Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1922)
- Date
- 1922-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KrankfurterLsraelitifches Familienblait Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Ami Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis 29. Jahrgang. Donnerstag, de» 23. Adar 56S2 (23. März 1922) Rr. 12. JnserttonSprets für die sechsgespaltene Ronpareilld-Zeile ML 3.—, für die Reklamezeile ML 12.—. Platz» und Datum» Borschrist ohne Berbstckltchkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in allen »nnoncen-BureauS. — Santo Set dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. Erscheintwvchentlicham Donnerstag. BezugSpreiSpra Btxrteljahr: Bei der Post abonniert ML 6.75, bei der Reuen Jüdischen Presse ML *50 frei inS Haus. Bei Zusendung, durch Streifband für Deutschland ML 61.00. wr Ausland. 10 stanz., 5 schweiz FrcS., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 3 Dollar jährlich, im Daraus zahlbar. Die Sitznrrs des Zionistischen Aktionskomitees in Berlin. Zur Sitzung des Aktionskomitees waren! ««wesend: Weizmann, Lichtheim, Motzkin, Soloweitschik, Richter Rosenblatt (Exekutive), Naiditsch, Dr. Barth (Finanz- und Wirtschastsrat), Dr. CHajes, Dr. Hantle, Dr. Jacobson, Grünbaum!, Dr. kneich, Rosoff, Blumenfeld, Struck, Lewin- Tpstern, Farbstein, Rabbiner Rubinstein, Kaplan,.Dr. Abr. Katzenelsohn, Twerskh, ffiere» minsky, Rubaschow (Aktionskomitee), der Präsident des Waü» Leumi, Dr. Th o n) als Gast. Nachdem Dr. Chajes die Sitzung hebräisch eingeleitet hatte, .referierte Dr. Weizmann über die Frage deS Mandats Und die Aussichten seiner baldigen Ratisizierung. «sodann erörterte er die Frage des Entwurfs einer Konstitution für Palästina und hie Haltuug, die die Gxekutivs dazu eingenommen hat. Er verbreitete sich hierbei auch überdie Tätigkeit der arabischen Delegation in Londost Und unsere'.Politik gegenüber den Arabern. Im weiteres . Perlauf.seines Berichts ging Weizmann auf die Vorfälle Hn/'die in' der letzten! Zeit die zionistische OeffentliihkeiL stark beschäftigt'haben/ insbesondere die Angriffe der Rorthcliffe-Presse, den Fall Stuart Sainuek und die orthodoxe Delegation-zu Lord Northcliffe in Palästina. Außer diesen Angriffen von außen rrrußte sich' De. Weizmann auch' mit den Angriffen von 'innen beschäftigen. Er betonte, wie verderblich die zionistische Opposition, die von Paris und dem Haag ausging, auf die zionistische Atmosphäre gewirkt hat. Statt die Leitung in ihrer schwierigen Positiv«» zu stützen, sei von dieseo Seite der Betsuch gemacht'worden,,^ gerade «in entscheidenden,' Augenblick zu schwächen. .Trotz allen diesen Hindernissen sei die politische Situation im allgemeinen als günstig zu bezeichnen, doch müßten Wege gefunden werden, um! die Position des Zionismus zu stärken, gerade mit Rücksicht darauf, daß die Ratifizierung des Mandats bevorsteht und sich dann besonders große Ausgaben fürdas jüdische Volk ergeben werden. Sodann wurde in diepolitischeDebatte eingctreten, die vertraulich .war:. - Zu Beginn der zweiten Sitzung erstattete Lichtheim das Referat über „Immigration und Organi.sa.tiom". Er berichtete über die Verlegung der Jmmigrationszentrale nach Palästina. Es sei eine Konferenz der'Palästinaämter in Men-geplant, doch sei es schwer, im gegenwärtigen ungeklärten Stadium die praktischen Fragen definitiv zu regeln. ' Lichtheim