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Neue jüdische Presse · 1921-12-15 · Heft 47 (15.12.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 47 (15.12.1921)
Date
1921-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ FrankfurterZfraelittsches Familienblatt Redaktton und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße Z Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Salt) Geis Erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bezugspreispro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.5<k frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für Ausland 10 franz., 5 schweiz. Frcs„ 3 holl. Fl-, 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Insertionspreis für die fechsgespalteneNonpareille-Zelle 250 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 8.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der . Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. IS. Jahrgang. Donnerstag, de« 14. EMew 5682 (15. Dezember 1921) Nr. 47. Untergang . , i: Ein Viextel der deutschen Jude» bleibt ehelos, ein Viertel geht eine .Mischehe ein, und die Hälfte der verheirateten deutschen Juden hat nicht mehr als zwei Kinder! Das sind — auf die kürzeste Formel gebracht — di« Zahlen, die erbarmungslos den Untergang der deutschen Judenheit künden, falls sie nicht erwacht. Unsere offiziellen Kreise, denen die Hut der jüdischen Interessen anvertraut ist, werden die grausainc Wahrheit nicht eingestehen ivollen, wenn auch die Statistik sich nicht bezweifeln läßt. Denn dieses Eingeständnis wurde auch für sie «inen Vorwurf bedeute», den Vorivurs, daß sie den Problemen der Judenheit aus dem Wege gehen, daß sie nicht sehen wollen, wie die Dinge in Wirklichkeit sind. Dilettantismus und den Tatsachen fremdes theoretisches Denken, mit denen meist die jüdischen Angelegenheiten behandelt werden, sind leider charakteristisch für die Mehrzahl der jüdischen Gremien. Die vorliegenden Frage!» werden hauptsächlich von allgemeinen Gesichtspunkten aus betrachtet, ihre technische und finanzielle Meisterung werden als das Wesentliche angesehen, und ihr wirklich Wesentlichstes, der jüdische Einschlag kommt in der Regel zu kurz. Die Männer, die einen Teil ihrer Zeit selbstlos der jüdischen Gemeinschaft widmen, sind eben nicht anders geartet als Hie jüdische Masse, die immer, mehr aufgeht in das Denken und Fühlen ihrer nichtjüdischen Um« gebung" Wie das kam? Hören wir Felix A. Teilhaber in seinen! Buche „Der Untergang der deutschen Juden" (2. veränderte Auflage. 1921. Berlin, Jüdischer Verlag): „Der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oessentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden »gesprengt. Politische, ivirtschaftliche und -kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Inden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stellv bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung! über das Wesen der jüdischen- Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbatheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Gsanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums »konnten den religiösen Ban nicht neu verankern. Als Gemeingut aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden .... ' Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, das Aufgeben her jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen, und Tendenzen, die das Assimilationsbegehren stärken... Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom "religiös verankerten Volkstum zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr -in der eigenen Mitte zn finden und zu - lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Inden unterstehen! in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des. Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder verändert durch retardierende jüd. Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zn betrachten."!! I i: L i ,!«j - Jude« in der Naturwifieuschaft von Dr. Felix A. Teilhaber, Berlin-Wilmersdorf.; III. Physik. Im allgemeinen drängen sich die Arbeiten der jüdischen Physiker aus dem Gebiet der Elektrizität zusammen.' Gewiß hat es namhafte Juden, die sich mit anderen physikalischen Problemen befaßten, gegeben. So treffen wir schon 1781 den Verwandten des Rabbi Herschel, den Astronomen Herschel, als'den Entdecker des Uranus, dem eine so große Rolle in der Astronomie und Physik zufiel, und als der Entdecker von 203 neuen Sternen und 2500 Urnebeln, vor allem aber als den „grandiosen Schöpfer der Milchstraßethcorie". Siegfried Markus, dem seine Vaterstadt Malchin eine Ehrentafel anbrachte, hat, wie wir in Neubnrger's Entdecker und Erfinder Nachlesen können, 1875 bereits ein Automobil, den ersten Seismographen und den ersten elektrischen Zünder zur Unterste,uicne hergestellt. David Schwarz, ein Holzhändler, war der erste Konstrukteur eines starren Luftschiffes) dessen Ballon am 3. 