Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«Seite 4. Preiswerte, aparte Tr äner - Kleider; * in guten Woll- und Seidenstoffen. ' W Anfertigung nach Maas. 'MU in kfirzeBter Frist. Hans Nerger, Hochstr. 26 pt. Züchtigung, was sie veraulaßte, nach, dem Hause ihrer Nachbarin zu fliehen. Die'alte Maurin benutzte diesen Anlaß, sich zum Kadi zu begeben und chm zu erklären, das Mädchen habe in ihrer Wohnung Zuflucht genommen, sich zum Glauben des Propheten bekannt und den Namen Allahs angerufen. Zulekiah mußte vor dem Kadi erscheinen, leugnete aber aufs Bestimmteste, ihre Religion verändert oder einen solchen Schritt auch nur beabsichtigt zu haben, weshalb man sie einsperrc» ließ, während der Kadi dem Hofe Bericht abstattete. Der Kaiser befahl, sie nach Mequincz zu schicken, wo er. damals seine Residenz hatte, und bei ihrer Ankunft wurde ihr ein Gemach im Harem angewiesen. Man bot ihr prächtige maurische Kleider an, — doch sie-lehnte ab und beteuerte ihre Anhänglichkeit an die israelitischen Sitten und Gebräuche. Dreimal wurde sie vor den Richterststhl des Kaisers berufen, wo sie mit der größten Unerschrockenheit fortsuhr, ihre Abtrünnigkeit zu leugnen, obgleich ihr gesagt wurde, die Annahme des Islams sei das einzige Mittel, ihr Leben zu, retten. Das dritte Mäl wurde endlich ihr Todesurteil ausgesprochen. Sie wurde sogleich von der Wache ergriffen und unter dein Zulauf des Volkes nach dem jenseits der Stadtmauern gelegenen Richtplatz geschleppt. Beim Schaffst aiigekommen, drang man von neuem in sie, den Nmnen Allahs anzurusen. Sie erwiderte, die jüdische Religion sei der Glaube ihrer Voreltern gewesen, die deswegen Verfolgung aller Art und'selbst den Tod erlitten hätten, und auch sie würde nicht anstehen, sich für eine Sache aufzüöpfern, für welche Propheten, Sänger und mächtig« Kriegshelden chr Lebe» gelassen. Dem Kaiser sagte sie, rn Gegenwart seines Hofes und Der Wachen: seine Geschenke und Kleider wären für ein jüdisches Mädchen unziemlich und würden ihr einen Fluch zuziehen, wenn sie sie anlegte. Als der Monarch ihr wiederholt, daß sic Muhammed anerkennen oder das Haupt verlieren müsse, antwortete sie, sie sei ebenso bereit die Wahrheit ihres Glaubens mit dem Leben zu bekräftigen, als' er, unschuldig Blut vergießen zu lassen. Von Bewunderung über ihre Schönheit und Festigkeit durchdrungen, ließ der Sultan kein Mittel unversucht, sie von. ihrem Entschlüsse abzubringen, und nachdeni der Henker ihr einen Einschnitt in den Nacken gemacht hatte, frug er sie zum letzten Male, ob sie Allah anerkennen und leben wolle? Sie antwortete mit fester Stimme: „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist mein Gott; ich erkenne keinen anderen." Ihr Haupt wurde dann vom Rumpfe getrennt. Die zahlreichen Juden, die Zeugen dieses Auftrittes waren, vergaßen in der Wut ihre gewöhnliche 'Behutsamkeit: Sie stürzten sich auf die kaiserliche Leibwache, und obgleich mehrere von ihnen schwer verwundet wurden, gelang es ihnen, sich der Leiche des unglücklichen Mädchens zu Neue Jüdische Presse. bemächtigen und sie in der Nähe von Mequinez im Triumph zu begraben. Zulekiah wird seitdem von de» Juden zu ihre» Heiligen gezählt, und selbst die Mauren verehren sie als eine Märtyrerin zum Beweise, daß der Mensch auch, in seiner tiefsten Herabwürdigung ein für das Große und Edle nicht unempfängliches Herz besitzt." Literarische Rundschau. Im Judeuftaat der Ehafarc». (Historischer Roman aus dem achten Jahrhundert von S. Schachnowitz. 