erörterte die Haltung der palästinensischen Behörden, die sehr rigoros 'sei, und berichtete über die Bemühungen der Exekutive, die Kontrolle, der Zionistischen Organisation über die " Einwanderung wieder heizustelleir: Die Verhandlungen mit der englischen Regierung schwebten stoch, da . die Regierung di? Einwanderungsstage nicht ohne Zusammenhang mit der Frage der Konstitution behändem wolle. - _ 1 .. Redner schilderte die Schwierigkeiten der Arbeitsbeschaffungfür die Chalüzim in Palästina, besonders wenn ungeeignete^ Einwanderer kämen, waS nicht verhindert werden könnte, ’ solange das 'Zertifikat-System nicht wieder eingeführt« sei^ ' « ^Besprechung. organisatorischer Fragen übergehend, erklärte Lichtheim die Notwendigkeit einer intensiven Schekelaktiv» und eigD Sonderbeitrages für organiswtörischs Zweche der. Exekutive, da 'die Gelder des Keren Hajessod für'diesen Zweck nicht herängezogen werden könnten. Zum AUüß ging er auf die Frage ein, welche Maßregelst die/Orgänisatwst. nach der Erteilung! des Mandats zu er- -reifen Habe, üm die (Mitarbeit aller Juden beim ufbäü Palästinas zu sichern. 7 Hierauf berichtete'N a i d i t s ch über die Tätigkeit des Finanz, und Wirtschaftsrates, insbesondere über die Aktion ür die Hypothekenbank und die Vorbereitungen des I. C. T-- Drive. Hierauf berichtete er über ‘ die finanzielle Situation und erklärte: die bisherigen Erfolge des Keren Hajessod für ungenügend, ' insbesondere haben einige Länder des Ostens noch lange nicht'ähre Pflicht getan. Redner charakterisierte, die Opposition, die von Seitör der Marmorek-Gruppe gemat^ werbt um,den Keren Hajessod zu schädigend Damit der Keren, Hajessod zuM Erfolg geführt iverde, mäß en zerädedie. besten Menschen, .in! den Dienst der Organisation . treten; das aber werde durch die unqualifizierbarS Agitation gegen die Beamten unmöglich gemacht. : Das Mitglied der Palästina-Exekutive, Richter R o - senbkatt, der sich gerade auf der Reise von Amerikq nach Palästina befindet, berichtete hierauf ausführlich über die Situation in Amerika «und teilte Einzelheiten von der dortigen Keren Hajessod-Arbeit mit. Er erklärte, daß die amerikanischen Zionisten die Idee des Keren Hajessod sehr ernst nähmen, während er in einigen europäischen Ländern diesen Ernst noch vermißte. Das Geld werde in Amerika von den mittleren und unteren Schichten aufgebracht, während die reichest Judest bisher versagt hätten. Rosenblatt betonte, daß die Opposition der Brandeis-Gruppe ganz anders sei, als die der Marmorek-Gruppe, denn die Brandeis-Gruppe arbeite nicht gegen den Keren Hajessod. Der Keren Hajessod müsse als Steuer erklärt werden; daher dürse Man auch steinest Gewinn in Aussicht stellen. (Int weitereic Verlauf seiner Rede trug Rosenblatt seine Anschauungen über die Notwendigkeit einer Reorganischtion des Apparates vor. Danach soll die Exekutive nach Palästina übersiedeln und nur die politische Vertretung "in London bleiben. Auch iinl Budget sei eine Reorganisation - erforderlich, zum Beispiel müßte das.Schulwerk allmählich zum Teil, vom Jischuw erhalten werden. Blumen selb setzte die Notwendigkeit einer Stärkung der Zionistischen . Organisation auseinander, die nur, .mit. Hilfe des Ausbans des Beamtenapparates erfolgen könne. ’ Dr. Barth beantragte Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der Möglichkeit von Ersparnissen. Ferner beantragte er