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Neue jüdische Presse · 1921-09-22 · Heft 36 (22.9.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 36 (22.9.1921)
Date
1921-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen - Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 ftei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00. für Ausland 10 franz,, 5 schweiz Frcs„ 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar j Lh rli ch. im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankhirt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt? Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 150 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3 75. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bet der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konta bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 19. Jahrgang. Donnerstag» de« IS. MluI 5681 <22, September 1921> Rr. 36. - Die Karlsbader Tagungen. 9 Aus der Kulturdebatte des Ziouistenkougreffes. D r. L u rie: „Wir haben jetzt im Lande 53 Kindergärten, 63 Volksschuleit, 3 Mittelschulen, 3 Lehrerseminare, 6 Spezialschilen, 7 Handwerkcrjchiilen, zusammen 135 Erziehungsanstalten mit 12 830 Schülern, das ist die überwiegende Mehrheit Der palästinensischen Jugend. Unsere Schulen wollen, das geistige Leben unseres Lölkes erneuern, die hebräische Sprache beleben und das neue Geschlecht zur Arbeit in unserem Lande vorbereiicn.' Unsere Arbeit hat Früchte getragen. Der größte Teil der jüdische» Bevölkerung spricht hebräisch. Ungeheuere moralische Schätze sind dadurch geweckt worden. . . ." D r. S ch e »i a r j a L e w i n: ./Auch der ZioniStnus ist letzten Endes eine religiöse Bewegung. Nie hätten wir Erfolge haben könne», wäre nicht die Grundlage des Zionismus die Religiosität. . . : . Wir brauchen eine Schule der Propaganda. Es müßte ein Komitee eingesetzt werden, das hunderte Borträge als Material.für eine eventuelle individuelle Bearbeitung ausarbeitet. Heute machen wir die dritte große Krisis im Zionismns durch. Der Kamps.geht immer wieder um de» Versuch, die mechanische Weltanschauung über die individualistische Herr werden zu.lassen. Die erste Krise ging um das Land: man sagte, es genüge irgend ein Land; hätten wir damals zugcstimmt, wir'.hätten nicht gesiegt. Diezweite Krise ging um die Sprache, — und jetzt bei der dritten Krise geht cs um das ganze Volk ..." Dr. Schön seid Misrachi): „Ich will hier über die: Ergebnisse sprechen, die in Palästina aus dem Gebiete der Erziehung unter der Führung der Zionistischeil Organisation erreicht wurden. Wir haben dort die Möglichkeit der Vereinigung aller Strömungen bewiesen, und ich freue inich, hier feststellen zu können, daß die Erfahrungen dieses Jahres zeigen, daß die Organisierung der Er z i e hu n g s - a n g e t e g e n he i t e n gelungen ist. Wir arbeiten alle i» Harmonie, obwohl Jede Strömung in ihrer .Richtung die Erziehungsarbeit führte. Man könnte uns verdächtigen, daß wir Schinarja Lewin aus die Ttibüne geschickt haben, der hier in unserem Geiste sprach, und der auch für die Bereinigung aller Strömungen auf knlturcllein Gebiet eingetreten ist. Es ist keine Hoffnung für die Erziehung Kn Erez Israel, wenn, nicht die an ihr Beteiligten für den Z n s a m »t enhang d e r Vergangenheit mit der Z u k u n f t sorgen werden. Die gegenteiligen Ergebnisse sind sehr traurige. Die Söhne entfernen sich von den Vätern, und das ist eine Gefahr und ein Unglück, nicht nur vom Standpunkt der Religion und Erzietzung, sondern auch deshalb, weil