278 Seiten. Frankfurt, Verlag des „Israelit".) Schachnowitz ist ein guter Erzähler, Hierzu geselle» sich jüdisches Wissen und warmes jüdisches Gefühl. Diese Dreiheit macht Schachnowitz' Arbeiten zu beachtenswerten Erscheinungen der jüdischen Belletristik. Der vorliegende Roman behandelt in dichterischer Ausschmückung eine interessante Periode der jüdischen Geschichte, den Uebertritt des Krimvolkes der Chasaren zum Judentum und das tragische Schicksal der Chasaren. . Talwudische Weisheit. “ (Altjüdische Wechselgespräche. Eine Auswahl für die jüdische Jugend von Chajim Bloch. 46 Seiten. Verlag „Das Leben", Wien 20, Rafaelgasse 1/16.) Vorliegende Sammlung ist eine Auslese aus Blochs Werk „Aus der Agada". Sitteulehrer von Dr. Z u n z. Mit Anmerkungen von I. E l b o g e n. 46 Seite». 1321. Frankfurt a. M., I. Kauffinann Verlag.) Zunz wollte darlegen, wie sich, im mittelalterlichen Frankreich und Deutschland frei von fremden Einflüssen die Sittenlehre der Bibel und des Talmuds entwickelt hatte. Sittliche Reinheit, gerechtes Denken und Menschenliebe sprechen aus ihren Lehren, Lehren, die sich jeder Jude auch unserer Tage zum Vorbild nehmen darf, und die auch, die Beachtung nichtjüdischer Seite verdienen. Letzte Berichte. Cluj (Klausenburg). Der Millionär Eli Hirsch, der sowohl iin politischen wie im jüdischen Leben eine bedeutende Rolle spielte, und der sein Leben der Beobachtung wie dem Studium der Thora weihte, ist verschiede n. Warschau. Wolf Pappe »heim - Wien vom Zentralrat der Agudas Jisroel ist auf der Reise nach Wilna zu' mehrtägigem Aufenthalt hier eingetrofsen. Uuregclmähigkeiterr in der Lirferuug der Leitung liegen an der Post. Beschwerden, Anträge auf Nachlieferung von Nummern oder Zustellung an eine neue Adresse sind daher an den Briefträger bezw an dos zuständige Postamt zu richten Nr. 2 JKonditorei und Caf6 . Ph. Laubenstein Hahenxoliernstrasse 18. Telephon: Hansa 985. . Spezialität: Ananas-Törtchen und Pralines. Ber li n. Generalkonsul Eugen Landau gab zu Ehren des Pros. Weizmann einen Abend, zu dem zahlreiche führende Persönlichkeiten des politischen und des wirtschaftlichen Lebens erschienen waren. U. a. sprach Minister a. D. Dernburg, der mit den Worten schloß, jeder gebildete Deutsche müsse mit der zionistischen Bewegung sympathisieren. Woche»-S»le»der. Samstag, 14..Jan. (14. Tewes). Sabbat-Änfang in Frankfurt 4i/a Ahr (Religionsges.), 4 Ahr 25 (Gemeinde). Sabbat-Ausgang in Frankfurt ö3A Uhr (Religionsges.), 5 Uhr 40 (Gemeinde). > Wochenabschnitt: W a j e ch i. Wochengottesdienst nrorgens 7 Uhr 05 Min., nachm. 41/* in den meisten Synagogen. Pr«*kfnrter Kamtltr«»achrichte». Gestorben. Jeanette Hamburger Wwe. geb. Kahn, 67 I., Humboldtstr. 11 — Ludw. Heimann, 81 I., Leerbachstraße 53 — Geh. Sanitätsrat Dr. Elieser Rosenbanm, Hanauerlandstr. 25 — Jsak Maier Stempa, 52 I. — Sara - Simon Wwe. geb.- Simon, 82 I., Scheffelstr. 7 — Aurelie Lismann geb. Neumann, 73 I., Myliusstr. 56 — Traube Goldberger, 8l I., Grünestr. 32. A«SwSrttgr Fa«ritte«*achrichterr. G e st o r b e n. Bernhard Goldschmidt, Köln — Selma Wolf geb. Hahn, 42-I., Karlsruhe — Kommerzienrat Max Ehrliche Bamberg — Rechtsauw. Max Oppenheimer, 62 I, Karlsruhe — Karl Kaufmann, 90 I., Schotten — Jesajas Beissinger, 76 I., Gondelsheim. Epe«de«. Bei der Nationalfoiidskommission (I. Heimann, Post-' scheck 41441) gingen ein: Chaniikkah-Spende». - Gebr. Oppenheimer 200.—, Rosel u. Flori Cahn, Königstein 10.—, Herm. Speier t. Fa. Gebr. Speier 100.—, A. Mantheim 30.—, Frau Carolina Hamburger 20.— M Rosel u. Flori Eahn, Königstein grat. Selma Levigard z. Verlobung 5.— J£ E. M. z. Jahrzeittage 2 Oelbänme ini Walter Kahenstein-Garten 50.— Jt - Sammlung der Jung - Jüdische» Schaar anl. einer Chanukkahfeier 220.— Jb Spe»denbuck> Martin Levigard und Frau z. Verlobung der Tochter Selma 100.