Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1922)
- Date
- 1922-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693277-2693288--11790-2707292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
G FrankfurterIsraelitisches Familienblatt Tredattion und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2SV3 Herausgeber: Satz Geis InserttonSpreis für die sechsgespaltene RonpareÄe-ZeUe Mk.3.—, für die Reklamezeile DA. 12.—. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSpreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert M. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 frei inS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 00.00. für Ausland 10 stanz:. 5 fchweiz FrcS., 3 holl. Fl., 8 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. 20. Jahrgang. Donnerstag, de» 16. Adar 5682 (16. März 1922) Rr. 11. Das goldene Salb. Du vergißt Gott, — und sogleich tanzest du um das goldene Kalb! Gott oder — das 'goldene Kalb; ein zweites gibt es nicht. Gott dienen heißt, sich Ihm unterstellen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verinögen, mit seinen Trieben, niit seinem Erkennen und mit der Arbeit seines Lebens. Wer Gott nicht dient, sucht nach einem anderen, dem er nachstrebt. Er sucht und sucht. 'Er läßt seinen Trieben freie Bahn, damit er die Sehirsuchit.einer inneren Stimme befriedige, doch nur ein Gefühl der Schalheit ist das Ende. Sein Sinnen durchfliegt alle Höhen und Tiefen der Erde und kehrt unbesttedigt zu ihm zurück. ,So bleibt nur di« Arbeit. Die zum Selbstzweck gewordene Arbeit aber führt zum goldenen. Kalbe, dem-Götzendienst, der jedem Menschen einen Nnderen Gott gibt, da jeder Mensch in Wirklichkeit dann nur sich selber dient. Gott dienen führt zum Idealismus, Gott nicht dienen, zum Materialismus. Der Idealismus läßt das Glück nur in Verbindung mit dem Glück des Mitinenschen begreifen, dem Materialismus ist der Mitmensch ein Störer des eigenen Glückes. Wer auch ein anderes ist vor Augen zu führen! Wer ungehemmt den Trieben folgt, wessen Denken zügellos umhcrschweift, und wer mit seinem Tageswerk nur an sich denkt, der dient nie Gott, auch wenn er Gott im Munde führt. Nur, 'wo dem Fühlen des Herzens, dem Denken! "des Kopfes, dem Tun der Hand Gottes Wort Zielsetzung ist, findet Gott seine wirkliche Anerkennung. Der Tanz um das goldene Kalb ließ einst iin 'Angesicht des Berges der göttlichen Offenbarung eine ganze Generation in der Wüste sterben. In jedem Geschlecht wird Gottes Herrlichkeit offenbar, aber ein Geschlecht kommt, ein Geschlecht geht, u>jd imiuer wieder ist eine Wüste sein Geschick. Murren und Weinen verstuirkmen nicht- Wohl hat jedes Geschlecht seinen errettenden Moses, doch Gottes! Gesetzestafeln zerbrechen in seiner Hand, weil er das Volk um das goldene Kalb tanze» sieht und ihn Verzweiflung erfaßt Wie einst das Volk der Wüste, so verdiente jede Generation die Vernichtung, — und es ist nicht Verdienst, sondern göttliche Gnade, tausendfach, jede noch so kleine Guttat, anrechnende göttliche Gnade, die der Menschheit das Lebe» läßt. Ein Moses rettete einst das Volk der Wüste vor dem göttlichen Urteil der Vernichtung. Ein jeder Mensch kann zu jeder Zeit ein solcher Moses .sein, der Gottes Uvte-il mildert. Ihr, die ihr das Volk Moses seid, wisset, was eure Pflicht ist! Zum Fall de Haan. Herrscht trotz des Ernstes der, Zeit der Mummen- .ffchanz des Purim in Israel? so drängt sich, unwillkürlich die Frage ans, wenn Man in"dem deutschen Organ Der Agudas Jisroel die Wiedergabe eines Artikels der Dr. Jacob Israel de Haan-Jerusalem aus der .Londoner „Times" liest.. Hier erklärt nämlich-dieser erst seit wenigen Monaten Durch seinen