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Neue jüdische Presse · 1921-09-29 · Heft 37 (29.9.1921) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 37 (29.9.1921)
Date
1921-09-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. JORICHS KUNSTLERSPIELE 7 Uhr Schäfergasse 13/15. 7 Uhr. Vornehmes Familien-Kabarett. und als ich mich (bann dein Manne zuweiiden wollte, war er inzwisckicn gestorben. Voll rasAiden SchmörzcS lvars ich mich über seine Leiche, denn mein Zögern mochte seinen Tod verursacht haben, und ich verwünschte meine Augen, die die stehenden Blicke eines Menschenbruders sahen und sich dennoch der Esel last zuwandten, und ich .sluchte meinen Füßen, die nicht gleich zur Hilfe geeilt waren. Nach meineir Worten geschah mir, und ich bin froh in dem Gedanken, meine Schuld zu sühnen." Rechtschaffenheit über alles. Besser wenig und redlich — als viel und ans Zins leihen. Besser mit kleinem Bermögen geringe Wohltaten übe» — als andere benachteiligen nnd viel Almosen spenden, uni ein Wohltäter genannt zn werden. Rabbi Elieser schlug nicht nur die Geschenke des Fürsten aus, sondern auch die Einladungen zu seiner Tafel, um sich die Unabhängigkeit zu wahren. Ein Hirte, brachte dem Priester Rabbi Iischmael den Elischa die Erstlinge der Schafschur. „Ist denii an Deinem Ort kein Priester, dem-Du die Erstlinge bringen konntest?" fragte Iischmael. „Wohl ist ei» Priester an meinem Orte, aber ich wollte Dir gleichzeitig eine Rechtssache Vorträgen, nnd deshalb kam ich,zu Dir," erwiderte der Hirt. „Und gerade deshalb darf ich nicht Dein Priester sein," war die Antwort des Rabbis., Rabbi A k a b j a b c ii M a h a l a l e l war in vier Gcsetzesaustegungen anderer Ansicht als seine st vllegen. Diese -wollten ihn unter der Bedingung zum Präsidenten des Synhedrioiis machen, daß er auf seine Auffassung verzichte, — doch er erwiderte: „Lieber will ich mein ganzes Leben hindurch ein Narr gescholten iverden, als nur eine» Augenblick vor Gott als - Sünder zu erscheinen, — doch selbst, wenn ich andern Sinnes geworden wäre, soll man .nicht sagen, ich habe meine Auffassung in Rücksicht ans das g>lmt ziirückgcnommcn." Wie im zaristische« Rußland die Pogrome inszeniert wurde«. Wir entnehmen dem Werk „Das z a r i st i sch e R n ß l a » d" von'" B. P a n i n (Verlag A. Seclws n. Co., Berlin) den solgcnden Brief des Adclsmarschalls st r u p e n s k i an einen verwandten liberalen Senator in Petersburg: „Ich schreibe Dir bis ans den Grund meiner Seele erschüttert. Die blutigen Ereignisse in unserer Stadt haben Beachten Sie mein Inserat im Annoncenteil dieser Hummer! Ii. Bollmann, Kaisers«. 18/20, gegenüber dem Frankfurter Hof. B Neue Jüdische Presse. mich derart betäubt und tief bewegt, daß ich mich bis seht nicht erholen kann. Ick,' gehe, ich bewege mich und sehe ringsum bloß Leiden, Blrkt und Stöhnen der gequälten Opstr. Wenn man Zeuge so tierischer Greuel gewesen ist, so wcrliert der Mensch den Glauben an das Leben, er verliert jegliche Lust, ein Leben sortzusetzen, in dem solche Schrecknisse möglich sind. < Weißt Du, jetzt ist mir eine- Wahrheit, an der ich früher stets, ohne sie zn verstehen, vorbeigegangen bi», klar getvordcu. Die Europäer, halten uns für ein apathisches, willenloses, charakterloses Volk, das zn -leiner schöpferischen Tätigkeit im Leben fähig .ist. Sic mögen recht lnrbcn. Sic fügen hinzu, das; wir ein Volt sind, das ewig zu religiösem Mystizismus neigt, daß wir stets i» den Wolken schweben, und daß Chimären, Phantasien und Träiimcrcicn das reelle Leben vor uns verhüllen; mit einer so deformierten Seele können wir im Leben bloß träumen oder trauern. Ich wiederhole, sic mögen recht haben,, aber die Lösung aller dieser Probleme ist mir