Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1922)
- Date
- 1922-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurier Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSpretSpro Bterteliahr: Bei der Post abonniert Ml. 9.—, Sei der Neuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.00, für Ausland 10 frans-, 5 schwetz FrrS., S holl. Fl-, 8 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber. Saly Geis JnserttonspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mk. 4.—, für die Reklamezeile Mk. l5-—. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition «ad in allen »nnoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. 29. Jahrgang. Donnerstag, Len 8. M88S.N L682 (6. April 1922) Rr. 14. Reifeeindrücke ans Palästina. Don I. Ramsay Macdonald.*) Nirgendwo kann man den ewige» Konflikt zwischen Alter und Jugend, den neuen Wein und die alten Flaschen besser studieren, denn m diesen Regionen. In Aegypten wird er in der alte» Form sichtbar, daß die Bevormundeten vom Vormund die Freiheit verlangen; in Palästina rührt er. von den Streitigkeiten zwischen zwei Zivilisationen ber, die durch die Einwanderung aneinandergeraten, lieber dem Gerüst des Judaismus ist der Zionismus erblüht, und wieder einmal haben sich viele Juden Zion zugewandt. Mit solchen Leuten habe ich im . hiesigen Einwanderungslager (an der sandigen Küste von Jaffa und angesichts des Meeres) gesprochen; ' in Jerusalem, wo sie aus Beschäftigung warten,-oder in irgend einem der vielen anderen SiedlungKtomitees; in Zelten auf den Höhen Gilboas, wo sie Landstraßen anlegen und Brücken über de» Jordan schlagen. . -Eines Nachmittags, als ich die Ebene Esdraelon durch-, streifte, traf ich unweit der Stelle, wo Saul seinen letzten ^ätipf äusfocht und den Philistern unterlag, einen Landwagen und fuhr auf holpriger Straße ein oder zwei Meilen zu.einem jener neue» jüdischen Lager in Nuris, auf deni nördlichen Abhängen des Gilboa-Gebirges. Ich fand ihre Zelte gerade bei der Quelle, an der, wie es heißt,, Gideon sein Heer aus den dreihundert Mann bildete, die „mit ihren Zungen von dem Wasser leckten, so wie der Hund leckt." Obwohl säst alle auf dem Felde beschäftigt waren, hörte man doch in der Schmiede den Aniboß klingen. In der Werkstatt des Zinnnermanns waren Sägen und Hobel in Betrieb, und während ich durch eine offene Tür einen'- Zahntechniker bei der Arbeit beobachtete, vernahm ich aus der Küche das Klappern der Psannen und Töpfe. i Die Kommune besteht aus 150 Personen, die, als Mitglieder des palästinensischen Arbeitskorps, 12 Monate lang beim Wegebau beschäftigt waren. Auf einer großen, teilweise sumpsigen und noch ganz unkultivierten Fläche zwischen der Eisenbahn und dem Berghang haben sie sich angesiedelt. Dort Pflanzen sie 14000 Eukalyptusbäüme in 60 verschiedenen Arten an, 4000 Pinien, 500 Zypressen, 10 000 Oelbaume; außerdem legen sie Obstbäume, Weingärten, Tabakplantagen und Orangengärten an. Sie errichten Schonungen für Pflanzenzucht, besonders Baumschulen, graben, den Boden um.und bereiten ihn zum Anbau vor. Sie glauben, daß sie die Grundlagen für ein neues Zion schaffen. Die Ländereien gehören dem Jüdischen Nationalfonds und dürfen niemals in Privatbesitz übergehen. Verschiedene Körperschaften strecken die erforderlichen Kapitalien vor, während die Kommune die Arbeit leistet. Ihre meisten Mitglieder sind in diesem oder jenem Lande Sozialisten gewiesen. Den Bolschewismus lehnen sie ab; sie wollen etwas zustande bringen. Mit wideren Worten, hier findet man dos dritte. Buch Mosis und die Lehren der Propheten in Verbindung mit dem westlichen Sozialismus an der Arbeit, die jedoch nicht von Politikern und Revolutionären, sondern von Bekennen» vollbracht wird. - Der begüterte Araber träumt von einem eigenen Königreich, und ich fürchte, daß der Jude in seiner Begeisterung! nicht