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Neue jüdische Presse · 1921-11-24 · Heft 44 (24.11.1921) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 44 (24.11.1921)
Date
1921-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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il;4 "-^-- Preiswerte :: Mittags- Qod Hkleii: in guten Woll- und Seidenstoffen. Desgleichen ~ . Ifnteiiitke. 1 Anfertigung nach Maas.; Hans Nerger, Hochstr. 26 Hanaa 1787. Freies Jüd. Lehrhaus, Börsenstr. 7, Samstag,?i/i: Das soziale Problem (Dr. May), 8>/i: Juden in der neueren Dichtung (Dr. Salzberger), Dienstag, Gt/i: Wissenschaft von Gott (Dr. Rosenzweig), 7>4: Christentum (Dr. Strauß), Mittwoch, 6l/i: Unsere Zeit (Dr. Edmger), Donnerstag, 71/4: Die heilige Schrist (Dr. Strauß). Tiseres Bachurim, Sonntag, 8>/z, Langestr. V: Jargon-Literatur (Schachnowitz. ' Mekor-Chajim, täglich nach Schachris, Hörsaal Friedb. Anlage: Schiur, Sonntag-Donnerstag abend 8%, Montag-Donnerstag abend 7 Uhr, Langestr. 18: Schiur, Freitag nach Mariw, Samstag 121/4, Hörsaal: Bortrag, 3Vs, Langestr.: Bortrag. Jüdischer Turnverein, I. T. B. Heim und Büro: Unterlindau 21. Turnzeiten: Herrenabt.: Mittwoch, 8, Mauertveg 1; Zöglingsabt.: Montag, 8, Deutschherrn» fai 17; Knabenabt.: Montag, 5 Uhr nachm., Mauerwea 1; Damenabt.: Donnerstag, 8-Uhr abends, Wittrlsbacher Allee 10; Mädchenabk.: Donnerstag, 4 Uhr nachin.. Mittelsbacher Mlee 10. — Sonntag 7—12 vorm., Riederwaldwiese (Endstation 18): Sport. „Versichert eure Zuknust." Dr. Schmarja Lew in erzählte in einer Diebe; Ich Ijnttc einen Freund in Rußland, der sehr reich war. Er war nicht Zionist, seine Kinder waren assimiliert. Ich fragte ihn oft: „lamm versichern Sie nicht Ihre Zukunft?" Und er zählte mir seinen Reichtum auf, seine Eisenbahnen und Fabriken. Doch ich sagte ihm: „Kaufen wir zusammen einen Bauplatz in Palästina." Er war einverstanden und wir kauften zwei aneinaiiderliegeiidc Parzellen. Mein Freund wurde stets reicher, er besaß Milliarden. Im Kriege starb dr. Bon den Kindern hatte ich nichts gehört, durch die Revolution war jede Verbindung abgebrochen Ms ich aber das letztemal Jaffa verließ, wurde ) L. Fassbenders wieder In Frankfurt in FriedenaqualltAt. Kaiserstrasse 82. Jedem das Setuige. Roman von M- Pulvermann. (Fortsetzung.) „Das verstehe ich nicht," sprach sie' ruhig, zugleich aber ' wissend, daß cs keine leere Redensart sein kann. „Jetzt noch 'eine Frage, Herr Stromer. Sie waren doch bisher so offen, daher werden Sie es nicht scheuen: auch noch eine andere Frage offen zn beantworten. Durch welche Mittel hlauben Sie den Kamps gegen mich uns meinen Gatten führen und siegen zn können?" . Er gab keine Antwort und verabschiedete sich.mit einer kurzen Verbeugung, ohne aber ein sieggewisses Lächeln zu unterdrücken. .Kopfschüttelnd und mit langsamen Schritten ging Ellen nach Hanse, wo Klaßner ihr mit bcmfrohen Ruf entgegeneilte: Kommst Du endlich, Du kleiner Flattergeist?" , „Hast Du schon lange auf mich gewartet?" war ihre Gegenfrage. j „Dreiundeinehalbe Minute, die aber für mich dreiund» einehalbe Ewigkeiten waren," scherzte er gut gelaunt. „Ich hatte durch die Mutter erfahren, daß es meinem angetrauten Weibchen gefallen hat, im Freien herum zu strolchen, da hielt ich es sür meine unabweisbare Pflicht, dem Strolche entgegenzugehen." Bei diesen Worten - legte er den. 