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Neue jüdische Presse · 1921-08-11 · Heft 30 (11.8.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 30 (11.8.1921)
Date
1921-08-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint■ wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: Jn^ Frankfurt am Main bei der Reuen- Jüdischen Presse, auswärts Lei der Post abonniert Mk. 4.50 frei inS Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. " Redaktion und Expedition: Frankfurt a^M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Soly Geis JnsertionspreiS für die sechsgespalteneNonpareille-Zeile 100 Mg., für die Reklamezeile Mk. 3^- sowie 25?^ Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expeoitwn und in allen » : Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in . Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 19. Jahrgang. ' Donnerstag, de» 7. Aw SS81 (11. August 1921> - " - ——— Rr. 39. Der diesmattge Tischo b'Aw. Die Zest vor dem Krieg ist für die Gegenwart in märchenhafte Ferne entrückt, obwohl nicht einmal ein Jahrzehnt von ihr trennt. Zn gewaltig ist der Unterschied zwischen dem Damals und dem Jetzt. Wie ein sanfter Fluß' glitt das Leben in Gleichförinigkeit dahin, während cs jetzt einem wild aufgeregten, vom Sturm gepeitschten Meere gleicht. Ein Paradies liegt hinter uils, und als wir darinnen weilten, wüßte» wir es nicht und schätzten es nicht. Wieder setzt sich die Judenheit, die noch nicht ihre Vergangenheit vergessen hat und noch auf ihre Zukunft hofft, am Denktage des Falles Jerusalems.trauernd zu Boden und versenkt sich in weher Erinnerung in das schmerzensreiche Geschick, das deu Gang, des jüdischen Volkes durch die Zeiten feitbcm so häufig getroffen hat. Doch der diesmalige Tischo, b'Aw ist , nicht wie der vor »och wenigen Jahre». Wie sich das Weltbild gewandelt hat von einer fortschreitenden Gesittung unter dem Szepter des Friedens in. eine Wirrnis aufgeregter, jede Selbstbesinnung hindernder Leidenschaftlichkeit, jo bietet auch die Lage des jüdischen Volkes ein vollständig verändertes Bild. Sagenhaft mutete uns vor noch wenigen Jahren die Schilderung der Bestialitäten an, die die Liturgie des Tischo b'Aw wieder lebendig werden läßt. Unser Tischo b'Aw war längst, kein Tischo b'Aw mehr gewesen, dem: unser Inneres erlebte nicht mehr sein Weh, empfand nicht. mehr die Stimme seiner Klage. Und heute! Und in den letzte» zwei Jahren! — Eine neue Tischo b'Aw-Liturgie müßte geschrieben werden, die alte ist zu schwach-geworden. Was große Teile des jüdischen Volkes in den letzten zwei Jahren über sich ergehen lassen mußten, ist,fo grausig, daß schier der Atem stockt, wenn das Ohr es vernimmt. Uns fehlt noch der Abstand zu den Dingen, sie geschehen noch. Roch immer sickert frisches Blut von Menschen zur Erde, deren einziges Vergehen ist, daß eine jüdische Mutter sie gebar. Das Schlachtgetümmel des Krieges ist längst verstummt, man mordet mit teuflischem Behagen den wehrlosen' jüdischen Bürger des eigenen Staates und schont nicht das Kind in der Wiege, nicht die Zartheit der Jugend, nicht die Scham des Weibes, nicht das weiße Haar des Alters. ~ Es muß doch einmal in dem Chaos der Welt wieder- Ruhe cintreten! Und wenn dann mit der fortschreitenden Zeit der Blick das unsagbare Geschehen der letzten zwei Jahre übersehen wird,. dann wird vielleicht eine Feder die.Tragödie schreiben, die sich nach zweitausend Jahren Christentum abspielen, konnte, und die so entsetzlich in ihrer GAnlsamkeit und in ihrem Ausmaße war, daß sie jeden heidnischen Cäsarenwahnsinn des Altertums als Spielerei erscheinen läßt. .Dieser Dichter wird dann das Menschheitsgewissen wach- ' rütteln, und in Erkenntnis ihrer Schuld wird daun die Menschheit dem gejagten Volke endlich freudig und nn- Jingeschränkt und ohne diplomatische Jntriguen die gesicherte Heimstätte gewähren, deren Verlust der Tischo b'Aw seit' zweitausend Jahren beweint. - Aber 'auch im jüdischen Volke werden unzählige Herzen erbeben .und viele/blinde Augen sehend werden. All die Herzen werdeir erbeben, die heute kalt sind, weil sie das