Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1922)
- Date
- 1922-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2693277-2693280--11729-2707223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FrankfurterLsmelttisches Familienblatt Redattion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Gsis Jnserttonspreis für die sechSgespaltene RonpareWe-Zeile 250 Pig., für die Reklamezeile Mk. 8 —. Platz- und Datum- Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Bnnoncen-BurrauS. — Konto Sei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheint wöchentlich am Donnerstag. LezugspreiSpro Viertelj.ahr: Bei der Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 ftei ins HauS. Bei Zu- ' sendung durch Streifband für Deutschland Mk. 80.00. für Ausländ 10 stanz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. 20* Jahrgang. Donnerstag, den 19. Tewes 50S2 (19. Januar 1922 Rr. 3. MoseS ging hiuans zu seinen Brüdern. „Moses ging hinaus zu seiueu Brüdern", — oicser unscheinbare Satz, der an dem prüfend wertenden Denken so leicht vorbcischliipft, gehört zn den Edelsteinen der Thora. Von welcher Seite und nach welcher Seite man ihn auch wendet, stets durchbricht ihn das Feuer höchster Weisheit Ein gewaltiges, glänzendes Bild erscheint vor dem Auge: Der Hof des Pharao von Aegypten, des- Pharao, der nicht nur der mächtigste König seiner Zeit war, sondern noch überdies von seinem Volke als Gott verehrt wurde. Eine Götterkaste über einem nach Kasten eingcteilten Volke. Und in dieser Götterkaste, die selbst zn der höchsten Kaste des eigenen Volkes keinerlei seelische Verbindung empfinden konnte, als Gleichberechtigter der von der Tochter Pharaos als Sohn erzogene Moses. Dieser Moses geht nun hinaus zn seine» Brüdern, die als Sklaven noch unter der niedersten Kaste des Aegyvtervolkes gewertet wurden, denen gegenüber der niederste Acgypter mindestens denselben unüberbrückbaren Unterschied fühlte toie der Götterhos des Pharao zn.de» Höchsten des Aegnptervolkes! Ob es in der Weltgeschichte einen zweiten Fall gilt von der Seelengröße dieses „Hinansgchens" ans der Well eines Pharao in die einer überhaupt nicht mehr als Menschen angesehenen Sklavenhorde? Dabei lebt in Moses nichts von der.unbedachten Tollkühnheit des Helden, int Gegenteil: jedes Selbstvertrauen fehlt ihm. Und trotzdem tötet er einen Acgypter, der das Selbstverständliche tat, einen Sklaven zn schlagen, er tötet ihn, weil dieser geprügelte Sklave — und es war ihm nach Sklavenrecht vielleicht Recht geschehen — ein Hebräer, einer seiner Brüder war. Diese eine Tat erwählte Moses zur göttlichen Berufung, seine Brüder zu erlösen, sie als Volk aus 'Aegypten hinaus- »nd znm Berg Gottes hinzuführen. * Wir haben heute keine Pharaohöfe mehr. Die Menschen, die die Welt im Groszen und im Kleinen beherrsche», wissen, daß sie Menschen sind. Und trotzdem gähnt in jedem Volke eine weite Kluft zwischen den Beherrschenden und der Masse des Volkes. Deshalb steigt wie einst in dem Aegypten Pharaos heute noch, in jedem Volke unendlich viel Seufzen auf zu Gott, und des Elends ist's kein Ende. Zum Volke gehen, — daß die durch ihre soziale Stellung Herrschenden zum Volke gehen, weil das Brndergefühl des Menschen zum. Menschen in ihnen mächtig geworden ist und es sie schmerzt, Menschenbrüder unk das Nötigste kämpfen zu.sehen, während sic im Ueberfluß vergeuden, — dieses Hinausgehen aus allen kleinen, egoistischen Erwägungen bes Jchs zu der gerecht und liebevoll empfindenden Brnderliebe bringt noch. heute Erlösung aus allem Niederdrücken- Len und Niederbrechenden der Gegenwart. ■ ■... ' .'. Vom Allgemeinen zum Besonderen, von der Menschheit zum jüdischen Volke, dem vor allen Dingen aus dem Satze „Moses ging hinaus zu seinen Brüdern" Lehre werden soll. Auch unserem jüdischen Volke kann nur durch das .