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Neue jüdische Presse · 1922-04-06 · Heft 14 (6.4.1922) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 14 (6.4.1922)
Date
1922-04-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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oeu< 4. Damenhüte Modellkopien ifl vorteilhaften ^Preislagen. Zeil 127, neben der Katharinenkirebe. J| Beachten Sie unsere Schaufenster! Sinn des Menschseins ist Erdennähe. Vereinigung mit den zeugenden, erlösenden Kräften der Natur. Frecheit der Kreatur von den verzerrenden, verkrüppelnden Gesetzen des naturabgewandten Ich. — So darf das Tier im Menschen nicht mehr „gekreuzigt" sein; daß es gekreuzigt ist, bedeutet Sünde. Diese Schuld muß die vom Erdensinn abgefallenen vernichten, ihnen zum Schicksal werden. Unsichtbar und drohend steht die Erdkrast in der Bocksgestall des erstgeborenen Gospodarsohns hinter allein Geschehen; bedrückt die Festesfteude des Gospodars, in dessen Haus durch raue Hochzeit feer Reichtum grenzenlos sich mehrt; wird zum Götzen der Landloseü, ihre Sehnsucht nach der Scholle in Blutdurst und zerstörende Raublust wandelnd. Denn Beide — Landlose wie Alteingesessene — haben den währen Sinn des .Seins verloren. Den Einen .wird Besitz zu Geiz und Härte; die Andern lieben nicht den Besitz, sondern nur den Raub. Diese verbergen schon das Geheimnis ihrer Natur; jene machen es zum martkschreierischen Popanz. Nur das Weib Stanja ist menschlich: erfüllt vom Lebensmysterium und darum berufen, den Samen jenes Ungetüms zu tragen. Die Urkraft findet chre Erfüllung in der — durch Erdennähe freien und starken — Hingabe Stanjas wie in der Auflehnung der Gegenspieler. Diese Unwahren) Verworfenen MUß sie vernichten: Der Hof des Gospodars muß zerschrt, der Aufrührer Iwan gehenkt werden. Denn an den auf der Scholle Satten und noch der Scholle Gierenden soll sich das tragische Gesetz erfüllen; Stanja aber ist ein reines Symbol, -Ziel, weglose Vollendung — und steht darum über der tragischen Sphäre. — Bis zu diesem Punkt wäre das Drama eine große und mächtige Gestaltung — — doch nur bis zum letzten All) Dann entgleitet das Spiel des Dramaükers Händen — zufällige Szenen von lyrischer Stärke folgen. Der Gospodar wie Iwan werden plötzlich zu naturnahen Menschen «gewandelt, die ihr Schicksal als gut erkennen, im Tiefsten nie vernichtet werden. Der tragische Sinn flieht, die dramatische Linie lost und verwrrrt sich in Milde und Weichheit. Mit dem Mysterium der Hingabe Stanjas mit der Vernichtung der Besitzenden und Landlosen, wäre die Tragödie, wäre das Drama erfülll. (Hier, ist freilich nur die Perepetie überschritten, die volle, wahrhafte Katastrophe nur angedeutet!) .. . A., Neue Jüdische Presse. Die Aufführung im Neuen Theater hiuterließ einen starken Eindruck. Der Regie (Robin Robert) war es trefflich gelungen, die Linien der Dichtung freizulegen, diese Sphäre fühlen zu lassen, in der die Vorgänge einer triebstarken Wirklichkeit angehören und doch vom übersinnlichen, tragischen Geheimnis umwittert sind.-, Bedauerlich blieb nur, daß durch dies Bestreben der Bühnenrahmen zu starr geraten war, um der wechselnden Raumdynamik der Szenen nachgeben zu können. Die Darsteller machten den Mangel bald vergessen: Frau Sa La ns .stark und edel gestaltete Stanja trug die Aufführung, war Puls dem Geschehen, dem Gleichnis Maß und Spiegelung. Neben ihr zeigten Herrn Webers leidenschaftlich stolzer, so väterlicher Gospodar und der brennende, bis zu geistiger Leere zergrübelte Iwan des Herrn Stanchina außerordentliches künstlerisches Gepräge. Unter den vielen scharf schattierten Episodenrollen fiel Herr Großmann als Jude Feiwel