Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1922)
- Date
- 1922-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2693277-2693279--11722-2707215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FrankfurterJsraelitisches Familienblatt Iredaktton und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Satz Geis Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSvretSpro Vierteljahr.: Bei der Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen.Jüdischen Presse Mk. 7.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.00. für Ausland 10 franz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl-, 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. JnsertionspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 250 Pfg., für die Reklamezeile- Mk. 8.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-BureauS. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 20. Jahrgang. Donnerstag, de« 12. Tewes 5682 (12. Januar 1922) «r. 2 . Ernährung und Erlösung. SS ü. le; fl » „Hammalochhagaueil — — Der Engel, der mich' von jedem liebel erlöste, segne die Knaben, daß in ihnen mein und meiner Väter Abraham '' und Jsak Name genannt, werde und sie den Fischen gleich werden an Menge aus Erden." Hammaloch hagaueii — — Wem, der auch nur eine etwas jüdische Erziehung genoß, werden bei diesen Dorten die sorglosen Tage seiner Kindheit nicht wieder ivach? Die ersten hebräischen Laute, wenn müde von des Tages Tollen das Köpfchen ins Kissen sank und die Augen sich schließen wollten, war-dieses Hammaloch hagaueil, das das Kind dem Vater oder der Mutter nächsprach, damit Gott des Kindes Schutzengel sende und es frisch und gesund am Morgen erwachen möge. . Hammaloch hagaueil —'• — Und im Nachtgebet des Jünglings, des Mannes und des Greises) der Jungfrau und' der Matrone, durchs ganze Leben hindurch bleibt dieser erste hebräische Satz der Kern, den die anderen Teile des Nachtgebetes umgeben. Was ist nun der Sinn, der diesen Segen des Stammvaters Jakob in seiner Tiefe . ausschöpft? Nur dort, wo der hebräische Sprachgeist in seiner Originalität lebendig ist, nur bei unseren alten Weisen kann Antwort gesucht und gefunden werden. Und unsere alten Weisen meinen, Ernährung und Erlösung seien hier gleichgestellt, deren Bedingung die besondere Fürsorge Gottes ist, denn in dieser Welt des -materiellen Machtstrebens bedürfe der Mensch des täglichen Wunders der göttlichen Erlösung, damit er sich! würdig seiner, göttlichen Seele ernähre. Haben unsere Weisen nicht recht?^— Sich zu ernähren, bezeichnet die ganze Lebensbahn des Menschen. Hierfür werden bereits die Fähigkeiten des jungen Kindes von seinen! Eltern ins Auge gefaßt, und bis zu seinem Tode werden die Gedanken des Menschen durch die Ernährüngsfrage geleitet. Der Anreiz, die Ernährung zum Ein und zum Alles des Denkens zu machen, ist wahrlich auch ein überaus großer. Die Summe materiellen Gsnusscs auf Erden und die soziale Stellung, im Menschenkreise werden von denk Erfolg bestimmt, der im Kampfe um die Ernährung erreicht worden ist, — und so wird zum Selbstzweck, was nur Mittel zum Zweck sein sollte, und so büßt der Mensch sein Hei- Haus »ri4^ ngabi ihalti it'Bili äxped ligstes,. seine . göttliche - Seele, ein. ~ Vor dieser Gefahr will unser Judentum schützen. Schon in dem vorbildlichem Leben der drei Urväter des jüdischen Volkes war der Weg, der vom Irdischen zum Göttlichen wies,'das Charakteristische. Ein Abraham löste sich von allen Vorteilen des Vaterhauses, der Vaterstadt uird des Vaterlandes los, um der Erkenntnis des Göttlichen zu folgen, und <lls er daNn trotzdem zu einem Fürsteri in seiner sozialen Stellung wurde, als die Zahl seiner Diener und seiner Herden seinen Glanz weithin scheinenließen, vergaß er nie" den doppelten Segen, den Gott ihm gegeben hatte: Segen zu empfangen in dem Bewußtsein, Segen auszufftreuen. Jsak war in der Kraft seiner Männlichkeit bereit, auf den Befehl Gottes als