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Neue jüdische Presse · 1921-12-01 · Heft 45 (1.12.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 45 (1.12.1921)
Date
1921-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bezugspreispxo' Vierteljahr: In Frankfurt aur-Main bei der Neuen ' Jüdischen Presse, auswärts bes cher Post abonniert Mk. 4.50 frtzrins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch- - kand ML 3Ü.M, für .Ausland 10 ftanz.,. S.schweiz. 'FrcS„ ÄhoÜ.Fl., 6 ShillingsüDollar jährlich, im Voraus zahlbar. ZredaÜion und Expedition: Krantfurt aM, Langestraße 2 Isrnsprecher Amt Hansa 2SÜ3 Herausgeber: Saly Geis Jnsertionspreis für die sechsgespalteneRonpareille»ZeUe 200 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 5.—. Platz».und Datum- Vorschrift, ohne Verbindlichkeit. Annynren-Annahme bet der Expedition und in allen Bnnoncen-Bureaus. — Santo Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. . 19. Jahrgangs Donnerstag, den 39. 6k68ok>vr»i 5682 (1. Dezember 1921) Kr. 45. Esau und Jakob. Schon in Jsmael und Isaak, den beiden Söhnen Abrahams, offenbarte» sich zwei entgegengesetzt,: Wesensceranlagungen und Weltanschauungen, jsinael war eine sinnliche Natur („trieb Gespött"), und sein Lebensziel war ser Offizier („Meister der Bogenschützen"), Isaak dagegen wahrte die Heiligkeit des Hauses („erst die vom Baker erwählte Braut ließ ihn über den Verlust der Mutter Trost sinden"); er sah in der väterlichen Tradition, den Worten seines, Vaters sein 'höchstes Streben, und er ivar bereit, sein Leben dafür hinzugcbcn („die Opsernng Isaaks"). Doch sic waren Söhne zweier Mütter, Jsinael Sohn der Ägypterin yagar und Isaak der Sohn der Sara, einer denr Vater gleichgesinnten Lairdsmännin, vielleicht sogar Verwandten. Aber Isaaks > Söhne, Esau und Jakob, waren nicht nur Löhne eines Vaters, sondern auch einer Mutter, ivareic sogar Zwillingsbrüder. Und doch, — ' wie verschieden ist ihr Lebensweg,, 511 welcher furchtbaren Fainilieutragödis sührte die Ungleichheit im Charakter und im Denken der beiden. Die Thora sagt gleich beim Beginn der Schilderung der Tragödie, wie.sie das Verhalten der beiden beurteilt: Esan, eine listige Jägernatur, war. ein Mann! des Feldes, erstrebte die Mehrung des Besitzes; Jakob, ein einfacher, gerader Mensch, sah seine Wirkungsstätte in den Zelten, dem Menschen galten seine Gedanken. Eine antisemitische Bibelwissenschast und mit ihr manche oberflächlichen jüdischen Leser kommen zu dem entgegengesetzten Urteil, denn Jakob sei es gewesen, der' Esau durch den Verkauf des Linsengerichts zur Hergabe des Hechts der Erstgeburt veranläßt habe, und später habe er ihm gar noch den Segen des Erstgeborenen geraubt. Dem iftdoch nicht so. Die blinde Vorliebe des Vaters für den stattlichen, erfolgreichen Esau zeigte die Gefahr, daß er ihm» einem der Aufgabe der Führung eines Abrahamshauses nicht Gewachsenen, den Segen des Erstgeborenen geben werde. Doch mit einem Esau war nur zu spreche», venn ihm' ein materieller Vorteil erwuchs, und so bildete rin Linsengericht das Objekt, sür das Esan seine Erstgeburt hingab, damit gleichzeitig dokumentterend, wie wenig er dieses Rechtes würdig war. Jakob wartete ans die Stunde,, die dein blinden Vater die Augen öffne, und konnte sich daher nicht dazu verstehe», vor