— M Klaßner schwieg. Auch ihm war es, als ob ein ganzes Heer von Ungeziefer in Gestalt von Unsicherheiten in seinem Innern herumkröche. Hat der Zweifel sich erst eingenistet, dann ist es sehr schwer, ihn durch einen festen, vertrauensvollen Glauben wieder zu beseitigen. Er legte seine Arme inn Den Hals der alten Mutter und küßte sie herzlich. „Was ist denn los, Awromele?" rief sie verwundert. „An einem gewöhnlichen Wochentage küßt Du mich?" „Weil Du mir kein Rätsel jbist, weil idji Dich verstehe." Auch nach dieser befremdlichen Erklärung vermochte die Alte nicht ihm dieses Kompliment zurückzugeben. Wenn sie für ihn kein Rätsel war, so waren es seine Worte für sie. — — Und Ellen? Dankerfüllt hüllte sie sich sn ein Behagen, klammerte sie sich an einen Gedanken, der ihr die letzte Zeit als einen wirren Tramn erscheinen ließ. Es war doch gut, endlich ein wenig Ruhe gefunden zu haben, wenn auch nur für eine Weile. Tief unten zwar, so tief, daß ihr Geist kaum den Grund finden konnte, lag das Bewußtsein, das; sie doch, nur den einen Kampf mit einem andern vertauscht hatte. Vielleicht aber bedeutet der Wechsel den Anfang eines Sieges! Die eine Quelle des Widerspruchs war versiegt, in religiöser Hinsicht war sie sich ja jetzt einig; — vielleicht gelingt es ihr auch bei der zweiten, in ihrer Ehegemeinschaft mit ihrem Gatten. — — _L Eine Weile vermochte dieser Gedanke sie aufzurichten; doch bald wieder, mählich und langsam; fühlte sie die Hülle ihrestraumhaften Zustandes sich, lüstep, bis wieder alles mft erbarmungsloser Wirklichkeit und Klarheit vor ihr lag. Sie erkannte, daß sie zwar im Himmel einen Gewinn zu. verzeichnen hatte, da doch der Geist ihres alten Glaubens zu chr zurückgekehrt war, dafür stand ihr aber ein schwerer Verlust auf Erden, in ihrem Eheleben, bevor. Aber sollte denn dies so sehr in Betracht kommen? Wird nicht der irdische Verlust reichlich durch den himmlischen Gewinn ausgewogen? Schließlich dürfte sich die ganze Sache doch nur zu einem menschlichen Zimmer vereinfachen, zu einer häuslichen Unannehmlichkeit, wie sie sich oft int Lichte der Unvollkvmmenheit des Menschenglückes zeigt. Keinem Sterblichen bleiben Opfer und Sorgen erspart, die in verschiedener Gestalt das Leben verbittern: bei diesem die Armut, bei jenem eine Krankheit, hier getäuschte Hoffnung, dort wieder entgangener Gewinn. Bei ihr nun trat es als Zwiespalt ihres Innenlebens auf, mit dem sich! in der einen oder andern Weise äbzunnden galt. Doch ungeachtet ihrer Sophistereien und Haarspalle- .reien fühlte sie, daß der Schmerz in ihrein Herzen imnier stechender wurde, und sie betete täglich und stündlich, Gott möge ihr eine neue Kraftquelle erschließen. So fingen diese beiden Mensche» an, verschiedene Bahnest zu wandeln, jeder nach dem andern sich umschaneiid, .jeder fürchtend, bei einer Wegebiegung sich aus dem Gesichtskreise zu verlieren; jeder seine eigenen Leiden verbergend, daß sie dem andern unbekannt bleiben, voll tiefer Wehmut bei dem Gedanken, daß dem ander» doch bald die Augen äusgehe» würde». Wie Klaßner schon früher glaubte, war es ihre gegenseitige große Liebe, die jeden von ihnen veranlaßte, Schmerz und Sorgen in sich! zu verschließen, um sie dem andern zu verheimlichen. Wie Klaßner in einer Wüste von Zweifeln herunrirrte, griff Ellen nach jedem Strohhalm, um irgend eine Stütze, irgend einen sichern Halt zu erlangen. Vielleicht. konnte dieses durch einen gewissen Ausgleich, durch eine Vermischung beider Religionen geschehen, und wenn es gar nicht anders ging, durch eist inneres Doppelleben, bei dem bald der Jude, bald wieder der Christ den Vorrang haben oder Zugeständnisse machen sollte, je nachdem die Notwendigkeit es erheischt. ' An