11. 1895 nach einem Aufstieg beim Landen auf dem Teinpelhofer Feld zugrunde ging. Schwarz, der bald nachher starb, hatte Patente, auf die Zeppelin großen Wert legte, daß er sie trotz eigener Geldschwierigkeiten der Witwe abkaufte. Und' erst die spätere Nachwelt wird prüfen können, wieviel diese Patente wert gewesen sind. Aber nrerkbar beeinflußt und durchgreifend revolutionierend haben die Juden auf dem Gebiet der Elektrizität gewirkt. Und nicht erst, als die ganze Welt bereits dafür Interesse hatte. Bereits der 1895 zu Berlin geborene Peter Theophil Rieß hatals schlichter Privatgelehrter in geradezu großartiger Weise die experimentelle Seite der Lehre von der Reibungselektrizität ausgebaut. Allein darüber 'hat er u. a. ein zweibändiges Werk. veröffentlicht. Die Akademie der Wissenschaften anerkannte auch die Verdienste dieses schlichten Mannes. Und Alex, von Humboldt berichtet von seiner Wahl: „Ich bin nicht nach Potsdam gegangen, um die Wahl in pleno des talentvollen jüdischen Physikus Rieß, zu betreiben. Sie ist für die Akademie sehr ehrenvoll ausgefallen, nur 3 schwarze Kugeln . . . ." Schon am 6. 11. 1862 übergab — der damals 24jührige — P o p p e r - L y n k e u s der Wiener Mademie der Wissenschaften ein versiegeltes Kuvert, in dem er die elektrische Kraftübertragung darstellte. Leider hatte dis Akademie für diese utopische Erfindung nichts übrig. Das Problem der Kraftübertragung ist das grandioseste in der Technik, dasjenige, das unser ganzes Wirtschaftsleben umstellt. Von Popper »stammt ferner die Idee, mit Hilfe des rotierenden Ringes des Gyroskops die Stabilität des Ballons und der Flugmaschinen zu bewirken, er legte Ballonlandnngsplätze an. 1887 erschien sein Werk Flugtechnik, indem Seine Reihe großer Ideen und Erfindungen niedergelegt sind. Eigene Patente erwarb sich Popper aus dem Gebiet des Dampfkesselbaues. Auch auf sozialökonomischem Gebiet bewies sich Popper als ein fruchtbarer Geist. In der Geschichte der Erfindungen aber muß er als der Vater des .Gedankens von der Kraftübertragung gelten als ein gottbegnadetes intuitives Genie. Einen noch glücklicheren Experimentator fand die Elektrizität in dem -Sohe jüdischer Eltern in dem Physiker Heinrich Hertz aus Hamburg. Hertz erbrachte im Jahre 1889 den experimentellen Beweis, daß die Elektrizität auf. Bewegungsvorgänge hinausläuft. Und Hertz ist es zugleich gewesen, der.in seiner Mechanik einen groß durchdachten Versuch hinterlassen chat, alle physikalische Berechnungen grundsätzlich auf Bewegungen gleichartigen Stoffes zurückzuführen. Hertz hat diese geschichtliche Würdigung durch Lambrecht erfahren. Es ist der grandiose Entdecker des Wesens der Elektrizität gewesen. Tatsächlich ist die Elektrizität ebenso wie das Licht das Resultat oder die Erscheinung von elektromagnetischen Wellen einer bestimmten Länge. Und durch die Produktion neuer Ströme von längeren Wellen schuf, Hertz die Unterlagen für die drahtlose Telegraphie. Die 'Genialität Heinrich Hertz' steht heute, nachdem seine -Theorien und Experimente, sich glänzend bewahrheitet haben, außer Frage. Hertz ist fraglos einer der größten Physiker der Welt und natürlich erst recht Deutschlands. Nach Hertz gelang es noch einer Reihe jüdischer Forscher Lichtgeschwindigkeiten, elektrische Ströme, photochemische Reaktionen usw. zu erforschen. Goldberg, Byck, Wergert, Marburg haben auf diesem Gebiet die Wissenschaft befruchtet. Nachdem Hertz bewiesen hatte, daß das Licht die Fortpflanzungsgeschwindigkeit elektrischer Erregungen hat, konnte Wiener z. B. stehende Lichtwellen erzeugen. Eine Reihe weiterer Physiker, Max Abraham, Felix Auuerb ach, der Elektronentheoretiker A s ch k i n a ß, Arons werden ihre» ehrenvollen Platz in der Geschichte der Physik finden. Berliner, ein Mann von vielseitigen Ideen und glänzenden Patenten, hat z. B.' als Erfinder des Mikrophons erst die praktische Verwendbarkeit des elektrischen Stromes für den Fernsprechapparat ermöglicht, Grätz hat durch die Entdeckung der