die jungen Leute keine» Znsaminenhang mit dem Lande und dein Volke habe». Dieorganisierte Erziehung hat auch politischen Wert. Die Regierung muß damit rechnen, und auch unsere.politischen Führer können Forderungen wegen, des Budgets sür Erziehliilgszwecke in Palästina stellend Plan muß die richtigen Mittel für die Erziehung in Palästina beschaffe». Ich war in einigen Schulen in Palästina. Nicht einmal eine Karte von Erez Israel findet' man in feder Schule. In manchen Schulen fehlt sogar der Tisch sür den Lehrer.'In manchen sitzen'die Kinder sogar auf dem Boden. Und dies alles, weil ' wir kein Geld haben. Auch die Lehrer bekommen keine entsprechende Vergütung. Der Kongreß muß Mittel und 'Wege zur Verbesserung des Erziehungswcsens in Palästina finden." " Dr. Osias Thon: „Wir werden unser Land nur mit u ii s e r e m Geiste erobern. Wir gehen jetzt nach .Erez Israel. Die Bedingungen sind schlecht, bei jedem Schritt haben wir Hindernisse. Wir können nicht mit unseren Massen cinwanderu Wir können deshalb das Land nur durch-unsere größere Kultur gewinnen. Wenn man das Erziehungsbndget kürzt, tötet man die Seele des Volkes . . . - Ich fürchte, wir erziehe» Zn Palästina eine l e v a n t i - n i s ch e Generation^ jenen Typ, der alte Sprachen plappert und nichts weiß. Wir müssen uns bemühen, daß die Jugend sich in verschiedene Fragen vertieft." i Dr. Tschernowitz (Misrachi): „Als ich in Paläsijya war, habe ich auf die Mängel des Schulwesens hingetviesen. Jetzt geben die Lehrer selbst zu, daß cS noch vieles " zu. verbessern gibt.. Es .ist die Stunde gekommen, um uns selber die Frage zu stellen, wo die Früchte dieser Arbejt sind. Ich will nicht-gegen die Lehrer sprechen. Ich weiß, sie . sindalle -ihrer. Arbeit mit Leib und Seele ergeben.- Der wichtigste Fehler ist das Bestreben, einen neuen jüdischen Typus zu schassen. Man legt-zu viel Wert aus Körperpflege, auf Spaziergänge, Turnen usiv., während mau das eigentliche Lernen vernachlüssigi. Der llinerricht findet viel zu -oft im Freien statt. Ich weiß, die Luft Palästinas belehrt einen Menschen, aber man muß auch lernen. Die Schüler sind, selbstverständlich froh: ob cs die Eltern sind, weiß ich nicht. Daher resultiert die Disziplinlosigkeit, ja Zügellosigkeit der Jugend. Denken Sie, daß dieses neue Geschlecht uns die Erlösung bringen wird? Dazu lomiiit noch, daß unsere Schute kein geordnetes Budget hat. Damit steht der Umstand im Ziisamnwnhaiig, daß die Schulen eine Art Aiisstelliing geworden sind. Man fühlt sich dort dauernd -auf einer Szene. Man bring? viel zu viel Politik in die Schulen hinein. Wir alle sind iiii Galuth erzogen- und können uns nicht vvin Bande der Vergangenlseit befreien. N u r a n f der Basis der Vergangenheit können wir unsere Zukunft bauen. Das Schtiniiiiste ist die Verneiii n ii g der Religio n. Wir alle anerkennen die Heiligkeit der l)cbräische>i Sprache. Sie ist aber mir eine Sprache, ■ ' d. h. die äußerliche Hülle nuferer Kultur. Man kann gar nicht die verschiedenen nationalen Formen nuferes Lebens voneinander trennen. Im Galnth sind alle unsere nationalen Lcbensäußcriiiigen in die Religion ausgenommen worden. Man kann uiM die religiösen Fragen verwerfen und statt deren andere nationale Formen iiehmen. Wenn wir z. B. das jüdische )Recht, das durchaus religiös gefärbt ist, verwerfen, dann müssen wir, ob wir wollen oder nicht, ein anderes Recht nehmen, d. h. ein. nationales Recht eines anderen Volkes, das bedeurec aber Assimilation. Ich möchte sogar sagen, daß die ganze Palästinabewegnng des Judentums eine religiöse ist. Das