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Neue jüdische Presse · 1921-12-22 · Heft 48 (22.12.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 48 (22.12.1921)
Date
1921-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSpretSpro Vierteljahr: Bei der Post abonniert ML 6.75, bei der Reuend Jüdischen Presse 3711.^7.50 stet inS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 60.00, für Ausland 10 franz., 5 schweiz Frcs., 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis JnsertionspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 250 Pfg., für die Reklamezeile ML 8.—. Platz-und Datum» Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen^LureauS. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 19. Jahrgang. * Donnerstag, den 21. Li8le^ 5682 (22. Dezember 1921) Kr. 48. Untergang r . ii. ■; ■ Theilhaber stellt nicht nur die Diagnose, sondern versucht auch, den Weg der Heilung zu zeigen. - . ' Die Diagnose lautet: Seit der französischen Revolution und des von-dieser Zeit ab einsetzendeq MnanzipatiouK-i streben geht der Weg der deutschen Juhenheit erst langsam! und , dann immer stärker und sichtbarer, „von der Fülle der Fruchtbarkeit zur Kinderarmut, von der Inzucht zur Vermischung, von dem märtyrerfreudigen' Sichhingeben in die, Gemeinschaft zum feigen Verleugnen und willenlosesten! Fahrexlassen." Und der Weg der Heilung? * : „Gebt der Masse, die sich national und religiös entkleidet hat, keine neuen Surrogate, harmlosen Ersatz, Kinkerlitzchen und Firlefanz. Bringt ihr hebräische Sprache und Kultur, eigene Sitte und , Gesetz und zwingt den, letzten, dessen kollektives Interesse erlöschen könnte, mit fester Hand, daß er sich nicht entwinden kann, in einlknarschfähiges Ganze. Hat nicht das offizielle Judentum auch im vorige,« Jahrhundert für die altjüdischen Ideale gekämpft? Gab es nicht sein Heer von Vorständen, Rabbinern, Lehrern, Schriftstellern, die.fiir die Erhaltung und Erneuerung tagtäglich warben? Hat nicht die Pogromgefahr Tausende aufgeschreckt, die ihr Sein längst vergessen hatten? Hat aber das Leben nicht stärker gewirkt und selbst die Orthodoxie von der Frühehe verjagt? Gut,/weckt, mit Posaunen, dar Hünderttausende aus' der Apathie- und Lethargie, erfüllt sie mit neckem religiösen und nationalen Willen. >, Bor allem schafft ein gesundes Volkstum, Möglichkeiten normalen Liebeslebens, ökonomische Grundlagen, kurz refor-, miert an Haupt und Gliedern, werdet Juden wie die dev früheren Zeiten \ . ." - Valensis sagt in den „Dokumente des' Fortschrittes": „Ein Volk, das von Moses bis zu den Propheten, bis Htllel und Jesus von Nazareth, von Spinoza bis Mendelssohn und Heinrich. Heine bis Karl Marx und Lombrvso mit fo viel Wirklichkeit und Glänz dem menschlichen Geist und der Zivilisation diente, hat seine letzten Worte noch nicht gesprochen." Und weiter: „Auf dem Boden seiner Väter physisch neugeboren und der Verwirklichung eines alten durch die soziale Gerechtigkeit verjüngten Ideals uachstrebend, wird es der Menschheit ohne Zweifel eines Tages; ym iso schönere und eigenartige Früchte bieten, als sie auf den gesegneten Feldern der Freiheit gereift werden." Auch Theilhaber kommt, empfindend, daß die Masse der deutschen, wie überhaupt, der westeuropäischen Judcmheit doch nicht aus dem Assimilationsprozeß herauszuziehen ist, zu deM Schlüsse: . „Und