Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 41 (3.11.1921)
- Date
- 1921-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterLsraelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a M., Langestraße 1 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Satz Geis Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: In.Frankfurt am Main bet der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.56 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.66, für Ausland 10 sranz., ö schweiz. Frcs„ 3 holl. Fl-, 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Jnserttonsp r eis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 266 Pfg-, für die Reklamezeile Mk 5-—. Platz» und Datum- Vorschrift. ohne Verbindlichkeit. Nnnoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. 19. Jahrgaug. Donnerstag, den 2 Cheselnvan 5682 (8. November 1921) Nr. 41. Jsch Zaddtt. „Noa war ei» gerechter Mann, sittenreiu war er in seinen Seiten, jnit Gott führte sich Noa." Diese" Worte, mit denen der Bibelabschnitt des nächsten 'Sabbate beginnt, haben gerade in unserer Gegenwart riesernste Bcbentnng. Denn auch ihr sagt inan nach, das: die Erve voll de- Unrechts und vor Gottes Angesicht verderbt sei, wie es von Avas Zeit heißt. Freilich, eS mag in unseren Tagen noch so sehr Gemalt und Unrecht iibcriuächtig sein und »och so viel Sittcnvcrderbthcit herrschen, gegen Noas Tage isi's doch ein Kinderspiel, ilnd wen» da ein Noa ein gereckter, sittenreincr, mit Gott sich führender Mann genannt wird, so kann es uns nur so iveiliger unmöglich sein, uns diese Eigenschaften höchsten Menschentums zu wahren. , Das Jndentu», kcnirt nicht den Begrisf „Frömmigkeit". Mit Frömmigkeit ist Abwendung von dem Getriebe der Welt, Flucht.vor den Leidenschaften verönnden. Der höchste Bcgrisj des Jndcninms ist „Gerechtigkeit und Sittlichkeit als Ausfluß innersten Goktcsglanben." Gerechtigkeit und Sittlichkeit, die sich nicht aus den Glaube» an Gott gründen, tragen nicht die Kraft in sich, imnrer und immer wieder unverzagt mid ungebrochen gegen eine Umgebnag voil von Ungerechtigkeit und Unsittlichkeit sich.zu behaupten. Gerechtigkeit und Sittlichkeit ohne Goliesglanben sind in chrcin innersten Grunde, sje mögeir noch so groß sein, Affekte, aber nicht Ueberzengnitgssache, denn an einer entgotteten Welt gibt es in Wirklichkeit nicht die Begriffe Gerechtigkeit und Sittlichkeit. Das Judentum will, daß der Kampf mit den Leidenschaften und mit dem Getriebe einer andersdenkenden Welt aufgcaiommen werde. Denn nur so kann sich bewähren, daß die Rcligioir vom äußeren Lippeuwort zum unveräußerlichcir Gut der Seele wird; und nur ivenn der Mensch durch diesen Fenerofcn hiudnrchgcht, vermag er in Wahrheit Gott in seinem Innern eine Slättc zu bereiten. Gott möchte seinen Tencpel in einer. jeden Menschenseele errichtet sehen, und GcWchtlgkcik und Sittlichkeit sind die OuadLrn, auf denen dieser Tempel sich anfbaut. Thorakultur als Grundlage der nationalen Bewegung.*) Bereits vor dreißig Fahren, gleich nach der Geburt der jüdisch-politischen Nationalbewegung ist die' Forderung aujgctancht, es müsse der nationalen Beiregung ein höherer geistiger Jul-alt eingehancht werden. Bor allem lvar dies das Postulot von Achad Haain. Wan hat seinen Worten aufmerksam gelauscht, man hat, viel dafür und dawider geschrieben, man hat in der hebräischen Literatur zuerst manche Schlagwörter, später sogar die ganze Schale seiner literarischen Arbeit, die positivistische Methode übernomi»en. Ihren uenen Inhalt aber hat man ganz und gor außer Acht gelassen. Die gleiche Parole, nne 'Achad Haams „Nicht dieses ist der Weg" ist dann »och voic anderer Seite ausgegcbevi morde,i: von M. Pincs und W. Jalvitz. Beide waren viel tiefer und gründlicher in ihren Postulaten als 'Achad Haain. Beide sordccten ausdrücklich Thorakultnr. Und ihre Stimmen sind nicht erhört worden. Den Positivismus 'Achad Haams rettete lveingstens die äußere Form' seiner Aufsätze, den rein jüdische», philosophisch tiefen, thoraorigiiiellen Anschauungen von Pines und Jawitz lvar auch dies nicht vergönnt. Trotzdem Pincs der beste'hebräische Stilist seiner Zeit war und Iawrtz der wahre, tiefe und gründliche jüdische Historiker, einer der begabtesten jüdischeir Schriftsteller und Dichter ist. Welcheir Geivinn, so dürfen wir fragen, brachte aber anderseits die literarische Popularität Achad Haams, wenn das echteste nutz reinste in seinen Anschauungen nicht beachtet wird? Achad Haam hat viele . *) Aus dem „Füd. Jahrbuch für d. Schweiz": Wahrheiten über die Ethik des Jndenmms ausgesprochen. Was hat dies aber in der bisherigen jüdischen nationalen Bewegung gesrnchcet'? <.