immer allzu taktvoll gewesen ist. Im Grunde ist die Lage delikat, da.sich allerhand Zündstoff angehäuft hat. Der arabische Bauer und der arabische Arbeiter würden, wenn man sie gewähren ließe, wenig Anlaß zur Beunruhigung geben. Dem arabischen Landmann wird bald in hundert Dingen von den neuen Ansiedlern geholfen wer- *)' Macdonald, der Führer der englischen Arbeiterpartei veröffentlsthte die „Reifeeindrücke aus Palästina" in der „Westminster Gazette". den; die Stadtbewohner von Nablus verlangen einen jüdischen Frauenarzt, dem die Stadtältesten die Niederlassung verweigern. Die Arbeiter erhalten, sobald sie mit jüdischer Arbeit in Verbindung kommen, höhere Löhne. Denn der Jude, der für ein ineues Erez Israel arbeitet, das doch die Prophezeiung erfüllen und den lang?» Klagen seines Voltes ein Ende bereiten wird, — dieser Jude weiß auch, daß die arabische Lebenshaltung ungenügend ist. Die Konkurrenz der niedrig gezahlten arabischen Arbeit ist beün Wege-, Eisenbahn- und Häuserbau so entscheidend, daß die Fonds der Zionistischen Organisation zwecks Ergänzung der jüdischen Arbeiterlöhne erhöht werden müs'en. In anderen Fällen müssen Verluste aus jüdischen Kontrakten, deren Bedingungen der Lebenshaltung des Juden nicht entsprechen, ersetzt werden. Glücklicherweise ist das versöhnliche Element ebenso am Werk wie sein Gegenteil. In Ortschaften wie Tiberias bestehen Komitees, in denen Mohmmnedaner, Christen und Juden friedlich zusammen arbeiten. Schulen und andere Gemeinschaften die Annäherung der verschiedenen Bevölkerungsteile zu fördern suchen. Man hegt eine leise Sympathie für .die arabischen Nationalisten, denen es, wenn auch mir vorübergehend, gestattet war, ein großes Königreich unter Einschluß Palästinas zu erträumen. Man hat dem Araber schlecht mitgespielt, und jetzt kommen wir schwer um das Verhandeln mit ihm herum. Aber 'in diesem Lande gibt cs etwas, das größer ist als unsere Pläne. Ich bin von Dan bis Berseba gegangen, und mit 'jedem Tag ist es in mir gewachsen. Man mag in jüdischer oder christlicher Tradition erzogen sein: es ist nun einmal das Heilige Land, das sich wie ein Idol im matten Licht eines Heiligtums offenbart und einem als Heimat seit vielen Generationen erscheint. Keine Macht der Erde kann diesem Lande die magische Anziehungskraft nehnren, die es auf sein Volk ausübt. Ich habe dieses Volkes llebcrreste gesehen, wie sie an der Klagemaner ihre Gebete summten, zerstörtes Gestein küßten und flackernde Kerzen der Hoffnung und des Glaubens entzündeten .... Ich habe, die Lebenden, die Jungen, die Bekenner gesehen» die die öden Strecken bepflanzen! und das Land schmücken, wie,eine Braut mit den Gaben, des Geliebte» geschurückt wird. Diese Dinge beweisen, daß im Herzen des Judentums eine Liebe besteht, und daß im! Gemüt des Inden eine Sehnsucht wirkt, die er über alle Hindernisse und durch unendlich lange Generationen verfolgen wird, bis die Prophezeiungen seiner alten Lehrer und seines eigenen Herzens crfiillt worden sind. . Frankreich für Ratifizierung des Palästina-Maudats.. Paris, 31. März. P o i n c a r e empfing Professor Weizmann, um ihm die Versicherung zu geben, daß die französische Regierung der Ratifizierung des Palästina-Mandats mit wohlwollendem Interesse gegenüberstehe. Während der Unterredung fand Weizmann Gelegenheit, Poincare über den gegenwärtigen. Stand der zionistisc^n Bewegung zu berichten. Vorher hatte Weizmann mit M i l l e r a n d eine Unterredung, der gleichfalls das Einverständins der französischen Regierung mit der Errichtrmg des jüdischen Rationalheims erklärte. Die Juden in Koufiantinopel. Nach der Londoner »»Zeit" zählt die Judengemeinde in Konstantinopel 100 000 Seelen (85 000 Sefardim, 15 000 Aschkenasim). Die türkische. Regierung ist wlerant. Die Juden haben eigene Autonomie. Ihr offizieller Vertreter der Regierung gegenüber