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Neue jüdische Presse · 1922-03-02 · Heft 9 (2.3.1922) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 9 (2.3.1922)
Date
1922-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I I Erscheint wöchentlichäm Donnerstag. BezugspreiSpro Bterteljahr: Bet -er Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 frei tnS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mr. S1.00. für Ausland 10 franz., 5 schweiz FrcS., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar lührlich, im Voraus zahlbar." lKedattion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Gaü- Geis JnfertionSpreis für die sechSgespalteneRonpmetlle-Zeile Mk. 3.—, für die RSlamezeile Mt. 12.—. Platz- und Datum» Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoneen-Annahme bet der Extzedllion und in allen »nnoncen-BureauS. — Konto bet dem Postscheckamt in Fnncksurt a. M. unter Rr. 4864. . 20. Jahrgang. Douuerstäg, de« 2. S682 (2. Marz 1S22) Nr. S. Die Not der jüdischen Neligiouslehrer. „Wajkaiv. l'mischpot w'hiniieh mischpoch, lizdokoh w'hin« »ehz'okoh!" . . Er wartete aus Recht, und siehe, es ward Unrecht — auf Gerechtigkeit, und siehe, es ward Jammergeschrei!" ^. Diese jesajanische Wehklage gegen den Freund, der feinen Weinberg nicht gehsitet, kam inir aus. die Lippen, als ich Ihren und den letzten Leitartikel eines anderen, hiesigen Blattes am letzten Sabbat las. Kommt es der jüdischen Mitwelt endlich! zum Bewußtsein, was sie an den Siegelbewahrern des Judentums seit Jahrzehnten versäumt, g.sündigt hat? Ist man etwa der Meinung, das geschilderte. Elend stamme von heute oder gestern? Nein, es ist dos folgerichtige Resultat einer jahrezehntelangen Mißachtung des jüdischen Lehrerstandes, die sich in einer'Dotierung ihres heiligen Amtes zeigte, die unter bem Lohn des Taglöhners stand, die seit Jahrzehnten zum Himmel schrie und aus Erden nicht gehört wurde. Ist es da ein! Wunder, daß dieses Elend in einer Zeit, da die Mark dem früheren Pfennig gleich geachtet wird, da man nur noch mit Milliarden rechnet, sich ebenso vervielfacht hat, >vie sich das ganze wirtschaftliche "Elend unserer Zeit gegenijbcr derfrühere» darstellt? Seit Jahrzehnten erheben wir Klage gegen die Vorsteher der Landgemeinden, seit Jahren — ich meine die Kriegsilnd Nachkriegszeiten — komme man in den maßgebenden Bläftern und Kreisen das gleiche Thema behandeln, den gleichen Ruf erschallen hören: Ouosqüe tandem? Wie lange noch? Immer und immer wieder rief der Kollege. Steinhardt, riefen wir alle, die wir das Elend wachsen sahen und das Unglück: Bideank ronsules! Sorgt, ihr Konsuln, daß die-Republik, — daß das - Judentum keinen Schaden leide! Und nun endlich wird unser Notschrei gehört? Man stelle esdoch nicht so "dar,'als wäre das Elend von gestern auf heute entstanden, — doch der Zweck meiner Zeilen ist "es nicht,' Vorwürfe zu erheben. Ist auch das Unglück Hon beinahe nicht mehr abzuwenden, „ki won majim ad nofesch", denn schon ist der Lebensnerv ergriffen, so soll inan doch die Hoffnung nicht aufgeben und Helsen, wo noch geholfen werden kann. Das aber, was nun wieder geschieht, ist meines Erachtens ein schlechtes Heilpslaster für die schwere Wunde att unserem Körper! Ein neues Hilssnnternehtnen zu den bestehenden und zwar ein solches, das nur gewissen Kreisen helfen will, — eine Dezentralisierung des Hilfswerks statt einer Zusammenfassung aller Kräste! Ist es den maßgebenden Führern und Kollegen nicht bekannt, daß eine „Jüdische Lehrerhilfskasse" besteht, die seit Jahren Lehrern und Lehrerwitwen aller Richtungen ohne Ausnahme in allen Teilen des Reiches zu helfen sucht? Ist es ihnen 'nicht bekannt, daß die Loge» z. T. mitten in der Organisierung ihres Hilfswerks stehen, z. T. bereits Hand ans Werk gelegt haben? Unter den Gemeinden, die. .als die leistungsschwachsten oder' leistungsunwilligsten in dyn letzten Leitartikel genannt werden, sind