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Neue jüdische Presse · 1922-02-23 · Heft 8 (23.2.1922) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 8 (23.2.1922)
Date
1922-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfutterZsraelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis InsertionSpreis für die sechsgespaltene Nonpcneille-Zeile Mk. 3.—, für die Reklamezeile Mt. 12.—. Platz- und Datum» Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in allen Annoncen-BureauS. — Konto Sei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. r Erscheint wöchentlich am DonnerStag. BezugSpretSpro -Vierteljahr: Bet der Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 ftei inS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 8\00. für Ausland 10 stanz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar;ührlich, im Voraus zahlbar. Donnerstag» den 25. Schwat 5682 (28 Februar 1922) Rr. 8. 26. Jahrgang. Tatsache«. Dtg. Rot der jüdische« Religionslehrer. Die „Freit Vereinigung für die Interessen des orihodoxe» Judentums" hatte letzten Donnerstag eine Versammlung einberufen, die sich "mit der Lage der jüdischen Religionslehrer und damit mit der Zukunft der deutschen Judenheit überhaupt beschäftigen sollte, — und obwohl a» die Mitglieder der Jsr. Religionsgesellschaft persönliche Einladungen ergangen waren, hatte sich nur ein Publikum von höchstens 60 Personen eingesunden. Sollte diese bedauerliche Tatsache vielleicht in der Deutung ihre Lösung finden, daß der Materialisums und das geschwächte soziale Empsinden unserer Zeit auch dort Eingang gesunden haben, wo Jdealisums und lebendiges soziales Interesse als wertvollster Lebensinhalt von Religionswegen gelehrt werden? Mancherlei Erscheinungen in der hiesigen Orthodoxie, über die einmal in einem anderen Rahmen' zu sprechen fein wird, hätten schon längst Anlaß gegeben, nachdenklich zu stimmen. . Es siebt aus, als ob der Glanz nach mißen int Innern! manche Fäulnis überdeckt, als ob auch, die Orthodoxie von der Assimilation infiziert ist. "Assimilation aber bedeutet Minderung deS Interesses für das Wohl und Wehe der jüdischen Gesamtheit. Die Religionslehrerfrage berührt die Frankfurter Israelitische Religiönsgesellschast, die mit ihrer Realschule und ihrer Volksschule wie noch, so manche andere orthodoxü Gemeinde garnicht die Institution des Religionslehrers hat und übrigens ihre Beamten nach normalen Sätzen besoldet, nicht direkt. 250—300 meist kleinere, sich noch orthodox nennende Gemeinden habeir aber Religionslehrer als die häufig einzigen Hütermnd Kenner des Judentums, und wie Lehrer Hirschberg, der Schriftführer des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands, in der Debatte mitte ilte/ beziehen diese Religionslehrer mit geringen Ausnahmen 8000 bis 12 000 Mark jährlich von ihren Gemeinden, eine Snimne, die nicht die Hälfte des h e u t i g e » D n r ch s ch n i t r s v e r d i e n st e s eines A r» b e i t ers erreicht. Diese sürchterlicl-e Tatsache weist auf Verständnislosigkeit für die Bewertung der Religion selbst in Kreise» hin, die sich noch. zur Orthodoxie zählen^ Der Schlüssel für dieses Schwinden, eines innigen Derbundenseins niit denc Wohl und Wehe des Judentums dürfte auch hier mir "in der um sich greifenden Assimilation gefunden werden.- Denn es fehlt in vielen Fällen selbst Zwerggeineiadew nicht an der finanziellen Möglichkeit, das Gehalt ihres Lehrers zu verdoppeln; — woran es aber fehlt, das ist an dein guten Willen. Die Verünögjeusverhättnisse der Landbevölkerung haben sich ün Gegensatz zu der Bevölkerung ' der Stadt sehr.gehoben, — und häufig ist der LehreL der einzige Proletarier, der einzige Hungerleidende in seiner Gemeinde. So wird der Lehrer gezwungen, nach Nebenverdiensten I Ausblick zu halten, den materiellen Kanipf um den Brott erwerb aufzunehme», er, der als Schliach Zibbnr, als > Vertreter seiner Gemeinde vor Gott, als ihr Berater in I jüdischen Angelegenheiten und Lehrer ihrer Jugend der