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Neue jüdische Presse · 1922-04-12 · Heft 15 (12.4.1922) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 15 (12.4.1922)
Date
1922-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert Mt. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mt. 60.00, für Ausland 10 franz., 5 schweiz. Frcs.-3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Satz Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mk.4.—, für die Reklamezeile Mt. 15-—. Platz» und Datunx« Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Sv. Jahrgang. * Mittwoch, den 14. Nissan 5682 (12. April 1922) Nr. 15 Freiheit." (P e s; a ch -^>> edqnken.) „ilwiie Jisroel jauzii» b'jod rvmo." Als freie Minner zogen die Söhne Israels ans Mizrajim. (iiit Wunder mar geschehen! Die Jahrhunderte hindurch geknechteten, i» die iieuiiiindvicrzig Tore der Unreinheit Verirrten, im Schlamm geistigen und törherlichen, nationalen und menschlichen Elends Versunkenen, das fast dem völligen Untergange nahe jüdische Volk erhob wieder stolz den- Nacken. Die geknechtete Seele war' doch nicht ganz im Schimihe des Golus erstickt, der gekrümmte Rücken war unter der Last des Lehms und der Backsteine doch nicht ganz gcbrochcp, der göttliche-menschiiche Gedanke war nicht ganz i» der Brust der Pharaonischen Sklaven erloschen. Das abgestumpfte Gefühl bewahrte noch eia Fünkchen Leben, der gepeinigte und verwüstete Geist behielt noch einen Strahl göttlichen Lichtes: das halbtanbe Ohr des .Unechtes besäst noch die Fähigkeit, den Ruf der Freiheit zu vernehmen. „Eherus!" Freiheit! — erscholl es im Lager des versklavten Volkes, und das grösste aller Wunder geschah — „Itunie Jisroel jauziin b'jod trnno". , Und der brennende Wüstensand »lildcrte seine chtzlut, da. die Sohlen der Lehmtreter ihn berührten, und der ranchgraue, undurchdringliche Wnftenhimmcl überzog sich mit einem milden, helleuchtenden, freundlichen Schimmer, und die große blutrote, unerbittliche Sonne der Wüste blickte mit' mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit herunter auf die erhobenen Häupter der Unechte Pharaos. Ein geheimnisvolles Ahne», ein belebender' und berauschender Hauch, ein freundliches Säuseln und Flüstern durchzog die unendliche Einöde und verscheuchte die tausendjährige Totenstille. (v i it befreites Volk d u r ch'z o g die Wüste! Die' ganze Schöpfung lauschte dem grasten Wunder. - Ein befreites Volk! — — Das Werk der Befreiung war volleadet, die nationale Schmach ivar abgeschüttclt. Das furchtbare Joch war zerschmettert, die eisernen Letten zerrissen. Das Land der Knechtschaft und des Elends, die grausamen Vögte mit ihren sausenden^ Knuten, die stolzeil Aegypter mit ihren verachtungsvolle»Blicken, — all dies lag weit, weit zurück. Ein wunderbares, Niegcahntcs göttliches Gefühl erfüllte die freie Brust, frei und stolz richtete sich die Stirn geh Himmel auf, die Flamme der Begeisterung loderte in den erleuchteten Angen: Cher ns! Freiheit! — Tidf in de» verborgensten Winkelir des Inneren aber steckte noch die ägyptische Knechtschaft. Ein Wort, mag es noch so wundervoll klingen und eine noch so gewaltige Kraft besitzen, kann das Werk mehrerer Jahrhunderte nicht mit einemnialc vernichten. Der Lehm und die Backsteine lasteten noch mit ihrer vollen Schwere auf dem Körper des äusziehenden Sklaven: das traurige Leben, das das jüdische Volk so lgnge zic führen, verurteilt war» die Schmach, die es unablässig zu erdulden hatte, die geistige Verödung und die Abstumpfung des Gefühls, — ihre Spuren waren tief eingegraben in der Seele der.)lngliicklichen: das ganze Golus lag -noch .finster imd dumpf im Herzen der Bereiten. Das Cherus-Wort zog sie wohl ans dem Sumpfe Aegyptens heraus, schwang sie aus den Tiefen der Knechtschaft zur Sonne der Freiheit empor; vermochte jedoch nickt, den Knechtes sinn zu befreien, die verkrüppelte Seele sogleich neu nmzugestalten. Dies vermochte auch ein M o i e s nicht .; : „Kann denn ein Volk an