Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 39 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugSpreiSpro Vierte l j a h r: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen. Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei inS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00. für Ausland 10 stanz., 5 schweiz. Fros„ 3 holl. Fl., 6Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis JnfertionspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 150 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 5.—. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Freitag, den 12. Tiscliri S682 (14. Oktober 1921) Nr. 39. Infolge -er Feiertage erscheint die nächste Nummer Freitag, den 28. Oktober. Einer Welt znm Trotz. SuAauS-^edanken. Wcun Wind und Regen wieder da» Hergunahe» der Wintcrzcik vcrtündcn, . wenn die Wände des schützenden Hauses wieder das inenschliche Leben -umfangen, — dann spricht dos Wort Gotte» zum Hanse Israel: „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage, damit jede Generation wisse, das; ich, euer Gott, die Kinder Israel in Hütten wohnen lieh, als ich sic aus Aegypten herausgeführt hatte." Vom ersten Augenblick an war der Weg des jüdischen Voltes durch die Seiten ein wunderbarer, entgegengesetzt allen Erfahrungen der Geschichte, ivic ein Trotz gegen oeu Wille» der Welt. Eine Sklävcnhorde unter der Knute des mächtigsten Bottes der Erde, verurteilt zu lebenslänglicher Frohnarbeit, erschien das Kos des jüdischen Bottes als ein hossnungsloses. Denn Pharao, der mächtigste Mann, noch mehr, der Gott dieses mächtigsten Voltes verhärtete immer wieder und wieder sein Herz und sein Cfir, trotz schwerster Schicksalsschläge, dem Flehen dieser Stlavcnhorde. Weder die Stimme der Menschlichkeit, noch die Stimme der Bernnnst drangen zu ihm empor. Uuü doch! — und dennoch! — ohne das; auch nur ein Hund im ganzen Lande die Junge gegen sie rühren durste, mußte der Pharao Aegyptens sc ine entrechtcsten Stlaven mitsamt ihren Frauen und Kindern als freie Männer zieheit lassen. Und der Fug ging durch die Wüste, durch öde Länderstrecke», beraubt jeder Möglichteil, das Leben in ihnen zu fristen. -Und doch! — und dennoch! — dort iuo auch nur einzelne Menschen,auch nur wenige Tage nicht Rahruug suchend und sindenü weilen können, weilte dieses Millioncnvolk vierzig Jahre, — und die Nahrung, die ihm die Erde verweigerte, sic siel vom Himmel. In einer Wüste, -in -Hjitten, arm an allen irdischen Gütern, reiste dieses Volt zur höchsten Kultur. Tic Erfahrung kennt nur Feld und Hans als Pflanzstätte menschlichen Fortschrittes, Wüste und Hütte bringen ihr nur ein Nomadenleben. Aber hier ward alle Klugheit der Heit .zum -Hohn. Wüste und Hütte sehen das Göttliche, sehen,' was das Endziel menschlichen Strebens ist. Wies» geschah einst dieses Wunder, das doch kein Wunder, ist? — Weil das Volt Israel der Feuersäiile Gottes - folgte, fand cs den Weg aus der .Knechtschaft Aegyptens, weil es der Fencrsänle Gottes folgte, tonnte c-Z vierzig Jahre lang eine Wüste durchziehen und in Hütten die Erkenntnis Gottes empfangen. ' „Ich, euer Gott, ließ eure Vorfahren-in Hünen wohucii, als. ich sie aus Aegypten heransgesührt hatte." Das ist das grosse Geheimnis'der Geschichte des jüdischen Bottes. Nur in Verbindung mit Gott ist-diese Geschichte verständlich, die ein Trotz zu alte» Erfahrungen' einer nur aiis sich vertrauenden Menschheit ist.. - Gott folge»! also lautet die jüdische Gesamtbeftimmung,' also lautet Die- Bestimmung eines jeden einzelnen. Juden. Schon als das jüdische Volt »och ein einzelner war. ichon Abraham, sein Urahn, löste sich los aus Vaterland, Geburtsort und Elternhaus und ward znm Wanderer, da Gott ihn ries. Doch weil er dem Ruse, folgte, weil er Gvlt vertraute, ward sein Leben zum Segen. Gott folgen! auch unter Verzicht ans alte scheinbaren 'Annehmlichkeiten des Lebens, auch einer Wett znm Trotz, die so ganz anders denkt, ist auch heute der Weg. den der einzelne im jüdischen 'Volk zu