wirklich, >in den Jahren, in denen die, Zersetzung das europäische Judentum erfaßte, entstand eine nationale Bewegung, welche die Juden von den Einwirkungen! der europäischen Einflüsse befreien, die normale soziale Struktur und die jüdische Kultur im' Lande der Väter erneuern und "dort die sichernde Erhaltung der jüdischen Art bewerkstelligen will." •;./■ * Die jüdische Arbeit in den Ländern außerhalb Palästinas erfordert eine Riesenkraft und bringt bei aller Aufopferung nÄhr Mißerfolg als Erfolg, da es ihr unmöglich ist, die äußeren Einflüsse zu paralisieren. Daher kann die Rettung nur in Palästina kommen. Mögen dorten noch so viele Widerstände erwachsen, in Palästina werden sie mit der Zeit gebrochen, das ist unsere Hoffnung! Wir begehen in den nächsten Tagen wieder das Chanukkahfest. Es erzählt, wie , die Hoffnungslosigkeit des jüdischen Volkes' plötzlich.in lichtvolles Siegen verwandelt worden ist. Much unserem! jüdischen. Volke wird wieder eist Chanükkah werden! Baron EdrttimdRolhschUd spricht. . . ' . Der 76 jährige Baron Edmund Rothschild in Paris, dessen Verdienste um die Kolonisation Palästinas ihn ist di« jüdische Geschichte eingeschrieben.haben, empfing Ben Awi, Redakteur des Jerusalemer. „Dar Hajom". . . > Der Baron drückte seine Freude, aus, sich einem' Sohne Palästinas gegenüber anssprechen zu dürfen und ftlhr dann" fort: ~ . v .. . War es meine Absicht, Galuthorte zu schassen, in denen'der Kolonist weiter sein ^Dasein als ewiger Jude fristet, ohne zu wissen, was ihm der Morgen bringt? Schon 40 Jahre dauert meine Arbeit — auch Moses weilte 40 Jahre in der Wüste —, und kein Mensch kann mir Vorhalten, daß ich nicht meinen besten Willen und ansehnliche Summen zur Erreichung meines Zieles hergab, ohne welches glicht nur kein nationales Heim, sonderst selbst kein einfaches Haus aufgebaut werden kan», — doch welche Folgen zeitigten meine Bestrebungen? Noch heute empfange ich aus zahlreichen Kolonien Bittgesuche um Geld. Die eine Kolonie verlangt Unterstützung wegen Errichtung eines Zaunesdie -andere wegen Baues einer Schule, die drittel wegen eines Krankenhauses. Unzählig sind die Bitten um Darlehen, größere oder kleinere. Sagen Sie den Bauer» in den Kolonien, die ich in der Blüte meiner Jahre aufgebaut habe, daß ich nunmehr schwach bin und diesen Zustand nicht länger ertragen kann. Wenn der jüdische Bauer nach 40 Arbeitsjahren sich nicht die Stellung eines ägyptischen, arabischen oder europäischen Bauern erringen konnte, so liegt die Schuld an ihm selbst. ^Jn den. ersten Jahre» der Kolonisation achtete ich Nicht auf die begangenen Fehler, willfahrte jeder Bitte, schloß meine Augen vor den hie und da vorkommenden Verschwendungen; — aber nach so vielen Jahren reicher Erfahrungen, nach der moralischen und materiellen Unterstützung seitens der zion. Bewegung, sollten solche Fehler nicht mehr Vorkommen. Ich kehre jetzt von den kriegsverwüsteten Gebieten Frankreichs zurück. Trotz der Verwüstung fühlt man dort überall den Puls des natürlichen Lebens. Und warum das? Weil in jedem Dorfe die ganze Familie, D'ater und Mutter, Onkel.und Tante, bis z u m j ü'n g st'e n der K i n.d e r,,a r b e i t e t. Nur 5 Prozent der Dorfkinder gehen, in die Stadt und nur 1 Prozent besucht die höheren Lehranstalten. Dies ist das Geherm- ' nis der Prosperität des ftanzösischen Dorfes. Und wie viela der