Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1922)
- Date
- 1922-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693277-2693284--11759-2707257- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnserttonspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile Mk. 3.—, für die Reklamezeile Mk. 12.—. Platz- »nd Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheintwbchentlicham Donnerstag. BezugSvreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. '/.Sv frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.00. für Ausland 10 franz., 5 fchweiz Frcs., 8 holl. Fl.. 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. 20. Jahrgang. Donnerstag, de« 18. Schwat 5682 (16. Februar 1922) Nr. 2 Die zehn Gebote. „Ich gedenk der Hingebung deiner Jugend, der Liebe deiner Brautzeit, als du mir nachsolgtest in die Wüste, in ein ungesätes Land." . Dieses Wort, das Gott de» Propheten Jirmija an Israel verkünden lässt, spricht das grösste Lob aus und macht all die Acusserungen verzagenden Kleinmutes, von denen die Bibel bei der Schilderung der Wüstenwanderung berichtet, zu vorübergehenden Episoden. Das Lob muss um Io höher gewertet werden, da Israel ein „Am keschei Aurcf", ein hartnäckiges Volk war und nicht leicht dem Ruse des Führers folgte. Die Frohnc der Knechtschaft hatte dieses ägyptische Sklavenvolk nicht abgestumpft, im Gegenteil: seine Intelligenz wurde nur noch schärfer ausgebildet, eine Erscheinung, wie sie in unserer Zeit das -Elend in der Ostjudenheit gezeitigt hat. Wenn Jithro zu seinem Schwiegersöhne Moses sagen könnt»', er möge auS dem Volke tüchtige, gottesfürchtige. wahr- >-hastige Männer als Richter wählen, so beweist dies den Hohen geistigen und sittlichen Wert dieses Volkes. - Nur an ein solches Volk konMe die Aufforderung ergehen, Gott ausschließlich angehören, ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk sein zu wollen. Und nur ein solches Voll vermochte es. die Antwort zu geben: „Alles, was Gott gesprochen, wollen wir tun!" * Doch der geistige Wille allein genügte nicht, es bedurfte auch der körperlichen.Vorbereitung, einer dreitägigen Heiligung, um der göttlichen Botschaft gewürdigt zu werden, wie nun der Charakter als ein Volk von Priestern, als ein heiliges Votk erworben werde. Der Wille, Gottes Wort zu befolgen und sittliche Reinheit sind wie damals zu alls» Zeiten die Voraussetzung gewesen, diese Botschait in sich aufzunehmen. Man nennt diese Botschaft die „'Zehn Gebote" und macht sich 'in der. Regel garnicht ihren Inhalt und ihre Forderungen klar, macht sich in der Regel garnicht klar, dass die „Zehn Gebote" leben, bereits das ganze Juden tum leben heisst. Die „Zehn Gebote" stellen zunächst das besondere Verhältnis, des Juden zu Gott fest. Dieses besondere Verhältnis wird dadurch bestimmt, dass jeder Jude Gott doppelt für sein Dasein verpslichtet ist, denn nur durch das göttliche Eingreifen wurde die Vernichtung seiner Ahnen in der Sklaverei Aegyptens verhindert. Mit.der Befreiung aus Aegypten hatte Gott die Lehre' gegeben, daß er nicht etwa im Jenseits waltet und die Menschheit ihrem Gang überlässt, daß er vielmehr das Geschick der Menschheit überwacht. Er leitet aber auch das Geschick jedes einzelnen Menschen mit unendlicher Liebe, doch übt er gleichzeitig auch. Recht. In seinem Sinne zu leben, - ’ ist jedem Menschen gegeben, denn der Menschi befindet sich I in einer Welt, die Gott so schuf, wie sie für den Menschen ' zweckmäßig ist. Daher kann es kein Neuschafsen Gottes- . in dieser Welt seit dem Tage, da Gottes Weltschöpfung l vollbracht war, mehr geben. Und daher war der Sabbat | als. ein ständiges Erziehungsmittel zu solchem Gott- und i Weltglauben dem Volke Israel für alle Zeit verliehen. Freilich zu all dieser Erkenntnis muß sich die Achtung I. vor den vergangenen Geschlechtern gesellen. „Ehre Vater I - und Mutter!" Nur wenn der Jude sich als Glied einer I grossen Kette betrachtet, die Generation mit Generation I verbindet, findet er die Kraft zu solcher Heiligung des I Lebens und bildet sein Leben ein weiteres Glied in dieser I Kette, so seinen Ring mit den zukünftigen Generationen! I verbindend. I Kies war der Inhalt her eine» Hälfte der Gesetzes- I