Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 37 (29.9.1921)
- Date
- 1921-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2693227-2693264--11614-2707094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Donnerstag. Bezugspreispro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Preffe. auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00. für Ausland 10 franz., 5 schweiz Frcs„ 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene.Nonpareille-Zeile 150 Pig., für die Reklamezeile Mk. 3 75. Platz- und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei dev Expedition und in allen «lnnoncen-Bureaus. — Konto bet dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. IS. Jahrgang Donnerstag, Le» 26. Ellul 5681 (29. September 1921) Rr. A7 Dienlichste« zwei Nummern erscheinen: Freitag, 7. Oktober tt tt Schlntz der Inserate« - Annahme Donnerstag 9 Uhr vormittag. Rechenschaft. Man schüttelt, die Hände, wünscht ein gutes neues Fahr, stattet 'dem Hause Gottes einen Besuch ab — und lebt Weiler wie bisher. Einst war es anders, — und dort/ wo noch der Hauch des Sinaifeuers verspürt wird, wo noch da-? Herz dem rinaiwort entgegenschlägt, ist cs auch heute anders. Dort ögert schvir nachdenklich der Schritt, ivenn ain Beginn des Elliilmonats zum ersten Mal tvicder das Schofar zur Selbstbesinnung ruft. Je mehr sich dann Ran schtzaschanoh nähert, desto fühlbarer wird das Loßrüitcln ms' den gewohnten Geleisen. Bei blinkenden Sternen schon rufen die SelichanStage zum FriihgottcSdicnst. Jetzt hat üch zu in strengen Schofar, dem Wecker des Gewissens, ^er immer wiederkehrcndc Gebctrefrain hinzugcsellt: „Gott \ ist voll' Erbarmens, er verzeiht." Ransch-haschonoh gibt nun Ernst dann weihevolle .Heiligkeit, das; nicht auf dem vöhenwcge zur Reinheit nichtige Gedanken und Worte als keine den Fuß hemmen und den Blick abwenden. So kann der Mensch gerettet werden. Wenn es hundcrtmale aber nicht gelingt , ist die träge Gewohnheit schuld, die ihn gegen das Licht der Erkcnuinis wie niit einer undurchsichtigen Haut umgibt. Doch wenn noch jo viele Jahreswenden einflnstsrhwach an dem Menschen vorbeigingen, vielleicht kommt einmal ein Geschehen, das seine Gewohnheit dis in die Wurzel trifft und nmstürzt, — und plötzlich lönt das Schofar wie Gottesstinkme, pressen die Selichans Tränen hervor, durchzieht. den Rausch - haschonoh deiliger Schauer. Ein schweres Jahr neigt sich feinem Abcndschattcn zu. stärker als sonst sollte die-smal die Frage nach dem Sinn md Wert des Lebens nnd nach den letzten Dingen,. Fragen, mf die die Religion Antwort gibt, selbst den weiten Kreisen l»m Bewußtsein kommen, die nur lose noch mit dem Judcnum verbunden sind nnd die als letztes Band die Zeit »er Jahreswende an ihre Zugehörigkeit zum Judentum rinnert. Sie sollten sich doch endlich einmal die Frage wieget, ob es würdig, ob cs gerecht nnd vernünftig,ist, ich mit einem pflichtschuldigen Tynagogenbcsnch am Rcmschschonoh und am Jaum-Hakippucim seiner Pflichten gegen s Höchste, was dem Menschen eigen ist, die Religion seiner Ahnen, ledig zu sprechen. - Achtlos haben sie bei leite geworfen, was kennen zu lernen sic nie strebten, an sie versuchten'nie, e-s zu leben. Konnten die Relinsstunden der Schulzeit irgend welchen Eindruck hinterssen, da meist das Interesse des Elternhauses, stets'aber - Leben draußen andere Wege ging? Die spärlichen Binden beim Religionslehrer waren die einzigen, der.Er-, »ntnis des Judentums gewidmete Stunden, und ihre Er-, bnisfe verwehten gar bald ans den Gedächtnis. So blieb ^ließlich noch der Jahrcsbcsnch im GottcShausc. . l Wann und tvo cs gilt,' Stellung-.zu nehmen zu einer Entscheidung zwischen Tun und Lassen, nie spricht für' ii heutigen "indifferenten Juden das Judentum, ein Wort. bei Mit,- trotzdem seine e Lehren und Verordnungen ans - dem Gottesglaubeu fließen, zu dem jeder, der den Namen „Jude" trägt, sich bekennt. Ueberallhin führt ein Weg, — warum führt da für tausende unserer Brüder, die sonst ihr Pflichten ernst