„Hinansgchen" Erlösung werde», lvenn über alle Partei- Düngen und Zerklüftungen hinweg das Brudergefühl siegt Uüd so die Einigkeit und Einheit schafft, die allein die Kraft gibt, nicht nur allem Zerfall Einhalt zu g.'biete», sonder» auch den Weg zn einer freien, würdigen Zukunft zn bereiten! Bielen ist ihre. Selbstgercchttgteit, ist ihr Glaube, sich für die besseren, nein für die besten Inden zn halten, eine solche Mauer,, die sie von ihren Brüdern trennt, wie einst der. Pharaohof eine Mauer nach.außen.war. Mose« ging hinaus zu seinen Brüdern und brachte deshalb Erlösung. Auch die durch Kenntnis und Beobachtung des Judentums Hervorragenden unter uns sind befähigt, Erlösung zn ' bringen, so sie nur sich nicht abschließen, vielmehr hinausgehe» zir ihren Brüdern! Die Palästina-Aktion der deutsche» Jndenheit. Die jüdischen Zeitungen Deutschlands bringen in dieser Woche einen Aufruf an alle deutschen Inden zur Beteiligung an dem K e r e n H a j e s s o d i jüdisches Palästinawerk). Diesem Aufruf kommt, wie man ohne Ueberireibnng sagen darf, eine historische Bedeutung in der Geschichte des deutschen Judentums zn. Die Palästinafrage, lange Jatzte hindurch das erbitterte Kcinipsobjekt der jüdischen Parteien, ist «mit einem schlage den inneren Kämpfen entrückt worden und zum großen, einigenden. Faktor geworden, der zum ersten Male alle Kräfte der deutschen Jndenheit zn einer gewaltigen, entscheidenden Aktion verbindet. Schon als im November 1917 der englische Austenminister Lord Batfonr der Zionistische» Organisation die Erklärung abgab, daß die englische Regierung die größten Anstrengungen mache» werde, um das Ziel des Zionismus, die Schafsung der nationalen Heimstätte des indischen Voiles in Palästina zu verwirklichen, wurde die Erkenntnis größer und größer, daß die Aufgabe, das jüdisch: Palästina zn erbauen, zu einer Tlnfgabe der Gesamt- Inden» heit werden müsse. Als dann die anderen Mächte der Entente ihre Zustimmung zur Balfour-Erklärung publizierten, als auch die Zentralmächtc ihrer Sympathie für die jüdische Palästina-Bewegung Ausdruck gaben, als führende Männer in Politik, Wissenschaft und Kunst die historische Bedeutung dieser Bewegung anerkannten, da begann das Eis zu schmelzen. Bis dahin hatten viele Nichtzionisten geglaubt, der Aufbau Palästinas als des jüdisch.'» Zentrums sei eine Utopie. Der Zionistischen Organisation wird das Verdienst bleiben, unter den schwierigsten Verhältnissen den Palästina- Gedanken vertreten und propagiert zn haben: ihr oleibt weiterhin das Verdienst, die politischen Voraussetzungen für den Aufbau des Landes geschaffen zu haben. Der Ausbau selbst wird Sache der Gesamtjudenheit sein. In der Tat hat ja auch in denjenigen Kreisen, die nicht auf zionistischem Standpunkt standen, das Gefühl einer Verbundenheit ncit Palästina nie anfgehört. Weite Kreise der Nichtzionisten haben stets lebhafte Sympathien für alle Bestrebungen gehabt, die in Palästina landwirtschaftliche jüdische Kolonien schaffen wollten, und schoir immer existierten jüdische Organisationen, die derartige Tendenzen unterstützten. Aber erst jetzt ist cs gelungen, alle Kreise der deutschen Jndenheit zn einer Aktion züsammenznfassrn, die nicht einzelne Aufgaben in Palästina lösen will, sondern die große^Aufbau-Aktion durchführen wird. Die Ausgaben, die der großen Keren Hajcssod-Aktion .bevorstehen, sind zahlreiche. Es handelt sich darum, Boden zu kaufen, Einwanderer ins Land zn bringen, den Boden zu kultivieren, neue jüdische Siedlungen zn schaffen, moderne Verkehrsniittel, wie Eisenbahnen, Straßen, .Kanäle und Häfen zu schassen, moderne Bank- und Kreditinstitute ins Leben zu rufen und anderes. Die Schwierigkeiten, die der Durchführung dieser Arbeiten ini Wege stehen, sind nicht gering, aber sie werden übenvnnden werden, wenn da-s Vorbild, das Deutschlands. Jndenheit durch den Zusammenschluß zu einer einheitlichen Aktion gegeben hat, bei den Inden anderer Länder Nachahyning findet. Die deutschen Zionisten haben bereits begonnen, im Kreise ihrer Anhänger die Keren Hajessod-Aktion durchzuführeit.. Sie haben dabei, altem jüdischen Brauch folgend, das Prinzip des Maaßers zugrunde, gelegt, indem sie jedem Zionisten die Verpflichtung auflegten, 5 Jahre hindurch 10»/o des Einkommens und einmalig 10°c> des Vermögens für den Aufbau Palästinas zu geben. Diese Forderung entspricht der Größe und Bedeutsamkeit, aber auch der Schwierigkeit des Unternehmens. Nicht mir kleinen Beiträgen wird Palästina aufgebaut werden! Es ist gelegentlich der Eivwand erhoben woreen, daß bei dem niedrige» Stande der deutschen Mark die in Deutschland gesammelten Betrüge in Palästina keine große Wirkungsmöglichkeit haben "können. Es ist deshalb beschlossen worden,; die in Deutschland gesammelten Gelder des Keren Hajessod in. Deutschland zn verwenden. Es