Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1922)
- Date
- 1922-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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12. Frankfurier/Zfraelitisches Famiüenblait Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezngspretSpro Bterteljahr: Bei der Post abonniert ML 9.—, bei der Reuen Jüdischen Presse Zusendung durch Streifband für Deutschland ML 80.00. kür Ausland 10 franz.. 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., K SHMng. 2 Dollar Ehrlich, im Voraus zahlbar. Mdattion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 ^Herausgeber - Saly Geis JnfertionSpreiS für die sechsgespaltene RonpareMe-Zetie ML 4.—, für die Reklamezeile ML IS-—. Platz- und Datum- Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in allen »nnoncerEureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. 20. Jahrgang. Donnerstag. Len 1. Nissan 5682 (30. März 1922) Rr. 13. unter KW», ktmit an ehe nacht, f.nnt. Bl.' vfn Der Geist der hebräische« Sprache. Unsere hebräische Sprache hat den Namen einer heiligen prache nicht mir. weil sie die. Sprache der Thora ist, sonder» auch, weil von ihr selbst eine heiligende Wirkung ausgcht. Diese Tatsache verdient gerade in unseren Tagen ernste Würdigung, dem» sie kündet, daß die hebräische Sprachbewegung anher einer nationalen jüdische» Angelegenheit ruck eine Förderung der Erkenntnis der Thora, d. h. des Judentums, bedelitet. Nicht, daß diese Wirkuilg schon je nt zu beobachten oäre! Wenn w i r die hebräische Sprache erlernen, so renken wir trotzdem lvetter im Geiste .der Sprache unsres Geburtslandes.' Selbst bei der größten Fertigkeit, lic nur wenige erreichen, ist es so, daß gedacht ivird in >er Sprache des Geburtslaiwes, und erst dann die lieber - ragung ins Hebräische vor sich geht. Für uns hat die Aneignung des .Hebräische« den großen Wert, das Bertändnis des Schrifttums des Judentums zu erleichtern, - doch durch das Instrument der hebräischen Sprache selber ils unbewußte Folge ihres Gebrauches wird uns reine Erkenntnis des Judentums. Heute stellt die Bewegung, die hebräische Sprache ieder zu einer Sprache des Denkens zu machen, eine ^iebergangs Periode dar. Wie bei einem Kinde richt zuerst der Mund die Laute. Hierbei bleibt es in n Golusländern. Aber auch in Palästina, wo das Hebräifdyc die Sprache des alltäglichen Lebens geworden ist, [amt die heutige Generation nicht mehr als eine Geläukeit im Gebrauche der Sprache erreichen,- — erst die ächste Generation, die in Palästina geborenen Kinder, ist sie' wird in der hebräischen Sprache denken. Wer Bewegungen überblicken will, muß in die Weite sehen verstel)en, sonst wird er leicht durch das Gegenärtige irre. Auch der hebräischen Sprachbewegung wideret dieses Geschick. Das Urteil, nur aus ihren Skand in Gegenwart eingestellt, muh zu einem Resultate kommen, lches.hinsichtlich der geistigen Auswirkungen der Sprache Unklaren läßt. ^Oenn diese geistigen Auswirkungen! nnen jetzt, da alles noch -Anfang, noch Werden ist, unmögh bereits festgestellt werden. Alstnählich aber, von Jahrhnt zu Jahrzehnt/ werden sich für den Sehenden die inte im jüdischen Volksleben Palästinas zeigen, deren ne Wurzeln in der Sprache der Thora ihre Entstehung >ben und ihre Kraft sauge». An einem Beispiel aus dem dieswöchentlicheii Thorachnitt sei verdeutlicht, was es heißt, in der hebrächen Sprache zu denken. Es ist von den Opfern die 'rde. „Wenn einer von euch Gott.ein Opfer.darbringen Al," übersetzen. wir, — und es bedarf erst eingehender entierung, um den Sinn dieses Satzes zu erfassen, are sind aber mühsame Krücken, deren Gebrauch durch fortgesetztes. Studium handlich wird und daher den Durchschnittsmenschen stets unhandlich bleibt. Wie isach hat es z. D. bei der angeführteir Stelle der, der in de« brätschen Sprache denkt. Er weiß intuitiv sogleich, was Thora sagen will, während die Uebersetzung ein vollhdiges Zerrbild gibt. .Nach der Uebersetzung meint inan, gelte ein Opfer, unk Gott zu versöhnen. Als ob Gott Opfertier zur Nahrung benötige! Doch die hebräische rache, kennt den Begriff Opfer nicht. Kordon, welches rt