iverten, nicht auch ein Weg in die Erkcimtnishalien ihrer Religion? Warum zertreten sie verächtlich das Diadem, für das in jedem 'Augenblick sich die Generationen hinzuopfern bereit waren, denen auch sie entstmnmen? Um nichts haben sie den Gott ihrer Religion hingegeben! Und was haben sie dagegen eingetanschi? Ist ihnen dadurch .das Leben schöner, befrievigender, edler geworden? ' Rechenschaft, mit einmal Rechenschaft, nur einmal nach Klarheit ringen in seinem Verhältnis zum Judentum! Es ist nichts als der kategorische Imperativ eines ehrlich sein wollenden Menschen, der verlangt, endlich dvch einmal zu erfasse» suchen, welche Weisheit in Bibel nnd Talmud gelehrt wird. — Darum Rechenschaft, nur einmal Rechenschaft als Jude sich gegenüber abgelegt, — dann haben Ranschhaschonoh und Jaum-Hakippnrim ihre Bedeutung erfüllt, — dann ist wieder eine Brücke geschlagen zwischen der jüdischen Vergangenheit und der jüdischen Zukunft! Die Regiernngsprinzipien Herbert Samuels. . Der Bericht Sir Herbert Samuels -über das erste Jahr seiner.Verwaltung ist als „Weißbuch" erschienen. Wir eiitnehnien ihm den folgenden Passus, derdie Regierungs- Prinzipien Samuels äufzeigt: „Die Politik S. M. Regierung ist es, die legitime n Bestrebungen der jüdischen Rasse in der g a n - zen Welt in bezug auf Palästina zufrieden zu stellen in IlebereinstimMung mit.einem vollen Schutz für die Rechte der dort bereits ansässigen Bevölkerung. Was mich betrifft, bin ich der Ansicht, daß die Möglichkeiten vorliegen, diese Kombination d n r ch zu f ü hr c ly Praktisch ist jener Zionismus, der diese notwendigen Bedingungen erfüllt. ES ist klar, daß -es die 'Aufgabe der Mandatsiiiachi ist, auch für den Wohlstand der arabischen B e v ö l k e r ii ng zu sorgen, ebenso wie die britische Verwaltung es als ihre Pflicht , ansehen würde, für das Wohl der lokalen Bevölkerung in jedem Teile des britischen Jmperiimis zu sorgen. Die Maßnahmen, für daS Wohl der Araber zu sorgen, müssen dieselben sein, die wir in Palästina ergreifen würden, wenn cS dort keine zionistische Frage gäbe, wie auch steine Balfonr-Deklaration. ES gibt in dieser Politik nichts, das mit den vernünftigen zionistischen Bestrebungen unvereinbar wäre. Im Gegenteil — falls das Wachsen des jüdischen Einflusses begleitet wäre von einer Erniedrigung der 'Araber, oder selbst von einer Vernachlässigung, den Zustand der Araber zu lieben, wäre dies zugleich auch ein Mißerfolg eines der Hauptziele deS Zionismus. Die llnzufricvcnheit der Araber würde die Inden diskreditieren, und als Resultat würde der Einfluß der Zionisten sehr leiden. Zugleich müssen, mich die Sentiments bez. Palästinas zusriedengestcllt werden, ein ehrwürdiges und nobles Sentiment, das in wachsendem Maße die jüdische Gemeinschaft der ganzen Welt belebt. Die Bestrebungen der 14 Millionen Juden haben auch das Recht, anerkannt zu werden. Sie erstreben die -Möglichkeit, ein Heim in dem Lande zu errichten, das ihr politisches Zentrum war und stets das religiöse Zentrum ihrer Rasse geblieben ist. Sie wünschen, daß dieses Heim nationalen Charakter trage, in Sprache und Gebräuchen, in geistigen Interessen, in religiösen und politischen Institutionen. Dies alles heißt nicht, daß die jüdische Einwaiiderung eine arabische Auswanderung nach 'sich ziehen würde, oder daß die Hebung des Wohlstandes im Lande. durch Idie Entwicklung des jüdischenllnternehrnungsgeistcs auf Kosten der Araber' gehen würde und nicht zum '.Nutzen der Araber, auch nicht, daß die. Benutzung der hebräischen Sprache einer Verdrängung der arabischen Sprache gleichkäme, oder das; die Bildung von erwählten Councils (Räten) in den jüdischen' Gemeinden, um die jüdischen Angelegenheiten zu kontrollieren, dazu führen würde, daß die , Araber der Herrschaft dieser Councils unterworfen würden. Mit einem Worte, der Grad, bis zu welchem die indische» Best r e b n n g e n in Palästina verwirkkicht werden könne», ist an die Wahrung der Rechte der jetzigen Einwohner geknüpft." » Auch aus diesen Worten