diesem Gedanken hielt sie mit Behagen fest. Es war ja auch, die Idee gewesen, die Strömer ihr seiner Zeit, wenn auch wie ernen spitzen Pfeil ihr entgcgenschleudernd, gegeben hatte. ' Wie lange war es doch schon her, seit Strömer diese bösen Worte sprach. Sie schienen bereits in der fernsten Vergangenheit zu liegen. Es war lange her, daß sie nicht niehr an ben Vikar dachte; jetzt aber, da er sich wieder ihrem Geiste ausdrängte, sah sie auch seinen flammenden Zorn wieder. Aber nicht seinen Hohn oder Zorn fürchtete sie, sondern den unsichtbaren Einfluß, mit denk er ihr Geschick aus den; Hinterhalt bearbeiten wollte, wie er es ihr ja vorher - angedroht, hatte. Dochfeine Pfeile sollen wirkungslos an der. Liebe zu ihrem Gatten abprallen, dein sie sich äußerlich um so fester anschließen wollte, je weiter sie sich in ihrem iimern Glauben von ihm entfernte. — Mit ihrem Gattest sich fest zusammenschließen! Eine heiße Liebe walte bei ihr auf. Da soll kein Freurder, kein Eindringling sich hineinmengen dürfen, am allerwenigsten der Vikar! Als wollte ein günstiges Geschick ihren Entschluß erleichtern, entstand bald eine Gelegenheit, die ihr und auch Klaßner zeigte, wie sehr ihre Herzen im Einklang Pulsierten und in gleicher Wärme für einander schlugen - Die - ersten Korrekturbogen von Klaßsters Buch waren eben angelangt, und in vollein Einverständnis, ohne irgend welche vorherige Verabredung, setzten sich beide hin, uni gemeinsam diese Arbeit vorznnehmen. Sie wußten beide, daß es nicht einer sorgfältigen Durchsicht wegen geschah, sondern weil es ihnen ganz natürlich schien, keine Gelegenheit vorübergehen zu lassen, ihre gemeinsame Freude zu vermehren, die sich im Gesichte des andern widerspiegelte. Klaßner konnte es nicht glauben, daß unter dieser klaren und strahlenden Oberfläche ein böses, störendes Element lauer» sollte. Er fing an zu glauben, daß jener Anblick mit dem Kreuz nur die Ausgeburt eines nächtlichen Spuckes gewesen sei. Aber, selbst wenn es nicht dev Fall ivar, niußte es seine Ausgabe sein, sich zst diesem Glauben zu überreden. Ellen wieder erkannte dadurch aufs neue, >vie auftichtig und unzertrennlich sie zu einander gehörten, wie sie alles für einander waren. Am besten sei es wohl, wenn sie Artur alles eiugestehe! — Doch wann? Jetzt? Heute?Nein, jetzt noch nicht, aber morgen ganz bestimmt! — — Einen einzigen Tag nur noch! wollte sie sich gönnen. Jetzt, wo die Freiheit so nahe bevorstehend war, war es doch eine gegewisse Wollust, sich, noch einmal die schmerzlichen Tage vor Augen zu führen, um sich! desto besser für die Jahre der Freude vorzubereiten. Und der ersehnte Morgen kam. Sie war zeitig aufgestanden, zeitiger als sonst, so daß Chaje Rachel, als sie zum Vorschein - kam, schon alles für das Frühstück vorbereitet fand. - „Das ist keine Sache für Dich, Ellen. Du siehst ohnedies nicht gut aus," sprach die alte Frau mit einem zärtlichen Glanz in den Augen. - Ellens Lachen klang etwas hohl. „Nicht doch, Mutter. Es ist nur der Nebel, der mich so bleich erscheinest läßt." Als sie .sich, aber zufällig im Spiegel erblickte; fand -sie Chaje Rachels Wort bestätigt: sie war nicht nur sehr, bleich-, sondern sie hatte auch schwarze Ränder um die Augen. Es war ihr lieb, daß Klaßner etwas länger iw Bette blieb, so daß er, als er endlich erschien, nur noch wenige Minuten für sein Frühstück, übrig hatte. Ellen war froh darüber und auch über den Nebel» der eine Betrachtung ihrer Gesichtszüge verhinderte. Es wäre ihr schwer geworden, seinen .Blick auszuhalten> denn schon, das kurze Emporheben ihres Gesichtes, unk seinen flüchtigen Abschiedskuß zu enrpfangen, war ihr nicht leicht geworden. (Fortsehungfolgt.)