auf, dessen treffliche Realisttk allerdings manchmal —'-und öfter als es Schuld des Dichters war — über den tragischen Rahmen hinauszugehen schien. — In der runden Gesamtausführung bildete — anders als in her Dichtung! — der letzte Akt eine hinreißende Steigerung der gestalterischen Kräfte. Alfred Jacob. Neve Bücher. „Einen -Versuch über die Idee der deutschen Revolution" nennt Dr. Sigmund Rüben st ein sein Werk: „Romantischer Sozialismus" (Drei Masken-Berlag, München, 1921). In großzügiger, eindrucksvoller Darstellung entwickelt und verficht er mit den 'Mitteln eines reichen, souverän gemeisterten historischen Wissens die These von der Notwendigkeit des Aufbaues einer dezentralisierten, berufsstöndisch gegliederten Staatsmid Wirtschaftsorganisation im neuen Deutschland; die historische Aufgabe der deutschen Revolution liegt nach ihm' in der Verwirklichung' eines also verstandenen klassenversöhnenden und kulturfördernden „romantischen Sozialismus". Man wird Rubinstein gewichttge prinzipielle wie auch aktuell-praktische Bedenken mit gutem Recht entgegensetzen können; daß hier aber eine ebenso lehrreiche wie interessante Lösung staats- und wirtschaftspolitischer Grundprobleme des neuen Deutschland geboten ist, wird auch Won gegnerischen Positionen aus anerkannt werden müssen. — 1 Georg Webers „Allgemeine Weltgeschichte" erscheint jetzt in dritter, von Ludwig Rieß vollständig neubearbeiteter Auflage in einem Gesamtumfang von 16 Banden (Verlag Wilh. Engelmann, Leipzig). Der vorliegende dritte Band umfaßt die Zeit der Umbildung der römischen.Republik in'ein Kaisertum und des EmporkomMens des Christentums (133' vor — 326 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung). Der jüdische» Geschichte innerhalb desselben Zeitraums ist im Rahmen der Gesamtdarstellung verständlicherweise nur ein beschränkter und nur relativ genügender Raum gewährt. .Das Hohelied der Liebe" legt Dr. Martin Thilo in einer neuen deutsche» Uebertragung dar (A. Marcus u. E. Webers Verlag, Bonn). Man darf dieser Verdeutschung anerkennenswerte Originaltreue, dichterischsprachliche Einfühlungs- und Nachgestaltungskraft nachrühmen. Es wird aber auch hier wieder offenbar, welch weiter Abstand zwischen dem hebräischen Original und-jeder Ueberlragung iwtwendig bestehen bleibt; und auch diese Uebertragung erscheint nur als matter Abglanz und Widerschein gegen Nr. .14 die Herrlichkeit, Glut und Klänggewall der hebräischen Rhythmen. Dr. Thilo hat seiner Verdeutschung (die auch in einer besonderen, schön äusgestatteten Geschenk-Äusgäbe erschienen ist) eine kurze wissenschaftlich kritische Einführung beigegeben. Bekanntmaolmog. Dm Kaaohern findet in unserer Kaacherkfiehe Synzgege i ' am Börneplatz Montage, den IO. April Mienstag, den 11. April nachmittags 2—5 Uhr statt. HilDal-fiomniissIon dir Isnel. Enncindi. Wocheu-Kaleu-er. Samstag, 8. April (10. Nissan). Sabbat-Anfang in Frankfurt 6 Uhr 35. Sabbat-Ausgang in Frankfurt 7 Uhr 55. Wochenabschnitt: Zaw Schabbos haggodaul. Mittwoch: Erew Pesach. Sgn.-Sem. „Israel. BetigioosgeseUschajt“ Das Kascharn in der Gemeinde-Synagoge, .Friedberger Anlage 6, findet statt: Montag, den IO. April Dienstag, den 11. April Vormittags 10—12 Uhr. Nachmittags 2—5 Uhr. Frankfurter Familieunachrichteu. Barmizwos. Hans Kaufmann, Arndtstr. 35, Kurt Linz, Eckenh. Landstr. 21, Synagoge Börneplatz — Helmut Kohn-Gottscho, Schefselstr. 7, Alfred Seckbach, Feststraße 14, Werner Rosenau, Wiesenhüttenplatz 26, Synagoge Königsixinerstraße — Benny Stein, Weiherstr. 6, Synagoge Friedb. Anlage. Gestorben. Guthg Lilienthal, 47 I. — Elias Damenberg, 78 I. — Rosalie Kahn, 57 I., Schwanenstt. 