seine»» Vater als Betrüger dazustehen, trotzdem er seinen Rechtsbrief in der Hand hatte. Die Stunde kam! nicht, doch die Stunde des Scheidens seines Vaters nahte, und es bedurfte erst der ganzen Autorität der Mutter, durch Täuschung -seinen Vater zu hindern, mit seinem Segeir das größte Unheil zu stiften. Auch ging eS mit dem Segen der Erstgeburt nur um den ideellen Gewinn ans diesem Rechte, keineswegs um den materiellen' Gewinn. Als Bettler verließ Jakob das Vaterhaus, als Bettler diente er um die Geliebte vierzehn Jahre bei dem Betrüger Laban. Und trotzdem »cruvteileu unsere alten Weisen auch den Scheindes) Unrechts, das überdies kein Unrecht mehr war, da nur dieser Schritt dem Vater endlich die -Augen öffnete. Da-s. verschiedene Ergebnis in der Erziehung eiiies ch'aus. und eines Jakobs findet ihre Erklärung tit der gleichen Erziehungsmethode ^siir zwei so unt-Srschiedtiche Menschen, ‘ und verstärkt wurde dieses Ergebnis noch durch eine-/gewisse Vorliebe, die Isaak dem , einen seiner'Kinder -'»tgcgenbrachte. Aus den gleichen Gründen stehen von icher Eltern eines Tages erschreckt vor bcu Früchten ihrer Erziehung und wähnen sich unschuldig an dem Mißerfolg. Tie mögen es, noch so gut genieint habe», sie sind schuldig, üc waren blind, wie < einst Isaak blind "-'gewesen .ist. JudSn i« der Naturwissenschaft. von Dr. Fe l i x A. Teilhaber, Brrlin-Wilmersdorf.*) 1. Mathematik. Spengler hat in seinem weitangelegten Werk versucht, die Zusammenhänge mit der Kunst bloßzulegen, indsm er die Kunst stcllenweis als eine Form und Ausdrucksmittel der inathemadischcn Begabung darstellte, „Gotische Dome und dorische Tempel sind steingewordene Mathematik". Gewiß hat Pythagoras die antike Zahl als das Prinzip einer Weltordnung greifbarer Dinge, als Maß oder Größe wissenschaftlich ersaßt. Aber sie wurde eben damals, ebenfalls als schöne Ordnung von sinnlich-körperhaften Einheiten, durch den strengen Kanon der Hellenischen Statue und der dorischen wie jonischen Säulenordnung zum Ausdruck gebracht. Alle großen Künste sind ebensoviel Arten zahlenmäßiger bedeutungsvoller Grcnzgebung ..." Und etwas weitgehend findet Spengler die Energie der abendländischen Zahl im Willen zur Macht, der von der frühesten Gotik der Edda, der Kathedralen und Kreuzzüge, ja von den erobernde» Wickingern und Goten an das Verhalten der nordischen Seele ihrer Welt gegenüber bezeichnet. Die starke mathematische Begabung der Juden lebt sich im ganzen Mittelalter ebenso nicht nur in einzelnen mathematischen Denkern ans, die sich in Anlehnung an arabische Forscher besonders durch die Vermittelung der morgenländischen Kultur an die junge europäische einen unbestreitbaren Verdienst erwarben. Viel stärker verrät die jüdische Religionswissenschaft den Hang und die Begabung für die Mathematik. Keine Lehre hat so sehr das abstrakt theoretische Denken als Basis. Nicht die phantastische Phantasie, die sich von den Regeln der Mathamatik frei »nachte, feiert in dem gewaltigen Geisteswerk des Tglmubs Triumphe, sondern die stets abstrakt theoretische DenkungStvcisc, wiesie die Arithmetik und Geometrie erfüllt, bedeutet die Eigenart des Talmud. Konstruktionen, Psaknisten, Beweise, wie sie für die Lösung jeder trigoilvinetrischen Aufgabe passend wären, folgen sich, und man kann die Eigenart des Talmud wirklich