Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1922)
- Date
- 1922-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße z Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis JnserttonSpretS für die sechsgespalteneRonpareWe-Zelle Mk. 3.—, für die Reklamezeile ML. 12.—. Platze und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme Sei der Expedition und in alle» Annoncen-DureauS. — Aonto Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSpreiSpro Vierteljahr: Bei der Dost abonniert Mk. 6.75, bei der Reuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 ftei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.00. für Ausland 10 franz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar iährlich. im Voraus zahlbar. 29. Jahrgang. Donnerstag, Leu 11. 8oL^a1 5682 (9. Februar 1922) Hr. 6. Das Gedenken AmalekS. Das jüdische Volk begann seinen Gang durch die Zeiten mit einer vierzigjährigen Wüstenwanderung. Tag für Tag war seine Erhaltung ein göttliches Wunder. Nicht aus dem Dunkel des Erdreiches wuchs die lebenerhaltende Frucht, die Ernährungsgrundlage war so haltlos, als baute sie sich uns den Wassertropsen des Morgentaus aus, — und trotzdem brachte jeder Tag daS Notwendige, und am sechsten Tage blieb noch für den Sabbat übrig. Was sich dainals in der Wüste abjpielte, ist stets das typische Geschick deS jüdischen Volkes geblieben, wenn es wandern mußte, — und sobald es nicht im eigenen Lande war, befand es sich stets auf der Wanderung. Vollzog sich doch erst in den jüngsten Jahrzehnten eine Wanderung von Millionen der jüdischen Massen, vielleicht die größte Wanderung, die die Geschichte kennt! Aber auch dort, wo scheinbar der Fuß des Juden für die Dauer Rast gchunden hat, kann das Derweilen — und' ist es auch für - Jahrhunderte! — nur als Etappe auf der Wanderung nach dem Lande, das den Stammesvätern verheißen, angesehen werden; denn wer auf der Wanderung zurückbleibt, wer nicht mehr den Sinn nach dem Lande der Väter gerichtet hat, geht für das jüdische Volk verloren, stirbt " ilnn gleichsam in der Wüste. In allen Ländern, seiner Wanderung hat es das Volk der Juden, das im eigenen Lande nichts als Bauernvolk war, zu keiner Zeit fertig gebracht, sich mit dem Boden zu verwurzeln, da, es nie über die Gestaltung seiner Lebensbedingungrn frei verfügen konnte. Seine Existenz hat stets wie ans Morgentau gelagert, — daran ändern auch nichts seine Millionäre! Selbst die Assimilation hat^ nirgends diese Berufsumschichtung, die mit dein Boden vermählt, zustande gebracht. Diesem Volke mm, das ohne das sichtbar göttliche Spenden des Manna von oben nie existenzfähig war, dem das Nutze» jedes Tages, das Ansanrmeln für die Zukunft antreibende Kraft sein mußte, wurde das Geheiß, nur für den Tag zu sammeln und au jedem siebenten Tage gar mit jeglichem Sammeln einzuhalten! 'Diese Forderung - setzt eine tiefe religiöse Gesinnung, setzt Gottvertrauen voraus und verlangt, mir nach Gottes Willen zu schassen, der dem Streben und Mühen Beschränkungen aufcrlegt hat, damit das Streben und Mühen um das Brot nicht zum Selbstzweck werde. Darum war der Sabbat für die Dauer der Zeiten dem Volk Israel als sein heiligstes Gesetz gegeben, um diese Gesinnung, die jedes Stückchen Brot als von Gott gespendet empfindet, in seiner Mitte zu erhalten. Wer am Sabbat Nahrung sizcht, leugnet Gott als Spender der Nahrung und glaubt an seine eigene Kraft. Er hält das Gedenken Amaleks wach, — und das Volk Israel sollte doch Amaleks Namen zum Vergessen bringen! Amalek, der rücksichtslos Vorwärtsstürmende, kennt nicht Gotr über sichrer dient nur sich selber, seinem eigenen Ruhme, seiner eigenen Macht. Einem Volke wie Amalek klopft nicht das Herz, es wird nicht schamrot über seine Feigheit, ein -ermattetes, müdes wanderndes Volk, das seine Frauen und Kinder mit sich führt, zu überfallen. Wer lebt und strebt, als wolle er für die Ewigkeit einsammeln, dem ist der Mitmensch kein gleichberechtigter Menschenbruder. . sondern ein lästiger Mitbewerber am Futtertrog. Wo diese Gesinnung Amaleks wirkt, kann innerhalb des Volkslebens und nach außen in den Beziehungen der s Völker zu einander nur .die brutale Gewalt herrschen. Menschenliebe und Gerechtigkeit können nur betätigt werden, wenn Gott als Leiter der Geschicke begriffen wird. Das Volk Israel trat hinaus