einem Tage geschaffen werden?!" „ Aber das Gespenst der Knechtschaft schlich dem befreiten Volk aus seiner Wanderung nach dem eigenen Lande nach: mit tückischer Gefälligkeit schleppte es ihm seine gesprengten Kette» nach, mit grinsendem Lächeln finsterte es ihn: von den Seligkeiten der „Fleischtöpfe Aegnpt e n s" zu: mil teuflischer Zärtlichkeit versuchte es inaner wieder, den Sklaven in das gewohnte Leben, in das wohlbekannte und bequeme „Sklavcnhans" zurückzuftihreitz und von dem' gefährlichen Wüsteinvege, der nach einem fernen, niibckannteii Lande führen soll, von den traumhasteu, ungewissen C h e r u s -Gedanken abznbringen. Wir schön, wie bequem, wie fröhlich war es dock unter dem sicheren Schutze des mächtigen Pharao) im grossen Aegyptenrriche, wo sogar ein Hebräer die schmeichelhafte Hoffnung hegen durste, ein „Sch aut er"', ein Staatsbeamter zu werde»? Wie ermüdend und gefahrvoll schien aber der neue Weg mir seinen unerträglichen Strapaze», ivie fern und nebelhaft das neue Land mit feine» zweifelhaften Verbeißnnge»? Darum schwankte das Volk .stoischen zwei mächtigen Trieben. Das angeborene Knechtschastsgesühl zog es nach dem ruhigen Leben, nach der sorgenfreien Unterwürfigkeit, nach der körperlichen Befriedigung, Die nicht nach dem geistige», nationale» Stolz, nicht nach der menschlichen Bürde fragt, es sehnte sich nach der Sicherheit des Sklavenlebeiis und scheute die Ungewißheit und Fährnisse einer selbständigen Zukunft: — die göttliche Stimme Moses aber donnerte; ihm ins Ohr: „Eherus!", Freiheit! Das mar ein schwerer Kämpf. Ein Kampf des lichten Freiheitsgedankcn gegen de» eingeivnrzelten Knechtessinn, der aufstrebenden, stolzen menschlichen Seele gegen die niedrige stumpfe Sinnes tust, des natürlichen nationalen Selbsterhaltungstriebes gegen die Selbstverleugnung und Selbstvernichtung. Es lvar ein innerer seelischer Rationalkampf. Vierzig Jahre dauerte dieser harte Kampf, bis der Kiiechtessinn des Golus-Mizrajim unterlag — und „C h e - r u s" siegte. — — — „Eherus" und „Golus", „Golus und „Eherus", — eine ununterbrochene Kette in der Lebens- und Leidensgeschichte des jüdischen Volkes. Ein Steigen und Fallen, ein Falleil und Steigen, — ein ewig andauernder Kampf. Kaum hat Israel mit gewaltigein Ringen sich aits dem verzweifelten .Elend herausgearbeitet, stürzt es schon ivieder in die grausamste nationale Not. Der freie Herr und Gebieter muß als Heimloser in der Welt umherirren. Was das jüdische Volk an nationalein Geist und nationaler Kraft erworben hat. wird ihm wiederuin entrissen, seine, freie Seele äst wiederum geknechtet. Wieder ist heute in Israel die Stunde gekommen, da die göttliche Stimme: „Eherus!" ruft. — Eine wunderbare, heilverheißende Ahnung durchflutet das Herz, das Volk merkt auf den Erlösungsruf; es ist eine alte wohlbekannte Stimme: sie weckt zur Auferstehung, ruft zu neilem Leben. Und das äöoik nimmt den Ruf der Freiheit freudig auf; es ist wieder aus der Knechtschaft befreit! ... Und wenn die Tragödie unseres Volkes noch so düster und traurig und lang ist, — den Schlußrefrain bildet dock der Ruf: „Eherus!", Freiheit! Und lvenn der Wüstenweg noch so lang ' und öde und steinig. und gefahrvoll ist, — der endgültige Sieg gehört dem /-Eherus!" — — — L. S—o. Brief aus Jerusalem. . Mitte Adar. Seit, meinem vorigen Briefe sind inhaltsreiche Wochen vorübergegangen.' Aus Telegrammen und Zeitungsberichten, vor allem aus unserem „Hator", dessen gründliche Lektüre allen hebräisch lesenden Palästinasreunden zu empfehlen ist, werden die Ereignisse in de» Hanptzügen wohl schon in Europa bekannt fein. Ein trauriges Kapitel in unserer innensüdischen Politik bilden die Geschehnisse, die sich mir den Besuch des Zeitiiiigslönigs, Lord North eliffe, in Erez Israel gruppieren.. Northcliffc weilte einige Tage in unserem Lande, empfing Dutzende von Deputariviieii, und schon am zweiten Tage seines Besuches war er,in der Lage, cndgiltige und feststehende Urteile über die Situation hier