mit Opser übersetzt wird, heißt 'Annäherung. Kordon eine Zeremonie, durch die der Mensch , sich Gott nähert, rend sich der Begriff „Opfer" auf Gott bezieht, behr sich der Begriff „Kordon" auf den Menschen. Der iss' „Opier" weist auf 'den zürnenden Gott, der Begriff .Kordon" auf den liebenden Gott, der jeder Guttat iwch bis ins tausendste Geschlecht gedenkt. Die hebräische Sprache hat zwei Ausdrücke für Gott, Gott, den liebenden Pater, und Gott, den nicht ungeahndet lassenden Richter, — und der erstere Ausdruck steht stets bei denr „Korboir". Also gerade der umgekehrte Sinn, wie ihn die Uebersetzung ohne Kommentar gibt. An Hunderten Beispielen ließe sich zeige», wie das Denken in der lwbhäkschen Sprache den Sinn für die richtige Erfassung des Thorawortrs öffnet: Hunderte derartige Beispiele bringen den Beweis, daß die hebräische Sprachbeivegung eine eminent jüdische S a ck e. ist! Dritter nationaler Kougretz der tschechoslowakische« Jude«. Prag, 24. März. Nach der Erösfiiungsrede des Präsidenten des Jüd. Nationalrates, Stadtrat Dr. Singer, wurde als Präsidium gewählt: Advokat Dr. So n nen sch e i n - Troppau, Präsident tzeS Kultusgenreindeverbandes in Schlesien, Oberrabbiner Dr. B r o d y - Prag, Arthur K a n d e r s, Mitglied der Penvaltuilgskommission von Großprag und Vizepräsident des Jüd. Nationalrates, Advokat Dr. Margulies-Leitineritz, Dr. Loewn und Franz Friedm a n n - Prag. Eine Depesche des Kongresses an die Regierung erklärt, daß 80000 jüdische Wähler ohne parlamentarische Vertretung sind, während andere Parteien sogar mit einem Viertel dieser Zahl im Parlament vertreten sind. Das Gesetz möge daher dahin geändert werden, daß eine Partei schon vertreten ist, wenn sie 50 000 Stimmen im Lande ans ihre Listen vereinigt. Dem von Dr. Singer erstatteten Berichte sei entnommen: Es wurden einige jüd. Volksschulen gegründet. Das jüd. Gymnasium in Brünn erhielt das Oefsentlichkeitsrecht. In der Flüchtlingsfrage wurde erreicht, daß ein Teil der Gewerbetreibenden als Ausländer in der Republik verbleiben darf. Verschiedene Bemühungen betraf die Juden Karpathorußlands, um das für sie ungünstigq Bodengesetz zu Mildern. Es wird 'heute im öffentlichen Leben mit der Anerkennung der jüdischen Nationalität gerechnet. In Karpathorußland erklärten sich gelegentlich der Volkszählung von 100 000 Juden rund 85 000 zur jüdischen. Nation. Der Jüd. Nationalrat, der Bolksverband der Inden in der -Slowakei ,ü»d die Organisation der Jude» in Karpathorußland werden eine gemeinsame Exekutive wählen. Pros. Dr. Eng e l - Brünn verlangte in seinem Schulreferat den Ausbau des 'Schulwesens mit besondere« Betonung des Hebräischen. Nach eingehender Debatte wurde Dr. Singer wieder einstimmig als Präsident gewählt. Das Rulhenberg-Projett. Im englischen Oberhause äußerte sich auf eine Anfrage der Herzog von Sutherland im Kamen der Regierung wie folgt über das Ruthenberg-Projekt.: Ruthenbergs Plan besteht darin, daß der Jordan beim Ausgang aus dem Tiberiassee gestaut wird» wodurch die Gewässer ein natürliches Reservoir bilden werden. Neben dem Platz, wo der Damm hergestellt werden soll, werden Turbinen errichtet werden, um die Wasserkraft für Elektrizitätszwecke zu verwenden. Das Projekt schloß anfangs neben der Beschaffung elektrischer Energie auch einen Bewässerungsplan ein, wodurch man einen großen Strich von Oedländereien, die . jetzt nur in gewissen Jahreszeiten« als Schafweideu benützt werden, der Kultur hätte erschließen könne». Dieser Jrrigationsplan wurde noch picht bestätigt, da die pal. Regierung ihn noch für verfrüht hält. Dagegen hat die Regierung eine Abmachung mit Ruthenberg unterschrieben, datz falls »er eine Gesellschaft mit einem gewissen Minimalkapital bildet, ihm die Konzession für sein hydro-elektrisches Projekt erteilt wird. Laut dieser Abmachung haben die einzelnen Bestimmungen des Vertrages und die Statuten der Gesellschaft zuerst von dem High- Commissioner in Palästina unter Mitwirkung der im Mandate erwähnten Jewish Agency bestätigt zn werden. Die- Konzession beschränkt die Gewinne der Gesellschaft, unb die Regierung - wird die Kontrolle haben