solche, die selbst oder deren Beamte bereits von den aufgesührten Institutionen Hilfe erhalten haben, natürlich keine ergiebige, denn dazu fehlen eben die Mittel. Was für ein Wirrwarr , wird das aber werden, wenn nun noch dritte und vierte Quellen geöffnet werden, um Mittel dorthin fließen zu lassen? Wieviel Kraftvergeudung, wieviel Verschwendung auf der einen, Vernachlässigung auf der andern Seite wird die Folge dieser.Zersplitterung sein! ' I Kurz, meine Mahnung gilt der Einigung, der Zentra- I I lisierung: Gemeinbebund, Logen, Lehrerschaft und schließ- I >ich die im Entstehen begriffene Hilfsaktion der „Freien I Bereinigung" alle Mögen sich zusammentun, lalle Enghe rzigkeit schwi n de! Angesichts iKr unsagbar großen Rot, angesichts dm" vor den Toren stehende» Gefahr des Zerfalls des Judentums gibt es nur eine Parole: Kol JiSroel arewim sch boseh! Ganz Israel, K'lal. Jisroel ans Werk! Eß laaßaus! -Es-ist -h ö ch st e Z e i t! - - - I. B Levy. I« kritischer Stunde. , Nicht die Kriegskunst der Belagerer, sondern die Uneinigkeit der Belagerten hatte Jerusalein dem Untergänge geweiht. Wäre Frieden 'innerhalb der Mauern Jerusalems gewesen, hätte selbstzersleischender Brnderhaß nicht selber den Hunger zum Herr der Stadt gemacht, der Römer hätte eines Tages — inübe geworden — nach einem seiner Kriegsehre äußerlich genügenden llebereinkommen gesucht, doch soging Jerusalem mit dein Tempel in Flam- -iiren auf. Durch Brnderhaßwurde die Selbständigkeit des jüdischen Volkes vernichtet und seine Ueberlebenden in die Verbannung geführt. Und heute, - da nach ziveitansend Jahren des Exiles ihm die Möglichkeit winkt, zu. einem Eigenleben im Lande seiner Väter, zurückzukehren, ist es iviederum dre Entzweiung, in der eigenen Mitte, die die Verwirklichung dieser Möglichkeit henrmt, vielleicht sogar verhindert. Nichts gelernt und nichts vergessen zu haben, "ist das größte Unglück in der Menschheit. Hinsichtlich unseres jüdischen Volkes scheint sich diese verzweiflungsvolle Anschauung, als ob sich bei allem Wandel der Zeit doch nichts in dem Denken der Menschen ändere, bewahrheiten zu wollen. Das zweitausendjährige Golustleid hat sich» in wenige Jahre zusammengepreßt, in seiner ganzen Furchtbarkeit' gerade in den letzten Jahren dent jüdischen Volke als warnendes Mene-Tekel gezeigt. Zu Hnnderttausenden sind während dieser kurzen Zeitspanne in Osteuropa wehrlose Kinder des jüdischen Volkes hingemetzelt worden, eines der grausigsten Blutbäder hat sich unter Schweigen der Kulturvölker abgespielt: aus Ungarn, das ein glückliches Spantien der Freiheit seinen Juden war, ist über Nacht ein Spanien der Inquisition geworden; auch in deutschen Landen wuchert die Hydra des Antisemitismus in gefährlicher Weise; Amerika hat seine Tore den Rettung suchenden jüdischen .Massen verschlossen; überall hoffnungslose Finsternis, und in dieser Finsternis jüdischen Gesamtgeschickes nun plötzlich wie ein Wunder Palästina als eine von den Weltmächte» anerkannte Heimstätte des jüdischen Volkes! Kann eS eine deutlichere Sprache selbst für blind durchs Leben Wandelnde geben? Kami der Ruf an das jüdische Volk noch lauter, noch' eindringlicher ergehen, über alle Parteiungen hinweg endlich den Frieden der Einheit zu finden, den Frieden, mit. dem es tagtäglich ei<i_ jedes seiner Gebete schließt? Einer der bedeutungsvollsten, gewaltigsten Momente der jüdischen Geschichte bietet sich in der Gegenwart dar. Bis in den Grund erschüttert ist die innere und äußere Lage des jüdischen Volkes, es sieht aus, als wolle es sich in wenigen Jahrzehnten in tausende Teilchen zersplittern, — und da leuchtet am Horizont Palästina aus! Wie hat das jüdische Volk bisher den Ruf der Zeit ausgenommen? Große Teile von ihm sind so assimiliert, jüdisch so indifferent, daß das Mahnen ihres Gewissens kein Posannenschall mehr erwecken kann, daß zu chrem geistigen Horizont jüdische Probleme keinen Eingang mehr zir finden