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Neue jüdische Presse · 1921-07-14 · Heft 27 (14.7.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 27 (14.7.1921)
Date
1921-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Jnsertionspreis für die sechsgespalteneRonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25 Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expeditton und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 19. Jahrgang. Donnerstag» de« 8. Tanms 5681 (14. Juli 1921) Nr. 27. Polenscha«. „Polen in Not" — -wieder, nicht 511,11 ersten Male, geht der Alannrnf durch die Weil, lind tvieder einmal ivird . aller Welt klar, das; das neue Polen seit den Tagen seiner endgültigen Befreiung von fremder Herrschaft — Ende 1918 — von schweren inneren und zur Zeit allerdings geringeren äußeren Gefahren schwer, ja vielleicht in seinem Bestand bedroht ist. Die -latente, schleichende Krisis des ganzen polnischen Staatslebens, die wirtschaftliche und soziale Krise vor allem, ist heute durch die Tatsache des jähen Sturzes der polnischen Währung dem Auslände nur mit besonderer Deutlichkeit vor Äugen geführt worden. „Etwas ist faul im Staate Polen" — uns scheint, nicht nur etwas. Seit den Tagen seiner glorreichen pung ist der polnische Staat ununterbrochen von bald stärkeren, bald schwächeren inneren Konflikten, durchwühlt: außenpolitische Niederlagen und Fehler, militärische Abenteuer ohne den erwarteten Erfolg, eine sinnlose Wirtschaftspolitik, innerer Klassen- und Nakionalittlenstreik bezeichnen den — abwärks führenden — Weg, den die ganze Entwicklung des neuen Staates Polen genommen hat. Es ist der Weg, der durch wirtschaftlichen Zusammenbruch und soziale Katastrophe hindurch mitten in de» Bolschewismus hineinsührt. Es ist Zeit, das; Polen endlich — angesichts schwerster Bedrohung seiner Existenz — eine andere Politik nach innen wie nach außen einschlägt, um nicht in den Untergang hineinzutaumeln. Wir Juden — um eine Selbstverständlichkeit zu betonen, die das polnische Antisemitentuni vergißt und in Zweifel zieht — wir müßten dem polnischen Staat eine günstigere innere Entwicklung schon deshalb wünschen^ weil nicht weniger als vier Millionen unserer Brüder in Polen leben und in dem .ganzen wirtschaftlichen lind soziale,; Organismus fest hineinverwachseu sind. Wir wollen und brauchen ei» .innerlich konsolidiertes und starkes Pole». Wir wollen und wünschen die Siet st ändigung zwischen deich Polentum und dem Judentum, eine gerechte, dauerhafte Verständigung. „Polen in Not" — es' wird immer in Not sein, wenn nicht — wenigstens in feinem Inneren zum Nationalitätenfrieden kommt. Während aber der Staat — durch Mißwirtschaft und Korruption — in dir Nähe von einer schweren Katastrophe rückt (keine Rohsloffeinfuhr in das Land, Stillstand der Industrie, soziales Elend nsw.), ist der Antisemitismus im Begriff, il»n etwa verloren gegangenen Positionen wieder zu erobern. Die polnischjüdischen Ausgleichsverhandlungen, von denen schon seit einer längeren Zeit häufig die Rede war, sind letzthin — unter dem Einfluß der allgemein antisemitischen Stimmung der polnischen Gesellschaft abgebrochen, „vertagt" worden. Man will keine Vernunft annehmen; man glaubt dazu noch klug zu sein und zu handeln, ivenn man dieSchnld am außenpolitischen Mißgeschick und der finanziellen Misere zuschiebt. Hier bleibt nichts