gehen hat,;venn sein Leben wert sein soll, gelebt zu werden, wenn eine Fülle von Segen von ih>n ausgehen soll, und wenn ihm als Ziel wieder das Land winle, das einst Gott seinem Urahn verhieß. Aus einer Jndendebatte im Wiener Landtag. Tie antisemitischen Krawalle an der Wiener Börse gaben Veranlassung zu einer Indendebatte im Lairdtag, da der 'Antisemit K uns chgk in Verbindung damit die Answeifuug der Sstjuden verlangte. Bürgermeister Reumann tvics ein generelles Vorgehen zurück und meinte, daß sich doch auch die Banke», sogar die Großbanken ivie Länderbank und Anglobank, niit Valutaspekulationen befassen. Tr. P l a s ch k e », der tapfere jüdische Verteidiger gegen die antisemitische». Anwürse, ergriff sodann das Wort und führte „. a. folgendes au»: „ Ich erlaube mir daraus hinzuweiseii, daß die Herren tleine Dinge mit großen verwechseln, Vas; sie wieder einmal generalisieren, wo sie speziatisicren sollten. Tie paar Juden, die ans dem Lchoitenriiig spazieren gehen, sollen zum Kamps gegen die breite Masse der Inden dienen, während die Großbanken an dicsein Treiben'der Börse die Schuld trage». Wer ist denn die Börsenleitnng, die hier angegriffen wird? Ist das der polnische Jude oder .Herr Popper von; Wiener Bankverein? Für diesen Herrn Und seine Genossen ist die Gefahr-nicht so groß, die wollen Sie nicht answcisey, sondern durch Gesene schütze», und durch Geschäfte stützen, ihr Vermögen ivollen Sie retten. Dafür sollen die Inden gestraft iverden. Für die Folgen der christlichsozialeu Rcaicrungslunste brauche» Sie eben einen Prügelknabe», nnd wen prügeln sie? Tie Inden! Sie generalisiere» halt so gcr». und Paiischalverdüchtigungeii blühen in Ihrem Kreise! Sie hetzen gegen besseres Wissen! Was wir bemängeln, ist die Anwendung jener Gewalt, die ungesetzlich ist, wir vrrwahren uns dagegen, daß unter Führung irgendeines Gemeinderates L' oder ')) unbesonnene Menschen ansgebvten nnd aus dem Schottenring gehetzt werden, daß diese Menschen dort grobe» Unfug treiben, daß dort zahllose junge Burschen unter Heil-Rusen herumrennen und - ihre Hege veranstalten. Tas ist die Hetze der Herren, die ihre Hetz' haben ivollen — an den Juden. Da schlägt inan Fensterscheibe» ein oder rennt einem Trämwamvaggo» nach, und zieht irgeiideiiieii Mann heraus. Zufällig ist e» nicht der Abgevrdirete Seipel, sondern irgendein armer' Jude, der ans dem Büro kommt nlid mit der Börsenspekulation nichts zu tun hat. Seinerzeit ist von den Froiilkämpfern Ihr Führer Abgeordneter Seipel attackiert worden, und nur durch seine Erklärung, daß er der Abgeordnete Seipel ist, -wurde es verhiiidcr!, daß er mit einem polnischen Juden verwechselt wurde. Frauen und Mädchen, die aus Geschästen kamen, wurden ans dem Börsenplatz geschiageii, nnd nicht einmal die Beamten der Telephonzentrale waren sicher. Ich frage Sie.aber auch, was es genützt hat, oie Inden an einem Tage vor sich herzuticibe», zu prügeln, blurigzuichiagtn, ivähreyd inan a>n 'Abend las, das; in Zürich dcr .Kronenknr» wieder gesunken ist. Ich glaube, die belresienden Gcmcinderäte haben nur wieder den Beweis geliefert, daß die Banken da» Heft in der Hand haben und sich vor dem Wetterleuchten in der Umgebung des Herrn Gcmeinderales Knnschäk nicht fürchte», sondern " den Kurs, weiter drücken. Diese Hetzer und auch die bei diesen Äcwaltkatcn „amtierenden" öffentlichen Funk- Nonäre haben durch ihr Vorgehen im eine»; Tage unserer Ltadt mehr geschadet, gls sie ihr in ihrem ganzen erden genützt habe» und nützen werden. Sie haben Sstiude» von dcr Börse vertrieben, sie haben bodenständi ze Bürger in dcr.Bprse.selbst schwer.verletzt, sie haben ihre selsten Kräfte eingesetzt, und — der Kronenkurs sinkt w ter.. Er muß wcilersinlen, weil sich unsere Kaufmannschaft unter größten Tpiern mir fremder Valuta eindccteu und dafür viele Kronen hingeben muß. Daß in Zürich und Amsterdam die großen Schiebereien gemacht werden, daß die Banken auf telegraphischem Wege den Kurs feststelle», dagegen sind die besten Kämpfer machtlos, die