'Arm tmt ihren Hals und führte sie ins Haus. Sie.folgte ihm anscheinend ganz' willig, doch mit einem innern Zögern. Es fiel ähr ein, daß sie noch gar nicht daran gedacht hatte, wie sie ihm das Zusammentreffen mit Strömet: mitteilen sollte. Dann aber war sie -froh, daß sie es nicht tat, denn dadurch würde sie es ztt einem wichtigen Ereignis" gestempelt haben, das einerüberlegten und geschickten Behaüdlnng bedarf. Und gerade das zn vermeiden, war sie fest entschlossen. Sie wird es nur gelegentlich erwähnen, wie irgend etwas Nebensächliches. Eine Gelegeit- , heit dazu wird sich wohl bald bieten, wenn auch nicht gerade heute. — — Die Unterhaltung während der Mahlzeit gestaltete sich etwas einsilbig, bis es zu einem Selbstgespräch wurde, das Klaßner führte. Die fröhliche Stimmung, mit der er seine Frau vorher begrüßte, verließ ihn auch, jetzt nicht, und mit einer gewissen Befriedigung erzählte er ihr von den Börgängen bei der Sitzung, wie alle seine Anträge und -Vorschläge angenommen, wurden. .1,^ Keüe-ZüdrsWMefse'. mir ein Brief .überbracht, itnd er stammte von dem Sohne meines Freundes. Er schrieb, daß das ganze Vermögen verloren gegangen sei, alles sei nationalisiert worden, sie lebten in bitterster Armut und Hunger. Das ganze Vermögen seines Vaters sei verloren." Das einzige, das ihnen von der Hinterlassenschaft geblieben sei, sei ein Brief, aus dem hervorgche, daß der Vater seinerzeit mit mir in Palästtna Land gekauft habe. Er habe jetzt hebräisch gelernt, er sei Ingenieur, er fragt an, ob er drüben als Ingenieur leben könne. Und! ich schrieb ihm, daß er herüber kommen soll als Chaluz und den Boden bearbeiten, den sein Vater ihm hinterlassen habe. Ich weiß nicht, ob er herübergegangen ist. Für mich ist jedoch die Begebenheit symbolisch. So hat der Vater nicht durch all seinen Reichtum, sondern durch den Bauplatz in Palästina seine und seiner Kinder Zukunft gesichert. Und so könnte man allen Juden znrnfen: „Versichert-eure Zukunft!" Und wenn wir sie uns erkämpfen niüssen, wir werden siegen oder wir werden untergehen. Es kommt darauf an, unseren Willen zu stärken. Denkt nach über unser Schicksal, überdenkt die letzten Geschehnisse unserer Geschichte. Lehrt sie eure Kinder und macht sie stark im Willen!- Leah, die Ftschverkiinserin. Skizze aus dem russisch-jüdischen Leben von Ben-Avigdor. Aus dein' Hebräischen übersetzt. (Schluß.) Auf jeitem Gute war.sie geboren, dort hatte sie ihre Jugend zugebracht und die schönsten Tage verlebt. Sie kannte hier jedes Gebüsch, jeden Stein, jedes Bächlein; mit allen Fasern ihres Herzens hing sie an der Gegend; dort war sie 38 Jahre alt geworden — und nun mußte sie den Ort für Immer verlassen. Es war ein schrecklicher Tag, der sie und. die ihrigen aus der licbgewordenen Heimstätte verjagte. Dann wollte sie eine Milchwirtschaft auf einem anderen Gute pachten,- alles war schon i» Ordnung,- schon sollte Leah' die Wirtschaft übernehmen, und die Unglücklichen atmeten auf. Da kam der Erlaß, der den Juden verbot, in .den Dörfern zu wohnen . . . Da war keine Rettung. Sie mußten in die Stadt ziehen und eine Handlung eröffnen. Leah verstand voin Geschäfte nichts, und so gingen die geringen Geldvorräte bald verloren, um so rascher, als die Familie sich um zwei. Häupter vermehrt hatte. Jetzt mußte. Salomon zum Ernährer des Hauses werden. Seine Thora ‘ mußte er zum Werkzeug machen, um für Frau und Kinder Brot zu schaffen. Jetzt würde er gern eilt Rabbincramt übernommen haben, allein die Tage des Glanzes waren längst dahin ... so mußte er zum „Melamcd"*) werden. Leah vergoß im Stillen bittere Tränen bei dem Gedanken, daß ihr Mann, der weit und b/eit berühmte Gelehrte, der die Zierde des vornehmsten Rabbinersitzcls hätte sein können, und der noch dazu von so schwächlicher Gesundheit 'und zarter Konstitution war, nun unter die Melamdim gehen und die schwere, wenig lohnende und zudem so gering geachtete Arbeit ausüben mußte. Aber es gab keinen anderen 'Ausweg, und so zogen sie in eins *) Talmudlehrer. < ~ ' ‘!;; j „Es wurde auch beschlossen," fuhr