Opferlamm, zu dienen, er ging hinaus in die Natur („losuach basodeh"), um der Stimnie «Gottes zu lauschen, und er tröstete sich erst Han» über den Tod der Mutter, als er die ihr gleichwertige Gattin gesunden-hatte. Und Jakob, . der Dulder, ihm. erschien auf der Flucht aus dem Vaterhause in die kalte, feindliche Fremde eines im Materialismus schwelgenden Laban eine Leiter, deren Spitze zum Himmel reichte. Jeder der drei Urväter des jüdischen Volkes'übergab sein geistiges Erbe nicht dem Aeltesten,'. sondern dem Jüngsten seiner Erben, so auch, hierin die materiellem Macht als' Dienerin, emer höheren Aufgabe degradierend, und 'Jakob segnete so seinen Lieblingssohn Josef und dessen beiden Söhne, dabei dem Jüngsten, Efrajim, den Vorrang gebend. Er segnete sie mit der Summe der Erkenntnis feines Lebens und des Lebens seiner Väter Abraham und Jsak, — und die Summe dieser Erkenntnis war, daß das Wunder der göttlichen Erlösung dem Menschen in seinem Wandel zur Seite stehen muß. Würdig dieser Erlösung macht sich aber nur der seiner Nachkommen, in denk die Namen der drei Urväter des Volkes Israel genannt werden, deren Leben getragen war von dem Vertrauen auf Gott als dem Lenker des Welt- und des Mcnschengeschickes. Mag das Materielle noch so sehr glänzen, es ist irdisch und damit zeitlich und vergänglich. Anders der Aufblick zu Gott. Alles was mit Gott geschieht, hat Ewigkeitskratt, man kann seinen Segen zuletzt so wenig zählen wie oie Fische in, Wasser. Der Sabbat in Warschau. Gedaljah Bublik schreibt in der Newhorker „Jrwish Gazetten" in der Schilderung seiner Enropareise: Zum ersten Mal feit Jahrzehnten habe ich in Warschau gesehen, wie eine jüdische Stadt den Sabbat - empfängt, allein diesem Anblick znlieb sollte der amerikanische Jude nach Europa fahren. Er dürfte sich dann auch davon überzeugen, daß das Fundament des jüdischen Lebens nicht in der neuen Welt mit ihrem Tumult und Wirrwarr, sondern in den jüdischen Städten Osteuropas liegt, wo noch der Sabbat seine Herrschaft ausübt. Freitag nachmittag eilt alles, um den Sabbat vorzubereiten. Ueberall werden die Läden und Läger geschlossen, kein einziges Geschäft, keine einzige Werkstätte bleibt geöffnet. Die Trambahnen fahren fast leer. Jetzt füllen sich die Gassen mit sabbatlich, gekleideten Juden, die, ihre Kinder an der Hand, zum Beten.gehen. Es ist mit einem Mal still und ruhig geworden. ' Die „Schechinah" und ,,Keduschah" hat sich auf die Zelte Jakobs niedergelassen. Geht inan am Sabbat in Amerika in eine Synagoge, fühlt man nichts von dem Sabbatgeiste. Schon die Tatsache, daß die Synagoge zwischen offenen jüdischen Läden steht, zwischen lauter Wochentätigkeit, hemmt die Sabbatstimmung. Anders eine Synagoge in Warschau. Ueberall Sabbat! Draußen und Drinnen, auf allen Gegenständen und auf allen Menschen! Solange noch ein solches Warschau lebt, ist das jüdische Volk noch nicht verloren, solange kann auch noch ein Newyork von dem' „Sechus" Warschaus/ von' seiner jüdischen Wärme und seinem jüdischen Licht leben! Außerhalb der jüdischen Viertel in Warschau, in den glänzenden, breiten Geschäftsstraßen gibt es wohl auch schon jüdische Geschäftsinhaber, die nicht mehr den Sabbat heiligen. Und in manchen Häusern, wo äußerlich der Sabbat noch gewahrt wird, ist die.Sabbatfestigkeit auch schon unterhöhlt. Besonders in der Jugend läßt die Treue zur alten Jüdischkeit häufig viel tzu wünschen übrig. Doch das , alles ändert nichts an dem" überwältigenden jüdischen Gesamtcharakter der Warschauer Judenheit. Wo.Licht ist, muß auch Schatten sein. Doch hier sind nur einzelne unjüdisch, die Gesamtheit ist aber jüdisch, während im Westen es sichleider umgekehrt verhält. Deutsches Reich. - - - Bo» der Breslauer jüdischen Gemeinde. Die Repräsentanten erhöhten die Begräbnisplatz-Gebühren wie . folgt: Für einen Platz der ersten Reihe von 1500 auf 2500 Jt, der zweiten Reihe von 1200 auf 2000 Jt, für einen Platz am Pflanzenstreifen von 