Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 29 (4.8.1921)
- Date
- 1921-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2692297-2693227-2693256--11550-2707022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. .Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 stet ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnsertionspreis sür die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. IS. Jahrgang. Donnerstag, de» 29. Tamns S681 (4. August 1921* Kr. 29. Judentum. Bo» Jakob Klatzkin .Lrisis und Entscheidung im Judentum" ist jetzt nach kurzer Zeit eine zweite verbesserte. Auflage erschienen. - Mit unerbiitlichem Wahrheitsdrang und Radikalismus, mit logischer Schärfe uiiiersucht Klatzkin die Frage der Zukunft unsres Judentums: Sein. Buch ist eine-Tat, denn, nur ein' mutiges und ehrliches Heranireten an -die . Probleme des Judentums kann die Kraft geben, sich aus dem Wirrwarr der Gegenwart zur Klarheit zu finden. Wir bringen nachstehend eine Probe aus Klatzkins Buch. Die meiste» antiken Religionen sind in den Elementen i Gefühls und der< Phantasie verankert. Sie beide sind i der Schöpfung des Mythos beteiligt; und aller Mythos ein Schauen, der Gottheit in der Natur. Die jüdische kligion unterscheidet zwei Seinsarten und trennt Gottes-' in vom Natursein, sie bekämpft den Mythos. Ihre Stärke nicht mythischer Glaube, sondern Erkenntnis (Daat) und reue (Emunah) ... Die Kraft der Erlcuntuis ist der Urquell des Judenms. Die Erkenntnis des einen Gottes hat zur Erkenntnis r sittlichen Einheit, des Sittengesetzes geführt. Und der tjftc Grund der jüdischen Religion ist das Gesetz. Die Opposition gegen den Mythos hatte das Gesiihlsid Phantasieelenient unterbunden, aber auch daS ineta- Wsche Motiv des Mythos. Der Mythos hat ein theviischcs Interesse am Kosmos, sucht die Natur der Welt und r Natur Gottes zu erschauen; die jüdische Religion wehrt h gegen dieses theoretische Interesse des Mythos an Welt ib Gott, ihre Erkenntnis ist am Menschen orientiert; ist >s ein praktisches Interesse gerichtet, auf die Handlung, ij Tun und Lassen. Die Attribute des jüdischen Gottes w nicht Attribute des 'Seins, der Gottesnatur, sondern r Handlung, der Gottrsgebotc, — lehrt Maimonides: sollen mir die Gottesgeheiinnisse?" Die jüdische Relion-kennt keine Metaphysik, sie hat, iin Grunde genommen, ine Philosophie. Ihre Religionsphilosophie ist sehr spät id unter fremden Einflüssen entstanden. So verstehen lvir die fast vereinzelte Erscheinung, dass e jüdische Religio» keine Glaubensartikel, keine theoresche Voraussetzung einer Lehre auszuweijen Hai ... Das' Gesetz ist das Primat. Unsere Religion hat es -gelehnt, .nach dein Grund -der Verordnungen zu fragen, ic hat Gebote und Verbote, Normen,' aber keine Lehrmudsätze, keine Dogmen; diese kamen recht spät und eigentch nur-als systematische Leitmotive, die auch lange und stig. bestritten .wurde». , Daher hat die Kabbalah keine Spaltung im Juden-!m Hervorrufen können, da' sie nur eine 'theoretische Neuemg uüd keine praktische Reform sein wollte; sie hat neue bectt eingesiihrt, hat aber am Gesetz nicht gerüttelt. In der' anderen Religion führt eine neue Lehre, wie die abbalah sic-darstellt, zur Sektenbildung; die jüdische Reliion jedoch duldete von jeher die größten Differenzen theotischen . Charakters, die größten Meinnngsverschiedeniten der streitenden Schuten, solange die Gesetze der Hand-' mg picht ängetastct wurden. Unsere Religion ist tolerant igcnüber: ketzerischen Ideen, streng aber in ihrer Forderung r Gesetzesbefolgung, tolercuit gegenüber der Gesinnung, ieng aber in bezug auf die Handlung, auf das Werk . . . hara meint nicht Lehre schlechthin, sondern Gesetzeslehre. jNur Differenzen, die eine Reform des Gesetzes erremen, haben der Einheitlichkeit des Judentums Abbruch taio. - Es ist Entstellung, wenn der jüdische Liberatismils in hmesntlichtzr Apologetik und zur Rechtfertigung einer Relion Ihne Religionsgesetze, eines Inhaltes ohne Formen, »er abstrakten Idee als Judentum vermöge der Jnterre.tationsmethode,'die das. hineinliest, was sie herauslesen ill —t^u.'.bNveisen sucht, daß. die Ritua.lgesetze in .unserer eligio» 'untergeordneter Natur sind. Nein, sie sind nicht ".sonst',so.zahlreich; sie lhäbcn mit den Titten- und Staäts-!sctzen^die>gleiche Rangordnung, den Rang einer göttlichen nordnungÄ Die jüdische Religion wertet nicht ihre Gehe, nnterscheidet ursprünglich Ritual- Und Sittengesetz nicht umaldurch - einen äußeren Terminus.' geschweige den» ach inpererLBedOltung. uild Stellung. Sie ist eben keine beeul^«^Ißnpeim!^G.^etzeSWre. Unsere Lehre 'wird als icsehl, Satzung und-'Gesetz bezeichnet . . . Daher die. eiiizigartige Bedeutung des Thoraftudiums. in er jüdischen-Refigion^^.^'-zJ Freilich ist die siiiliche Urkraft'das schöpferische Motiv in unserem Gesetzeskodex.- sie ist aber keusch; und implizite in ihm organisch wirksam —wie e-s sich auch rnit dem Unsterblichkeitsgedanken verhält, der in der Opposition gegen Mythos und Toiomismus metaphysisch verdunkelt wurde — und nicht in einer Ideologie bloßgestellt. Die Jude« im Wirtschaftslebe« Deutschlands. . Dr. Felix A- T h e i l h a b c r, Berlin-Wilmersdorf. (Fortsetzung.) Wer die Namen der Bankhäuser des vorigen Jahrhuirderts durchgeht, sin.det eine etiva gleiche Anzahl jüdischer und »ichtjüdischer Firmen in allen größeren Orren, deren letztere aber in ihrer Bedeutung zurücktrcten. In Berlin finden wirvon alten'- jüdischen Geschäften vor allem das Haus Mendelssohn. Eshat eine über 125 Jahre alte, interessante Geschichte, in der jüdische Börsentechniker den Kampf mit allen anderen. Unternehmungen, zuletzt mit den -gewaltige» Riesenbanken, aufnahmen und siegreich bestanden. So bert Warschauer-, der Schwager «im so ns, hat die Finna in der Mitte des 10. Jahrhunderts meisterhaft geführt, zuletzt Artur Fischet, der ursprünglich österreichische. Jude, dessen unerreichte Spezialität die Anlcihetcchnik und. die internationale Gelddisposition war. Fischet erschloß Rußland deni deutschen Markt, lote es die Speyer- Elli s sen mit Nordamerika machten. Für die Juden war die Finanzaktion dieses aalglatten Renegaten kein besonderes Glück, da die zaristische. Regierung von ihm als Dank' für die Pogrome die Anleihe, deren sie dringend bedurfte, erhielt. Bon den' bekannten Berliner Bankfirme» haben noch heute, viele eine einslußreiche Stellung beibehalten. Bon älteren Häusern sind besonders zu pennen: M. Borchardt jnn., A. H. Hey mann u. Co.. Hardy, Schlesinger, Trier, I a c q u i e r u. Sccurius (Frankel) L. M. Bamberger, I. I. Caro, Gebrüder Beit u. Co., N. H elf