sollen liier Wären gelaust werden, z. B. landwirtschasiliche Maschine», Palästinawandercr mit der notwendigen Ausrüstung versehen, sowie Ausbildungsstätken geschafscir werden, um Paläüinapionieren die für das Land erforderliche landwirtschaftliche oder handiverkliche Ausbildung zu geben. Auf diesem Wege wird erreicht werden, daß. den Geldern der deutschen Keren Hajessod-Sammlung die größte denkbare Wirkungsmöglich-- keit gegeben wird. Wer die Namen liest, die den Aufruf für den Keren Hajessod unterschrieben. haben, wird nickt daran zlveiseln können, daß die Gesamtheit dieser Namen die deutsche Jndenheit in all' ihren Parteien- Gruppen und Schattierungen umfaßt. Führende Männer der großen jüdischen Gemeinden Deutschlands haben diesen Aufruf unterschrieben I tvir finden die Rainen von Männern, die für die verschiedensten jüdischen Organisationen Deichschlands als typische Vertreter angesehen werden können, s» beu Geh. Justizrät T iin c n d o r se r, bekanntlich den Großpräsiventen der 11. O- B-'B. -Logen, den Vorsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes Professor Dr. Kalischer, den Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Jugendvereine Dr. Apfel. Neben diesen Namen finden wir deutsche Rabbiner der verschiedensten Richtungen und die Führer der Zionistische» Vereinigung für Deutschland. Wir zweifeln nicht daran, daß dieser Aufruf Erfolg haben wird. Die ganze Welt sieht heute aus das jüdische Voll. Die politischen Voraussetzungen sind uns gegeben ivvrden, um endlich einmal ein großes aufbauendes jüdisches Werk z>l schassen. Wir werden der Welt zu beweisen haben, daß das Vertrauen, das die Großmächte in uns gefetzt haben, berechtigt, gewesen ist. Der Zusammenschluß aller Teile der deutschen Jndenheit zn einer großen Aktion bedeutet einen Schritt zur Realisierung unserer Palästtnahossnungen: der nächste Schritt wird die große Sammlung sein, zu der hier anfgerufen wird. Wir vertrauen darauf, daß auch dieser Schritt uns unserem Ziele näherbringt. Martyrinm jüdischer Flüchtlinge. Rumänische Soldaten haben an der russisch-bessarabischeii Grenze furchtbare Schandtaten an jüdischen Flüchtlingen aus - Sowjetrußland verübt. „Mantuirea" berichtet von Fällen, in denen solche Flüchtlinge, darunter auch Frauen und Kinder, getötet oder ihrer gesamten Habe beraubt wurden. . „Ülddevernl" bespricht in einem Artikel die Raub- und Mordtaten. Diese Zustände dauerten an, obgleich der Minister des Innern eingeschritten sei. Das Blatt berichtet von einem gräßlichen Fall aus' den. letzten Tagen. Eine Gruppe von acht Personen wurde von einem Grenzposten in gräßlicher Weise verstümmelt und dann erschossen. Die russischen Behörde» forderten, daß eine. Kommission von vier Offizieren die Erlaubnis erhalte, über den Dnjestr zu komme», um sich über die Vorfälle zu erkundigen. Die erbetene Erlaubnis wurde erteilt. Mag es auch seltsam erscheinen, schreibt das Blatt, daß eine Kommission fremder Offiziere auf unser Territorium zum Zweck einer Enquete kommt, Tatsache ist jedenfalls, daß die russischen Offiziere die Erlaubnis erhielten, — doch — nach [feilte eingelangten Nachrichten steht es fest, daß »diese Offiziere von den Grenzsoldaten ausgeraubt und erschossen wurden. Diese Tatsachen sind nur einige von den Taten, die in präziser Form bekannt sind. Es Wirt» sogar vom Ansstand eines ganzen Dorfes gesprochen als Folge der Verbrechen, die von dem dortigen Militär begangen wurden: dieses schändete und plünderte, als wäre es in einer Negerkolonie. Mit dem Bericht über all diese Schreckenstaten, deren Urheber der Kapitän M a r d a r i e ist, begab sich der Minister des Innern ins königliche Palais. Der König ließ sofort Take Jonescu und Kriegsmiuiftrr General Holban rufen. Die Diskussion, die hernach folgte, dauerte fast zwei Stunden. Der König erklärte, er werde nicht dulden, daß diese Situation auch nur n o ch e i n e-n T ag dauere. Der Ministerpräsident versorach, de strengsten Maßnahmen gegen die Schuldigen zu ergreifen. Er wurde auch die Angelegenheit des Belagerungszustandes besprochen, dem zum größten Teil diese Schreckenstaten zu danken sind. Hilfe für Waise» im Osten. In Wolynien, Polen und Mittel-Litauen befinden sich in e h r a l s 30 OOO jüdische Waisenkinder, die ihre Eltern im Kriege oder während der Pogrome, verloren