2200 auf 4000 Jt und für einen Platz im Erbbegräbnis von 5000 ans 8000 Jt Diese unjüdische soziale Gliederung nach dem Portemonnaie kann nur sehr bedauert werden. Gibt es denn in Breslau keine Tradittonstreuen mehr, die sich wenigstens nir ihresgleichen einen Teil des Friedhofs nach dem traditionelle^ Ritus der Gleichheit vor der Majestät des Todes Vorbehalten?) Die Wahl des Rabbiners Dr. Heppner in Breslau, früher in Koschmin, zum Stistsrabbiner der Mora-Salomon- Leipziger-Bethamidrasch-Stiftung in Breslau an Stelle des bisherigen Dr. P r y s , der als -Rabbiner nach« München geht,' wurde gutgeheißen. Ausländer in Deutschland. Eine offenbar amtlich inspirierte Notiz ging vor einigen Tagen durch die deutsche Presse. Die Notiz besagte, daß in Deutschland ca. 250 bis 300000 russische Emigranten anwesend seien, die nahezu alle unerlaubt über die Grenze nach! Deutschland geflüchtet seien. Obwohl eine derartige Zahl russischer Flüchtlinge in Deutschland durchaus unerwünscht sei, sei es zur Zeit aus tatsächlichen Gründen nicht' möglich, sie zwangsweise abzuschieben. Diese Notiz ist besonders interessant im Hinblick ans die Feststellungen des „Arbeiterfürsorgeamtes der süd. Organisationen Deutschlands", die genau ermittelt haben, daß sich zur Zeit in Deutschland 55—60000 ostjüdische Flüchtlinge aufhalten. Hierin sind alle diejenigen einbegriffen, die seit den: Ausbruch des Krieges, also seit dem 1. August 1914 bis zum 1. Januar 1922 nach. Deutschland gekommen sind, also insbesoudere auch diejenigen, die aus Veranlassung > der Obersten Herrcsleitung als Arbeiter während des Krieges nach. Deutschland gebracht wurden. Die antisemitische Hetze von der Neberschwemmnng Deutschlands mit Ostjuden fällt damit zusammen. Deutsch-Oesterreich. Wie«. Eine Massenversammlung für Paläftina. . In einer jüdischen Massenversammlung, die sich mit dem Palästina-Problem beschäftigte, bellagte Dr. E. Margnlies, daß das jüd. Volk noch! nicht begriffen habe, was es bedeute, .daß sein Anspruchs auf Palästina von allen Großmächten anerkannt worden sei. Nicht der Zionismus, sondern das jüd. Volk sei in eine Krise geraten. Sir Alfred Mond tat den Ausspruch«: .Die Engländer sind ein Volk von Praktikern. Sie wollen Tatsachen sehen." Aber die jüd. Taschen blieben.zugeknöpft. Noch nie sei einem Volk so viel Vertrauen geschenkt worden, wie in der Deklaration Balfours und im Mandatsentwurf. Wenn wir es nicht rechtfertigen, könne es in Verurteilung Umschlagen. - Dr. Leon Reich (Lemberg), Bizepräs. des A. C., wandte sich gleichfalls gegen die Passivität der Besitzenden und endete mit Len Worten: „Gelingt das' Werk nicht, so stärkt ihr das Argument der Feinde, daß ihr vom Materialismus durchseucht seid, daß ihr Parasiten seid, die nur am sremden Körper kleben können." Abg. Grünbaum (Warschau) führte aus: „Entweder bringt das jüd. Volk den Keren Hajessod zustande oder wir gehen zugrunde. Die Rechte, die erkämpft wurden, geraten ins Wanken und könnten untergehen, weil wir sie aus Mangel an Geldmitteln bis nun nicht ausnutzen konnten." Unter dem Eindruck dieser Mahnungen erfolgten für de« Palästina-Älufbaufonds sehr ansehnliche Zeichnungen. Streikende Rabbiner. Die Rabbiner der Wiener Tempelvereine habe» der Kultusgemeinde mitgeteilt, daß sie mit Ende der Reujahrsferien ihre Stellen als Religionslehrer an den staatliche« Mittelschulen kündigen und den Unterricht im Sommersemester nicht mehr versehen werden, da die Tempelvcreine ihre Forderung, sie den Gemeindsrabbinern im Gehalt gleichzustellen, abgelehnt haben. Der Schritt der Rabbiner ist schwer zu verstehen. Als Religionslehrer werden sie vom Staate bezahlt undhäben weder mit dem Tempelverein, noch mit der Kultus», gemeinde etwas zu tun. Und als Rabbiner sollten sie dÄtt". zuerst Interesse für die Erhaltung des Religionsunterrichts-' haben und nicht Hunderten Kindern die einzige Quelle^, aus der sie noch etwas - Judentum trinken, verstopfen. J."