erst jetzt in den Sinn gekommen. Wie sollte denn das russische Volk nicht Mystiker sein? Von der Wiege an schleppt es Fesseln, sein ganzes Leben ist ein blutiges Drama. Es hört nichts als Tränen und Stöhnen ringsum, und so geht cS Jahrhundertelang . . . Gerüchte über Judenpogrome liefen 'in unserer Stadt schon lange, fast seit anderthalb Monaten um. Ich habe, soviel ich weiß, in meinem letzten Briefe an dich dies erwähnt. Aii allen Straßenecken wurde offen davon gesprochen, daß die Polizei und die „Ockiranka" einen Pogrom vorbercitcn und die Inden bedrol)eii. „Wartet nur, ihr Jndenpack! . . . wir wcrdcn's euch schon zeigen ... da wird nicht gemuckst!" llildwirklich ivnrde ans Odessa ein Rittmeister zu uns versetzt, der beschuldigt wurde, dort die Jndciipogrvme geleitet und Pogromproklnmariönen in der „Ochranka" gedruckt zn haben.' In den Straßen der Stadt tauchten zirka zehn kräftige Strolche ans, welche in Odessa wegen Mordtaten während der Pogrome zu Zwangsarbeiten verurteilt worden waren, die aber der Zar begnadigt hatte. Verstehst du, Mörder bei den Pogromen hat der Zar begnadigt? Die jüdisckzen Jünglinge aber nnd die russischen Studenten, -welche gewagt hatten, die Frauen nnd die stinder gegen Missetäter zu schützen, sind zn zehn, ja zwanzig Jahren Zwangsarbeiten verurteilt worden! . . . Nnd der Zar hat sie natürlich nicht begnadigt! . . . Unglückliches ÜUißland, was geht in dir nicht alles vor! . . . Ich bin Russe, ganz Russe, mit Leib und Seele, aber das kann ich nicht fassen, ich begreife es einfach nicht! Ein solch blinder Wahnsinn ist es, und wenn in der Welt Gerechtigkeit nnd Gesetze des Schicksals existieren ... so müssen sic uns strafen . . . Die Polizei und die „Ochranka" sammelten unermüdlich alle Strolche in der Stadt, verteilten unter ihnen Pogromproklamationen, heyten sie ans, alle Inden zn plündern, zn schlagen, denn sie haben Christus gekreuzigt . . Der lokale Verband der Schwarzen Hundert, an dessen Svine der Notar PisfarjewSki und der Sohn eines hiesigen Millionärs ^inandino standen, arbeitete fieberhast. Was haben sie doch für Gerüchte über die Inden vom Stapel gelassen! Ich will dich'-uiit all diesem blöden, ja niedcrtlächtigrn Unsinn verschonen. Und alles ist zudem nicht neu, sondern alte Erfindungen und Lügen ganz und gar, zn denen einst die Inquisition in Spanien Znjlucht nahm, wenn sie die Inden zn Hnnderle» ans den Scheiterhanscn und zur Folter schickte. In der starwochc vor Ostern verbreitere die Polizei in der Stadt das Gerücht, die Inden hätten ein fünfjähriges Mädchen, die Tochter eines arme» stlcinbürgcrs ans der Vorstadt, weggcschlcppt, um ihr lebendig das Blut abznzapfc». Nr 37. Ostsncl - jUpofhehe H. Floclimann, Verwalter Hanauerlandstr. 2 Telephon: H. 2805 Urinllnter^nchungen rasch und gewissenhaft. - das für religiöse Ritualien verwendet werden müsse. Wahr scheinlich hatte man das Mädchen irgcndtvo versteckt, ba cs »ach dem Pogrom sofort gesunden wurde nnd bis lteinc gesund nnd munter ist. Du kannst dir denken, welch eine Erregung wegen dieses Gerüchtesunter der dnntlen Masse herrschte, die von der Polizei außerdem anss eifrigste anjgchetzt wurde. Am ersten' Ostertage vcrsammelteti sich die Straßengauner uuo die Armelcntcmasse gruppenweise im Gebäude der Schwarze» Hundert. Dort hatte jemand zwei Tonnen Wodka ausge stellt. In einer Stnnde waren natürlich alle betrnntc». Und nun, um ii Uhr nachmittags, zog diese betrunkem Gannermasse, voii verkleideten Tchntzlentcn und Agcntc» der „Ochranka" angeführt, in das Judenviectel. Man sag,, in der Menge seien auch Ofsizicrsjranen zugegen getvescn, aber für diese Bchanptnng kann ich nicht bürgen. Der Pogrom dauerte den ganzen ersten Tag, würbe am zweiten erneuert