auf die Völkerbühne, damit Amaleks Machtbewußtsein aus der Menschheit schwinde und allmählich der Gotteshörigkeit weiche. Doch zu diesem Ziele mußte das Volk Israel erst selbst erzogen werden. Deshalb begann seine Laufbahn mit einer vierzigjährigen Wüstenwandcrung ohne natürliche Lebensmöglichkeit und au-s eigener Macht wehrlos dem Angrisf jedes amalekitisch gesinnten Volkes, — und deshalb auch ward ihm der Sabbat gegeben. Das Höhenziel dieser Erziehung tjat das jüdische Volk in seiner Gesamtheit nur selten erreicht, — aber zu allen Zeiten sind aus seiner Mitte Menschen erstanden, die ihr Leben der Menschenliebe uiid Gerechtigkeit Wechten. Sie gaben ihr Bestes hin, daß- Amaleks Machtbewußtsein zurückgedrängt werde und arbeiteten so für den Tag voraus, an dem einst das Gedenken an Amalek vernichtet sein wird. Amalek dem Vergessen der Vergangenheit, — der Sabbat aber dem Morgenrot einer besseren Zukunft! . Me Jude» des Burgeulaudes. Bon 8. Moses. II. D i e M en sch e n. In der Vorstadt Mödlings — eine halbe Bahnstunde von Wien entfernt —, da wo die Straße auf die Felder hinaus und zu den großen Ziegelbrennereien führt, stand unser Vaterhaus. Wir lagen noch in den Betten, wenn unser Vater, den wir schon als alten Mann kennen lernten, fick von seinem Lager erhob, andächtig betete und sein Frühstück einnahm. Dann ordnete er sein Warenbündel und ging, mit einem Butterbrot als Wegzehrung für den ganzen Tag versehen, fort zu Ziegeleiarbeitern und Bauern. Wenn wir dann später an schulfreien Tagen mitgehen durften, um ibm ein'wenig tragen zu helfen, sang er gewöhnlich im Gehen mit den Lerchen um die Wette die Morgenpsalmen „P'üle desimrah", die er sich vom Gebete aufgespart hatte, zum Preise des Schöpfers in den jungen Tag hinein. Waren wir dann am Ziele angelangt, so gingen 'wir zurück nachhause, während Vater den ganzen Tag bei seinen Kunden, die ihn hoch verehrten, umherwanderte und erst gegen Sonnenuntergang müde und hungrig, bestaubt oder durchnässt, nachhause kam. Und hatte er dann die Hauptmahlzeit zu sich genommen und die Zeitung gelesen, saß er noch lange, ins Studium der Lehre vertieft. Samstags ging' er mit uns ins Bethans der Mödlinger Judengemeinde-, da merkte man ihm weder die Last der Jahre noch die seiner täglichen Bürde an, und seine, des Aeltesten, Stimme übertönte die ganze Gemeinde. Hier pflegte er im vertrauten Kreise Thorah zu sagen oder erbauliche Bemerkungen zu äußern, und man gab ihm, lange bevor ein Rabbiner von Beruf nach Mödling berufen wurde, den Beinamen des „Mödlinger Row". Dieser Ruf entsprach ganz der Berufung, die er in sich trug und die ihn trieb, seine Begeisterung auf andere zu übertragen, zu lehren und zu mahnen. Wenn ec dann auf dem Heimweg uns Kindern von der Haftarah erzählte und un-s die herrlichen Worte der Propheten verdolmetschte, da versank vor unserem Auge das traurige Exil, und wir fühlten lebendigen Zusammenhang mit Vergangenheit und Zukunft unseres Volkes. Den Nachmittag widmete unser Vater dann wieder dem Thorahstudium; am meisten freuten wir uns jedoch auf die Dämmerstunden vor dem Scheiden der Königin Sabbat, in denen er aus dein Schatze seiner Lebenserinnerungen auskramte. Da erfuhren wir seine ganze Geschichte und eine-Unmenge von Anekdoten, die zusammen ein gutes Stück Geschichte der Juden in Österreich bilden. In der Enge des Mattersdorfer Judenviertels, das neben den behäbigen Bauernhäusern den Eindruck einer Insel des Elends macht, ward im Jahre 1820 unser Vater geboren. Sein Geburtshaus war eines der vielen elenden Hüttchen, die noch in möglichst viele Hausanteile zerlegt worden waren, da nur dem Besitzer eines solchen sogenannten' Hauses die Verehelichung gestattet wurde. In'diesen W'nkc lgäßchen, in denen zum Ueberfluß noch ein Mühlbächlein für Abfuhr des Unrats und Feuchthaltung der Wände sorgt, - verlebte er seine Kstnderjahre, hier terntr ec im ziegelgepflasterten Cheder recht viel Thörah und von Les'n, Schreiben und Rechnen gerade soviel, als uknrmgänglich notwendig ist. Dann, noch im zartesten Kindesalter, war er genötigt gewesen, seinen brustleidenden Vater im Hausierderufe zu helfen, und dieser Beruf, fast der einzige, der damals dem jungen 'Juden osfenstand. hatte ihr» früh in eine innig-religiöse Beziehung zur Natur gebracht. Bald dehnte er im Perein mit