anderes übrig, als inuner wieder die' Verständigung zu fordern, die polnische und die übrige Welt über die. jüdischen Absichten und politischen Ziele aufzuklären und nicht an dem endlichen Sieg der Vernunft: über den Antisemitismus zu verzweifeln. '.Es ist natürlich, daß das innere jüdische; Leben unter dem schweren Druck der außen- und 'innerpolitischen Lage schwer leidet. Das Spiel und der Streit der Parteien ist heute lange nicht Mehr so lebhaft,nnd heftig wie früher. Die allgemeine politische Unsicherheit und die wirtschaftlichen Sorgen lähmen das ganze gesellschaftliche jüdische Leben. Wo die jüdische Gegenwart so trüb aussieht, wendet sich das jüdische Denken der Zukunft, Palästina zu. Niemals ist die Notwendigkeit des Zionismus im jüdischen - Osten so stark empfunden worden, wie in der heutigen Zeit der Not. 'Aber Palästina und auch Amerika allein, bedeutet für > die-polnische Judenheit die Rettung aus'der Not. Die jüdische Mehrheit wird — wie naive polnische Antisemiten nicht glauben wollen — in Polen bleibe». Ihr Schicksal ist zu einem guten Teile Polens Schicksal. Auch wenn Polen die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs, die ihm heute droht, jn zwölfter Stunde — auf wie lange hinaus — noch beschwören kann, loird seine innere Entwicklung aufs schwerste gehenrmt sein, wenn Polen die vier Millionen seiner jüdischen Bürger unterdrückt und vergewaltigt werden. I Quousque tandem? Die J«de« int Wirtschaftsleben DentschlandS. Dr. Felix A- T h e i l h a b er, Berlin-Wilmersdorf. - (Fortsetzung.) Ende dieses- Jahrhunderts läßt sich der 1760 in Breslau geborene S a l 0 m 0 u H a b e r iii Karlsruhe nieder und beginnt seine großinduftriellen Unieriichinungc». Seit >792 halte der Oberrat H a y n m Lev h von Karlsruhe bei Grötzingcn eine Kreppfabrik mit 50 Arbeitern. D a 0 ic» Sei i g m a n n, der spätere Baron v. Eichthal, beschäftigte in einer Waffen- und Spinnmaschinenfabrik St. Blasien 300 bis -100 Arbeiter. 1814 wurden in Baden 7 Juden als Besitzer von Tuchfabriken angeführt. C. W. Tpiker hat im Jahre 1809 „eine historisch-publizistische Untersuchung über die ehemalige und jetzige Lage der Juden in Deutschland erscheinen lassen." 'Hier schreibt er: „Besonders rühmenswert ist die erhöhete Industrie der Juden in Böhmen. In vorzüglichem Flore sind die in und an der Hauptstadt sich befindenden jüdischen Fabriken. Die Leinwand--, Kotion- und Zitzmanufakture» der k. k. privilegierten Großhändler und Fabrikanten Herrn Gebrüder K 0 p p e l m a n n und B e e r. P 0 r g e s in Prag, wird auf 90 bis 100 Drucktischen betrieben, wobei über 300 Personen ihren Unterhalt bekommen. Die. Manufaktur der Herrn P r z i b r tun -a 0 h n u. M. I e r u s a l e m besteht aus einer gleichen ZÜizahl Drucktischen und beschäftigt deshalb dieselbe Anzahl von Menschen. Ebenso haben die Herrn Geb r ü der E p st e i n 60 bis 70 und die Herren D u - ratz in 11. D or n ü tzer 50 bis 60 Drucktische und beschüftigren zusammen an 400 Personen. Durch die Industrie der Prager jüdischen Fabrikanten finden also nicht nur an Tausend Menschen ihre Nahrung, sondern es werden auch dortsetbft Waren erzeugt, die sowohl in Ansehung ihres Gehaltes, als ihrer schönen geschmackvollen Dessins mit ausländischen Fabrikate» wetteifern. Bemerkenswert ist es, daß die ersten Fabrikarbeiter als Koloristen, Modellisteil nsw. lauter jüdische Kolonisten