er ernst fort, „unserem Gotteshausc noch vor den heiligen Festtagen ein neues Gewand zu geben, dessen es nötig bedarf. Das ist ja auch der Grund, daß ich Dich -noch nicht hineinführte. Ich wollte, daß Du Deine künftige 'Andachtsstätte im schönsten Schmuck selten sollst." „Das war sehr aufmerksam von Dir," sprach sie nachdenkend. . „Kind, mir fällt jetzt ein, daß sich an der einen Wand eine Inschrift befindet . . . Aber, nein, ich sage es Dir nicht. Es soll für Dich eine Ueberraschung sein. Von Deinem Platze aus, wirst Du es sehen köirnen." Sie' sah ihn fragend an, ohne die Frage in Worte zu kleiden. Sie war auch gar nicht neugierig. Es wurde ihr jetzt auch klar, -daß sie feinen Erzählungen doch nur mit erkiinsteltent Interesse gefolgt war. Seine Begeisterung für sein neues Arbeitsgebiet hatte auch nicht einen! einzigen Funken der Teilnahme in ihr wachgerufen, während sie doch eine sprühende Flamme hätte erwarten müssen. Sie war darüber verstimmt und verdrossen. Sie hatte wohl bei seiner Erzählung hin und wieder pflichtschuldig ntit dem Kopf genickt, doch nur um ihn zum Weitersprechen zu veranlassen, damit sie ungestört ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Das schien 'ihr seltsam und befremdlich, und noch befremdlicher war es, daß sie später, bis zu dem ersten Morgengrauen schlaflos auf ihrem Lager sich. wälzte, ohne mit ihrem Grübeln fertig zu loerden. Cs fiel ihr ein, daß sie ihin weder das Znsammentresfenj mit Stromer, noch den Vorgang mit seiner Mutter berichtete. Verzweifelt rang sie die Hände, daß sie so schlecht war, vor ihrem Gatten ein — nein -!»-'' sogar zwei Geheimnisse zu liaben! — — — — 3. Buch. ■ DieChristin? XIV, Der Sommer ging zu Ende. 'Als Klaßner an einem Morgen sich nach der Redaktion begab, erblickte er in den gelben, raschelnden Baumblätteru zn seinen Füßen das erste Anzeichen des bevorstehenden Herbstes.. Doch diesmal löste dieser Anblick keine wehmütigen Empfindungen in ihm aus, Nvitz.es sonst alljährlich der Fall war. Es beflügelte vielmehr seine Schritte, da er daran. dachte, daß die Natur wohl auf Welken und Vergehen hindeutet, ihm aber'stand noch eine reiche Ernte bevor. tzeite & Offenbarter Druckluft-Anlage Offenbaeh a. M. Telefon 123. Onfibertroffene Tepplchrelnigang mittelst Druckluft. entferntere Stadt, wo Salomon sich nun um Schüler bewarb. Es dauerte lange, bip es ihm gelang, ein „Cheder"**) zu eröffnen, und inzwischen verzehrten sie alles, was sie noch übrig hatten. Tage bitterer Not begannen. Salomons körperliche schwäche erlaubte ihm nicht, seinem Berufe den ganzen Tag obzuliegen, und deshalb waren die Erträgnisse nur geringe uni» reichten kauin hin, die nötigsten Bedürfnisse zu besttekten. Die 'Itot wuchs täglich. Leah mußte sich entschließen, ihre älteste Tochter in Dienst zu geben, Gott allein iveiß, welch' schweren Kampf sie ckämpste, als sie ihr Kind ztt fremden Lettteit als Magd schickte. Dieser Tag riß eine Wunde in ihrem Herzen, -die noch immer klafft, nie vernarben wird. Und Efraiin, ihr Sohn, der so gut lernte, dem die ersten Kapazitäten eine ruhmvolle Zukunft prophezetten — wo mag er nun sein?». . . Sie Haben ihn unten die Soldaten gesteckt und in ein weites, weites Land geschleppt, wo grimmige Kälte herrscht . . . auch Hunger und Mangel mußte-er leiden, der Vorgesetzte ist ein harter und grausamer Mann, der die tSothaten beim geringsten Anlaß mißhandelt . . . „Weh' der unglücklichen Mutter!" , Und' sie selber, was -war aus ihr geworden? Jetzt ist sie Fischverkäuferin in der Judengasse . . . Der Gesundheitszustand des Mannes verschlimmerte sich von Tag ztt Tag, und sie (sah ein, daß die weitere Ausübung seines schweren.Berufes ihn unfehlbar zu Grunde richten