Leid'nicht miterleben, und .all die Augen werderz sehend werden, die sich heute gleichgültig dem jüdischen Geschick verschließen. „Du sollst nicht untätig stehen beim Blute deines Nächsten," mahnt das/Bibelwort- — und tausende Juden in den Westländern vergeuden gedanken-i lös ihre geistige und materielle Kraft in tausend Nichtigkeiten, lassen das Todesröcheln ihrer Brüder in den Ostläirdern nicht an ihr Ohr klingen und laden Blutschuld auf ihr'Haupt für die Lebe», die ihre helfende Bruderhand noch hätte retten können. Auch ihnen wird ein Erwachen werde», und als Büßer werden sie Zion auszurichten suchen. So durchbricht am diesmaligen Tischo b'Alv im tiefsten Dunkel, so dunkel, wie Israels Geschichte vielleicht noch nie . Tage sah, ein Lichtschein das Firmament und verheißt Hoffnung. Die EinwanderuugsspeIre in Amerika. Ein Vertreter der ,J.P.Z." interviewte Jacob Fishman, den Herausgeber des „Jüd. Morgenjoürnal" in Rewyork, der sich gegenwärtig auf einer Europareise befindet. Fishmann sagte u. a.: ,D>e Lage der Emigranten ist durch die neuen Ein- Ivanderungsbestinimungen sehr schwierig geworden. Ich habe den Eindruck, daß die amerikanischen Behörden gewisse Instruktionen haben, den Juden- Schwierigkeiten zu machen. An manchen Stellen sagt man offen, man könne', die Juden nicht brauchen, weil sie die Städte überfüllten: Amerika könne gegenwärtig nur Landwirte aufnehiüen. Manche äußern sich unverhohlen antiseinitisch. Der Arzt z. B., der in Antw.erpe» die Untersuchung .vorninnnt, soll bereits mehrfach antisemitische Bes merkungen gemacht haben. Als ich ihn besuchte, äußerte er sich allerdings sehr loyal und erklärte, daß er nur „gegen die Läuse und das Ungeziefer aus dein. Osten" kämpfe. Bei den Untersuchungen spielen sich oft herzerschütternde Szenen, ab. Ich sah zwei Kinder von' 8—10 Jahren, die allein reisen, weil ihre Eltern beim Pogrom Umgekommen sind. Die. Lage der Emigranten ist besonders traurig, wenn sic tagelang' warten müssen und keine Antwort von ihren amerikanischen Verwandten bekoinmeu, ' so daß sie ihr 'Geld auszchren und neuerliche Geldsendiingen abwarten müssen. Der größte Sammelpunkt wartender Emigranten ist Antwerpen, weil dort alle Einwanderer hereingelassen werden, auch.solche, die gar nicht nach Amerika kommen können und.auch keine Bisa besitze»-. Holland hingegen läßt nur die init allen notwendige» Reisedokuineu- . te,n und Geld versehenen Eniigranten herein, daher sind die Verhältnisse in Rotterdam besser. Das amerikanische Konsulat in Antwerpen hat den ukrainische» Flüchtlingen, denen in Rumänien rumänische Pässe ausgestellt und vom amerikanischen Vertreter visiert worden sind, die Eiure i s e b e w i l l i g u n g a n n u t l i e r t, weil es rumänische Pässe für ukrainische Staatsbürger nicht anerkenne» könne. Diese Leute find jetzt in prekärer Situation, denn es ist selbstverständlich, das; die Ukraine ihnen keinen Paß ausstellen kann. Ich bin leider gezivungen, dieses Vorgehen als höchst barbarisch und niiameiükanisch zu bezeichnen. Es ist unmöglich, Menschen aus technischen Gründen anszuschließen, wenn nicht eine antisemitische Tendenz dabei ist. Dalum müssen die amerikanischen Jude» eine öffentliche Protestaktion einleiten. In R o t t e r d a m sind nicht so viel Emigranten angcsammelt. Auch ist dort die Fürsorge der Schisssgesellschasten eine weit bessere.. Vor einiger Zeit sind ein paar Damen aus Rewyörk von der jüd. Frauenorganisation dorr eingetrossen, die vor allem die zahlreichen Kinder bcanfsichtigen. Die Kinder werden in englischer Sprache und überhaupt in „Amerikanismus" unterrichtet, und als ich dort war, sangen sie die amerikgnische Nationalhymne wie richtige Amerikaner. Ein großes Uebel ist, daß die jüdischen Hilfsgesellschasten noch nicht hinreichend organisiert sind. Im wesentlichen kommen nur die zwei großen Gesellschaften „Hias" und „Jca" in .Betracht, -denn sie haben die Mittel. Aber leider können die beiden sich schwer verständigen, dennj „Hias" ist eine demokratische Volksorganisation und dem Volke verantwortlich, währentz.