I ideelle Hüter des Judentums sein soll! Und gerade, wenn I S'ver Lehrer wertvoll ist, Menu er ün .Bewußtsein seiner I Stellung sich zu dem materiellen Bioterwerb nicht ent- I schließen. kann, sich nicht entschließen kan», Versicherungs- I geschäfte und dergleichen. zu betreiben, dann wird er zum I ärthre r . I Manch einer fragt in einer schiveren Stund?, womit I er sich versündigt habe. In dem Verhältnis'zum Lehrer I ihrer Gemeinde haben gar viele gesündigt- Und da wir I Inden solidarisch für einander sein sollen, da uns soziales Denken heiliges religiöses Gebot ist, so hat sich auch die jüdische Gesamtheit mit all ihren einzelnen Gliedern schuldig genjacht. Denn es gibt Gemeinderr, die auS sich, heraus tatsächlich zu schwach sind, ihren Lehrer entsprechend zu« besolden, — u n d d a muß die Gesamtheit eiuspringen. Wir haben unsere vorstehenden Ausführungen an die Kreise der Orthodoxie gerichtet, weil gerade die Orthodoxie d-o p p e l t die Pflicht hat, über die W ü r d e und über die Erhaltung des Judentums zu tvachen. Und wenn die Freie Vereinigung und die Agudas JiSrorl nichts anderes tun würden, als ihre Mitglieder für diese dringendste Erfüllung jüdischer Pflicht zu mobilisieren, sie hätten genug getan. Wecken miißten sie freilich auch die Rabbiner, daß sie das Problenr, über das sie bisher schwiegen, zum Kernpunkt ihrer Predigten machen. Was von zahlreichen sich orthodox nennenden Genreindeir gilt, gilt inr v e r st ä r k t e n Maße von den anderen Gemeinden. Hier ist der Assimilierungsprozeß um vieles mehr vorgeschritten, und hier hat ein Teil der Mtglieder nur noch das jüdische Interesse, daß ihm einst der Lehrer eine erbaulicheBcerdigungsrede palten werde. Im übrigen berührt das Jtldentum Jahr ein Jahr aus die Gedanken vieler dieser Juden kaum jemals. "Aber selbst fiir die" assimiliertesten dieser Gemeinden ist es eine S H m a ch, wenir sie ihren Lehrer nicht so besolden, wie sie eS vernrögcn. Wir hörten an dem von der Freien Vcreickigulütz veranstalteten Slbend, deren Referent Lehrer Leber r* m ann - Darmstadt wack, folgende Tatsachen: Assenheim, dessen Lehrer 25 Dicnstjahre hinter sich hat und Vater von 2 Kindern ist,» zahlt 4000 Mark jährlich, Hechtsheim, dessen' Lehrer 60 Jahre alt ist, zahlt 4000 Mark und 3000 Mark für Schächten. Ueberdies verdient er Hoch für Erteilung des Religionsunterrichtes in drei anderen Orten 2000 Mark. . Westerburg. Hier find die gleichen Summen 3000, 4500 und 1400 Mark. Gernsheim zahlt zusammen 8000 Mark, S a n - dersleb«en nach. 2öjähriger Dienstzeit 2400 Mark, L a u - b.ach nach lljähriger Dienstzeit 8400 Mark, Griesheim nliit 4 Filialstellen 8000 Mark. In Butzbach bezog Lehrer Spiro 34 Jahre. lang 1500 Mark und bekar^ erst kurz vor seinem Tode 4000 Mark mehr. Der Lehrer -oonj Reichelsheim starb an Unterernährung ün Frankfurter Jsr. Krankenhause Nenhos bei Fulda zablte seinem Lehrer bis zum vorigen Jahre 1200 Mark. Mehrere Briefe gaben Kenntnis davon, daß Lehrer, die ihren Beruf lieb haben, sich gezimurgen sahen, zum Kaufmannsbernfe überznkreten, um ihre Familie zu erhalten. Besonders ergreifend war der Brief eines 76jährigcck Lehrerveteranen, der nach öljähriger Dienstzeit weder von der Genteinde noch vom Staate einen Pfennig bezieht und mit seiner alten, gleichertls kränklichen Frau von 1200 Mark des Deutsch-Israelitische» Gemeindebundes und 1000 Mark Invalidenrente, da er lange Jahre Marken geklebt hatte,- " leben soll. Jacob R o s c n h e i m, der Leiter der Versammlung, fand die fchärssten Worte für diese Tatsachen, er sowie Adolf Stern forderten eine sch welle Hilfs aktiv n. Lehrer Fuchs, Langen und Lehrer Marx, hier, betonten für eine durchgreifende Aenderung der beschämenden Zu- L stände die Notwendigkeit deS Eintretens der gesamten organisierten deutschen Judenheit, während Rosen hj e i in, der eifrigste Verfechter einer selbständigen Orthodoxie, für seine Kreise selbstredend nicht so weit gehen will. Die geschilderten Tatsachen weisen auf eine