sind." Den -Juden war dabei ihr wirtschaftliches Fortkommen nicht leicht. Frankfurt z. B-, dass allgemein für eine freiheitliche Handelsstadt galt, untersagte noch 1808 (nach Spiker T. 809) den Juden - außerhalb der Meßzeit einen offenen Laden und ein Aushängeschild. Ferner war den Inden verboten allein der Handel 1. mit Münzen, 2. mit Waffen, 3. mit neuen Kleidern und Mobilien, 4. Spezereien und Materialien, 5. Wein, Getreide, Fonrage, Brennholz, 6. Kommission und Spedition. > Unter diesen Umständen ivurden die Juden immer wieder ans das reine Geldgeschäft hingewiesen, das in den früheren Zeiten und nicht nur damals nicht immer leicht und risikolos war. Aber es war den Juden wenigsten» offiziell gestattet. So kann es'uns nicht verwundern, daß die .Juden lange Zeit in ihrer Mehrheit nicht zur Produktion der Waren kanien, sondern sich mehr mit der Finanzierung der Wirtschaft begnügten oder den Verschleiß, soweit er ihnen gestattet war, Übernahme». Gleichwohl lehrt doch diese Zusammenstellung jüdischer Industrieller aus dem Beginn der' deutschen Industrie, das; Juden gerade auf dein Gebiet des 'Textilwesens einen starken Einfluß genommen haben. Bisher war diese historische Tatsache allgemein unbekannt. Selbst- -bei den Juden war die Kenntnis ihrer industriellen Pioniere in Vergessenheit geraten, umsomehr, als ihre Historiker, die sich mit der Entwicklung der jüdischen Gemeinden und der jüd. Siedlungen in den einzelnen Staaten befassen, nie ihren wirtschaftlichen Entwicklungsgang schildern. (In fast allen Untersuchungen nehmen die Schilderungen der Kämpfe um ihre Rechte, die Anlegung kultureller und kultischer Einrichtungen (von den Synagogen bis zu den Ritualbäderil und Friedhöfen) einen überragenden Anteil. Neben den Vorkämpfern für ihre Frecheit wird nur der jüdischen Gelehrten gedacht und die wirtschaftlichen großen Männer werden gewöhnlich gar nicht erwähnt. In weiteren Arbeiten aber werde ich den Nachweis erbringe», daß' die deutschen Juden mit zu der gewaltigen Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens beitrugen und daß ihre rein parasitäre Existenz in der deutschen Wirtschaft eine der vielen Unrichtigkeiten ist, die Unkenntnis und .Böswilligkeit behauptet haben.' ' Der Jude als Träger des Geldverkehrs hieß populär der Wucherer. Der alte Shylock har in der ueurei» deutschen Literatur manch würdiges Gegenstück — z. B. in Freytags „Soll und Haben" — gefunden. Und in dem Jugendwerk Heinrich Manns, im Schlaraffenland, erscheint die Zukunft "der jüdischen Geldhändler als eine lediglich parasitäre, widorliche Menschengruppe. Die moderne Nationalökonomie hat mit diesen Märchen längst aufgeräumt. Die Unmöglichkeit, alle Waren stets und ständig in sich zu tauschen, verlangte nach einem wirtschaftliche» Hilfsmittel, als weiches wir das Geld ansehen müssen. Und je vorgeschrittener die Wirtschaft eines Volkes wurde, desto größer war der Bedarf nach Möglichkeiten des 'Austausches und des Behelfes. Die Anerkennung der Edelmetalle als solches,, sprengte die Binnenwirtschast und ermöglichte den Weltverkehr, ohne den der Fortschritt undenkbar war. Der Jude, der so oft von Völkern -und Fürsten vertrieben wurde, fand immer wieder Ausnahme in den Staaten, nicht nur aus lovalen und liberalen Ueberlegungen, sondern, weil man seine starken wirtschaftliche« Befähigungen erkannte und ihn brauchte. Daß der Jude an