jüngeren jüdischen Kolonisten verlassen die Scholle, um in den Städten nach Bildung zu suchen? Auch die nach Palästina zurückgekehrten Deutsche», beraubt ihres Geldes, ihres Viehstandes, -ihrer Ackergeräte gaben sich nicht der Verzweiflung hin, alle kehrten zur Arbeit zurück, auch Greise, Frauen und Kinder. Was die Deutschen konnten, warum sollten dies unsere weit besser gestellten Bauerst mchk können? Und wenn sie sich verantworten, daß die Arbeiterfrage ihnen viele Sorgen macht, so antworte ich ihnen, sie mögen den Weg aller Bauern in der Welt Anschlägen; es existiert kein Dorf in der Welt, d'as auf fremden Arbeitern beruht. Das Dorf wird nur durch den Bauern und seine Familie, begründet. Ein Bauer, der seinen Sohn nicht an den Boden fesseln kann — und es gibt in Palästina Bauern, deren Bodenbesitz 2 oder 3 mal größer ist als der des französischen Bauern — darf nicht im Bauernstand verharren. Wenn das Wohnhaus klein ist, so Möge er bedenken, daß in Polen, in Rußland, in Rumänien, tausende Familien überhaupt einer Wohnstätte entbehren, wenn der den Söhnen gezahlte Lohn zu gering ist, so Mögen, sie bedenken, daß Millionen Juden nach trockenem Brot und Wasser lechzen und auch dies nicht immer haben. . - Keinen Heller mehr an die alten Kolonien. Den neuen wende ich mich hilfreich zu, den Galuthflüchtlingen, dis in Palästina Asyl suchen, die kein Brot und keine Klei- . düng haben. Was ich für Rischon le Zion und Sichron Jakob vor 40 Jahren getan habe, werde ich auch fiir die neuen Kolonien tun, unter der Bedingung, daß sie im Boden verwurzeln und ein Geschlecht von richtigen Bauerst im vollsten Sinne des Wortes heranziehen." Zum Schluß kam der Baron auch ans die Arabevfrage zu sprechen und betonte, daß es stets sein Hauptziel war, Eintracht zwischen Arabern und Juden herzustellen. Seine Beamten hätten diesbezügliche Weisung erhalten, weshalb auch die Araber bei verschiedenen Arbeiten beschäftigt werden sollten. In diesem Sinne stimme er auch der Politik des High-Commissioner vollkommen bei.. Die Kritik des Barons ist leider berechtigt. Die jüdische Kolonisation Palästinas wäre viel weiter, wenn der . jüdische Bauer in seinen Ansprüchen schlicht und einfach wäre. Daß er es nicht ist, ist einer jener Galuthfehler, die er nach Palästina mitgebracht hat,- und die sich erst allmählich abstreifen können. Overrabbiner R. Jakob EMinger. (Zn seinem 50. Todestage: 25- Mslew 5682.) Von Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Am ersten Chanukkatage werden 50 Jahre verflössest sein, seitdem R. Jakob Ettlinger, der Ooerrabbiner von ■ Altona, vom Schauplatz seiner gesegneten Tätigkeit abberufen wurde. Die Nachricht von seinem Tode rief überall tiefe Trauer hervor; denn R- Jakob Ettlinger war der letzte der ganz Großen, die in Deutschland gewirkt hatten, und sein Name wurde nicht nur in Deutschlands sondern überall in der Judenheit mit hoher Verehrung genannt. Jakob Ettlinger wurde 1798 zu Karlsruhe geboren. Den ersten Unterricht im jüdischen Schrifttum erhielt er von seinem Vater Ähron Ettlinger, der ebenfalls ein Gelehrter war; außerdem war in der . talmudischen Wissenschaft R- - Ascher Wallerstein, ein Sohn des Erfassers des „Schagas arjei" sein Lehrer. In die profanen Wissenschaften wurde er frühzeitig eingesührt, so daß-er schon mit jungen Jahren die Universität Würzburg beziehen konnte. Dort