Brief an General S t o r r s bekannte Herr, Daß der inder „Agudas Jisroel" organisierte Teil der Orthodoxie „sich aus religiösen Gründen außerstande fühle, mit der Zionistischen Organisation zusammenzucrrbeiten," und verlangt, wie er es bereits als Sprecher der Deputaten bei Lord Northclisfe tat, „in der jüdischen Agentur, die das Mandat ins Leben ruft, der Agudas Jisroel die gleichen Rechte zu gewähren, wie sie die Zionistische Organisation genießt." Das ist klar, — was aber nicht klar ist, 'ja geradezu als ein Purimfcherz anmutet, ist in den gleichem Artikel der Satz: „Ich, bin selbst Mitglied der 'Zionistischen Organisation." . Also de Haan, der gleiche de Haan, der in seinem Protest gegen den Zionismus so weit geht, trotz seiner! Beherrschung^ der hebräischen Sprache nur arabisch zu sprechen, der die Deputation bei Lord Northclisfe anführte, der den Artikel an die „Times" sandte, nennt sich ein Mitglied der Zionistischen Organisation! Wahrlich, man könnte einen solchen Man» nur als einen nicht zrr verstehenden Sonderling*) mitleidig belächeln, wenn die Agudas Jisroel nicht ihre Hand über ihn hielte und ihn nicht.ihre Interessen in Palästina vertreten ließe. So aber hat die .jüdische Oeffentlich.keit die Pflicht, sich mit diesem Manne zu beschäftigen. Wenn de. Haan tatsächliche durch Beitragszahlung Mitglied der .Zionistischen Organisation ist, dann muß von dieser verlangt werden, sofort ihr Ehrengericht einzuberufen und zu beantragen, de Haan' aus der Organisation auszuschließen. Wer auch an die Zentral-Leitung der Agudas Jisroel ist die Forderung zu stellen, sich mit dem Fall de Haan einmal ernstlich in dem Sinne zu beschäftigen, ob es nicht besser ist, auf die Dienste de Haans zn verzichte». *) Nebenbei bemerkt: Im Warschauer „Moment" behauptet der Journalist H e f t m a n n, de Haan habe, als er sich während des Novembeh-Pogroms von Araberin limzingelt sah, gerufen: „Ich bin kein Jude!" Krise im jüdischen Kulturleben Amerikas. „Hebrew Standard" eii-virft ein ipederdrückendes Bildhinsichtlichder Krise im jüdischen Kulturleben Amerikas. Ueberall eine erschreckende Erstarrung. Neue B ü ch e r können nicht erscheinen, da die bereits vorhandenen nicht verkauft werden. Eine Reihe jüdischer Zeitungen sind eingegangen. Auch das jüdische Theater zeigt diesen Niedergang des geistigen jüdischen Interesses. ,Das jüd. Kunsttheater" in Newyork kann sich Kur dadurch über Wasser halten, daß es ihm gelungen ist, ein Zugstück von sehr geringer Tiefe zu erwerben, und daß der „Vorwärts" für dieses «tück eine bisher noch nicht dagewesene Reklame macht. „Das Irving Place-Theater" war schon nahe daran, seine Tore schließen zu müssen. Die - Schauspieler und Angestellten' hatten bereits drei Wochen lang ihre Löhne nicht erhalten. Da erbarmte sich des Theaters die berühmte Schauspielerin Berta Kali sch, die trotz ihres Engagements an einem englischen Theater dem in Not geratenen jüdischen Theater durch ihre Gastrollen beisprang und es so für einige Zeit vor dem Zusammenbruch bewahrte. Nicht besser steht es um ,Keßlers Theater", das reichste und solideste jüdische Theater. Wie schlecht es auch diesem Theater gehen muß, zeigt sich in der interessanten Tatsache, daß die Tomaschewski, die ehemalige Gesellschafterin des Theaters, die seinerzeit nach heftigem Zerwürfnis mit chrem Kompagnon .Edelstein das Gesellschastsverhältnis löste und aus dem Verband des Theaters anstrat, jetzt wieder als Retterin in der Not zurückberufen wurde und nun in einem speziell sür sie geschriebenen, nicht allzu hochwertigen Stück die Rettung versucht. Auch Boris Tomafchewski sah sich, gezwungen, fein Theater an Max Gabel zu übergeben, der durch seine Darstellung oes „Golem" eine Belebung der Kassen des Theaters in Szene gesetzt hat. Eine neue Erklärung Valfours. 