über den Preis der Elektrizitätskrast. Es handelt sich hierbei um ein Projekt, das S. M. Regierung wie auch die pal. Regierung befriedigt und zum Nutzen von ganz Palästina ist. Die natürliche Lage des Landes usw. macht es notwendig, daß die Kanäle, die Kraststation und andere Einrichtungen aus einem beschränkten Platze errichtet werden. Es wäre gegen die Interessen der Gesamtbevölkerung Palästinas, den Anreinern.irgendwelche Störungen zu ermöglichen. Es handelt sich hierbei um Aehnliches wie beim seinerzeitigen Beginn der Eisenbahnbauten, wo auch die Bodeneigentümer verschiedene Störungen versuchten. Wir können nicht gestatten, daß ein so günstiges Projekt Störungen ausgesetzt ist. und ich hoffe, daß die geehrten Lords dies auch nicht zugebcn werden, da das Ruthenbergprojekt ganz Palästura äußerst großen Ruhen bringen wird. Vom Projekte werden Juden wie Araber Nutzen ziehen, Juden und Araber werden nebeneinander arbeiten, bei den Kanalbauten, beim Ban der Kraftstation, bei der Montage und Kontrolle der Maschinen nsw. Ein jeder wird die Arbeiten verrichten, zu denen er sich am besten eignet. Es wird Pflicht der Regierung sein, die Ordnung zu erhalten und die Gebäude gegen Ueberfälle zu schützen. Darüber gibt es eine besondere Bestimmung in der Vereinbarung. Die Lage der Jüdische« Zett»»ge«. Eine «ttnelle Mische Srn,e- Zur Lage der jüdischen ^Zeitungen schreibt Rabbiner Dr. Emil Cohn in seiner Zeitschrift „Jüd. Bote vom Rhein":; „Wer in der letzten Zeit im Hinblick auf den nahende« Ersten des Monats April die großen deutschen Tageszeitungen verfolgte, dem müßten eigentlich die Ohren klingen. Denn ein einziger Notschrei erfüllte alle Spalten: der Notschrei .der deutschen -Presse. Das Zeitungs- Und Zeitschriftenwesen steht vor einer Katastrophe. Schon heute zählen die im letzten Jahre eingegangenen Blätter nach hunderten, und wenn bereits die Frankfurter Zeitung Kurven über die Papierpreise veröffentlicht, so mag es schlimm genug im deutschen Blätterwälde aussehen und ein trüber Herbst gekommen' sein. Soeben trifft aus Berlin die Kunde ein/ daß die „Allgemeine Zeitung des Judentums". Philippsons Gründung und das führende Blatt des jüdischen Liberalismus, am 1. Mai ihr Erscheinen -einstellt. Man bedenke, was das bedeutet: Nach 86 Jahren. Dazu ist es das Blatt Rudolf Mosses, d. h. eines Zeitungsbetriebes, der sich nicht gerade als unrentabel bewies. Selbst, wenn man annimmt, daß es die Großzügigkit eines Rotabeln mar, die das Blatt durch viele Jahre -hielt, ,so kann man doch eines daraus erkennen: daß nicht nur die Kosten eines solche« Blattes ungeheuer sind, sondern auch, daß ein Blatt, zumal ein jüdisches, nicht existieren kann, wenn keine Organisation hinter chm steht. Wir stehen deshalb vor eine« aktuellen jüdischen Frage und sprechen durchaus nicht nur pro domo, d. h. für uns, wenn wir die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf diese Frage lenken. Jüdische Presse ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. f rüher war das Gotteshaus, die Synagoge mitsamt dem ehrhaus, nicht nur jüdisches Bethans, sondern überhaupt gleichbedeutend Mt jüdischer Oeffentlichkeit. Dott wurde alles vor oder nach dem.Gottesdienst besprochen, eröttert, beschlossen. Heute, wo — zumal bei uns im Westen — die Synagogen leer, die Lehrhäuser verödet sind, gibt es jüdische Oessentlichkeit nur in der jüdischen Presse. Es ist bezeichnend, daß der Gottesdienst eher von unser« Durchschnittsjuden entbehrt werden kann und wird, als das jüdische Wochenblatt aus dem Freitagabenütisch. Dieses Blatt und die eine Mußestunde, die es gelesen wird» ist für viele der einzige Berührungspunkt mit der großen jüdischen Welt. Der Jude will -wissen, was vorgeht in West und Ost, er will sich bekehren lassen, denn er lernt gern dazu, und sogar erbauen läßt er sich lieber vom Leitartikel als von der Predigt im Gotteshause. Der modernezivilisierte Jude schämt sich leicht seiner Gefühle» er liest lieber für sich allein/ als daß er vor Zeuge« hört. Sogewann für ihn die jüdische Presse eine viel ttesere Be» deutung als die christlichreligiöse für den Nichtjuden hat.