-die „Jca" nach dem Notabelnsystem organisiert, es vorzieht, nach philanthropischer Methode zu arbeiten. Man muß aber auch zugeben, daß eine allgemeine Emigrationspolitik - auf große Schwierigkeiten stößt, weil die-Lage sehr unklar ist und man nie weiß, was der nächste -Tag bringen wird. Man sucht andere Länder. Kanada ist besonders streng und verlangt nur Farmer, die kanadische Regierung hat in den Monaten März undfülpril 2000 jüd. Emigranten unter den nichtigsten Vorwänden zurückgeschickt. Man dachte an Mexiko und Brasilien, aber dort ist kein,Raum für größere Judenmassen, man läßt sie nicht in die Städte,' sondern die Regierungen wollen sie zu Arbeite» in den Sümpfen verwenden, und dazu taugen die Juden nicht, A r g e n t i n i e n stellt ähnliche Bedingungen." Die Inden im Wirtschaftsleben DevtschlandS. Dr. Felix A. Theilhab-er, Berlin-Wilmersdors. (Fortsetzung.) *" „ Die Finanzbedeutung der Frankfurter Juden geht am deutlichsten wohl aus der Aufstellung hervor, welche die Einführung amerikanischer Bonds an der Frankfurter Börse betrifft. Es wurden zwischen 1869 und 1872 u. a. auft gelegt: Rockford-Rock Irland Bonds California-Pazific-Erteusion Kansas - Pazific Oregon - California St. - Louis u. Soiirh-Eastern Central - Pazific Kansas „ Missouri „ Seligmann Jersey Buffalo »^Rewyork Cairo u. st. Lonis Washington Alabama-Chattanooga Brunswick ». Albany Georgia Aid Chicago South Western California-Oregon Central-Pazific Stockron u. CopperopoliS 'Grand Rapids Indiana Levington «. St. Louis, Juls n. Co. n. Merzbach Stettheimer „ ii. Oestr.-Drsche Bk. Erlanger Moritz Budge Reinach Speyer-Ellissen 9 Milk. 3.5 „ ß.» „ : „ . l»v „ ' 2 25 ' 6.5 „ 7,25 „ 1 ,/t 2 5' 2.5 ,, * t, 3_ „' 3.5 „ 3 ' , 3 - Snlzbach t Kahn u. Co. 1 ,, ' Trier n. Co., Genepp u. Taussig - 0,9 „ 'Rewyork Bonds Rothschild 15 „ Reben diesen Firmen waren Emittenden in den 7Qer Jahren B aß u. Herz mit Rumänien, Wtz.iller als Vorkämpfer des Norddeutschen Lloyd, D r e y f ns - Jeidells mit Schweizer Bahnen, Hohe nemser, Königs Marter, Schuster als Mitbegründer der Deutschen Handelsgeselhschaft, Kahn, Grünebanm n. Baltin mit Rordamerikaner», Salomon Roos als Mitbegründer der Thür. A.-G. f. Eisenbahnmaterial, M a y der Haüsener Brot?, fabrik, Ganne u. C o. für die Cotton- und Schafwollinduftrie in Wien. Das Haus Rothschild selbst stach Jacob S. H. Ster» bei der ersten französischen Milliarden-Anleihe aus. Nnter 44 Emissionsfirinen der 70er Jahre befanden sich nur 4 nichtjüdische Firmen, die insgesamt im Jahre z. B. nur 12 'Papiere ausiegten gegen 90 allein durch das Haus Rothschild betriebene Anleihen. Gewiß haben sich einzelne Papiere als „faul" verwiesen, und es wird immer,' solange dgs heutige Wirtschaftssystem bestehen bleibt, faule Unternehinungen geben, denen man es vorher nicht ansah, deren Konjunktur ungünstig wird usw. Frankfurt hat durch, die Beziehungen seiner Börse 'zur Weltwirtschaft jahrzehnte lang eine Rolle gespielt, die. dieser Mittelstadt aus Grund ihrer sonstigen wirtschaftlichen und politischen Stellung nicht zukam. Und der bekannte Wohlstand Frankfurts rührt vornehmlich von der Finanztätigkeit ihrer Juden her. — So wie in Frankfurt arbeiteten sich die jüdischen Firmen auch anderwärts rasch,empor. Um das Iahe 1800 gab es z. Bebensoviele jüdische wie christliche Firmen» 50 Jahre später sind die christlichen Bankgeschäfte längst zurück-: gedrängt, an der Spitze marschiert das Haus Hermann, in Königsberg (mutatis,mutandis) I. Simon Witwe n. Söhne. In allen deutschen Zentren waren jüdische Bankiers führend. - v In Köln saßen die Cohn-Oppenheim, in Karlsruhe K u sel Söhn e u. S. v. H a b e r, in Mannheim die Ladenburg u. H. L. Ho he nemser u. Sohne, in Hamburg die Marburgs und Seligmanns'/in: Dresden die . größte moderne deutsche Privatbankfirma der A r n holds, in Leipzig die K n a u t h, K ü h n e, P ta n t , Meyer, in Württemberg die Benedikt. Pfeiffer', Kaulla, Steiner (der Gründer der Würitemb. Vereinsbank). ' . ' - Hch. v. Poschinger hat in einer eingehenden .Bankgeschichte von Bayern" bei der Gründung der. großenbähe-

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