würde. Und sie zermarterte sich chas Gehirn, um einen Ausweg zu ersinnen. Sie wollte wie früher hie Last der Erhaltung des Hauswesens auf sich nehmen, nur um das Leben des geliebten Mannes zu retten. Aber alles stand 'vor ihr verschlossen, sie hatte nur die einzige Wahl, einen Korb zu nehmen und auf der Straße Fische feilzubieten. AK sie ihrem Manne diesen Beschluß änitteilte, weinte er wie ein Kind: „Du, Leah, willst ein Fifchweib werden? Gott ist gerecht!" Es war wohl die herbste Prüfung, die ihr das Geschick aufcrlegt, als sie das erste Mal in der Gasse erschien, mit dem Korb unterm Arm und ihren Platz in der Reihe der Fischweiber einnahin. Eine größere Erniedrigung hatte sie niemals erlebt, und heute noch, es sind schon zwei Jahre her, sie hat sich 'schon mit der Notwendigkeit abgefunden — aber die Erinnerung an jenen Augenblick schnürt ihr das Herz zusammen. Das Maß ihrer Leiden war wohl aber noch .nicht voll. Salomons Gesundheit war untergraben: die Krank- **) Niedere Talmudschule. Konditorei und Cafö Ph« Lanbenstein Hohenzollernatraaae 18. Telephon: Hansa 985. Spezialität: Ananas-Törtchen und Pralines. All die vergangenen Wochen hatte er unermüdlich geschafft und gearbeitet, jetzt aber war das Werk vollbracht, das ihm reiche Früchte eintragen sollte. Er wußte,' daß sein Buch -einen literarischen Erfolg bedeuten werde, aber auch in finanzieller Hinsicht hoffte er aus ein günstiges Resulatt, so daß auch feine häuslichen 'Verhältnisse sich besser gestalten würden. Bisher hatte er mit '.seiner Frau still und ruhig gelebt, und das Buch Chatte ihr beider ganzes Denken in Anspruch genommen. Sie machten keine Besuche und empfingen auch keine. Alice Mahlow war wieder aufs Land gegangen, und das Dumont'sche Ehepaar hatte eine längere Reise angetreten, von der es erst gestern znrückgekehrt war. Als der. Onkel Ellen diese Absicht vorher mitgeteilt hatte,, fürchtete sie, diese ungewohnte Lebensweise könnte sür die alten Leutchen, die sich bisher kaum üus der Stadt herausgewagt hatten, doch vielleicht nachteilig werden. Sicherlich war für ein solches Wagnis nicht das Bedürfnis einer Erholung» sondern andere triftige Gründe vorhanden. Was diese Gründe sein mochten, wollte Ellen lieber nicht zu erraten suchen, und um gar nicht daran zu denken, hatte sie sich unablässig mit dev Arbeit ihres Mannes beschäftigt. In diesem Vorhaben wurde sie auch noch durch-die Unterredung mit dem Vikar bestärkt, der ihr ungeachtet aller gegenteiligen Versuche beständig als Warnung, als Schreckgespenst vor Augen schwebte. Was sie eigentlich von ihm zu fürchten hatte, wollte sie ebenfalls nicht untersuchen; sie hatte schon genug unter der Vorstellung gelitten, daß jener ihr in einem Hinterhalt auslanere. Sie war auf der Hut und glaubte, das beste Abwehrinittel in der Arbeit zu finden. Nach und nach war es ihr auch gelungen, alle ihre Gedanken Klaßners Buch zuzuwenden und ihre eigenen Interessen den seinen unterznordnen. Wohl kam ' ihr oft zum' Bewußtsein, daß ihr dabei ihre ganze Individualität, auf die sie stets so stolz war, in die Brüche ging, daß sie dadurch ihre eigene Geisteskraft einschläfere. Aber sie fürchtete, noch einen größern Berittst durch das Erwachen zu erleiden. Dennoch stieg oft die ängstliche lFrage in ihr auf, was wohl geschehen sollte, wenit das Buch beendet sein werde? Die Antwort darauf war die Hoffnung — als Vater des Wunsches —, die Vorsehung werde ihr ein anderes Mittel schaffen, chren Geist tveiter zu beschäftigen, ein anderes Band, sie noch feste»--an ihren Gatten zu fesseln, so daß die Erinnerung an die Vergangenheit endlich gänzlich schwindet. — — (Fortsetzung folgt.) 523156

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