haben auch die ersten „Ehoivewe Zion" verstanden. Das palästinensische Erziehungswejeu hat viele Vorzüge, aber es liegt eine große Gefahr in der Handhabung der Losung vom Kulturzeiitriim. Pinn denkt, daß die Schule dieses Kulturzciiirum sein wird, das ist ein Irrtum. Nicht mir die Schule, überhaupt nicht nur die geistige Tätigkeit des Volkes, sondern alle Gebiete der Volksiätigkeit trage» für unsere Kultur wichtige' Schätze bei, auch der Bauer und der Handwerker, der Arbeiter und der Schriftsteller. Ich erkenne klar die Mängel der palästinensischen Schulen. Trotzdem werde ich der letzte sein, der das Schulwesen bekämpfen wird. Wir müssen -- öic Schulen verbessern, aber mir müssen ihnen auch die Mittel dazu geben. Ich anerkenne die große politische Bedeutung, die der l>ebräischelr Sprach: in Palästina zlikommt. Wenn wir die Schule in Palästina verlassen, dann werden wir den nächsten Kampf nicht mit dem Hilssverein und ähnlichen Gesellschaften, solid.rii mit der Regierung aiisziikämpsen haben. Wir müssen abe.r eine strenge Disziplin in den Schulen eiiisühreii. Es geht nicht an, daß private Gesellschaften und sogar -Lehrcrkomitees die alleinige Macht über die schulen haben." Kulturelles aus der Debatte über de« Kere« Hajessod. St. Rappaport (Misrachi): „Es ist nicht gelungen, die religiös suhlenden Massen des Volkes sür den Keren Hajcisod zu gewinnen. Das jüdische Volk verlangt Bnrg- -schaft, daß die Verwendung des Geldes nicht gegen die Gesetze der Religion gerichtet sei. Die Ausgaben des Misracli, .bei, Zionismus in die religiös fühlenden Massen zu tragen, wird erschwert, wenn die zionistischen Führer entweihen, was diesen heilig ist. . In allen JnstirntioueitzMdie aus Geldern des Keren Hajessod crcichtec iverden, ist, so verlangen wir, das traditionelle Jiideiitnin zu respektieren." Dr. Hof sin an» (Misrachi): „Die breite Masse verlangt nur eine Gar-uirie, daß die Jiistitutioiicii, die mit ihrem Geld errichtet werden, nicht die Tradition und die Religionsgesetze verletzen. Wenn in Erez Israel eine wahrhaft jüdische Atmosphäre herrscht, so daß auch die religiösen Juden, die dort traditionell leben sollen, sich wohl fühlen, so werden sich die orthodoxen Massen am Keren .Hajessod beteiligen. Ich habe die Ehre, Ihnen i in Namen des M i s r a ch i folgende Resolution vorznlegen: „In den von der Zionistischen Organisation erhaltenen oder nnierstüttlc» Jiistitnlioncn ist im öffentlichen Leben ans die Religionsgesetze Rücksicht zu nehmen und insbesondere Tabbath-mnd Feieriagsruhe und Kaschruth zu halten. Bei beharrlicher Verletzung dieser Grundsätze soll die Unterstützung entzogen werden." - Dazu erkläre ich im Namen des Misrachi und sür die orthodoxen Juden überhaupt, daß wir unsere Mjtarbeit am Keren Hajessod aus -religiösen und aus Gewissensgrnnden von der Annahme dieser Resolution abhängig machen müssen." Misrachi uud Linke. Beim Etai des Ralionalfonds und Keren Hajessod stellte der Misrachi seine Forderungen im Plenum aus. Gleichzeitig wurde aber vom Minister L o l o w e i r s ch i k (Litauen) ein Antrag eingebracht, der forderte, daß die von der Organisation gegründeten und erhaltenen I n st i - tii t io iicir durch Beobachtung der religiösen Vorschriften jedem Volksgenossen die Teilnahme ermöglichten. - Die Linke geriet bei Verlesung des inisrachistischen Antrags in große Erregung und antwortete mit lärmenüeix Zwischenrufen. Präsident Dr. K l n in e l (Warschau) bemerkte einem der Zwischenruser, daß die Abstimmung über den. 