nnd dauerte bis zum Abend. Die begangenen Grcueltatcn sind nnbeschreiblich, nnd wenn ich cs nicht mit eigenen 'Augen gesehen Hätte, würbe ich cs für Verleumdung, für eine wahnsinnige-Ersindung, für etwas Unmögliches halten. ‘ Einige hundert jüdische Häuser'sind absolut auSgeranbt. Das, was nicht weggeschleppt werden konnte, ivnrde auf den Hof oder ans die Straße geschleift, dort mit Petrolcim begossen und verbrannt. In einigen Straßen entstände» ganze Wolken von Dannen ans den zerrissenen Federbetten. Ucbcrall wurden die Inden ergriffen und halb zu Tode geschlagen. Sie wurden mit Holzklötzen ans den stvpj gehalten, mit dem .stopf »ach unten ausgehängt und so star! hinnnd hcrgcschaukclt, daß ihre Uöpse an die beiden Wänbc schlugen. AnS dem.zerschlagenen Schädel floß das Gchir». Ich habe ein erwürgtes sechsmonatlichcs stind gesehen . .. (Schluß folgt.) WochensSalerrder. Samstag, l. Oktober (üst. Ellul!. Sabbat-Anfang in Frantjnn ö Uhr :!•'> Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt <i Uhr öo Min. Wochcnabschnitt: N i z o w i m. , Thoraworte des Sabbats: „Ihr stehet heute alle vor Gott, cnrein .Gotte, en,- zntrcten in den Bund Gottes, damit Gott dich heute sich zum Volk.anfrichre und dir zum Gott sei . . ." „Das Leben und den Tod, den Segen nnd den Flint! liabe ich vor dich hingegcben, — wähle das Lebe», damit du lebst, du und deine Nachkommen." Konditorei nnd Cafe Ph. Laufoeniteln Hohenzoliernstrasse IB. Telephon: Hansa 985. Spezialität: Ananas-Törtchen und Pralines. müßig mit einem unwilligen Lächeln auf den Lippen, die ganze Sack»', wie mir schien, als eine langiveitige Spielerei .ausfassend, mährend ich verzweifelt kämpfte, um Dich zn gewinnen. .Hast Dn den:: damals wirklich noch nichts erraten?" „Närrisches Kind! staun denn eine Frau das vermeiden zn erraten, was der Mann sic erraten lassen will? Der anscheinende Mangel an Teilnahme lag doch nur bei Dir." „Bei mir?" „Weil cs Dir entging, daß ich damals ebcnsalls einen gar schweren stampf durchzninacheii hatte." Um zu verhindern seiner Verivnndcrnng Ausdruck-zu geben, fuhr sic schnell fort: „Ich wußte ja, daß alle Deine Reden nur für mich gemeint waren,' nnd — und — ich kämpsie gegen dieses Wissen, weil — weil — Alice Mahlow so betrüb: darüber war." Er stieß einen Lank ans, bei dem man nicht wissen tonnte, ob er Freude oder Un:vi-len belnnden sollte. „Alice Mahlow? 'Ach, so!" sprach er wieder lächelnd. „Run ist das große Rätsel gelöst. Darauf also bezog sich Deine geheimnisvolle Andeutung über ,ältere Pflichten'.! — Wirklich, Du wirst mich .noch ganz stolz machen,, indein Du mich für einen solchen .Herzbrecher hältst, in dessen Persönlichkeit jedes Mädchen sich sterblich verlieben muß. Aber ein Tropfen Eifersucht soll manchmal sehr heilsam für die L-celc einer jungen Frau sein, und darum werde ich Dich bei diesem'Glauben lassen. Nur meine ich, daß Dein Verdacht gegen jenes arme Aiädchen aus sehr schwachen Füßen bernye» mußte, und dadurch werde ich wieder ganz klein. Alice. Mahlow ist ein sehr gutes Mädchen, das tvill ich gern zugebcn, aber . . ." Achselzuckend brach;cr ab. Ellen zog ihn näher an sich heran und sprach nachdcnkcnd und langsam: „Du hast recht, sie ist ein sehr gutes Mädchen, aber ich bezwcisle, daß Du auch weißt, :vic gut sie ist. Vielleicht sollte ich cs Dir nicht sagen, dennoch will ich cs tun." lind sic berichtete ihm ausführlich ihre Unterhaltung mit Alice. Anfänglich war stlastner wie betäubt, bald aber ließ die Spannung i» sein»» Gesichtszügen nach: jeine Muskeltt schienen tvieder zn neuem Leben zn erwachen nnd arbeiteten mit großer Erregung. „Das Hai sie für Dich und —. für — für mich getan?" fragte er. „Ja, Artur, das hat sie sür uns geian. Nicht wahr. Du