rase/, die. Gott durch seinen Diener Moses dem Volke I Israel überreichen ließ. Dieser einen Hälfte, die das Verhältnis Israels zu Gott festsetzt, schließt sich die zweite Hälfte an. die deur Verhältnis zum Mitmenschen Richtung gibt. Nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht alsches Zeugnis aussagen, — aber auch nicht einmal gelüsten nach deni, was einem anderen eigen ist. Der Jude, in dessen Herzen die Buchstaben beider Tafeln eiugeschriebeu sind, hat erfüllt, was seine Väter einst am Sinai versprachen: „Alles, was Gott gesprochen, wollen wir tun." Zwei Welte«. lZur Arabersrage.f D v. I. a lauäncr schreibr im .Davon»" über das arabisch-jüdische Problem: „Wir Juden sind ein ost-westliches Volk. Orientalen der Abstammung und den Neigungen nach ssiehe unseteik. Drang nach Zion!) sind wir während unserer löOvfährigen Wanderung durch Europa zu Europäern geworden. Unsere Sprache ist orientalisch-europäisch, denn das Neuhebräische fußt ebenso aus Jesajas und Hillel Hanassi wie auf. Plato und -Byron. Die neuhebräische Literatur hat gleichzeitig so viel Orientalisches und Europäisches in sich, dass man bei Mendelc, Bialik und Achad Hacmr nicht weiß, >oo der Jude aus der Zeit des zweiten Tempels endet upd der Europäer des. zwanzigsten Jahrhunderts beginnt. Unsere gegenwärtige jüdische Kultur ist ein Gemisch von Judentum und Menschentum, von Orient, der von Europäismus durchtränkt ist. Mit einer solchen Sprache und Literatur, nrit solchxr Kultur, mit solchen alt-neuen Idealen der Wiedcrhersrel» lung einer aus eigener produktiver Arbeit basierenden nationalen Wirtschaft'und Wiedergeburt eines nationalen Geistes kamen Inden nach Palästina trnd stießen dort auf die Araber, die genau so leben, wie sie vor Jahrhunderten gelebt haben! Der Araber sieht eine Welt vor sich, die zu seiner eigenen in krassem Gegensatz steht. Der Araber, der noch heute seine Frau für Geld kauft wie sein Pferd und seinen Esel, der auf die Frage: „Wozu hast du eine zweite, alte und hässliche Frau gekauft, wo du doch, noch eine junge und schöne Frau hast?" antwortet: „Die kostet mich, ja bloß zwei Pfund": der vor kurzem beim Oberkommissär sich darüber beklagte, dass man Frauen bei Gericht zuläßt, — dieser Araber sieht Tel-Awiw vor sich, wo Männer und Frauen als vollständig gleichgestellt auf den Straßen zusammengehen. Dieser Araber, der in jedem Arbeiter und einfachen Fellachen einen Knecht oder doch einen Menschen zweiten Grades sieht, findet in den Kolonien Arbeiter und Bauern, die zwar arm sind 'und mit eigenen Händen arbeiten, also keine Efendis sind und dennoch wia Efendis aufrechtgehen, Zeitungen lesen, Versammlungen abhalten, protestieren. streiken, demonstrieren und Forderungen stellen. Er sieht eine fremde Kultur, sonderbare Sitten, merkwürdige Anschauungen und ihm unbekannte Lebensgcwohnheiten, und er fürchtet dieses Neue. Jeder Mensch ist konservativ und mehr als alle der Orientale. Er fürchtet das Neue und kann sich daran niht gewöhnen, und da der Träger all dieses Neue» noch dazu einem fremden Volke angehört, steigert sich bei ihm die Angst und überträgt sich von der Sache auf'die Person. DaS fiihrt zu Mißverständnissen. Er kann und will dieses Neue nicht verstehen. Phantastische Gerüchte über dieses eigentümliche Voll verbreiten sich nach orientalischer Art unter allen Schichten des Volkes, twö Mißtrauen dringt bis in die persönlichsten Beziehungen, und der Haß wird immer größer. i-20 wird der Boden bereitet für alle Hetzer, die die llnwissenheit und Kulturlosigkeit des Volles zu ihren Zwecken missbrauchen, um seine Aufmerksamkeit auf die Träger dieser neuen Sitten zu lenken und es gegen sie aufzuhetzen. Dies ist der Nährboden der Unruhen, die in ihrer Form an die Unruhen in Russland, in der Ukraine» und Polen erinnern, in ihrem - Wesen aber von ibneck grundverschieden sind. Was können und sollen wir dagegen tu»? Sollen wir etwa die europäische Kultur aufgeben? ... Wenn wir nach Palästtna gehen sollten, um Araber zu werden, dann hat der ganze Zionismus nach innen und nach außen keine Daseinsberechtigung. Nach innen kann! mir die Wiederbelebung der alten hebräischen Kultur auf einer neuen wirtschaftlichen Grundlage der