Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1922)
- Date
- 1922-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert Mk. 6.75, bei der Neuen Jüdischen Presse Mk. 7.50 stet ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 66.60. für Ausland 10 franz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar lilhrlich. im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis JnserttonSpreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 250 Psg., für die Reklamezeile Mk. 8.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen «nnoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in ^Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 20* Jahrgang. Donnerstag» den 5. Tewes 50S2 (5 Januar 1922) Rr. 1. Tagvvg des Zionistische» Aktionskomitees. In Wien fand eine viertägige Sitzung des Großen Zionistischen Aktionskomitees statt, die n. a. zu folgenden Beschlüssen führte: Board v s Trustee s. Das Aktionskomitee beschließt, einen Board os Trustees des Jüdischen Nationalfonds zu schassen mit der Ausgabe, die oberste Kontrolle über die Finanzen des Jüdischen Nalionalsonds auszuüben und dem Aktionskomitee periodisch über die Nationalfondsverwaltung zu berichten. Kompetenz des N a t.i o n a l f o n d 3 d i r e k t o r i u m s. Die in Palästina wohnhaften Direktoren des Jüdischen Nationalsonds werden ermächtigt, im Rahmen deS Budgets die laufenden Geschäfte des Jüdischen Nationalfonds zn leiten. Prinzipielle Fragen und solche Angelegenheiten, welche über den Rahmen des bewilligten Budgets hinausgehen, sowie die Beschlußfassung über das Budget selbst unbeschadet des Budgetrcchtcs des Kongresses, beziehuugswcise des Zentralrates) sind dem Gesamtdirektorium Vorbehalten, eventuell ans dem Wege der schriftlichen Abstimmung. Die Direktoriumsbeschlüssc werden mit Ttiniwcnmehrheit gefaßt. P a l ä st i n a Aus Grund des Beschlusses des 12. Kongresses erklärt sich das Aktionskomitee damit einverstanden, daß zwei von der Asefath Haniwcharim gewählte Vertreter der palästineniischen Judcnschaft zur Mitarbeit an der Palästina- Erekutive herangezogen werden. Diese Vertreter werden an allen Zitzungen der Palästina-Exekutive mit vollem Ltimmrccht teilnehmen. Uebcrdies werden Vertreter des Waad Haleumi zur Beteiligung an den bei der Palästina- Exekutive bestehenden Kommissionen eingeladcu werden. Das Aktionskomitee erblickt in der Aufrechterbaltuug der gegenwärtigen I m m i g r a t i o n s b e st i m m u n g e it eine schwere Gefährdung der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Das Aktionskomitee nimmt von den Schritten Kenntnis, die die Exekutive zur Beseitigung dieser Bestimmungen unternommen hat und erklärt, daß die von der Exekutive geforderte Wiederherstellung der vor dem l. Mai geltenden Bestimmungen als Minimum der Forderungen der Zionistischen Organisation zu betrachten ist. Zum Zwecke der Ordnung und Erleichterung der Emigration nach P a l ä st i n a beauftragt das Aktionskomitee den Wirtschaftsrat, die Frage der Zweckmäßigkeit der Gründung einer Aliahbank sowie den Plan der Zweckmäßigkeit der Gründung einer zionistischen Transportgesellschaft auf wirtschaftlicher Grundlage zu studieren und das Ergebnis der nächsten Sitzung des Aktionskomitees vorzulegen. Die sinanzielle Grundlage der Transportgesellschaft soll durch unsere Bankinstitute geschaffen werden. Affäre I a b o t i n s k h. In der Angelegenheit der Verhandlungen des Herrn Jabotinsky mit dem Vertreter der Petljura-Regicrung stellt das Aktionskomitee fest, daß Herr Jabotinsky Verhandlungen geführt und Mmachungeu gctrosfen hat, ohne die Zustimmung der Exekutive einzuholen und ohne sic von seinen schritten in Kenntnis zu setzen. Das Aktionskomitee lehnt iede Verantwortung der Zionistischen Organisatioit, iür diese Verhandlungen und Abmachungen ab und beichließt, daß die Exekutive von Herrn Jabotinsky nach dessen Rückkehr aus Amerika Rechtfertigung seiner Handlungsweise zu fordern und dem Aktionskomitee in der nächstes