ist das Haupt des Oberrabbinats, der Ehacham Baschi. Ein von den Gemeindemitgliedern gewählter 60 gliedriger Ausschuß und ein von letzterem gewählter lOgliedriger Vorstand leiten die Gemeindeangelegenheiten, ein Ausschuß von 7 Rabbinern die religiösen Angelegenheiten. x ] f : Die kulturelle Lage der Juden ist günstiger als die der übrigen, das türkische Reich bewohnenden Völker. Die Jugend steht im nationalen Lager und hat für alle jüdischen Institutionen, insbesondere aber für die Verbreitung der jüdischen Kultur, reges Interesse. Infolge der Kriegsereignisse hat sich die ökonomische Lage der Juden stark verschlechtert, so daß die Gemeinde eine regere soziale Fürsorgetätigkeit entfalten muß. * Der gegenwärtige Ehacham Baschi, Chaim Esfendi Bescharana, versucht, eine Einigung zwischen den. sefardischen und aschkenasischen Juden herbeizuführen. Ihm ist es zu verdanken, daß in der türkischen Judenheit die Bestrebungen des Zionismus einen regen Anklang gefunden haben. Dank seiner Initiative wurde auch auf einer der letzt»» Sitzungen des Gemeindeausschusses beschlossen, - sin den Keren Hajessod zu propagieren. Der Name des Ehacham Baschi, der früher bei der sefardischen Gemeinde in Bucarest amtierte, ist auch 'in der hebräischen Literatur bekannt; er hat bereits vor zwanzig Jahren wertvolle Artikel in den damaligen hebräischen Zeitungen „Halwanon". „Hamagid" und „Haibri" veröffentlicht. Der Ehacham hat auch auf dem Gebiete der Sprachwissenschaften bedeutende Arbeiten geleistet, was ihm die Mitgliedschaft der spanischen Akademie für Sprachwissenschaften wie auch der Danie-Akademir und der Pariser internationalen Akademie für Geschichtswissenschaften einbrachte. Raudbemerknuge«. Auf halbem Wege. Der Zionismus bedeutet für viele seiner Anhänger die Rettung als Juden. Hunderte und abermals Hunderte, besonders in -er akademischen Jugend, hat er vor einem Versinken in den Jndisferentismus allem Jüdischen gegenüber bewahrt. In der vorzwnistjschen Zeit war es eine Selbstverständlichkeit, daß gerade das Ergreifen eines geistigen Berufes .ein Abwenden vom Judentums bedeutete. Die jüdische Gemeinschaft mußte beglückt sein, wenn ihre geistige Elite wenigstens nominell die Zugehörigkeit zum Judentum behielt, — doch würde dieses Glücksgefühl häufig durch Fahnenflucht gerade von Männern, die eine Zierde ihres Berufes waren, getrübt. Der Zionismus brachte ein Wiederbesknneu auf das, was der Wille zur Assimilation vergessen machen wollte. Er gab das Beivußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke und damit die moralische Verpflichtung seinen Gesamtinteressen gegenüber wieder. Es toar dies an und für sich schon etwas Großes, abgesehen von dem Ziele des Zionismus, in Palästina wieder eine Stätte zu schaffen, in der der Jude sich frei nach seinem Wesen entwickeln kann. Gewaltig ist auch die geistige Beftuchtung, die vom Zionismus ausging. Nach einer langen unschöpferischeu Periode, die in ihren Bedeutensten nur Vergangenes nachznempfinden verstand, begann mit ihm wieder eine schövferische Periode im Rahmen der jüdischen Gesamtheit. Menschen dichteten und sannen wieder als Juden und schenkten als Juden der Kunst und der Literatur die Werke ihres Könnens. Doch Mau ist im allgemeinen auf halbem Wege stehen geblieben. Denn zwischen dem Bekennen zum Zionisnrus und seiner Konsequenz der Rückkehr zur viertausendjährigen Tradition des 'jüdischeck Volkes oder — wie Herz! sagte — der Rückkehr zum Judentums ist ein Weg/ der starken Willen und klaren Blick voraussetzt/Darum ist auch der Kreis der Zionisten nicht jene moralische Kraft geworden, die er hätte sein können. Hier ist ein Gebiet, das bisher auch von den 1 Führern der zionistischen Bewegung vernachlässigt wurde, weil man die Konsequenzen für sein eigenes Leben scheute. Doch diese Vernachlässigung ist schuld, wenn fortgesetzt ein