4, Carlton Gardens, Pall Mall. 7. März 1922. Sehr geehrter Dr. Weitzmann! Ich bedaure außerordentlich, daß unvorhergesehene dringende Inanspruchnahme meiner Zeit es mir unmöglich Macht, an der Versammlung, die die Englische Zionistische Föderation fiir den IS. März plante und in der. ich mit solcher Freude gesprochen hätte, teilzunehmen. Aber ich bin glücklich, sagen zu können, daß dies vom - Standpunkt der zionistischen Sache ganz unwesentlich ist. Nichts, was in der Queens Hall hätte gesagt werden können, könnte die Kraft und den Wert von Churchills letzter Erklärung erhöhen. Weder Sie noch ich. haben jemals in Zweifel gezogen, daß die Deklaration vom 2. November 1917 noch' immer,.Ausdruck der Politik dieses Landes ist. Aber es hat in den dazwischenliegenden Jahren an Versuchen nicht gefehlt, entweder in sie hineinUllegen, was sie niemals enthalten hat, oder sie ihres legitimen Sinnes zu entkleiden.^ Die klare und ftaatsmännische Kundgebung öes Staatssekretärs .für die Kolonien wird, wie ich hoffe, allen solche» Verputzen ein Ende bereiten,- und Freunde der zionistische» Bewegung, gleiche mir, dürse», wenn sie mich nicht die Schwierigkeiten unterschätzen, die zu überwinden sind, mit Zuversicht aus den Erfolg der Bewegung in die Zukunft sehen. Ihr ergebener (gez.) Arthur James B a l f o u r. Nandbemerknnge«. Die Rettung -er Persönlichkeit. Der englische Minister Sir Alfred Mond sagte in einer Rede, die er in Oxford über die Palästina.» frage hielt: ' , „Die jüdische Rasse muß jene jnt eres sie.» ren, die die Ehre haben, ihr anzugehören;. Das Schicksal des jüdischen Volkes in der ganzen Welt kann die Herzen der Juden nicht gleichgültig lassen." Diese Wvrte verdienen es, in großen Lettern in jedem jüdischen Hause angebracht zn werden, denn es gibt leider gar zn viele jüdische Häuser, in denen man sich; für alles in der Welt interessiert, nur nicht für das Schicksal des jüdischen Volkes, dem man doch, nun einmal angehört. Dieses augenscheinlich Unbegreifliche hat seine ein» fache Erklärung in dem bewußten Streben, sich« zu assimilieren. Wer sich dc!m anderen anpassen will, der will eigenen Wert und eigene Würde vergessen, der will überhaupt nicht mehr an sein eigenes Ich, ermnert sein. Das ist verächtlich,, zerreißt die einheitliche Persönlichkeit und bewirkt besonders bei geistig regen Individuen häufig unsympathische Menschengebilde. Darum ist auch die jüdische Regeneration ein gewaltiger sittlicher Faktor. Und deshalb ver-. stehen wir es auch, daß gerade wertvolle Menschen — sie mochten noch so. weit ab von dem Leben des jüdischen Volkes stehen — den 'Gedanken der jüdischen Regenercxtion ergriffen und damit sich selber, ihr Be fites, wieder fanden. * ‘ Sine Brücke zwischen Osten und Weste«. Alfred Mond schloß seine Oxforder Rede mit folgenden b^rmtungsvollen Worten: „Bei dieser Gelegenheit möchte ich« bemerken, daß die von seiten der Regierung der palästinensischen Bevölkerung angebotene Verfassung meiner Meinung »ach eine der großzügigsten und weitgehendsten ist, die einem Volke dieser Art jemals angeboten wurden. Mag sie' jemand mit dem vergleichen, was zur Zeit der türkischen Regierung das Vertretungssystem war. Die Konstitution ist zweckmäßig, breiter und richtiger als irgendeine jemals im Lai^de in Geltung gewesene. Es wäre töricht, all die ausgebildeten Methoden westlicher Völker ohne Einschränkung und Kontrolle aus die orientalische Bevölkerung anwenden zn wollen. Die Einwanderung nach Palästina sollte durch eine fundamentale Tatsache bedingt sein ...