vermögen und ihr Gefühl sich instinttiv. gegen jeglichen Versuch einer jüdischen Regeneration feindselig . aufbäumt. „Untertauchen" ist ihrer Weisheit einziger Schluß. Aber es gibt auch Teile des jüdisch«» Volkes, die — furchtbare Tragik — den Willen zur Erfüllung des Judentums haben, sich die Festen im Glauben Israels nennen, doch von dem vielhundertjährigen aufgezwungenen Golus so beeinflußt wurden, daß sie "nur ein südischeS Golusdasein.' ein anormales jüdisches Sein zu begreifen vermögen und daher das normale Verständnis für den gewaltigen Segen, der in der Einigkeit des jüdischen Volkes enthalten ist, ein- 'gebüßt haben: Nur so war es möglich, die Plattsor», der historisch basierten Einheit des jüdischen Bolkes, diein der zionistischen Bewegung konkreten Ausdruck fand, nicht nur von den Assimilanten, sondern auch von einem Teile der Orthodoxie zuerst ungläubig belächelt und dann nach den sichtbaren; Fortschritten heftig bekämpft zu sehen. Die Balfour-Deklarakion und San Remo haben diesen Kampf nicht, wie man es hätte erwarten sollen, mit einem Schläge beendet und wenigstens nach außen die Einheit des jüdische» Lagers hergestettt, -nein, der Kamps ist nur noch heftiger entbrannt. Jayrzehulo lang hatten die „Erioachteit" im jüdischen Volke, die das ganze Unhaltbare der Situation der Judei, -im Kreise der Völker, erfaßt hatten, als Phantasten verspottet, für Palästina geworben und in Palästina mit unendlicher Mühsal und häufig Opferung des Lebens die ersten bescheidenen Bausteine jüdischen Arbellens wieder errichtet. Da wtlrde, was in weiter Ferne schien, über Nacht Wirklichkeit, aus der scheinbaren Utopie war ein realer Machtfaktor geworden: Was weite Teile des süd. Bolkes ersehnten, die Völker erkannten es plötzlich an: das Bolks- .fein des jüdischen Bolkes, seine unteilbare nationale Einheit und seiyen Anspruch auf Palästtna. Dies und konsequenter Weise! die Uebertragung der jüdischen Volksvertretung in Palästina an die Zionistische Organisation waren der große Lohn, der de>t zionistischen Phantasten für ihr Streben zuteil wurde. Freilich hairdelte es sich vorläufig mehr, um das formale Recht, voir den» bis zur praktischen Durchführung ein schwieriger, gefahrvoller Weg liegt, schwierig und gefahrvoll, weil eine ganze Anzahl Feinde des jüdischen Bolkes bemüht sind, die Verwirklichung des Versprechens zu Hintertreiben. Wen» da in einer solche» das gesamte jüdische Ansbauiverk in Palästina gefährdenden Ansängsepoche den Judenfeinden sich noch Hilfe aus den jüdischen Reihen hinzugesellt, indem in diesem Augenblicke nicht die Einheit des jüdischen Volkes nach außen hin gewahrt wird, dann ist kein Ausdruck scharf gemlg, solche Handlungsweise zu ve» irrteilen. ' liebet die Gegenarbeit gewisser Führer in Londoitz und in Paris sich zu erregen, ist wirklich zwecklos; diejenigen, die von dem Willen zur Assimilation geleitet werden, haben stets die fanatischsten Assimilanten zn jüdischen Führern gewählt. Doch tief "schmeißen muß die Gefährdung, die dem jüdischen Palästinawerk von einem Teile der Orthodoxie durch ihre Slblehnung der zionistischen Bewegung auch den christlichen Mächten gegenüber wird. Erst vorige .Woche "schrieb das deutsche Organ der" Agudas Jisroel: „Der Zionismus ist der furchtbarste Feind." Und diese Agudas Jisroel-Kreise haben in London den Weg zu den polttischen Machthabern gesucht, um ihnen die Differenz zwischen ihnen und der zionistischen Bewegung aufzuzeigen und auch für sich einen Platz in der politischen Berttetung der Jnd'enheit Palästinas zu beanspruchen, Sie hatten kein Empfinden dafür, daß sie mit solchem Borgehen nn gegenwärtigen Stadium das ganze Palästinawerk zum Scheüern bringen können. Die englische Regierung, die in Palästina bisher nur zionistische ArbKt gesehen hatte, und die weiß, daß es in der zionistischen Bewegung eine große- Zahl orthodoxer Juden

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