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Neue jüdische Presse · 1921-10-28 · Heft 40 (28.10.1921) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 40 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 40 . Seite 4. . KÜNSTLERSPIELE 7 Uhr Schäfergasse 13/15. 7 Uhr. Vornehmes Familien-Kabarett. .Ha, Ha, Ha!" wieherte, Marcelt und wandte sich an seinen Begleiter, „der will, das; ich ihn um Rat sragc, ob ich eine dieser schmierige» Judendirnen durchblänen soll! Ha, ha, ha!" Marcell und sein Freund wandten dein Fragenden den Rücken und gingen weiter. III. ,D>er Wächter geht!" erscholl es unter den Hökerinnen, „schnell, weicht zur Seite!" Aber nicht alle waren imstande, so schleunig von der Stelle zu kommen, und Marcell richtete im Vorübcrgchen eine wahre Verheerung unter'den Waren an, indem' er bald eineir Korb unistieß, bald eine» Topf oder Krug zertrat, während die'Verkäuferinnen jammerten und fluchten: - „Ach, meine Bohnen! das; Gottes Fluch den Mörder ereile!" ' ./Daß ihn die Hölle verschlinge!" Inzwischen wandte sich der Hüter der Ordnung bald an die eine, bald an die andere der Verkäuferinneir und forderte seinen Tribut. „Chawa, etwas trockne Bohnen will ich." „Ich habe Dir ja heute schon zweimal gegeben!" „So gib mir zum drittenmal!" . Er nahm sich eine Handvoll Bohnen, während die Vertäuferin zischte:. „Das; Du daran erstickest!" „Sarah/ gib mir einen Apfel!" »Mörder, was ist heute mit Dir los! Meine Aepfel kosten zwei Kopeken das Stück," wehrte die Verkäuferin. Aber Marcells Faust sauste auf ihre» Kopf nieder mit einer Wucht, daß ihr jede Lust zum 'Widerstand verging. „Zwei Kopeken her!" sagte Marcell zu einer Frau, die an einem Korbe mit Eingeweide» und Fleischabfällen saß. „Du hast ja heute schon bekommen!" „Zwei Kopeken her, sonst jage ich Dich fort von hier!" „Daß Du sic zum Arzte hintrügest!" lohnte ihm die Beraubte. v” „Dnmmes Weib," lachte der Wächter. „Marcell war niemals krank. Ho, ho, da würde ich schön ankommcn, wenn cs mir cinfielc, krank werden zu wollen; mein Magdalenchen, der Teufel hole sie,, würde mir das Genick brechen. Ja, ja, Anton, Du keiucst nrcine Magdalcnc nicht, aber ich kenne sic." Auch an den übrigen Verkäuferinnen vorübergehend, blieb er nicht müßig. Von einer jeden forderte er seine Steuer, vier, fünf Kopeken, zuweilen aber begnügte er sich mit einer einzigen. Dabei stieß er die Frauen nach allen Conditorei und Cafd Wilhelm Wendel jlltagaasa 6 Telefon Hansa 1288. Ifeanktortor Breuten n. Betnuumcben. (Seite Jüdische Kresse. Seiten, zertrat ihre Körbe nnd Schüsseln und senke ihnen nach, kvenn sie davonliefcn. „Fischerinnen!" rief eine Obsthändterin z» de». Fischvcrkänferinncn hinüber: „er geht!" „Der Wächter geht, er will uns sortjagcn!" ■ „O, Gott, der Räuber kommt schon wieder!" „Er hat doch vor einer Stunde sein Geld bekvmnien!" „Ich fliehe, bevor er kommt!" „Rein, ich rühre mich nicht von der Stelle! Ich habe noch heute keinen halbe» Rubel verdient, und meine Kinder sind hungrig!" „Leah, warum bleibst Du'? Laß uns fort!" Aber Leah saß wie angenagelt, sic vernahm iveder die Stimme der Rnferin, noch den Lärm und das Getöse um sie her. Sie saß in Gedanken versunken zwischen den beiden Fischkörbcn, die zu ihren Seiten ans der Bank standen nnd hatte die Auge» ans den Boden gehestet. Sie saß hier inmitten des Gekvühls der Straße, aber ihr Geist weilte andersivo, zu Hanse am Krankenbette des Mannes. Soeben war sie gebrochenen Herzens von dort zurückgekchrt, denn er war sehr geschwächt, so das; er kaum ein Wort hervorznbringcn vermochte; er^ war leichenfahl und atmete schwer und kurz. Die ihm dargcrcichtc Suppe konnte er nicht genießen'. . . ja, einen so schweren Tag hatte er seit seiner Krankheit noch nicht gehabt. Wie sehr wünschte sic in diesem Momente an seiner Statt krank zu sei«, wenn er nur gesund wäre! Sic stand an seinem Bette und betrachtete sein abgezehrtes Gesicht nnd mußte ihre ganze Willenskraft aufbieten, um den Tränenstrom znrückzndämme», der aus ihren Augen hervorznbrechen drohte, sie fürchtete, ihn dadurch noch mehr zu betrüben. Er aber ließ keinen Klagelant vernehme», er seufzte nicht cininal, sondern hob seine bekümmerten Augen zu ihr empor. Dann ergriff er ihre Hand und flüsterte: „Leah, es schneidet mir ins Herz. . . . Du frierst den ganzen Tag draußen, heute hast" Du noch keinen Bissen