4 — Cäcilie Fleischmann, 61 I. — -Samuel Mohr, 68 I.,' Hauffstraße 5. Auswärtige Famtlieuuachrichtdn. Gestorben. Babette Strauß geb. Baumblatt, 69 I., Offenbach.. - Spenden. Zur Beachtung: Der Betrag für 1 Oelbauw beträgt jetzt 50 Ml. - ' Bei R. I. Pr. gingen ein: - . Rabb. D r. Nobel-Hain. Paul Wertheim 1 Baum auf Ernst Wertheim s. A. (Elreser ben Dauw) 25.— Jt; anl. silb, Hochzeit A. I. Fostel : Ihre Erwiderung kam leise und langsam. „Wollen Sie die Wahrheit hören, Herr Klaßner? Sick haben wich damals tatsächlich! tief verwundet, aber ich wollte es Ihnen nicht zeigen, damit Sie «nicht! eher' fortgingen, ehe — Siesich erschöpft hatten. Ich habe mich an jenem Tage Ihretwegen geänstigt; aber auch meiratwegen, daß mir . die Kraft versagen Tonnte, benot Sie vollendet Hallen. Ich wollte urich verwunden lassen, well Sie doch ein Opfer für Ihren Zorn suchten." . „Und jetzt wollen Sie Vergeltung üben," sprach er grimmig. ' ' „Nein!— Ich habe auch' nicht auf Ihre Entschuldigung gemattet, sondern auf etwas anderes." „Auf etwas anderes?" - „Ar, auf Nr Buch Ws ich' damals das Mcuwskript las, ließe» Sie wich erwarten, daß es bald im Druck erscheinen wird. Ich« habe mich vergebens danach umgesehen." „Das Buch wird nie veröfseutlicht werden. Ich bin mit dem Verlier überemgrkoittmen, daß! er es nicht herausgibt." „Warum denn nicht?" „Mein Buch" sprach er mit tteser Leidenschaft, die seiy, bisheriges leichtes Plaudern Lügen strafte; „mein Buch ist die Quintessenz jener Monate, die ich aus meiner Vergangenheit ftreidjen iraijs. Es ist äuir endlich, gelungen, jene Zell, die wie ein Alpdruck mich beschwert, vom mir zu wälzen. Aber um sie ganz auszumerzeu mrd meine Befreiung zu festigen, habe rch das Buch als Dankopfer ins Meer der; Vergangenheit geschleudert, da es alles enthielt, was jene Periode wieder hätte ins Leben rufen können. Das Buch war iu einer unechten, falschen Atmosphäre entstanden, — und diese Atmosphäre hat mich die Gedanken beherrscht, dir ich dort als Grundwahrhellen niederlegte." Alice schütielle abwehrend den Kopf, ohne ein Wort zu sprechen. „Sie sind yricht derselben Ansicht?" „Sind Sie etwa selbst-dieser Ansicht?" Mehr, als ihre Worte bekundeten chre Mienen Zweifel und Frage. Klaßner .schlug die Augen nieder und sprach weiter: „Wie mau's nimmt. Aber ich will Ihnen offen und ehrlich gestehen, "daß dies tatsächlich meine Meinung war, bis — vor wenigen Tagen. Dann aber wurde diese Anschauung farblos und schal, weif sie durch eine andere, beweiskräftigere verdräng wurde. Bor einigen Tagen brachte mir Strömer eine Botschaft von Ellen, und ich erftchr dabei gar schlimme und befremdliche Dinge,- die mich erkennen liehen, daß' meine frühere Auffassung grundfalsch war und die Welt hoch nicht so schlecht und erbärmlich ist, als ich wir während meiner Raserei eingebildet hatte. Ich erfuhr, daß Ellen trotz allem auf mein Wohlwollen berechtigten Anspruch erhek«n darf, und> darum darf dies Buch erst recht nicht in die Welt hinausgehen, damit es nicht auch in ihre Hände gelangt. Mehr als für mich, sollte ja das Buch ein Denkmal jener glückvollen Zeit sein, da ich) sie an meiner Seite halle. Sie hat das Buch geliebt, ich! weiß das bestimmt; heute aber würde es für sie zum schrecklichsten Marterwertzeug werden, und das will ichl von ihr fernhalten, weil es wein Bestreben ist, ihren schwer zurückgewonnenen Seelenftieden nicht aufs raue zu stören. Ihr geschieht eine große Wohltat, mir aber erwächst nur ein geringer Verlust. Ein wenig verschwendete Kraft, eine vereitelte Hoffimng, ein zweifelhafter Erfolg, was kann dieses bedeuten, wenn ,ich ihr auch nur einen Augenblick des Schmerzes dadurch erspare? Brauche ich noch mehr zu sagen?" ’ „Nein, jetzt