nicht anders bezeichnen als die extremste inathematische Auflösung der religiösen Lehre. Diese Begabung tritt uns auch im täglichen Leben entgegen. Der Jude 'hat an der Ueberführung des Wirtschaftslebens in neuzeitliche Formen nicht so sehr in technische»» Formen seinen Anteil genominen, als in der konstruktiven Durchführung der ökonomischen Mittel. An den neuzeitlichen Formen des .Kapitalismus, an allen' Einrichtungen der' Börse, des Scheckwesens, des Geldverkehrs hat der Jude mitgearbeitet. Und wo immer man mathematische Begabung voraussetzen »nuß, treffen wir eine stattliche jüdische Beteiligung. Alle möglichen Theoretiker, führende Statistiker »varen Juden. Das Schachspiel, das in besonderer Abhängigkeit von »nathematischer Ueberlegung steht, hat in Theorie und Praxis die stärkste Förderung durch Männer »vie die Schachgrößen L asker, Tarrasch, Steinitz. Zucke rtort.Kolisch.Winawer.Rosm i t t a l, M a n g e l s d.0 r f u. a. erfahren. Diese Zusammenhänge sind bis jetzt noch wenig berührt worden. E. Hnrwicz hat ein »nal anläßlich einer Abhandlung der jüdischen Bolkspsyche in seinein Buch „Die Seele der Völker" dazu Stellung genommen. Hnrwicz schreibt in seiner Abhandlung „Die Seele der Völker" eingehend über die jüdische Bolkspsyche: „Diese Fvrtwirkniig der Denkeigentünllichkeiten durch lange Geschlechterreilien hindurch, hänht a»rck jetzt immer noch mit der Fortwirkiing derselben Existenzbedingungen, wenn auch in verschiedenem Maße, zusammen . . . Dieses Jmponderabile, dieses teils erkennbare, teils unaussprechlich geistige Fluidum vererbt sich daher durch Ueberliefernng, die gar nicht bewußt zu sein braucht, immer noch von Geschlecht zu Geschlecht. — Die erkennbaren Züge dieser geiitigenl Eigenart, die durch den .Begriff des abstrakten Gesetzgcistcs umschlossen wurde, durchwalten aber in verschiedenen Spielarten neben der Religion auch die anderen Gebiete: das Wirtschaftsleben, die' Forschung. Wissenschaft, Philo- *) Unser geschätzter Mitarbeiter veröffentlichte während des Sominerhalbjahres in den Spalten, unserer Zeitung eine Reihe viel beachteter Aufsätze über „Die Juden i,n Wirtschaftsleben Deutschlands": er fügt »»umnehr dieser Serie Arbeiten Aussätze über „Judei» in der Natnrivissenschast" an Die Redakt. sophie und Politik, überall also die Strnktnreinheit offenbarend, die wie wir sehen, das untrüglichste Kennzeichen eines BolKgeistes bildet. Denken mir daran, wie Spinoza nicht nur nach eigenem Bekenntnis, die Menschen und ihre Leidenschaften als geometrische Figuren betrachtet, sondern selbst sein intin-stes Gefühl, den Amor Dei, in ein Netz logischer Deduktionen und Gesetze hineinzwängt; wie Ricardo die politische Oekonomie zu einer streng mathe- »natischen Geisteswissenschaft macht: wie später nur mit einem neuen und umfangreichen Material, mit unvergleichlich größerem Geisteshorizont und Großzügigkeit, doch mit der im Grunde gleichen mathematische» Methode Marx on die politische Oekonomie herantritt ... . Ans dem Gebiet des Staatsrechts findet „die gesetzliche Anhänglichkeit" in dem Lebenswerke L a b a n d s einen geradezu adäquaten Ausdruck; er sucht das Staatsrecht als System gesetzlicher Regeln und streng logische Dedlrktionen, ausdrücklich von der lebendigen Politik scharf zu sondern, er sieht in dieser Sonderung den