anstelle der nächsten Aktionskomitee-Sitzung eine Sitzung des Zentralkomitees einzuberufen, die sich mit der Frage des jüdischen Weltkongresses beschäftige» In der Nachmittagssitzung, die bis in die späten Ilbendstu»den fortdauert, wird die Generaldebatte über die Politik 'und über die Sonderberichte fortgesetzt. Palästina-Debatte im englischen Nuterhanse. Im englischen Unterhaus gab C h u r ch i l l eine längere Erklärung ab, die in den grundlegenden Punkten «Nit seiner jüngsten «Antwort an die arabischst Delegation in London übereinstinrmt. Die in der Balfour-Deklaration enthaltenen Versprechungen müßten die britisihe Palästina- Politik auch weiterhin bestimmen. Die alten Gründe für die Fortsetzung der Okkupation Palästinas seien seit der letzten Zustimmung des Unterhauses noch viel stichhaltiger geworden. Bon der Zionistischen Organisation könne er sage,«, daß sie im letzten J-chre ‘ annähernd 1 Milliost Pfund, in Palästina investierthabe. Bei dem nichtigen Wasserkraftwerk, an den Hauptströmen des Jordan, in der landwirtschaftlichen Entwicklung und bei den Straßenbauten seien ihr manche Fortschjritte gelungen, so daß zu hoffen sei, daß diese Bewegung die materielle Lage des Landes, insbesondere die der arabischen Bewohner verbessern werde. As quith kritisierte aus fiskalischen Gründest das ganze britische Okkupations-Unternehmen im nähen Orient, gab aber zu, daß „in Palästina eine besondere Verpflichtung vorhanden ist, von der Großbritannien -sich nicht zurückziehen kann, eine Verpflichtung, die auf den Wiederaufbau eines nationalen Keimes für die Juden abzielt." Wegwood, ein Führer der Labour Party, meinte, England, habe in Palästina Juden, und ^.Christen gegen! eine andersartige Mehrheit zu schützest. „Und wenn," fuhr er fort, „die arabische Delegation zu uns ins Land kommt und sagt, daß der Berfassungsentwurf ganz und gar unfair sei und sich. nicht sttitj unserer Erklärung über das Selbstbestimmungsrecht vereinbaren lasse, so erwidere ich, daß wir den Arabern mit dem größten Vergnügen die Selbstverwaltung gewähren werden, sobald es deutlich wird, daß die jüdisch-christliche Minderheit hinreichend geschützt ist, und wenn die gegenwärtigen feindseligen und haßerfüllten Empfindungen sticht mehr bestehen. Ich glaube, die religiöse Feindseligkeitin Palästina wird für Motive ausgebeutet, welche nichts mit.-Religion oder mit wrrtschafstichen Dingen zu tun haben- Diese Feindseligkeit wird aber nur bei den oberen Klassen, nicht aber in der Masse des Volkes gesundest.R am s a y M a c d o st a l d, der gerade m«s Palästina zurückgekehrt ist, erzählt uns, daß in Tiberras - ehr aus Arabern, Christen und Juden bestehendes Komitee einträchtig zusammenarbeite. Bei dem Volke bemerke man mir äußerst selten ein feindseliges Gefühl gegenüber den Juden, da es von de» Wohltaten der Entwicklung Palästinas durch das jüdische Volk großen Nutzen zieht/ LordPercy und Macqnisten gingesthauptsächl^s auf das Jinmigrationsproblem ein. Als Verteidiger deS Gedankens einer jüdischen Heimstätte wiesen Malone und O rmsby Gore auf die gefährlichen Machenschaften der arabischen Agitatoren hin. „Es wäre," schloß Mr. Malone, „eine fürchterliche Schande, wenn wir von der Balsour» Deklaration auch mir ein Jota abweichen wollten.'» Randbemerknngen. Theoretiker. Dr. Pinchas Kohn, der Leiter der politischer» Zentrale der Agudas Jisroel, hat in