ergibt sich der Eindruck, den man ans Samuels bisherigen .Handlungen gewonnen hat: vorsichtiges Lawieren — und - da die jüdische Position in Palästina noch schwach in — starke Rücksichtnahme auf die arabische Majorität. Es tningl also von der Judeuhcit ab, ob. Lainuel eine lraftoolle Politik der Gleichberechtigung beider Teile — der Inden und der 'Araber — ergreifen wird. Alfons Paquet über die jüdische Renaiffance. (Ans einem Aussatz Paquets, der Christ ist, in der -Monatsschrift „Der Reue Merkur"., Die äußere Zerstreuung dar es seit zwei Jahrtausenden gegeben, die jüdische Bcwegring kam erst als eine Antwort auf die innere Zerstreuung, an der die ganze Menschheit tcilniinmt. .Hier steht Herzl, der der erste Staatsmann und Organisator im jüdischen Risorgimento war, neben Samson Raphael H i r > ch, dem Trost der konservativ Gesinnten, und K l a t> ft», der von der nationalen Leite her die klarsten Feststellungen gemacht Hat und nach neuen außerordentlichen Schnpinaßregelii zum Schutz des zerstreuten Jndeninms ruft, neben Bub er. der um die schöpferische Kraft des jüdischen . Geistes ringt. Das jüdische Volk hat die Zerstörung des Tempels. überlebt, die Zerstörung des inneren Tempels würde es nicht überleben ... Jetzt gibt es im Judentum ein Unterwegs, das drängender und gewaltsamer ist als das zweitausend-» jährige Unterwegs des Galuth. Hier ist der Kern der jüdischen Frage, hier berührt sie den Richtjuden, denn die iunere Zerstreuuug ist' das Schicksal der jetzigen Welt, das Judentum ist in ' diesen Zustaitd hineingemischt, und seiner ganzen Natur nach, die 'Aktivität und Feinhörig-» keit 'ist, ist cS au ihr iit eiitcnt hohen Maße beteiligt. Wenn es eine Umkehr '.gibt, so muß sie sich auch im Judentum vollziehen. Rein, nicht cmch im Judentum. Sondern früh und vorläufig, wie alles Indische. - ' Wir wollcir an der Tatsache nicht vorübergehen, daß mitten in diesen internationalen Ideen und Forderungen, gerade in ihrer Mitte, hie Bewegung des' modernen Zionismus ihren Plot; hat. 'Aus ihnen hat sie ihre Zwiespältigkeit und ihren 'Ausblick, .Rot und Notwendigkeit. Der zionistische Gedanke erwacht mit. derselben Leidenschaft unter den vöin Alb der ewigen Pogronigefahr bedrückten jüdischen Massen des europäischen Ostens, wkk auch bei jenen Juden, die in Europas srillgebliebenen Provinze:; wie einst ihre Väter bei den Fleischtöpfen von Mizraim gute und sichere Tage genießen.' Vielleicht, empfinden diese Gäste den Zionismus als die Lyrik ihrer Fremdheit, vielleicht als einen Ueberdruß ihrer Freundschaft zu den Dingen des Galuth und als heimliche Verachtung, vielleicht auch als einen (Ruf, daß die Zeit gekommen sei, entliehene Macht in eigene Macht zu verwandeln. Wer die itenen Festländer aus den Wasserstrudelit emporsteigen sieht, der mag glauben, daß Jerusalem im Begriffe sei, sich zuin geistigen Mittelpunkte des WcltjudentuMS zu erheben. Es scheint, als ob Rom diesen Vorgang erkenne und als rüste es seine Waffen gegen jene andere geistlich-weltliche Macht von intcriiationaler 'Ausbreitung, diese Macht, die sich .anschickt, am Hatipt eines jüdischen Vatikans und Kirchenstaates ihr Gesicht zu enthüllen. In der Tat, der Wille zu » einer radikalen Aenderung de^ jüdischen Position .ist vorhanden. Niemals waren die Möglichkeiten größer, niemals seit zwei Jahrtausenden legten sich stürzende Großstaatcn und Berechnungen neuer weltstaatlicher Machtansdehintng so zu Füße» einer kleinen, reißenden Bewegung, niemals folgten auf Gelegenheiten Verwirklichungen' i» so schrilthaftcr Auseinanderfolge wie . in dieser Zeit des großen abendländischen Zusammenbruchs. So erscheint die zio- . nisrische Bewegung, zusammengesetzt, wie sie ist, ans Ressentiment und aus' urhaften .uu& begeisterten 'Antrieben, durchaus als eine endzeitliche Bewegung im Bereich einer zum Abbruch drängenden Geschichtsepoche. Endzeitlich ist sie erst recht im 'Sinne der Prophetie. Vielleicht ist sie im jetzigen Augenblick besonders stark durchsetzt mit rationalisti-