sich a.i der Front dcr Börse und des Bantvereins betätigen. Gegen die Verhaftung eines Valutaschiebers haben wir' nichts einzuwenden, gegen derartige Abschiebungen aus Wien wurde von unserer Seite bisher nichts getan. Wir gehen aber weiter und suchen das Uebel an der Wurzel zu fassen. Lesen Sie die^Berichte der konstituierenden Nationalversammlung, lese» rcie, wie unser Vertreter allein den Mut batte, in großangelcgter Rede gegen das Wirke» der Banken und der bestochenen Presse loszugeyen. Niemand hat cs im selben Maße gewagt, das zu tun nnd diese» großzügigen Balutasckiebern an den Leib zu rücke». Wir könncil nur immer wiederholen: In hetzerischer Form generalisicren ist in jeder.politischen Körperschaft, auch im Wiener Landtag» eine unzulässige Handlung. Wir verlange», dass diejenigen, die arbeitsam und anständig sind, geschützt werden. Ich habe nicht» dagegen, daß Schädlinge ansgescl.losse» werden, aber ich erinnere auch zu gleicher Zeit de» Herr» Bürgermeister als Landeshauptmann an sein Versprechet;, die arbeitsamen Leute, die hier eine volksivirtschastlich wichtige Tätigteit entfalten, nicht cmsweisen nnd nicht in ihre» Lebensbedingungen schädigen zu lassen. Wenn ich Ihnen ans ineinen Erfahrungen erzähle» wollte, wieviel Arbeiter, 'Angestellte und arbeitsame Menschen, Gewerbetreibende n,;d ehrbare Kanslcute aller Art, zu mir kommen mit der rechtskräftigen 'Ausweisung in der Hand oder mir der Anforderung ihrer Wohnung nach H 7 der 'Ansordcrnngsverordnnng. weil sie hier leinen 'Amenthalt haben, wenn ich von meinen Erfahrungen bei Ser Polizei und meinen Bittgängen zum Wohnungsamt für wirklich anständige, schuldlose Menschen berichten wollte, die sich int Schweiß des Angesichts plagen, würden Sie eine Ahnung haben, wie dcr Bürgernreister als Landeshauptmann die' 'AnSwcisnngspraris übr nnd wie unmenschlich Jyrc Inden- Hetze ist. Ti. Polizei soll die Börse inspizieren, die Banket; über-- wachen, dann werden Sie vielleicht — ich glaube nicht daran — eher zu einer Besserung unseres .Kronenknrscs Tom» uitii, als durch Fronlkämpsererzesse. Tiefe Dinge sind'ganz von and:reu Elementen abhängig, als von eiirgen galizischen Juden, die sich in Wien mit Valuraspetulation beschäftigen. Ich hoffe — mid das ist cs, was ich einzig' und allcin für dringlich halte — daß die arbeitsame» Elemente,' die anständigen, ehrlichen Juden, die sich nicht mir Valutaipckulation befassen, geschützt werden, die gedrückten und getretenen Jude». Glauben Sie mir, daß viele lieber in die Hcimar ziirückgingcn, als sich von Herr» Ilulermüller und' Prcyer hier verungümvien zu lassen, wenn es ihnen nur', irgendwie möglich wäre, dort zu leben. Aber dann ersuche»/ wir Sie:. Unterscheiden 'Sie woyl zwischen den schäbige»'. Elementen, die wir und Sie gemeinsam" bei äinpfen und de» anständigen Elementen, denen Sie Ihre» Schutz versprochen haben, und denen mir unseren Schuv nnbediilgt gewähre»i werden. Geben Sie die Demagogie an;, treibe» Sie nicht böse Anaenanswischerei, sind Sie lieber christlich und sozial,. — dann werde!; wir uns eher rinden! Wie Rumänien die jüdische« Miuoritätenrechte achtet. Seit zwei Jahren tämpie» Sie Juden der .Rumänien übergebenen B u t o w i n a aut Grund ihrer Minoritäten--- rcchte für die jüdische Schule: — nud der Erfolg?/ Auch Rumänien preiir auf Verträge, Entente und Völkerbund und Hai daher jetzt folgende Verfügung beransgegebe»:' 1. D ie erste Klasse der s ü o i s ch eil Volt s s ch u l e » wird vollständig r o n; a n i s i e r k, jedoch wird das Hebrcr--' ische oder das Jüdische als Gegenstand „nach freier Wahl" \ dcr Ellern unterrichtet werden, wenn geprüfte (!! D. Redakt.) Lehrer für diese Gegenstände vorhanden^ sein sollten. 2. Beim Unterricht darf sich der Lehrer unter lei-. » e » U nt st ä n ö e u der deutschen Sprache bedien ne», also, auch daun nicht, wem; irgend ein Begriff verständticher gemacht werden soll. . 3. Bei der E i»s ch r e i b u tt g muß ein r u m ii » i f ch - national c r Lehrer zstgegei; sein.