einer Versammlung her. Frankfurter Gruppe über das Verhältnis der Aguda zu den jüdischen Organisationen der Gegenwart gesprochen und jede Organisation abgelehnt, für die nicht das Wort der Thora verbindliche Richtschnur ist. Unter, seinem Beile sielen der Deutsch-Israelitische Gemeindrbund. der Verband der deutschen Juden, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Bnei-Brith-Zogeu und bist not. least die Zionistische Organisatiou. Wo nicht Thauro, Awaudo und Gemilus-Chassodim in harmonischer Bereinigung die Grundlage bilden, dort müsse der Jude, der ans diesen sein Leben aufbaue, ferubleiben, und die Forderung, daß der traditionstreue Jude in, die erwähnten Organisationen gehe, um seine Ausfassungj vom Judentum zu propagieren, sei daher zu verwerfen.. Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, Bund gesetzestreuer Gemeinden, Agudas Jisroel, — das seien die Organisationen, in denen .der traditionstreue Jude sein Genüge In der Theorie hören sich diese Worte leidlichan, — doch in der Praxis! bedeuten sie, den Teil der Uldest-, heit, der das Verhältnis zur Thora dem einzelnen anheimstellt und nur jüdische Individuen zu irgend ivelchen idealen, die Judenheit erhaltenden Zwecken vereinigen will/ sich selber zu überlassen. Es ist das ein grausamer Standpunkt; er gleicht dem deck falschen Mutter, die ihr Kind zerteilen läßt! Tausende und abermals Tausende unserer Brüder habest den Willen, das Judentum zu erhalten, trotzdem sie de» Sabbat,- die Speisegesetze usw. 'nicht beobachten, und sie suchen durch das Mittel der Organisierung ihren Willen in die Tat. umzusetzen. Sie sind weit ab von den für nichts Jüdisches mehr anzuregeiwen Indifferenten. Mit ihnen kann Man sich noch, als Juden äuseinandersetzen» Doch um diesen Einfluß zu gewinnen, muß man untep ihnen -sein, bei ihren (jüdischen Bestrebungen mitwirkest und dann sein Bestes äufbieten, sie dein Judentum, der Thora zu nähern. Dr. Pinchas K o h «r und seine Gesinnungsgenosse«» verzichten aber auf diesen Kampf - „l'schem schommajim"; ihretwegen dürfen diese Kreise irckisserent werden und dem Judentum dann überhaupt verloren gehen. Ware dem anders, wären Dr. Kohn und Gesinnungsgenossen „saumeich nauflim", würden sie überall hinzuspringen, wo ein Zusammenstürzen aufgehalten werden soll, — so würden sic organisiert in all die Organisationen gehen, über die sie den Bannspruch, der Berwersimg ausgesprochen haben. Ihr Vorgehen — das . ist-klar — bewirkt eine Zweiteilung, bei der der eine Teil um das Schicksal des . anderen sich nicht mehr kümmert. Die Frage liegt nahe, wies» solche Anschauung bei sonst lebensttugen, ernsten Männern möglich ist. Antwort finden wir nur in der Goluspsyche, das anormale jüdische Leben anormal zu betrachten, esl nach Theorie ohne Klärung durch die Tatsachen der Wirklichkeit zu wertest. Das «ade »er Allgemeine» Zeitung des Indentnms Die von Rabb. Dr. Ludwig Philipps»« gegründete/ im 86. Jahre erscheinende „Allg. Zeitung des Judentums" teilt mit, daß sie ab Anfang Mai durch die alsdann neu erscheinende „C. B. Zeitung, Blätter für Deutschtum" und J»«dentum, Zeitschrift des Centrak- Bereins deutscher Staatsbürger jüdischen Gkaubens". abgelöst wird. Während die „Allg. Zeitg. d. Indent." den Stantz- Punkt der Reform vertrat, solle,, in der neuen Zeitschrift wie es. so schön heißt, „alle religiösen Streitfragen ausscheid'en." /