'Antrag schon vor 40fK) Jahren staitgefunden habe, und das jüdische Volk habe mit „Raajeh wenischma", mit ..Ja" geantwortet. Die Linke bestritt die Kompetenz. Das Plenum geriet in Verwirrung. Der 'Antrag des Misrachi war selbst bei vielen unpopulär, die sachlich mit seiner Tendenz nberciiistiinme», aber ddm Misrachi als Fraktion einen Sieg nicht gönnten; sie wollten für den Antrag Soloweitschik stimmen und traten mit der Linke» genieinsain sür den Uebergang zur, Tagesordnung über den zunächst zur Verhandlung koinmenden inisrachistischen 'Antrag ein. In namentlicher Abstimmung, die der Misrachi beantragt harte, wurde der Uebergang zur .Tagesoroninig beschlossen: gegen den Uebergang stimmte die Exekutive, ebenso die deutsche Laiidmaniischast mit geringen Msnahnieii. E? kam aber mimnehr nicht mehr zur Abstimmung über Soloweitschiks 'Antrag: denn der Misrachi erklärte durch Struck, daß er angesichts dieser Briiskierung gegen den Etat stimmen werde, und daß es ihm unmöglich gemacht worden sei, für N.-F. und Keren Hajessod tätig zu sein. i Weiz in a it » legte daraufhin eine» 'Anrrag vor, es dürse in den der Zionistischen Organisation unterstehendeiv Jiistttniionen nicht gegen das Religionsgefetz verstoßen werden — so lautete s. Zt. die Erklärung Herzts —, und die Exekutive ausfordertc, gemeinsmn mit dem A.-C Mittel zur Durchsetzung dieser Forderung zu finden. Der Misrachi gab sich hiermit nicht zufrieden, und die Landsmaniischajteir und Fraktionen zogen sich zur Beratung der .Sachlage zurück- Rach Wiederaufnahme der Sitzung am Nachmittag stimmte der Misrachi geschlossen gegen die Budgerforderungeii. Inzwischen hatte Oberrabbiner Dr. C Hajes-Wien folgenden Antrag eingebracht: „In den ösfentlichen Handlungen der von der Zionistischen Organisation geschassenen, erhalienen und subveutionierten Institutionen darf nichts geschehen, was gegen die jüdischen Traditionen verfloßt. Die Zionistische Organisation hat die Durchführung des Beschlusses zu überwachen." Pros. Dr. W e i z m a n n ergriff nunmehr das Wort für diesen „beiden Seilen akzrpcablen" 'Antrag. Im Namen der Linken erwiderte Schweizer, die Linke nehnie dagegen Stellung, daß die jüdischen Arbeiter eineni religiösen Gewissenszwang uiiterworfelr iverden. Glcichfai'lS iür die Linke protestiere Schwaiger , Zcire Zions gegen die Einbringung religiöser Anträge. -Nach einer einstündigen Pause ließ die Linke durch. B e r L o k k e r iPvalc Zion) eine Erklärungim sinne der Schwaigcrschen abgeben und erklären, daß sie Beschlüsse des Kongresses nicht anerkeiiiien könne und jede Klerikalisicrung K>es Jischuw ablehne. , Struck crklärce, daß das Judentum keine Kleriialisierung kenne, daß aber der jüdische Charakter Erez Israels gewahrt werden müsse. Bei der Abstimmung wurde der Antrag C Hajes mit allen Stimmen bei Stimmenthaltung der Linken (eiwa 70 Delegierte) angenommen. Hierauf gab Struck folgende Erklärung ab: „In schmerzlicher Stunde mußte ich heute namens meiner Fraktion eine Erklärung abgeben. Die Borgänge des heutigen .Bormirtags hatten uns 'die Befürchtungen nahcgelegt, daß unsere Bemühungen, immer weitere Kreise des religiösen Judentums dem zionistischen Gedanken zu gewinnen, eine ernstliche .Hemmung erfahren würden. Durch die Entschließung, die der-Kongreß soeben angenomm«, har, sind diese Befürchtungen im Wesenilichen hinfällig geworden, denn wir erwarten, Daß die Leitung die Gewissens» srcilM, die sie durch den Mund ihres Präsidenten der linken Seite dieses Hauses verbürgt hat, auch der Gesamtheit des jüdischen Volkes gewähren wird. Z - ß

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