Aluminiunqelle als . Dentilzelle, Goldschmidt und E p st e i n durch die Verstärkung des Stromes den Ausbau der drahtlosen Telegraphie ungemein gefördert. Marx hat die Schnelligkeit des Röntgenlichts berechnet, Pr in gshcim die Wellenlänge der Strahlen, die Intensität und die Temperatur in Zusammenhang gebracht. Magnus lieferte Untersuchungen über Elektrolyse, Hydraulik, strahlende Wärme (entdeckte verschiedene Säuren, ein nach ihm benanntes Platinfalz).. Magnus hat wie Victor Meyer und Brühl die Grenzgebiete der Chemie und Physik bereichert. Die Ausdehnungskoeffizienten verschiedener Grade, die Spannkraft der Dämpfe, die Verbesserung der Gay-Lussac'schen Methode ist auf ihre Mithilfe zurückzuführen. - Die angeblich zu wissenschaftlicher Arbeit untaugliche Rasse hat auf dem Gebiet der Physik wahrlich keine kleine und keine übersehbare Leistung erzielt. Und wenn wir noch Einstein als jüngsten Forscher erwähnen, der mit seiner Energieguanten - Hypothese, die Probleme Heinrich Hertz zu Ende führte, dann ist der jüdische Einfluß in der Physik genug gekennzeichnet. Einsteins Lehre gilt dem Lichtstrahl, der aus stoffartigen Einheiten besteht, deren Schwingungszahl die Größe bestimmt. Das Licht besteht wie jeder Körper aus Atomen, ist eine Masse mit eineni Strahlungsdruck. Und seine Relativitätstheorie gilt den größten physikalischen Problemen, die auf die Frage des Mlauses der Welt eingehen. Hilfsverei« der deutsche« Juden. Am 6. Dezember fand in Berlin unter Leitung des Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. James Simon, eine zahlreich besuchte Versammlung statt, in der die Notlage der südrussischen jüdischen Ackerbaukolonistcn behandelt wurde. Siugalowsky, Vertreter der Gesellschaft „Ott", schilderte den Anteil der russischen Juden an der Landwirtschaft in der Vergangenheit und Gegenwart, zeigte, welch wichtiges Element die jüdischen Kolonien in Süd- Rußland und in der Ukraine, die sich vor däm Kriege in blühendster Entwicklung befanden, in den letzten Jahrzehntes bildeten miß entwarf ein Bild von der furchtbaren Not, die über die Kolonisten durch die Pogrome und die diesjährige Mißernte gekommen ist. Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan gaben in großen Zügen xinen Ueberblick über die außerordentliche Bedeutung der Teilnahme der Juden am landwirtschaftlichen Beruf, die über die individuellen Interessen der Kolonisten, für die jetzt ein Rettungswerk ins Leben gerufen werden müßte, hinausgehend, große soziale Interessen der jüdischen Gesamtheit tief berühre. Die eindrucksvollen Ausführungen der Redner fanden den lebhaftesten Beifall der Versammelten, die einstimmig die folgende Resolution faßten: .Die vom Hilfsverein der deutschen Juden, der Großloge für Deutschland U. O. B. B. und der Gesellschaft „Ort" zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden des früheren Russischen Reiches einberufene und unter dem! Vorsitz des Herrn Dr. James Simon an» 6. Dezember im Logenhause abgehaltene Versammlung hat durch die Ausführungen des Vertreters der Gesellschaft „Ort" erneut Kenntnis von der tieftraurigen Lage erhalten, in welche die jüdischen Ackerbaukolonien in Südrußland durch die politifchen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges, insbesondere aber durch die unmenschlichen Pogrom« und die herrschende Hungersnot, denen sie zum Opfer fielen, geraten sind. Sie -spricht -den schwer betroffenen Glaubensgenossen. die schuldlos an Leib und Leben bedroht und geschädigt und um die Früchte jahrzehntelanger Arbeit gebracht wurden, ihre herzliche Anteilnahme aus und erachtet es als eine Ehrenpflicht der gesamten Judenheit, daß sn schnell wie möglich durch einträchtiges Zusammenarbeit«« der jüdischen Organisationen ein planmäßiger Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaften ins Werk gesetzt wird, um vielen Tausenden von arbeitsfreudigen jüdischen Ackerbauend die Wiederbegründung ihrer Existenz zu ermöglichen." Dr. James Simon, der in seiner Schlußrede» auf die Notwendigkeit hinwies, das Hilfswerk durch Zu- »sammenarbeit der großen Hilfsgesellschaften auf eine möglichst .einheitliche und breite Grundlage zu stellen, gab bekannt, daß der Hilssverein der deutschen Aiden aus dem Ukraine-Fonds zu der Hilfsaktion für die jüdischen Kolonie« beisteuern werde, und daß Spenden für. dieselben an den „Ukraine-Fonds" des Hilfsvereins abgeführt werden können»

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