gekostet ... ich kamr dem Leid der armen Kleinen nicht zusehen . . . sie vergehen vor Hunger . . . gib doch nach . . . bringe mich ins Spital! . . ." Leah zuckte bei diesen Worten zusammen nnd antwortete sanft: „Nicht doch, Salomo», fordere dies nicht von mir. Ich will eher sterben, als Dich im Spital wissen. Gott wird uns schon helfen!" — Dann überkam ihn ein leichter Schlaf, nnd sie freute sich sehr darüber, denn er hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Aber die Kinder stimmten ein lautes Weinen an nnd riesen nach Brot. „Stille doch, Kinder!" schalt die Mutter „wecket nicht den Vater! Sehet Ihr denn nicht, wie krank er ist? Ich bin auch hungrig und mache keinen Lärm. Bald gehe ich lstnaus, nnd wenn Gott mir gute Losung schickt, kaufe ich Euch Brot!" — Aber die Kinder waren, von diesen schonen Aussichten nicht gesättigt und weinten noch lauter, so das; der Schlafende sich regte. Ergrimmt stürzte sich Leah ans die Kinder und schlug sic' herzlos; die Kleinen wurden eingcschüchtert und blieben mäuschenstill; aber gleich daraus empfand die Mutter bittcrn Schmerz über ihre Grausamkeit ... sie sind ja noch so klein, haben sich an deir Hunger noch nicht gewöhnt . . . Leah wandte sich an das Fenster nnd weinte blutige Tränen: „O, Gott, strafe Mich, aber nicht meinen armen Mann und die kleinen- Würmer!" Dann trat sie auf die Kinder zu und suchte sie durch Liebkosungen und Trostworte zu beruhigen. Den Knaben lüßte sie, setzte ihn ans das zweite Bett und bedeckte ihn mit einer alten Decke, und dem älteren Mädchen befahl sic, nicht vom Bette des Vaters zu weichen, da er jeden Augenblick erkvackjen nnd ctivas verlangen könnte, währeird sie Wochenbett-Ansstattiuigeii Hugo Rothschild Langestrasse 35. Telefon Hansa 9926. selbst auf die Straße gehen wollte, .um ihnen Brot zu bringen. Da erivachtc der .Kranke und lvinkte, 'das; sie näher trete. „Leah," sagte er ganz flüsternd, „meine Tage sind gezählt, bald werde ich vor Gott stehe»!" — Leah war kreidebleich geworden, aber sic suchte sich zu beruhigen und sagte gepreßt: „Nicht doch, Salomo», hege nicht solche düstere Gedanken! Du lästerst Gott! Gott wird ' helfen!" — „Laß Mich zu Ende reden," unterbrach er, „Wenn ich tot bin, Leah, so trauere nicht! . . . eine schwere Last wird durch meinen Tod von Dir und den Kindern genommen sein . . . Euch wird der Ertrag Deines Handels hinreichrn . . . Sei getrost, Gott ist ein Vater der Waisen nnd ein Richter der Witwen, er wird Euch nicht verlassen!" Leah konnte sich nicht länger beherrschen, ein Träncnstrom brach aus ihren Augen. Da kam der Arzt und beruhigte ihn, das; die heutige sonderbare Schwäche ein Shmptom der Besserung sei. Aber draußen erklärte er der Fra», das; der Kranke in Lebensgefahr schivebc . . . er benötige eine kräftige Wcinsnppc, um sich etwas zu stärken. Er riet ihr, sich an den Vorsteher der „Bikkur- Cholem" zu wenden . . . Wie konnte sic sich dazu , ent- ' schließen? Seit anderthalb Jahren ist der Mann nicht aus dem Bette gekommen, und sie hat bisher keine Unterstützung für seine Pflege angenommen . . . Solle sie heute den Vorsatz brechen? Der Wein ist zwar sehr nötig, aber wie kann sie das? Zeit ihres Lebens hat sie ja nie eine Unterstützung angenommen, sie kann keine Untcrstütznng annchmen, besser der Tod als betteln . . . Nein! beschloß sic fest, Gott' wird schon helfen müssen,' aber die öffentliche Wohltätigkeit lvill sie nicht in Anspruch nehmen; ans dein Markte wird ihr Gott gute Kunden schicken, und sie wird den Wein für cigeiic-^Geld kaufen . . . Sie sitzt hier, und wie sehr möchte sie jetzt zu Hause sein, in» nachzusehcn, wie's ihm geht, ivic möchte sie bei ihm weilen, aber sie muß ja hier sitzen, auf Losung harre». (Fortsetzung folgt.) brai deul heiß busc wir ein Pa UNd chä, eit noch men er Literarische Rundschau. Notizen. Am 15. Oktober waren cs 100 Jahre, daß der Freiheitsdichter und Abgeordnete der FrankjUrlec Nationalversammlttiig M o r i tz H a r t in a n n in Duschnik bei Przi- L. Fassbenders ELonlltaren wieder in Frankfurt in Frledenaquallttt. Kaiserstrasse 32. Die sdiönsten Sdiuhef ür den Herbst Baum Goethestr. 29. Erstklassige Fabrikate Allerneueste Formen nnd trotzdem Massige Preise! Diese 5 Punkte werben täglich neue .' Kunden fllr uns. — Wir bringen aas Beste preiswert! A. 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