bist'mir nicht böse, daß. ich damals erst einer Zurede bedurfte. Freilich hätte ich cs fand) aus eigenem Antriebe getan; allein cs Ivar 'Alice, die mir den Schritt bedeutend erleicktcrrc, und um der Wahrheit willen mußte ich es Dir sagen." „Es bedarf wirklich keiner Entschiildiguiig," sprach er mit tiefem Ernst. „Es hätte mich auch gar nicht überraschen sollen, denn das sicht ihr ganz ähnlich." In diesem Augenblick wprdc an die Tür gepocht, nnd bald hörten sie Ehaje Rachel eilig über den stvrridvr schliirscn, um zu sehen, wer draußen sei. „Es scheint Besuch zu komme»," sagte stlaßuer. „Schade um unsere gemütliche Uiiierhaltung." X. sttaßner stand aus, um die Mitteilung zu vcriiclnncn, die die Mutter ihm ins Otzr flüsterte: „Herr Salomo» und Herr Meier wollen Dich in einer wichtigen 'Angelegenheit sprechen." Ellen hatte sich ebcnsalls erhoben und blickte die ciutretcnden Männer neugierig an, ohne ein Wort zu sprechen, weil der Gedanke ihren.Geist beschäftigte, daß jolchc befremdliche Dienschen, anscheinend einer andern Welt entwachsen, fortan ihren Verkehr bilden sollten. Aber sie war froh, daß sie keine andere Empfindung verspürte als' die, daß cs Menschen vom Stamme ihres Gatten seien, die wohl etwas anders sprachen und etwas anders sich kleideten, sonst aber sich eins mit ihm fühlten in Gesinnung und Anschauung. Lächelnd reichte sie den Männern die Hand Tind sprach: „Ich freue mich Sie hier zu sehen und' hoffe, daß Sie uns noch öfter das Vergnügen machen werden." Herr Meier, der ihr am nächsten stand, trat einen Schritt zurück, während .Herr Salomon die .Hände in die Taschen steckte. „Sic gcl)ören den Orthodoxen an," .ertlärte stlaßner entschuldigend. „Es ist eine altjüdische Sitte der Menschheit, einer fremden Frau, nicht die.Hand zn reichen." Die junge Frau war etwas vcrblüfjt, aber durchaus nicht beleidigt. Im Gegenteil, cs war ihr ganz lieb, Glieder eines noch unverfälschten Judentums anziitrefsen; sie durfte doch hoffen, durch, sie die stcniitiiisse der jüdische» Sitten sich besser allzueignen als durch jene verwässerte, iibcrtnnchte Bolksklassc, die sie durch den Umgang mit der Familie Mahlow kennen gelernt hatte. talvmon ließ sich auf einem Stuhl nieder und winlic dem Freunde, seinem Beispiele zu folgen, was dieser etwas schüchtern.bald tat. » „Sie wollen etwas Wichtiges mit mir sprechen," begann stlaßner die Unterhaltung. „Nun, legen ^ic los. Sie wissen doch, je eher wir aiifangcii, desto eher sind wir auch fertig." „Hast Du es den» gar so eilig, Awromele?" rief Salvinvn lachend. „Vergiß nicht, als niisee Lehrer Mojes i;a .Himmel war, um die Gcseneslcifcl» zu holen, mußte er vierzig Tage »nd vierzig Nächte warte», nnd er hat Gvtt gar nicht gedrängt.. — Oder willst Dn uns bald wieder los werden?" „Sie haben mich wirklich ganz falsch, verstanden. Ich wollte damit nur .sagen: Erst die. Pflicht zind dann das Vergnügen, und je schneller wir .mit der ersten fertig sind, desto eher tönnen wir uns dem letzter» hingeben. — Was meinen Sie, Herr Maier?" „Ich meine, daß Salomon gern eine kleine Uickerhaltung aiiknüpft, bevor er auf das-Ziel losgeht." ' Salomon, der etwas, hitziger Natur war, lvollte ein kleines Wortgepiänkcl mit seinem Freunde beginnen, doch stlaßner, der beide als ehrliche -Menschen nnd gute Freunde kannte, suchte es zu verhindern und sprach: „Aber, Freunde, ich glaube, daß ein Wortstreit weder Pflicht noch Vergnügen ist, und eins von beiden hat Sic doch sicherlich hcrgesührt." „Awromcle, Du tennft ihn doch," sprach Meier, „deshalb habe ich ihnen auch geraten, einen andern zu schicken." „Ihnen?" fragte-stlaßner neugierig. „Wer hat Euch denn geschickt?" , (Fortsetzung folgt.)

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