schloß er innige Freundschaft mit Isaak Bernays, dem späteren Hamburger Oberrabbiner Jakob Ettlinger war einer der ersten deutschen Rabbiner, die akademische Bildung besaßen, und bei seinem Abgang von der Unwersität stellten ihm die Professoren glänzende Zeugnisse aus. Nach seiner Rückkehr von. der Universität blieb er noch einige Jahre in Karlsruhe und widmete sich dort ganz der jüdischen Wissenschaft. Schon damals sammelte sich ein Kreis von Lrchülern um ihn, und er schrieb einen fortlaufenden Kommentar zum Traktat Sanhedrkir, > der aber erst viel später, ebenso wie seine übrigen Talmudkommentare, unter dem Titel ,Aruch Lener" veröffentlicht. wurde. Schon in diesenr Erstlingswerke zeigt sich seine Art der Erforschung des Talmud; er geht nicht darauf aus, durch scharfsinnige Dialektik zu glänzen, sondern durch tiefes Eindringen das wahre Verständnis zu fördern nn» Resultate für die Praxis zu erzielen. Das zeigt sich auch in der häufigen Anführung und Erläuterung der Entscheidungen des Maimonides. Im Jahre 1825 wurde R. Jakob Ettlinger als Klausrabbiner nach Mannheim berufen. Während seiner Wirksamkeit an der Klausstiftung, wobei er auch das Kreis», rabbinat Ladenburg zu verwalten hatte und als Mitglieds der Religionskonserenz des Oberrats fungierte, vermehrt«» sich die Zahl seiner Schüler außStordentlich, und sein Ruf begann die jüdische Welt zu durchdringen. Hervorragende Autoritäten standen mit ihm im Briefwechsel, und von deck Schülern, die' damals zu seinen Füßeil saßen, seien nnü Samson Raphael Hirsch, der spätere Rabbiner von Nikols-, bürg und Frankfurt, und Gerschan Josaphat, später Rabbinatsassessor in. Halberstadt, genannt. Als im Jahre 1836 der Altonaer Oberrabbiner. R. Akiba Wertheimer starb, wurde ihm die Stelle angetragenj und er folgte dem ehrenvollen Rufe. Mit dem Rabbimch Altona waren auch die Gemeinde Wandsbeck und. die damals dänischen Lande Schleswig und' Holstein verbunden. In Altona hatten seit Jahrhunderten talmudische Größen gewirllMMme Chacham Zewi, R. Jonathan Eibeschüh, R. ' RaM!WlLphen u. v. a., und R. Jakob Ettlinger waü ihr wüi^er Nachfolger. Er war dort zugleich auch Präsident des jüdischen Gerichts, das bis zum Jahre 1866 in zivilrechtlichen Prozessen zwischen Juden nach biblischtalmudischem Recht zu entscheiden hatte. Seine allgemeine Bildung ermöglichte es ihm auch, in wirksamer Weise : gegen die damals sich ausbreitende. Reform aufzutreten ( im Jahre 1844 veranlaßte er eine Erllärung von 173 Rabbinen gegen die Braunschweiger Rabbinerversckmmlung, und diese Erklärung hat viel dazu beigetragen, die verderbliche Wirkung dieser Versammlung und auch der nachfolgenden Rabbinerversammlungen und Synoden zu paralysieren. ■ In Mltotia veröffentlichte er feine Kommentare zu verschiedenen Tälmudtraktaten, sowie seine Responsensamm-» lung „Binjan Zijann", die außerordentliche wertvolle uni» interessante Gutachten auch über Fragen modernen Charakters enthält. Bon nah und fern kamen Anfragen an ihr«, und seine Ansicht galt überall , als maßgebend.^) Auch die Schüler kamen von allen Seiten nach Altona, um aus *) Eine Sammlung homiletischer Betrachtungen unter dem Titel „Minchas Oni", die eine Fülle von anregewdeu und geistreichen Gedanken enthält, wurde erst nach seinem Tode von seinem Söhne herausgegeben.

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