abzngeben. — Es ist kein Zweifel, daß Lord Northcliffq bereits -m i t vorgefa ß te r M e inu n g in Bezug auf das Ieivifh National Home nach Palästina gekommcn war, stark beeinflußt, durch die großen Schwierigjkeiten, die dem englische» Imperium vonseitcn der mohainmcdanischen Bevölkerung im großen indischen 'Kaiserreiche gemacht werden. , Man halte auch den Eindruck, daß eine geschickte Hano - allerlei inszenierte, um Lord Northcliffe in feiner kühlen Reserve mindestens zu bestärken. Es ist für uns.gewöhnliche Sterbliche ein.Geheminis, aus welchem Grunde man ihm ein gepanzertes Automobil zum Empfang nach Lud ent- 'gegriifchickte. Die Delegationen mußten sich »bei einer Regierungsstelle anmeidcn, und .cs scheint, daß man nicht allen die Möglichkeit gegeben har, mit dem Weltreisendei» zu sprechen. Man erzählt, daß auch die Zionistische Leitung, im Gegensatz zu den unrichtigen Meldungen des- „Dome Hajoin", sich nach jeder :Richtnng rechtzeitig bemüht hat, in intensivster Weise mit Lord Northcliffe in Berührung ' zu tvininen. Sein Besuch in Jerusalem war nur für IV:.'1 Tage berechnet, und yian konnte nicht mehr durchsetzen als etwa eine halbstündige Besprechung, an der drei Herren der Exekutive teilnahinen. ' Wir glauben, daß alles. Licbeswerbeu der Zionisteitz Lord Northcliffe gegenüber vergeblich gewesen wäre. Es wäre auch dann nicht geglückt, ihn zu einem heißen Verfechter unserer Idee zu machen, wenn' eine Gruppe von Kolonistensöhnen ihn zu Pserd^empfangen und wemr jüdische Mädchen ihn mit Blumensträußen auf der Station..erwartet hätten. Rur mir innerem Widerstrebe»' kann man in diesem Zusammenhänge über die sogenanine orthodoxe Delegation berichten, die sich bei dem >Lord vorstellte und ihm die Möglichkeit gab, in alte Welt hinanszutelegraphieren, daß die Orthodoxie gegen das Jewifh «Rational Home ist. Eine traurige Rolle spielte dabei besonders Professor D e Haan, von dem man auch jetzt noch nicht sagen kann,.ob er ein böswilliger Verräter oder ein böswilliger Narr .ist. Bis aus eine ganz kleine Gruppe von Intriganten und einem kleinen Teil ehrlicher, aber engstirniger Fanatiker hat diese Delegation allgemeine Entrüstung in Jerusalem hervorge rufen. Leider haben sich ein paar unüberlegte junge Leute dazu hinreißen lassen, gegen die gänzlich unbedeutende Persönlichkeit des Rabbiners Bernstein vorzugehen. Die gesamte, jüdische Oesfentlichkeit hat dieses Vorgehen aufs schärfste mißbilligt. Es ist ja auch klar, daß es für die zionistische Bewegung nur schädlich sein kann, wenn unkluge Köpfe sich zu solchen Taten hinreißen lassen. Das hat aber, wie ich sehe, weder das deutsche noch das polnische Aguda- Organ davon abgehalten, Nachrichten zu veröffentlichen, daß die zionistische Organisation diese Anfälle organisiert habe. Es ist beschämend und erniedrigend, daß solche Dinge der jüdischen Oesfentlichkeit vorgesetzt werden dürfe».- * Die oben geschilderten Vorfälle bildeten den unhannourschen Auftakt zu der kurz darauf stattfindenden Assesattz Niwcharim, der Delegiertenversammlung der palästinensischen Judenheit. Wahrscheinlich ist maw draußen noch im llntlaren über die Motive, die zur Stellungnahme des Landesmisrachi und des Weltmisrachi in der Frauensrage geführt haben. Unsere Gesinnungsgenosse» draußen, so hoffen wir, werden vorsichtig genug gewesen sein, die telegraphischen Meldungen des Korresponüenzbüros und auch die offiziellen Berichte des Waad Haleunri nur unter Vorbehalt zur Kenntnis zu nehmen. Der Wunsch zur Organisierung des jüdischen Volkes in Palästina ist beim.Misrachi ebensostark vorhanden, wie bei irgendeiner anderen Partei, und es sollte eigentlich zu denjenigen Kmnpfmitteln gehören, die.man innerhalb der Volksgemeinschaft nicht anwendet, daß dir linken Parteien es so darzustellen belieben, als oh die Nichtanteilnahme an, der Assefath Niwcharim den Grund gehabt hätte, -daß man eine allgemeine Organisierung nicht wünschte. Gerade

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