Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1922)
- Date
- 1922-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2692297-2693277-2693281--11736-2707231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ISlI n); i bis Erscheint wüchentlicham Donnerstag. BezugSpreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert Mk. 6.75, bet der Neuen Jüdischen Presse Mk. Y.50 frei ins Haus. Bei Zuseydung durch Streifband für Deutschland Mk. 66.60. für Ausland 16 franz., 5 schweiz FrcS., 3 holl. Fl.. 6 Shilling. 2 Dollar lährlich. im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis JnsertionSpreiS für die sechSgefpaltene Ronpareille-Zetle 256 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 8.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoneen-Armahme bei der - Expedition und in allen Snnoncen-Bureaus. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 2». Jahrgang. Donnerstag, de« 28. Tewes 5682 (26. Januar 1922< «r. 4. fl 39 ) ■ >kal. infie. % Welt] Awiwl ewerb dinge a 500! Aus-I lt ein •essen ir die rollen auch ihren flicht rt ikfurt, Gott verhärtete Pharaos Herz. .Gott verhärtete Pharaos Herz". Tiefes Mitgefühl mit in tragischen Schicksal des Aegypterkönigs steigt aus; philosophischere Köpfe aber frage», wo bleibt da der freie Sille, GottcS Geschenk an den Menschen, und wo ist da »r Schuld- Pharaos Geschick ist wahrtich ein tragisches. Der »nächigstc, als Gott angebetete Mann steht vor seinem Bolle |i ohnmächtiger Nichtigkeit. Die Ausbietung seiner ganzen klugheit — ivcr den Bibeltcxt zu lesen versteht, lernt in jharao eine» der geschicktesten, feinste» Diplomatentöpie ieniien — und die Aufbietung der Klugheit seiner Weisen nrinögcn nur das eine, de» Knoten der Ohnmacht noch rster zu ziehen, — und nur eines bleibt ihnen als Resultat ll ihres Mühens: Die schäumende Witt des sich in Ketten esesselt fühlenden Riese». Dost Pharao i>» entscheidenden Momente jedesmal das falsche tat, ward ihm zum Verhängnis, — und die Ursache!u diesem Schritte lag in der Unbeugsamkcit seines Pharaopiltens: — das ist's, von dem gesagt wird: „Gott verhärtete iharaos Herz." ' GotteS Voraussicht, die die feinsten Regungen jeder lenschlichcn Seele kennt, lenkte die Ereignisse so, dag die leelc Pharaos starr und stark blieb. Es lag im freien iillcu Pharaos, anders zu handeln. Seine freie Willens- Mtschlicstnng lvar nicht im geringsten eingeschränkt, - - roch sein Wille reagierte auf die äußeren Geschehnisse io, >aß sein Schicksal seinen Lauf nahiri. Wäre Pharaos Wille nn biegsamer, sanfter gewesen, so hätte er nicht das unlenschlichc, unerträgliche Joch auf das Volk Israel gelegt. — mb damit hätte er sich dann aitch die zehit Plagen mit ihrem tragische» Ansgang erspart. Aus des Menschen Tun er- «achsen die weiteren 'Ereignisse! Uebrigens wird in der Bidet nicht mit einem Worte ünc Bewertung der Handlungsweise Pharaos gegeben. Ob -ine Handlung gut oder böse ist, entscheiden die Motive, >ie zu ihr führten, mit alle» ihren Ilmständeii, nicht die Handlung selber. Die gleiche Hatidlung kann je nach de» iotiven und ihren Umständen gut und böse sein. Dort, in :» Motiven liegt der Schwerpunkt deS freien Willens, lin den Handlitiige» dagegen der der göttliche» Leitung des ienschengeschickeS. An die tiessten Probleme menschlichen Denkens rührt Idee Sah: „Gott verhärtete Pharaos Herz." — er gibt aber »gleichzeitig einen ausheUendcit Blick in diese Probleme, denn die Tragik der Handlung ertvächst ail? dem in freieiu Willen betätigten Denken. Der freie Wille ist daS Primäre, die göttliche Leitung des Geschickes bestimmt erst hiernach ihre Entscheidung. Damit tvird dem Mensche» allere Zeiten die Lehre, nach dem Willen Gottes, zu denken, d. h. gut zu denken, damit Gott des Menschen Handlungen, sein Geschick günstig lenke. Rabbiner Tr. Nobel m Wir bringen heute, da des Verewigten sterbliche Hülle noch nicht zur Ruhe gebettet ist, nur eine kurze Würdigung, Die nächste Nummer wird dem Andenken des Verewigten gewidmet sein. Ein Denker und ein Dichter war Rabbiner Dr. Aast o » Nobel. Er war ein Denker von Originalität und Kraft. Sein nie rastender, kritischer Geist mühte sich uni die