Ziyung Bericht zu erstatten hat. Delegation nach Palästina. Oberrabbiner C h a j e s - Wien, Abgeordneter G r ii n - bäum- Warschau, Richter Rosenblatt - Amerika werden nach Palästina abgeordnet, um mit Oberkoinmissar Herbert Samuel in Verbindung zu treten. Wahl eines N a t i o n a l f o n d s d i r e k t o r i u m. Dr. H a n t k e, Böhm, F a r b st c i n , Schocken ^Governor), Ussischkin (Governor), v. BrieSland, Wilkaus ky, Prof. W a r b n r g werden als Direktorium deS Nationalsonds gewählt. Eine bedeutsame Erklärung. Dr. W e i tz m a n n teilte mit, daß noch im I a u u a r mit einer B c st ä t i g u n g des Mandates durch den Völkerbund gerechnet werden könne: die Vereinigten Staaten und Frankreich würden keine Hindernisse bereiten. Mit dem Augenblick, da diese Bestätigung Tatsache geworden ist, darf mit der so notwendigen Klärung der Situation in Palästina gerechnet werden. Umgruppierung der jüdische» Jugend? Am Sonntag den 18. Dezember fand in M ü n ch e n im großen Sitzungssaal der Gemeinde eine vom Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands veranstaltete interne Zusammenkunft der jüdischen I u » gendvcreine in Bayern statt. Vertreten waren die Vereine München, Nürnberg, Erlangen, Rcgensburg, Suhl, Gerolzbofen, Neu-tllm. Auch der Württembergische Landesverband hatte einen Vertreter entsandt. Bon der Verbandsleitung nahmen an der Aussprache teil der Verbandsvorsitzende Dr. Alfred Apfel - Berlin und die neue Geschäftsführerin stud. phil. Grete K o v a c s. Im Mittelpunkt der Beratungen stand ein großzügiger Plan der Vcrbandsleitung über die Umgruppierung des Verbandes der jüdischen Jugcndvereine Deutschlands, der eine Dreiteilung der jüdischen Jugendbewegung in jungjüdische Wanderbünde, bezlv Junggruppen, Iu - gendvereine und einen Rat ehemaliger F n h - rer vorsieht. Die Verhandlungen waren von dem Grundgedanken beherrscht, daß der heutigen Jugend die bisherige Vereinsform unerträglich geworden ist. Dr. Älpfel teilte mit, daß diesbezügliche Pläne zunächst von einer Sitzung des Gcsamtvorstandes, die am 29. Januar 1922 in Hannover stattsindet, zu einen: Entwurf verdichtet werden sollen. Beachtenswert war der Hinweis, daß bei dem Neuaufbau der Jugendorganisation auch an eine Fühlungnahme mit der Blau-Weiß- und „Kameraden"-Gruppe gedacht wurde. Allgemein. so u. a. vom Rabbiner Dr. Baerwald, wurde der Ansicht Ausdruck' verliehen, daß sämtliche Jugendbewegungen, so auch die jüdische, zur Zeit gewissermaßen' aus einem toten Punkt angelangt sind. Das Ergebnis der Beratimgen wurde in einer öffentlichen Kundgebung, die am nächstfolgenden Tage irr Museumssaal zu München-stattfand, von Dr. Apfel zusammcngefaßt, der bei dieser Gelegenheit viel beachtete Mitteilungen über den derzeitigen Stand der Keren Haje s s o d - A k t i o n in Deutschland machte. Nach diesen Mitteilungen hat es den.Anschein, als ob nach schwierigen Vorverhandlungen nunmehr eine einheitliche Plattform gemeinsamer Arbeit aller deutschen Juden beim Aufbau Palästinasgesunden morden ist. Grete Koväes. Jlüchtlivgselend in Antwerpen. B. Horwich, Präsident des Joint Relief Committee in Chicago, suchte auf seiner Durchreise die jüdischen Flüchtlinge in Antwerpen auf, und berichtet jetzt über seine Eindrücke der „J.P.Z." folgendes: Jeder einzelne Flüchtling stellt ein Drama dar, aber das gesamte Flüchtlingselend der heimlos gewordenen Juden der Ukraine bildet eine unvergleichliche Tragödie in der Geschichte Israels. In je mehr Auswanderungszen-- tren man der immerwachsendeu Schar dieser dem Tod Entronnenen begegnet, umso jammervoller werden die Eindrücke, die gewaltig an? jüdische Herz greifen. Die Wunden, die der Krieg z. B- Belgien geschlagen hat, sind zum größten Teile längst geheilt. In Amcrikc, war allgemein die Meinung verbreitet, Belgien sei im Kriege ganz vernichtet: mit dieser Vorstellung landete ich kürzlich in Antwerpen. Aber ich sah keine Spur _ mehr, die an den Krieg erinnern konnte. Fröhliches geschäftliches Treiben