dem Geld, seinem Arbeitsgerät, hing und mit ihm intensiv arbeitete, kann nur den naiven Betrachter überraschen. Das Geld war die Arbeitsmöglichkeit, die Waffe des Juden, wie die Büchse die des Soldaten, die Sense des Bauern, die Peitsche des Kutschers und der Pfriem des Schusters. Die rücksichtslose 'Ausnutzung des wirtschaftlichen Vorteils liegt in dem Drang des Menschen. Geistlichkeit und Fürsten haben im Mittelalter dem armen Bauer nicht immer die reine Nächstenliebe bezeugt, und in unseren Tagen haben Großgrundbesitzer lieber fremdländische Arbeiter sich verschrieben, um de» Volksgenossen nicht höhere Löhne bezahlen zu müssen. Der jüdische Geldverleiher im Mittelalter hatte übrigens die Domäne des Kapitals nicht gepachtet.. Er litt stets unter der Konkurrenz italienischer Wechsler. Die Großkapitalisiert waren gute deutsche Kaufherrn, die mit ihrenr Pfund nicht nur wucherten, sondern auch in die hohe Politik eingriffen. Mit den großen Fugger konnte sich, damals kein Jude messen. Jn den großen Finanzgeschäften des 16. Jahrhunderts sind so gut wie keine Juden verwickelt. Sie waren' durch die vielen Steuern, Bedrückungen, 'Ausnahmegesetze wirtschaftlich so gedrückt, daß sie sich mit dem kleinsten' Handel begnügten. Das Beispiel gerade des bedeutendsten jüdischen Maklers, des Juden Joseph zum goldenen. Schwan in Frankfurt, ist dafür bezeichnend. Joseph, der mit den Fuggers und Jmhofss in Geschäftsverbindung stand, wurde durch das Fallissement von David Paumgariner in Prozesse verwickelt. Er wurde schließlich in Haft genonmie« und starb im Spital. Damals war also im allgemeinemder Jdealzustand der Judengegner. Selbst die große Finauzwelt war iudenrein. Wie aber wirtschafteten die biederen deutschen Geldmagnaten? Geben wir einem gewiß darin unvoreingenommenen Autor das Wort: H. St. Chmnberlain verwünscht die Polittk der Grvßkauflente Deutschlands im 18. Jahrhundert: „Nur durch die Unterstützung der Fugger und Welser" (schreibt er in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts S. 984) ,gvird Karl X. gewählt und in den Stand gesetzt, den unseligen schmalkaldischen Krieg zu führen, und in dem mm folgenden Kampf der Habsburger gegen deutsches Gewissen. und deutsche Freiheit spielen diese gesinnungslosen Kapitalisten eine entscheidende Rolle: und zwar bekämpfen sie die Reformation, nicht aus religiöser Ueberzeugung, sondern ganz einfach, weil sie mit der Kurie ausgedehnte Geschäfte führen und bei ihrer eventuellen Niederlage große Einnahmen zu verlieren fürchten." Diese kurzsichtige Politik hat allerdings auch schließlich ihren eigenen Ruin herbeigeführt. — . Nachdem diese reich gewordenen Nürnberger und Augsburger Großkauflente abgewirtschaftet hatten, kamen 10» bis 200 Jahre später die Juden als Finanzleuie zur Geltung. Dietz führt in seinem „Stammbuch der Frankfurter Juden" allein aus dem 18. Jahrhundert 35 Juden Frankfurts in Hofdiensten auf. Wir finden hier kaiserliche privilegierte Höfjuden und Hosfaktoren, Hof- und Kammeragenteis, Faktoren" und Lieferanten aller deutschen Fürsten, insbesondere auch der Erzbischöfe von Mainz. Würzburg, und Köln. Juden sind die Residenten und wirtschaftlicheir Vertreter aller Staaten in Frankfurt, und ihre Finanzgewandt» heit verschafft den oft notleidenden Herrschern das nötiget Geld. > (Fortsetzung solgtJ - . .

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