ft n. Co., Geb r. Arons, Gebr. Meyer, Meyer u. Co. Bedeutsamer waren die Frankfurter jüdischen Börsenleute, die das Geldbekürfnis Deutschlands und Oesterreichs in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts befriedigten und die Pioniere des deutschen Kapitalismus,im Auslande wurden. An der Frankfurter Börse wurden alle möglichen fremden Länder finanziert. Rothschild machte Schule, und als längst der Stern dieses Hauses verblaßte, elektrisierte noch die Erinnerung an ihn das Heer der Finanziers. Weit über den Rahmen Deutschlands hinaus reichte daher die Tätigkeit der Frankfurter Häuseru. a.' besonders von Erlangern. S ö h n e, F. n. L. W e r t h e i m b e r, W e r t -; heimer, Lazard S p e y e r - E l l i s s e n, L. A. Hahn, ferner Jakob Isaak W e i l l e r u. Söhne, A. L. Ansbach er, E. Laden bürg, Gebr. Sulzbach, Meni Lincoln Oppenheimer, Drehst« ß u. Co., Seligmann lt. S t e t t h e im.e r, Lidingston:, Schuster, Hallgarten, U h l f e l d e r, Schiff, Jacob S. H. Stern. In Wien waren in der Mitie' des 'bongen Jahrhunderts die bekanntesten jüdischen Großhändler, die Börsen- und Effektengeschäfte machten: H. Todesco, Biedermann n. Co., Königswarter, A. u. H, v. We.rth e i m st e i n. I. L. Edler v. H o f s m a n n s t h a l, Jakob Ritter v. Löwenthal, Anton Schnaper, M. H. Weikershe-im n. Co., 2l- E. N- Kann u. a. . Uebrigens hat die, Verbindung noch anderer jüdischer Bankiers, dem deutschen Geldmarkt wertvolle Beziehungen eingebracht. In Paris lebten stets deutsche Finanzgrößen, von denen z. B. das ursprünglich rheinische Haus der B i sch o f fs h e im eine Zeitlang durch -Aarnberger .mitgeleitet wurde. ' Nach England zogen eine Reihe von bedeutenden Finanzleuten, von denen 'Sir E r n st Kassel, der die.Baumwolhrflanzung Aegyptens finanzierte, sich durch Millionenspcnden um einen deutsch-englischen Austausch noch bis zum Kriege mühte. Ein anderer Teil der jüdischen Großkapitalisten, die aus Deutschland stammten und am Emporkommen der Londoner Börse..mithalfen, hatten sich, ihre Reichtümer ,in Südafrika geholt, wie.z. B. B.e i t, der Genosse Cecil Rhobes. . - __; . In der Wallstreet Newyorks war in der zweiten Hälfte .des vorigen Jahrhunderts der 'Einfluß der jüdischen Börsen- - Männer aus Deutschland unverkennbar. Die S cd i s s s, <2 t rauft, Kuh», L ö b, Wa rb u rg haben Deiirschland an der wirtschaftlichen Erschließung -Amerikas mitbeteiligt. In Deutschland haue schon 1610 der König von Preußen auf die jüdischen Bankiers Kooper u. Woks Oppenheim zurückgegrissen, die Preußen in seiner schwersten Not in selbstlosester Weise sind vrovisionslos das Geld für eine Staatsanleihe vorstreckten resp. beschafften. Vor allein hielt sich Eisinarch, trotz seiner junkerhasten Gesinmrng, an einen jüdischen Banknan», an G e r s o n B lei ch r ö d e r,'von deni der Botschafter R. v. Keudcll in seinenr Buch „Fürst bind Fürstin Bisinarck" erzählt, daß er Bisinarck gerade in den schweren Konsliktsjahren und kurz vor und im deutschen Krieg näher stand. KendelL schildert ihn als einen „Wann von nilgewöhnlichen Fähigkeiten. Sein Verstand war so lebendig loie durchdringend, sein Gedächtnis .zuverlässig, sein .Herz fest und treu." Bleichröder fühlte sich deinenrsprecheich auch als Hilfsarbeiter des auswärtigen Amtes und Pflegte, wenn er von Bismarck sprach, ihn „nnsern hochverehrten Chef" zu nennen. - 1865 konferierte er mit dem König in Karlsbad, wohin er berufen worden war. Dann sinanzierte er den Krieg von 1866 ohne Ausgabe einer Anleihe. Das war in einer Zeit, in der die Regierung mit dem Volke im Konfliktszustand lebte, eine schwere -Aufgabe. 