Geheim- | nisse des Lebens. Und er war ein Dichter. In seiner Seele erklang s der Rhythmus der -Sprache, und wie ein begnadeter Künstler in den Lehm greift'und ihn nach! Beliebe» formt, so meisterte und gestaltete er das Wort. Diese ungewöhnlichen Begabungen der Persönlichkeit fanden in einein phänomenalen Wissen als Frucht der Lebensarbeit ein weites Feld, sich auszuwirken. Ein staunenswertes talmudische» Wissen, als wenn nie anderes als die Folianten des Talmuds sich dein Sinnen und Lernen dieses strebenden Geistes geöffnet hätten, vereinigte sich mit souveräner Beherrschung der Philosophie „nd einer glänzenden Aklgemeinbildnng. Rabbiner Dr. Nobel hätte einen Lehrstuhl an der Universität geziert, und sein Kolleg wäre eines der bei sachteste» und wirk»»gsvollste» geworden. Ihm war die typische Gelchrtennatur eigen, und das; er einen, Rabbinatssitz einnehmen mnstre, brachte seinem Schassen vielerlei Hemmung. Wie rin Meteor plötzlich aufleuchtei und entschwindet, also war's mit dem Leben dieses bedeutenden Geistes. Erst hier in Frankfurt »nd erst in den letzten Jahren fand er — gewissermaßen im Anschluß an das hiesige Universitätsleben — eine Jüngerschar, die ihn erkannte. Das Publikum ahnte die geistige Bedeutung seines Rabbiners, seine Gemeinde in der Synagoge anr Börneplatz verehrte ihn und war stolz aus ihn, — doch ui» den Wert dieses Geistes würdigen zu können, bedurfte es akadeinischer Schulung. Was tvollte er lehren? Das Judentum, das ihm als Höchstes galt! Und seine Jüngerschar hat ec es, der ausgestattet war mit allem Rüstzeug modernen Wissens, nicht nur als Ideal der Väter, sondern auch als Ideal der Söhne und der Enkel gelehrt. Aber er liebte auch die Träger des Jndenkuins, das jüdische Volk. Er hatte, als der Ruf Herzls ertönte, vielleicht als einziger orthodoxer Rabbiner Deutschlands den Mut, sich ossen dein Zionismus anzuschlietzen, und im August 1604 eilte er nach Preßburg, um der ersten ^Misrachi-Kvnferenz beiziiwvhiicil. Er ivilrde sogleich ins Präsidium gewählt und blieb Jahre hindurch in der Leitung des Misrachi. Me sehr er Palästina liebte, bewiesen die letzten Worte, die er sprach: Erez Israel! Erst »0 Jahre alt, ist Rabbiner Nobel Dienstag früh 4 Uhr an Herzschwäche verschieden. Noch am letzten Sabbat patte er in der Synagoge den Barrnizwoh-Knaben Worte der Lepre mit ins Leben gegeben, und noch am Samstag abend hatte er im Freien Jüdische» Lehrhans gesprochen. Bereits am Sterbetage fand eine Sitzung des Vorstandes und des Dertreterkolleginms der Israelitischen Gemeinde statt. Jnstizrat Dr. Blau und Dr. Merz back, machten sich zum Interpreten der Gefühle, von denen die Versammlung getragen war. Sodann teilte Justizrat Dr. Blau mit, daß die Gemeinde ihren großen Entschlafenen in einem Ehrengrab beisetzen werde, und daß nach seinem letzten Wunsche weder seine irdische Hülle in die Synagoge gebracht, noch Reden bei seiner "Beisetzung gehalten werden dürfen. -- , Die Jude» des Burgenlaudes. Bon L. Moses. l. Volk und Land Rach langen Fährlichkeiten ist die weslungarische Frage nunmehr endlich so weit gediehen, daß das Burgenland mit. Ausnahme der Stadt Odenburg und ihrer nächsten Umgebung durch österreichische Truppen besetzt Werse» konnte. Die Juden Deutschösterreichs erhalten dmnit einen Zuwachs von einigen tausend Seelen, und es dürfte wohl allgemeinem Interesse begegnen, einiges über die Jude» Westnngarns zu erfahren. Die Juden des Burgenlandes sind zum größten Teile Nachkommen der im 14. und 13. Jahrhundert aus Niederösterreich und der Steiermark (Judenburg, Graz und Marburg) vertriebenen Juden, die sich entlang der ganzen Grenze auf den» damals ungarischen Territorium vornehmlich unter dem Schutze der Grafen Esterhazy ansiedelten. Diese waxen Herren eines großen Teiles des nunmehr an" Oesterreich, fallenden Gebietes, und so entstanden auf ihrem Grund und Boden meist in de»> entlegensten »nd rrngesuridesten Winkeln großer Dorfgemeinden. die Schema Kehilloth, das heißt sieben Gemeinden, deren Ruhm in der alten jüdischen Welt weithin bekannt »vor. Diese Gemeinden waren, ähnlich den alten mährischen Judengeineinden, auch politisch antonoin und