überall, zufriedene Gesichter, ans deren Mienen Siegerstolz strahlt, bis man ins jüdische Viertel gelangt, wo einem ein Bruchteil vom Wrack der ukrainischen -Judenheit in seinem ganzen Flüchtlingsjammer packt. Etiva 5000 traurige Gestalten, die ans die tleberfahrt in die neue Welt harren! Ukrainische Flüchtlinge aller Art und Klassen, alle Männer und junge Kinder, Mädchen und Mütter durcheinander, ans dem Sturm der Pogrome übrig gebliebene Familicnruiuen, wie einzelne Teile einer ExplosionSkatastrophe in 'alle Richtungen der Welt geschleudert. Jeder von ihnen hat seine furchtbare Geschichte. Ich greise nur einzelne Lebensschicksale heraus: Sophie Fischer, ein 17 jähriges Mädchen, deren Gesicht von nervösen Zuckungen immerfort verzerrt wird, erzählt: „Meine Mutter, mein Vater und meine 2 Schwestern wurden in meiner Gegenwart getütet. Jeder von ihnen wurde einzeln gefoltert und ermordet. Es dauerte einen ganzen Nachmittag. Ich, als jüngste, sollre zuletzt umgebrackii werden. Als die Reihe an mich kam. sagte einer der Mörder: „Lassen wir diese Ratte am Leben, damit sie ihr Volk warnen möge, unser Land zu reinigen, andernfalls wir mit ihnen verfahren werden wie mit ihrer Familie von Hunden." Chajim Libst, -10 Jahre alt, kam heim und fand Weib und Tochter ennordet am Boden aus. Sein kleines Kiiid lag bei der Tür und winselte. Es gelang ihm, mir dem Kteiueck nach 'Antwerpen zu entfliehen, wo er über die Trümmer seines Lebens zu klagen erst jetzt Zeit und Gehör findet. Chaskil Lanoks, 16 Jahre alt, erzählt, sein Vater wurde niedcrgeiiieyelt, seine Mutter, Schweitzer und Bruder lagen 2 Tage lang ohne Nahrung im Keller verborgen, wo sein jüngerer Bruder vor Hunger starb. In ihrer Verzweiflung rannle die Mutter mit der Leiche ihres Kindes jammernd durch die Straßen, bis ihr von einem Mordgesellcn der Schädel gesvalteu wurde und sie rot in den Straßengraben: fiel. Mit dieser entsetzlichen Erinnerung schlepvtea sich Bruder und Schwester bis nach Antwerpen, wo sich tausende ähnliche Golus-Schicksale zu einem Jammerhaufen zusammrufanden, Mid wo sie ihr tristes Dasein so kärglich als nur denkbar meilerfristen. Dank dem Entgegenkommen der belgischen Regierung können sie sich unbeläsrigt bewegen. Die arbeitsfähigen Männer erhalten, wenn auch nur vorübergehend, Arbeit. Andere, dir sich mir den Verwandten oder Bekannten in den übrigen Länder» schon in Verbindung setzen konuieu, leben, bis sie die Ueberfahrt machen können, durch deren Hilfe. Der ganz Hilflosen nimmt sich in edler Weise der Hilfsverein „Esra" an. Die meisten Pogrvmflüchrlinge, die ich gesehen habe, stehen im Alter von l3—21 Jahren. Sie warten darauf, nach Amerika oder Kanada riiiwandrrik zu können, und da liegt für sie die große Schwierigkeit und das ungeheure Problem der jüdischen Emigration. Die Einwanderung nach Amerika ist begrenzt, und um nach Kanada hineingelassen zu werden, muß man an Harem 250 Dollar mitbringen. Die kanadischen Aerzte sollen auch, wie man mir erzählte, eine neue Krankheit erfunden habe», die zu erkennen und zu heilen mau die Nägel abnchmen müsse. Ich sah zahlreiche jüdische Flüchtlinge mir verbundenen Händen, die aussagteu. daß mau ihnen die Nägel abgenommen halte. Deutsches Reich. CharmkkaL im Türrüeimer Hospiz. Bad Dürr heim. Endlich richtige Winterlandsck ast, dabei sonnig und mild. Noch nie war das F r i e d - r i ch - L u i s e n - H o s p i z um diese Zrir von heil- und erholungshedürfrigen Kindern und Erwachsenen aus ganz Deutschland und der Schweiz so vollbesetzt, »och nie wurde Chanukkah in so großem Kreise hier gefeiert. Wie strabllen die Augen der Kleinen, als sie endlich in den festlich geschmückten Saal hereindurfieii. die vielen Lichtchen angezündet iiub die alten lieben Gesäuge augestimmt wurden! Dann kamen für jedes einzelne süße und reizende Ueberraschungen. teils von ihren Angehörigen, teilS in überaus reichem Maße von edel» Freundinnen des Ho» spizes gestiftet und von den sinderlieben Schwestern hübsch