Seyen des Staatsrechts und gilt als Begründer des wissenschaftlichen Staatsrechts. In . der Philosophie baut Hermann Cohen ei» Gesetzwerk auf, das geradezu als die reinste Ausprägung der Nomokratie gelten kann: er will die Logik ans die Mathematik, die Rechtswissenschaft auf die Logik und die Ethik auf die Rechtswissenschaft gründen . . Die mathematische Note tritt in allen diesen Köpfen als eine Komponente ihrer Begabung deutlich zu Tage. Das altes schließt eigentlich die Befähigung der Inden zu mathematischer Forschertäiiakeit in sich. Und wirklich sind eine Reihe der Lehrstühle an deutschen Hochschulen von Juden beseht. Nicht als ob diese Beschäftigung so gewinnbringend »väre. Das gerade Gegenteil ist wohl der Fall. Nach langen Jahren kärglichster Dozentenkausbahn winkt mit der Professur weder eine königliche Belohnung noch Ruhm und Popularität. Das Lebenswerk dieser Forscher entgeht tvie der wenig andrer Gelehrter selbst der Anerkennung der sonst Gebildeten. Ein Maler wird noch hundertinal eher zu Lebzeiten. die »Gunst der Mitwelt erringen, die Werke der Schriftsteller svrechen zu Abertausenden, während die Geistesarbeit der Mathematiker stets und ständig der Kuliurwelt eine terra incognita bleibt. Wieviele haben von den Fucksschen Funktionen jemals gehört, die Immanuel L'azarns Fuchs in seinen zumeist algebraischen und funktionstheoretischen Arbeiten nieberaelegt. Wer >veiß etwas von der Theorie seiner linearen Differentialgleichungen?**) Oder welche 'Vorstellung haben wir von der Lebensarbeit Kroneckers, der über die Gleichungen höher als des 4. Grad, über elliptische Transzendenten und vor allem über hie Krundzüge einer arithmetische»» Theorie der algebraischen Größen schrieb. Er lieferte einen neuen eiinacheren Beweis als' die Ganß'schen von der Jrreduktibilität der Kreisteilungs'- gleichnng. verbesserte den Beweis Ilbe'ls tut die Unauflösbarkeit der allgemeinen algebraischen Gleichu!»ae»i (von mehr als 5 Grade und die Auflösbarkeit der AbelKchen Gleichungen, bearbeitete die arithmetischen und algebraischen Probleme der ellivtischen Funktionen und stellte den Zusammenhang - zwischen der Multiplikation uni» Transformation dieser in den guadratischen Formen negativen Determinanten auf (Kohut). ' - Aus Rußland stammten mehrere Dozentei» deutscher Hochschulen, die nur ans Grund ihrer starken mathematischen Begabung Lehrstühle an deutschen' Universitäten erhielten. So war Georg C a n t 0 r, der Begründer der allgemeinen Mannigfaltigkeitslehre, in Petersburg geboren, Hermann Schapiro in Litauen (Seine Arbeiten gelten vornehmlich der Funktionstheoric). Mo ritz Cantors Werk übe»" die Geschichte, der Mathematik liegt ja wohl in vielen Bibliotheken auf und vermittelt u»»s eine»» Einblick in eine Svezialwiffenschaft, die gerade im 18. Jahrhundert durch indische Mitarbeiter eine wertvolle Bereicherung. erfahren hat. Uebriqens ist Cantors Werk selbst nicht nur eine einfache kompilatorische **) Bon jüdischen Mathematikern seieir hier erwähnt: Karl Wilhelm Borchardt. der Redakteur des Journals sür die reine »»nd angewandte Mathematik, dessen Arbeiten sich hmivtsäckilich mit der Determinante beschäftig» I ten. — Jeremias Rothfels mit Untersuchungen über ' analysischc Geometrie. — Königsborger.

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