verstehe ich Sie," rief das Mädchen mit bebender Stimme. „Ich weiß zwar nicht, was Sie von ihr erfahren, aber das macht keinen Unterschied. Ellen ist Ihres Wohlwollens wert geblieben. Ich habe ihr ja stets voll und ganz vertraut; ich habe nie ihre lautern Beweggründe bezweifelt, ob auch der Schein gegen sie war. Ja, Herr Klaßner, begraben Sie das Buch; werfen Sie es ins Meer der Vergangenheit; beschweren Sie cs mit all den falschen und vereitelten Hoffnungen, damit es nie wieder an die Oberfläche gelangt, und Gott wird Ihnen diese Tat in anderer Art 'lohnen. Ihnen. und unserem Volke. Sie werden .andere Mittel finden, um den Kampf zu führen, Mittel, stärker und zuverlässiger, heilbringend allen, ohne alte Wunden bei Ihnen und auch bei-- andern auf» zureißen." „Ihre Zuversicht kann ich.zwar nicht teilen, aber . . . Auch bei ändern? Sie haben doch! eben vernommen, daß ich keine alten Wunden aufreißen will, warum wiederholen Sie es denn?" Beschämt schlug Alice die Augen nieder. „Sie haben recht, wich zu tadeln, weil'es den Anschein gewinnt, als ob ich irgendwelche Zweifel in Ihre ehrlichen Absichten setzen wollte. Es -ist dieses durchaus nich!t der Fall. Nur haben mir Ihre Worte einen großen Schreck eingejagt und mir eine große Schuld gegen! Ellen zum Bewußtsein ge-. bracht. Sie sprachen eben von Ihrem großen Mitleid für sie." \ Er lauschte mit einem befremdlichen Gefühl der Rüh-> rung ihren zusammenhanglosen verzweifelten Ausbruch der wunderbaren Kraft emer Frau, Leiden und Qualen geduldig zu ertragen. Ein Mann setzt sich tatenlos hin, starrt dem Unglück unausgesetzt ins Gesicht, bis', er der Verzweiflung anheimfallt. Eme unglückliche Frau hingegen flieht zu emer traurigen Frau hin. greift nach der Schlange, die jene. ,m Busen trägt, und Mährens sie fremdes Leid zu heilen versucht, heilt sie zugleich! das' eigene. Eine Frau würde ihr vollkommenes Glück darin finden, wenn sie eine Anzahl Frauen um sich hätte, die sie trösten muß. Voller Bewunderung blickte Klaßner' auf Alice und sprach: „Alice, warum tragen Sie Ihr Leid so geduldig, ohne sich dagegen aufzulehneu? Da scheu Sie still und ergeben, als wäre für Sie.bereits das Ende aller Dinge gekommen. Sre machen keinerlei Versuche, etwas zu ändern, sich zu wehren und scheinen zu vergessen, daß Bewegung Leben bedeutet. Warum raffen Sie -sich nicht; aus durch das Be-- wußtsein, das jedem Lebewesen iniiewohnt; Auch ich habe eme Zukunft vor mir?" „Der Gedanke an meine'Zukunft ist es eben, der mich veranlaßt, die Gegenwart mit aller Kraft festzuhalten." „Das. aber ist grundfalsch!" rief er mit Herzenswärme. „Wenn S« die Zeit mit beiden Händen feschalten, wenn Sie - sich m der Gegenwart fest einwurzeln, wenn Sie ängstlich bemüht bleiben, keinen Zoll sich fortzubewegen, dann wird die-Zeit über Sic hinwegschreiten, um! Sie zu einkm kümmerlichen Vegetieren da zurückzulassen, wo Sie sich selbst emgepslanzt. Springen Sie aber der Zell entgegen, dann wird!sie sich Jhreur' Willen beugen." „Der Zukunft entgcgenspringen?" Sie schien dieses Wort' m ihren Gedanken herumzuwälzen, dann richtete sie sich plötzlich auf und sah chms fest in die Augen. „Ich weiß, wohin -L-rc zrele». Hat er Sie gebeten; sein Fürsprecher zu sem?" . »Nein, das hat er nicht. An jenem Abend lag es ihm au, der Zungenspitze, aber iml letzten Augenblick hielt er es zurück. Es scheint, daß.auch Bürger seinen Stolz hat." .Herr Burger hat seinen Stotz!" wiederholte sie, die Aiigen zu Klaßner' aufschlagend, als hätte sie eine überraschende Mitteilung erhalten. -Hist cs anmaßend zu fragen, was Sie gegen ihn einzuwenden haben?" - ' (Fortsetzung folgt.)

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