschen mit einem Blick fiir die Wirklichkeit, sehen wir das Nächstliegende nicht, wenn es sich rnn die Vorgänge in der üidischen Welt handelt. ■ ,Es ließe sich ein Buch über dieses Kapitel schreiben. Doch hier sei nur eine Aktualität herausgegrisfen. -Seit drei. Jahren ist Palästina fiir daS jüdisch- Volk in die reale Möglichkeit gerückt, und die Zionistische Organisation, die bereits zwei Jahrzehnte läng der jüdischen öffentlichen Meinung zunt Trotz den Palästina-Gedanke» provagiert hatte, hat soinit in den letzten drei Jahren die Aufgabe in ihre Hand bekomnie», zu zeigen, was sie mm in Palästina zu leisten vermag. , Die jüdische öffentliche Meinung, dies- Meinung des Golus - Inden, zuckt wieder einmal geringschätzig die Achseln. Man hört das berühmte „Nebbich". Wenn nichts geleistet. worden wäre, mich dann wäre das „Nebbich" nicht berechtigt, denn gerade die, die es gebrauchen, -haben ihre ideelle und ihre materielle Kraft auch seit der Balfour-Deklaration für alles andere Verivendet, nur nicht für die Regeneration des jüdischen Volkes in Palästina. Und dann ist die Kolonisierung eines Landes ein Unternehmen, zu dessen Ausführung es im günstigsten Falle Jahrzehnte bedarf. Wer weiß, was Kolonisieren bedeutet, der muß gerade durch JndifferentismuS, ja sogar Feindseligkeit weiter, bereits zu stark assimilierter Kreise besonders der jüdischen Intelligenz ' und der jüdischen- Geldmächt anerkennen, daß - die Zionistische Organisation in diesen wenigen Jahren, in denen noch nicht einmal das Palästina-Mandat bestätigt worden ist und zahlreiche feindliche Einflüsse iin Lande selber das Werk erschweren. Gewaltiges geleistet hat. Wladimir Jabotinsky faßte das Erreichte, wie folgt zusammen: einen Aufschivung der jüdische» Bevölke rungsz a h t um 25 Prozent. einen Slufschwung. der jüdischen Kolonien um 20 Prozent, eine Erhöhung des jüdischen Bo den re als in Palästina um 20 Prozent, eine Erhöhung des jüdischen Bodenbesitzes in Jerusalem und Jaffa um 100 Prozent, » zwei neue jüdische Banken und einen bisher nie gekannten Aufschwung der jüdischen Privatinitiative, Häuscrba», Schiffahrt, Handel und Industrie umfassend. Die Unentwegten. Es gibt Menschen, die nicht um sich sehen, vielmehr unentwegt ein sich gestecktes^ Ziel verfolgen, auch wenn sie oder andere dabei zic Schaden kommen. Bon dieser Art sind die Führer der A'gudas Jisroel hinsichtlich ihrer Palästina-Politik. Trotzdemsie wissen,! daß in Palästina die praktische Arbeit und nicht die formalen- Rechte auf - die Dauer ausschlaggebend find, und trotzdem ihnen bekannt ist, daß in bezug ans die sormalerr Rechte der Misrachi eine Gewähr für die Wahrung der Interessen des traditionellen Judentums bieier, scheuen sie um ihrer Prinzipien willen selbst vor der Gefährdung des gesamten jüdischen Werkes in Palästina nicht zurück. Denn ihre Sonderaktionen der Oesf-nktichkeit gegenüber geben den Gegnern des Mandates Waffe» in die Hand. So. agitiert in England die Northclisfe-Prrsse eifrig sür eine Verwässerung der den Juden in Palästina zugesagten Rechte. Im Aufträge des Lord Northeläffe hat in der „Times" Philipp 'Graves acht Artikel veröffentlicht, die nichts anderes als eine solche Verwässerung bezwecken. In einem Atemzug mit de.r Arabetn werden da auch „gewisse Teile der palästinensischen streng orthodoxen Judenschast" genannt, die die -Tätigkeit der „eine Regierung in der Regierung" bildenden Zionistische N. Kommission beklagen. Wir beneiden dies-e „gewisse Teile" nicht um den Rllhm, mit jenen zusammen genannt zu werden, die die Ansiedlung der Juden in Palästina unter völkerrechtlich garantierter Autonomie unmöglich machenmöchten.

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