>« ^cit aber ging ihren Weg. Die Thoraktttcur, von welcher Pincs und' Jaivitz gesprochen haben, fand in den letzten Jahrzehnten, insbesondere in den ZlriegSjahrcn einen viel kräftigeren, tieferen und mcitgehsnderen Vertreter in der Person von Rabbi 'Abraham Jizchak Kook, dem Obcrrabbincr von Erez Israel, welcher, von jeher in religiösen Preisen als Gavn und Zadik bekannt, der tiefgründige jüdische Philosoph ist. :K. Kook strebt nicht danach, eine spezielle Organisation zu schassen, sondern er will in alle jüdischen OrganisatIonen, richtiger gesagt: in alle indischen Bewegungen und in die jüdischen Massen, den großen Geist der jüdischen Geschichte cinsiihren, den Heiligteitsgeisr aller jüdischen Gcnerariviicn, der großen jüdischen Vergangenheiten»!) der lichtvollen. nahen und fernen jüdischen Zukunft, :velche :>i. Kook in der jetzigen augenscheinlich so sinslereir und so niedrigen Gegenwart entdeckt. Damit will er in alle jüdischen Organisationen das hiiicintragen, was ihnen fehlt: die göttliche Lebendigkeit und damit die große Hofsnnng. die große innerliche Kraft. R.!>!vol anerkennt gleichzeitig den allgenieinen Zionismus, sowie den Misrachi und die Agnda: den Zionismus mit seinen! großen politischen Werke, den Misrachi mit seinen Berdicnsten in der Wahrung der Tradirion innerhalb der zionistischen Organisation, die Agnda mit ihren Bemühungen n,n die Li rganisiernng dcS frommen Judentums und die Stärkung der Thora. 'Alle diese Bewegungen müssen aber mir dem klaren Bewußtsein von sein nngehenren Wert der jcßigen Zeit erfüllt werden, als der Zeit des Anfangs der Erlösung und der „Messiasleiden". — Diese Zeit verlangt die Erlösung des jüdischen Volkes als Erlöfiingssiindament für.die ganze Menschheit, — und vor allem die völlige Bereinigung und Berschmelzüng aller.Teile des Volkes ohne den mindesten Unterschied. Im Zentrum der ganzen BvlkSarbeit »ins; das iur Gerste der großen Thorakultnr anflcbende Erez Jisroel stehen, und im Umkreis — alles was die jüdischen Massen reinigt, heiligt, sie zur Erezjisroelheiligkeit befähigt und sie so ertüchtigt, das wahre Messiasvolk, das „Licht für die Böller" zu werdeii. Rabbi Kook verhält sich also nicht nur zu den sogenannten bürgerlichen, sondern auch zu den linksstehenden Parteien im Judentum positiv. Das heißt jedoch keinesfalls, daß er auch nur irgendwie deren Theorien und politische Maximen gutheißt. Er sieht aber in all diesen Parteien ein tiesverstecktes und verdunkeltes Lichr, das mit einer groben und finsteren Hülle verdeckt ist. Das Heil muß deshalb von innen heranskommen. In einzelnen jüdischen Seelen muß das Licht erzeugt werden .und voic dort in alle jüdische- Seelen hineindringen. Zusainme». mit der wclrlichcn Renaissance muß die heilige Renaissance kommen, mit ihrem Zentrum im heiligen Lande, im Lande Israels. Dieses Aufleben der Heiligkeit darf keinen Parteistempel tragen. Sie nrnß alle Parteien beleuchten, reinigen und läutern. Daraus wird nachher von selbst die völlige Verschmelzung aller Parteien in ein ganzes heiliges Volk folgen. Dies ist der Grundgedanke der von R. Kook geschaffenen geistigen Bewegung „Banner Jerusalem": das Auflebcn des indischen Volkes als Thora- und Messiasvolk. Warschau. Hilel Zeitli». 'Anmerkung der Redaktion: Oberrabbiner Kooks Ideen setzen einen Kreis Menschen von liesster, edelster Thorakultnr, hoher geistiger und propagandistischer Begabung voraus. Solche Menschen möge in dieser schlveren Zeit ein gütiges Geschick dein jüdischen Volk geben! Es ist aber unmöglich, das Borhandenseiir solcher Persönlichkeiten als Tatsache einzustellen. Deshalb bedarf es der Organisationen, und Oberrabbiner Kooks Platz ist datier — unabhängig von seinen besonderen Gedanken — in der Organisation des Misrachi. Boyr Wirtschaftsrat für Patästiua. Der Wirtschastsrat für Palästina hielt in London seine erste Jahresversammlung ab. Sir R o b e r t B a le y -C a h n gab sür den verhinderten Borsitzerrden, Minister Alfred Mond, die von