produktiven Arbeit die enormen .Opfer rechtfertigen. Nach außenhin kann der Zionismus nur als eine. Brücke zwischen Orient und Okzident betrachtet werden, wobei, unter Qrstut die alte arabisch-jüdische Kultur zu verstehen ist und nicht die gegenwärtige arabische Welk. Die .Araber der ganzen' Welk geben beute der Kultur nichts, die Araber Palästinas haben ihr nie etwas gegeben, llnd wenn wir es nicht zustandsbringen, sie zu uns emporzuheben, wenn wir zu ihnen himmrersteigen sollten, so haben die übermenschlichen Ansttengungen, ohne die ein arnres, halb verwüstetes Landchen nicht aufzubauen ist, keinen Sinn. Uns bleibt nichts anderes übrig, als an der europäisch-jüdischen^ Kultur festzuhalten und den Arabern klar zu machen, daß unsere Kultur nicht allein europäisch, sondern europäisch-orientalisch ist, west-östlich, semitisch und arisch zugleich. Und wenn die Araber ein Kulturvoll iverden wollen, bleibt auch ibnen nichts anderes übrig, als den von uns betretenen Weg einzuschlagen, auf dass die in Palästina entstehende Kultur nicht nur eine orientalisch;-- okzideittale, sondern auch in gewissem Sinne eine jüdischarabische werde. Doch ist ein kulturloses und unwissendes Volk sehr schwer zu belehren. Es gehört, eine gewisse Kulturstufe dazu, die der Araber von heute noch nicht - oder nicht mehr — har. Der Unwissende, des Lesens und Schreibens nicht kundige, dunkle Araber hasst und fürchtet jede neue Regung und sieht in dem Träger dieses Neuen seinen Feind. Er fürchtet für seine Religion, für seine Kultur, aber noch mehr für seine Vorurteile, seinen Aberglauben und seine barbarischen Sitten^ Jedes Predigen, jede Aufklärung, jede Rechtfertigung in vollkommen nutzlos. - Hier können nur Zeit und Ausdauer helfen. Der mißtrauische Araber muss wissen,^ daß d>:s Neue eine Kraft ist.' die niemand wagest darf, ungestraft anzutasten. So war es auch unter der ttirkischen .Herrschaft. Ein Europäer war das Heiligste in den Augen eines Arabers. Werkst er ihn auch in feinem Herzen basste, fürchtete er ihn öenitonfi und achtete ihn. Diese Furcht führte zur Ehrfurcht und schließlich zur Nach- ' ahmung. Zunächst war die Nachahmung rein äußerlich, aber dies ist der Weg jeder Neuerung einer Kultur. Zunächst ändert sie sich nur äußerlich, und erst nachher kommt die innere Umwandlung. Der 'Araber hasst im Juden den Europäer, während der Europäer im Juden den Juden haßt .... Dieses psychologische Moment nutzen Christen. Araber und Europäer (bie zu diesem Zweck ihren Europäismus etwas zurückdrängcnl aus. um die Lunte des arabischen Nationalismus an das Pulverfaß des Hasses der fremden Kultur zu legen. So entstehen Unruhen unter dem antisemitischest General Bols wie auch unter dem „ersten jüdischen Oberkommissär". der sich selbst erheblich um das Zustandekommen der Balfour-Deklaration verdient gemacht hat. lange bevor er auch nur im entferntesten an dieses Oberkommissariat dachte. Dies ist die richtige Erklärung für den Erfolg der chauvinistischen Propaganda bei einem gewissen Teil der Araber. Don nationalem Bewusstsein in europäischem Sinne kann hier keine Rede sein, wohl aber gibt cs hier eine abgrundtiefe Kulturlosigkeit, Stumpfsinn urü»'Unwissenheit, und vor allem einen Hass gegen alles Neue, einest Haß gegen ganz Europa, einen Hatz gegen seine Religion. Kultur. Macht. Sitten und Gewohnheiten. Auch dort, wo es keinen Juden und keinen Zionismus gibt, in Aegypten. Mesopotamien. Indien, kommt allmonatlich dieser mohammedanische Haß gegen alles 'Fremde in Form von Aufständen und Demonsttationen zum Ausbruch, gegen England oder gegen jede andere europäische Macht, die sie nicht, wie Frankreich Syrien, aufs grausamste unterdrückt. In Palästtna wird das Enropäertum durch den Zionrsmus und durch die -Juden verwirklicht. Daher die Gegnerschaft gegen die Juden und die Balfour» Declaration. Ohne diese hätte man einen anderen Vorwand gefunden., Man schießt auf Engländer und Juden und meint damit Europa, die gesamte westlich Kultur." Eine K«udgebu«s Sir Herbert Samuels für de« Seren Hajeffod. Sir Herbert Samuel hat an den Delegierten des Direktoriums des Keren Hajessod. Herrn Dr. Uriel Bension, der auf seiner im Auftrag des Äufbcmfonds unternmn-