Altersgenossen sein» Wanderungen weiter aus, bis ins Mürztal. in dessen «telegenen Dörfern es damals besonderes Aufsehen erregte, wenn Juden kamen. Hebräer nannte man sie dort, und ine wahrsten Sinne dieses Wortes waren sie exotische Fremde in dein Lande, in dem nur mehr die Namen von JudenburU und Judendors an das Vorhandensein von Judengemein de» erinnerten. Währenv sich die jungen Juden da in einer Wirtsstube nach den Strapazen des Weges an Milch unfc selbstbcreitem Sterz gütlich taten und ihren Storni ordneten, kam auch bcc Pfarrer des Ortes. ,rm selbst die Söhne des Volkes der Bibel zu sehen und mit ihnen seine hebräischen Kenntnisse aufzufrischen. DaS Jahr 1848 fand unseren Baker bereits zun» erstenmale verheiratet und in Secks Haus bei Wien ansässig. Hi« wohnten viele Juden, die in Wien, kein Aufenthaltsrecht besaßen, und wir hörten manches über das Wien des Vormärz. Die Stürme der Revolution trieben unseren Baker wieder in 'die Heimat. Auch nach der Revolution war de» Juden der Ülusenthalt in den niederösterreichischen Landstädten noch lange nicht unbeschränkt gestattet, und uns« Vater mußte mit einigen anderen Mattersdorfer Indra, die tagsüber in Mödling ihren Geschähen nachgingen, i» Wiener-Ncudors wohnen, da Juden in Mödling noch nicht übernachten durften. Da besorgte abwechselnd einer d« Männer den Haushalt der ganzen Gruppe, und vor de» Feiertagen fuhren alle zu ihren Familien. Es waren die Pioniere der Zerstreuung, die in ähnlicher Weise lebt?» wie heute unsere Chaluzim. die Vorboten der Sammlung. Als dann jm Jahre 1867 die Beschränkungen des jüdischen Wohnrechtes in ganz Österreich fielen, übersiedelte» zahlreiche jüdische Familien aus den westungarischen Gemeinden nach Niederösterreich: die Juden, die üish« in Nendörfl und Neufeld, den ehemals ungarischen Grenzorten hatten wohnen müssen, zogen nach Wieiier-Neustadt und die au-s Wiener-Neustadt nach Mödlingi Gemeinsam mit Mordche Deutsch und anderen Mattersdorfer Juden gründete nun hier unser Vater die heute zirka 600 Seelen zählende Judengemeinde. Seine erste Ehe war kinderlos geblieben, uni» als seine erste Frau gestorben war, ließ die schöpferische Lebensenergie den bereits im 6 t. Lebensjahre üehendeir Mann nochmals heiraten. Stets batte er verschmäht, mehr zu erwerben, als zum Lebensunterhalt unbedingt erforderlich war; er war in seiner Verachtung aller Gründungsmöglichkeiten eine personifizierte Widerlegung. de: Mär von der Geschäftstücktigkeit und dem llnternehmeriinn unseres Volkes. An, Samstagnachmittagen kam auch Onkel Berk — „ auch er ruht längst schon im Garten Eden — zu uns und ^berichtete, was er in jüdischen Zeitschriften über die Gründung der. ersten Kolonien in Palästina gelesen hatte» und sehnsuchtsvoll wurde da von den Möglichkeiten einer Ansiedlung im Lande der Bäter gesprochen. Hätte unserem Vater nicht die Scholle gefehlt, er wäre mit seiner Liebe zur Natur, seiner innigen Frömmigkeit und seinem Wissensdurst ein richtiger Talmudbauer geworden. ' Seine größte Freude war es in späteren Jahren, wenn er sich über ein lateinisches oder griechisches Zitat in den Schriften d« Binristen von mir Aufllärung geben lassen konnte. Ms ich ihm einst beim Nackhausegehen aus dem Bethause meine Gedanken über den inneren Sinn, den ich in der festgelegte» Reihensolge der Bitten im täglichen Achtzehngebete'gesunden hatte, mitteilte, da dankte er bewegt dem Allmächtigen, der ihn dieses Glück erleben ließ. Noch im Alter von 89 Jahren, 14 Tage vor seinem Tode, las er mit mir Humboldts Kosmos und den Traktat Sanhedrin mit gleiche» Interesse, als sollte er noch zwei von den köstlichsten Früchte» der Geister SemS und Japhets mitnehmen in die Sphären des Lichts. ' ' * Während unser Vater die jüdischen Typen des Chassis und des Maskil in sich «reinigte und unser Vaterhaus fest im Judentum verwurzelt und nur von jüdischem Geiste und jüdischer Betätigung beseelt war, sollten wir, wenn wir kn den Ferien zu unserem O"kel Heinrick fahren dursten» eine ganz andere Welt kennen lernen. Er war Bolksschuklehrer in Pottschach und der einzige Jude in diesem Orte. Auch er war — iin Jahre 1872 — in DUchtersdorf geboren und hatte in denselben dumpfen Winke'gäßchen und im selben Cheder wie unser Vater seine Kinderjahre zugebracht. Aber da wurde der Dajan Reb Ahron Länger, von dessen.