büßten diese Stellung erst vor »venigen Jahrzehnten nach und nach und zioar oft infolge kleinlicher innerer Streitigkeiten ein. Nur die Stadt Odenburg gehörte z» jenen „Dergstädten". in denen den Juden der Aufenthalt verwehrt war. Vielleicht verdankte das alte Sapronia (Sopran) gerade diese»» Vorzug die Verödung, die ihm zu seinem deutsche» Narnen Odenburg verhalf. Erst seit den» Jahre 1848 wohnen Juden in Odenburg, das jetzt die größte und bedeutendste Judengemeinde des Landes bildet, und zerstre»»t als Krämer in fast allen Dörfer« und dem bekannten Kurorte Sauerbruiin. Biele von den i»r dieser (siegend üblichen Judennmnen »veisen denn auch auf die deutsch-österreichische Herkunft der hier seit mindestens sechs Jahrhunderten seßhaften jüdischer» Bevölkerung, wie z. B. Wiener, Österreicher, Neustadt usw. Viele Jikden Westungarns stammen aber auch (ebenfalls leicht an ihren Fainilicnnamen erkennbar; aus Böhineu, Mähren, Unzar.,, Polen usw., und manche Familie leitet sogar ihre Herkunft von spanischen Juden ad. Di: Sage behauptet ja auch, daß die Geineinde Mattersdorf von sechs Brüder» ans dem Stamme Lcvi, die ans Spanier» dorthin verschlage» worden, gegründet ivorden sei, deren Nachkornnren noch jetzt den Namen Lchischa (Sechs) führe». Die berühinteste dieser siebe»» Gemeinde» ist Eijenftadi, dessen Name zugleich mit de,n Meharanr Asch' in den Judengemeinden des ganzen Kontinents mit Verehrung gerannt wurde, eine Gemeinde voll stolzer Ueberlieseruiigeii, die nrcker anderen Persönlichkeiten auch den erst vor einiger Zeit verstorbene» Wiener Professor der internen Medizin Moriz Benedikt hervorgebrachr hat. Noch ist in dieser Ge- ■ Moriz Benedikt hervorgebrachr ljat. Noch ist in dieser Geineinde das Wirken Rabbi Israel Hilaespeirner in frvchec Erinnerung, der von hier nach' Berlin berufen wurde Bis in die entferiiteftc» Judenftädtchen Ostgaliziens. berühmt ist auch Mattersdors. dessen Jeschiwah mir der PreßburgS wetteiferte und noch hcritr von Jünglingen aus weiter Ferne ailfgesucht wird. Wenn man mir der Südbapr» von Wiener-Neustadt »ach Odcnbnrg fährt, erblickt mau vom Waggonsensier aus, am untersten Ende des stattlichen Marktfleckens im Gew irre der Häuser des Judenviertels die Fahne aus dem Dache der altehewürdigen Synagoga und den ausgedehnten jüdischen Friedhof, der unter änderest das Grab eines Märtyrers namens Leive» birgt und von inanchein frommen Juden aus Wien zu seinem Begräbnisptatz bestimmt »vurde. Wird doch Martersdorf seiner besonderer» Frömrnigkeit wegen halb scherzhaft .Jllein-Erez-Jsrael" genannt. Früh und spät »oird dort arr allen Enden des Inden- Viertels das Studium der Thorah betrieben und wen» auch der jetzige Rabbiner, ein seit vielen Jahren schwer neroenleidender Mann, sich persönliche Zurückhaltung anferlegen muß, so ist dafür sein Sohn, Rabbi Samuel Ehrenfeld, ein umso rührigeres geistiges Oberhaupt seiner Gemeinde. Nicht minder berühmt ist auch Deutsch-Kreuz, dem die Juden sogar einen eigenen Namen „Zetern" (Zeichen) gegebeitzhaben, ebenfalls «itz einer alten Jeschiwah. Ferner gehöre»» ' zu den Schclva Kehilloth noch Kodersdorf, das einen Kohlensäurebrnnnen besitzt und uniee österreichische: Verwaltung zn einem schönen Kurort werden dürfte, Lakenbach, Frauenkirchen und Kittjee, dessen Gemeinde seit Jahrzehnte» last gänzlich nach Wien und Preßburg abgewandert ist. Nicht zu den Schema Kehilloth, sondern zu einer andere»» Gruppe jüdischer Gemeinden, die im Eisenburger Äomitar liegen, geboren »och die Gemeinden von Güssing und Rechnitz. Es bedarf wohl teiner besonderen Betonung» daß die Juden Westnngarns sich durch Fleiß und Regsamkeit auszeichne». Sie bilden eines der tätigsten Elemente in der Bevölkerung des schönen Landes, oh>,e jedoch das Wirtschaftsleben etwa zu beherrschen. Ihr Verhältnis zn ihrer nichtjüdischen Umgebung ist ei» zienllich gutes. Während sie früher fast - ganz aus den Hausierhandel angewiesen waren, den sie zum großen Teile in Niederösterreich und Steiermark betrieben, hat sich ein Teil schon im Lause der letzten 60 Jahre wieder ans österreichischem Boden seßhaft gemacht und bildet hier den Grundstock der Judengemeinden von