kritische, in den Abgrund führende innere Lage der deutschen Judenheit hin. Nur wenn mit größter Energie und Rücksichtslosigkeit all der Unehrlichkeit des jüdischen Gemeindelebens an den Leib gegangen wird, ist Rettung möglich. Doch dazu bedarf es Männer der) Wahrheit, die zuerst mit sich selber als -Juden ehrlich zu Rate gehen und sich dann nicht scheuen, der jüdischen Oeffentlichkeit furchtlos gegcnnöerzutreten. Die Lehrerfrage kann befriedigend nur durch Organisierung der Gesamtheit gelöst werden, — doch die Organisation tut es nur dann, wenn sie nicht das Werk einigeck Macher ist, sondern, hinter ihr wirklich! die Gesamtheit steht. DieS ist die große Aufgabe, um chie es sich handelt^ und die nur durch kraftvolle Persönlichkeiten der Wahrheit gelöst zu werden verinag! Brief ans Palästina. Jerusalem, Ende Januar. Nach langem Warten komme ich dazu, mein Versprechet» zu erfüllen und ein wenig über die Lage hier im Land» zu berichten. Ihr alle wißt, wie wohl es uns hier geht. Woche für Woche koinmen neue Chaluzün ins Land: die 'Arbeitslosigkeit wächst, und ebenso schwer wie der neue Jischub hat auch der alte mit der 'Not der Zeit zu kämpfen! Wir alte glauben, daß der K e r e n H a j e s s o d d i e e i n - z i g e Rettung ist, und daß unser ganzes Volk alle Anstseiiguiigcn machen ncutz, um den Keren Hajessod tatsächlich. zu dem zu machen, was beabsichtigt ist: zur Grundlage unserer gesamten Arbeit in Erez Israel. Inzwischen hat sowohl die ziön. Organisation, wie auch der Misrachi schwere Monate finanzieller K r i - I i s hinter sich. Von den bewilligten Budgets ist beim Misrachi fast nichts, bei der zion. Organisation nur ein. bescheidener Prozentsatz eingegangen. Lehrer und Beamte, deren Gehälter im Durchschnitt nicht ziz hock) sind, habet» inoiiatelaiig ans ihr Gehalt warten müssen. Dringend 'Arbeiten, die der Kongreß verlangt hat, besonders auf dein Gebiete der Landwirtschaft, har nrair nicht beginnen können, und es ist zu fürchten, daß man ein weikerios Jahr warten ,nuß, um sie iw Angriff zu nehmeir. Auch die politische Situation läßt viel zu wünsche» übrig. Wieder einmal ist die Frage des Mandates verschoben, und hier im Lande ist die Regierung gezivungen, selbst wenn man ihr in den leitenden Stellen den besteck Wille» zugesteht, init allergrößter Vorsicht z,c Werke zu gehen. Die Einwanderung ist sowohl durch den Mangel! an Arbeit, als auch durch, die genaue Auslegung der Rede des High Commissioner vom 3. Juni sehr behindert. So leiden wir politisch und ökonomisch, und trotzdem bleibt uns keine andere Wahl, als auszuhalten und zu warten, bis die allgemeine Weltkrisis und damit auch unsere finanziellen Verhältnisse sich bcsserir werden und abzuwarten, bis England, aus dessen Wort wir fest vertraue», die Möglichkeit hat, die Frage des Mandats endgiltig zu lösen. Es ist klar, daß unter solche» llmständen die Stiminuug im Lande eine gedrückte isb und für gute oder böswillige Kritik Tür und Tor offensteht. Wir haben hier eine täglich erscheinende Zeitung, die diese schweren» Zeiten dazu benutzt, den einzigen »och. sehr schwachen, zentralen Punkt unserer Organisation, unsere Zion. Leitung in Erez Israel, von Tag zu Tag anz»greifeü. Begonnen hat die Campagne mit der böswilligen Ausnutzung des unliebsamen Zwischenfalls Dr. Eder-Nssischkin. Dann kam die Keren-Geullahfrage daran, und jetzt findet das lesende Publikum Palästinas sein Vergnügen daran, sich täglich darüber za informieren zu lassen, was dieser oder jener hohe Beamte der Zion. Leitung an Gehalt bezieht. Man muß sagen, daß der Nachrichten- und Spionagedienst dieses Blattes auf einer ausgezeichneten Höhe steht. Wer jemals in einer Redaktion gesessen hat, freut sich darüber, mit ivclch technischem Geschick irgendwie in Jerusalem bekanntgewordene Tatsachen oder kurze Telegramme aus London zu Sensationsmeldungen ausgenützt werde». Seit 4 Wochen steht die gesamte zion. Leitung in bengalischem

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