1871 war Bleichröder der eigentliche Wirtschaftsoerstäudige und Vertrauensmann Bismarcks, dessen Rolle bei der Festlegung der Friedensbedingungen, ..insbesondere der 5 Milliarden Goldforderung bekannt genug ist. — (Iw diese Firma traten später neben den Söhnen ein Verwandter I. L. Schwab ach ein, der .die Führung des Hauses, an sich riß und als Finanzgröße bekannt wurde.) Eine historische Zusammenstellung der Börsenarbeit der Frankfurter Juden findet sich in einer allerdings mit Vorsicht zu gebrauchenden, judenfeindliche» Arbeit von Germanicus „Die Frankfurter Juden und die Aufsaugung des Volkswohlstandes", lieber von Erlanger sagte dieser wohlbewanderte Autor: „Den Grund zu seiner Wirksmnkeit legte Erlanger in den fünfziger Jahren als Mitbegründer der Oldenburger, Hamburger,. Weimarischen, Internationalen Luxemburger Bank usto. Ter Gewinn, den Erlanger dabei machte, befähigte ihn bald, iw die Weite zu schweifen; besonders nach Belgien, Frankreich und Oesterreich hin knüpfte er Verbindungen spekulativer Art an, während er in Skandinavien Einfluß auf die Stäatsfinanzen zu gewinnen suchte und auch in Portugal sich fest?- sctzte. Erlanger beglückte indirekt das Großherzogtnm Hessen durch den Bau der oberhessischen Eisenbahnen, die nach langen Wehen in Staatsbesitz nbergegangen sind, ohne die mindeste Aussicht das aufgewandte oder vielmehr nicht anfwandte Kapital jemals zu verzinsen. In Wien gründete er die Franco-Llustrian - Bank mit vielen Ablegern. Hier hatte Erlanger auch bald Gelegenheit, sich den Dank des Hauses Oesterreich zu erwerben, indem ex es übernahm, so viel als möglich vom Anteil des verstorbenen Fürsten Thnrn- Taxis an den Unternehmungen des" ebenso spekulativen als frommen Grafen Lagrand Dumoncean zu retten." '. Die Hauptgründungen und Einführungen Erlangers umfassen eine Unzahl Banken, Eisenbahnen in Deutschland, Oesterreich, Belgien, Amerika, Lose, - Jndustrieunternehmungen lz. B. die Frankfurter Waggonfabrik). Sulzbachs Hauptverdienste führt derselbe Llntor auf die Gründung der Meininger Bank. .Mitteldeutsche Ereditbank" und» Deutsche Hypothekenbank zurück. Außerdem sinanzierte Sutzbach den' russischen, rumänischen und amerikanischen Eisenbahnban, italienisch - deutsche Bankvereinigungen und deutsche Industrien. R e i n a ch s hauptsächlichste Taren bestanden in der Einführung der Bayrischen Handelsbank, der Bredoiver Zuckerfabrik, der Brüsseler Gasgesellschaft und vieler Lotterien. In anderer, aber nicht weniger wirksamer Weise griff L. 4l. Hahn, seit 1872 .^Deutsch» Effekten- und Wechselbank" in das wirtschaftliche Leben ein. Eine Unzahl Papiere aus allen Gebieten des WirischaftSlebens wurde von Hahn aufgelegt. Wenn es auch richtig, ist, daß ein Teil der überhastet gegründeten Unternehmungen sich später als unrentabel etf wiesen, so wurde doch sterade in den Jahren 1875—85 die Mitarbeit der jüdischen Geldmagnaten in falschem Licht därgestellt. Gemessen an der Zahl der kapitalisierten Betrieße £§£33$!