diesem verfaßten programmatischen Erklärungen ab. Man brauche die Mitarbeit aller. Jeder englische Jude solle es als seine Pflicht empfinden. der britischen Regierung und der britischen Nation in dev AnSsührnng der schweren Aufgabe, welche sie sür die Juden der ganzen Welt auf sich genommen haben, bciznstehcn. Der erste Weg, nur die Baisonr-Deilaralion' mit Erfolg durchführen zu können, jel die Schaiinng von wirtschaftlich ge» sniiden Unleruehinnngen in Palästina. Dazu seien große .'lapikalien nötig, welche inan jedoch er!,alte» könne, wenn die Mitglieder die Ucberzengnng haben, daß die Untern.hinnugen ans gesunden Grundlagen geschassen und richtig verwaltet werde». Dafür zu sorgen, sei Sache des Wirtschastsrates. Dieser soll ans Mitglieder ergänzt werden, weshalb eins 'Werbungsattion norioendig sei. Das zweite Prinzip des Wirtschastsrarcs sei das der Zusammenarbeit mit anderen >iörpersthasten und der Koordination a.ler Arbeiten, welche sich aus den 'Ausbau der Palästina-Wirtschaft beziehen. Daher begrüne er die Bertrerer der zionistischen Organisation und der Jra, welche ihre Mitwirkung zngesagt haben. Es ln'ge auch eine Zusage ans Mitarbeit vvir amerikanischen Körprrschafien mit gleichen 'Aufgaben und Anschauungen vor. Znm Arb.ilsprozranim wurde ansgesührc, daß Palästina "ch, »i chren e l e k t r i s ch e n n d W a s s c r i r a f t benötige; diese kann ans dem Jordall und anderen Flüssen erhalten werden, so>vie durch den A u S b a n d e r H ä fe n. linternehmilngen dieser 'Art sind also besonders ivichtig und zugleich auch prodnitz'o «n vollen Sinne des Wortes. Demgemäß^ ivird das R u t h c n b e r g - P r o [ t f t einer großen elektrischen Zlraststation lonlrete Form annehmelt, .sobald die nötigen Ztapitalien aufgebracht werden können.. Dev Hasenansban itt auch schon der Verwirklichung nähergeriirkt, und man hofft in zlürze zn den BvrbercituilgSarbeiteq der Boden,,nlersuchilng „nd dergleichen schreiten zu' können. Der Wirtschastsrat wirb bei diesen beiden großen Unternehinnngen wiclitige Fnnitionen anszunben haben, lkeberdies liegen ihm eine 'Anzahl kleinere Projekte vor, welche die Grundlage für die Entwicklung bestimmter Industrie« bilden können, klm diese verschiedenen Projekte zu verwirklichen, har der Board die Gründung einer Gesellschaft unler dein Namen Pa lest ine Company mit einein Stammkapital^ vo» Wl, l>0<> Pfund beschlossen. Aufgabe dieser Gcsellschasr ist die Finanzierung aller dieser Jndustrieprojekte, sobald sie an Ort und Stelle begutachtet sind. Zn den wichtigsten unter ihnen gehören Häuserbauunternetzmu»gen sowie eine Import- und Erportgesellschast, zwecks Ein- und Ausfuhr von Waren. Zn einer tluteruehmung für Salzgewinnung find -IO OÜO Pfund notwendig, davon steuert die. Hälfte die Jca bei. „Es ist keiii Zweifel — schloß Sir Eahn —: daß?« Ziörpcrschaft, welche rentable Industrie,i .in. Palästina ichasse» wird, damit der jüdischen und der britischen Sache erneu großen Dienst erweist." % I a »i e s Rothschild teilte mit, daß Sir* Herbert -Lainnel ihm in Palästina gesagt habe, er wünsche ßehv, dag englische Juden leitenden 'Anteil an der ''lussührrtnä aller vorgeschlageneu Projekte nehmen, da sic die finanziellen und po!i ischen Schwwrig ciren der palästinensistlen fmt. datsregierung kennen und ihr mit allen Mitteln behilflich fein sollen. , 'h>j Anfragen der Herren S e l i g m a n n und Sic V\? °-t ’ " c£ teilte der Borsitzende mit, daß der Londgiiev Wirrschaftsrat mit dem amerikanischen Board in reäent Koncakt stehe." -; 5« da^ Erekntivkomitee des Wirtschaftsrates wurde« gewählt: Minister Alfred Mond, Sir Stuart S^aiiiuef, Sir Robert Baley-Cahn. Albert Be.» lifcha, Baron James Rothschild. Leonhard L Cohen. A. E. d'Avighor, Goldsmith (Bertreteö der ,zca) und Joses Coven ,Vertreter der zionistische,» Organisationl. - - Vom Jewish Board os Deputies in London. < In einer Sitzung des Jewish Board of Depnties unter Vorsitz von Sir Stuart sitauiel berichtete 2 u c i e n Wolf im Namen der Anslandskommission über döe dexei» Vertretern in Genf erteilten Instruktionen in bezug aufdir Lage der Juden in Ungarn, in Lettland, in Finnland ustn. Auch berichtete er. daß die Kommission die Bemühungen Polens veranläßt habe, die in Ungar» internierten polnischen Jude» zurückzu bringen. Schließlich machte Lucien Wolf Mit-»