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Neue jüdische Presse · 1921-07-07 · Heft 26 (7.7.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 26 (7.7.1921)
Date
1921-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Jamiü'enblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße Z Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis 19. Jahrgang. , Donnerstag, de» I. Tamns 5681 (7. Juli 1921 > Nr. 26. Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs» Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Die Inden im Wirtschaftsleben Deutschlands. Dr. Felix 2t. Theilhaber, Berlin-Wilmersdorf. ,'Fortsetzung.) HI. Die Zahl der jüdischen Fabrikante it im IS. Jahrhundert lässt sich schwerlich restlos Nachweisen. Es ist auch belanglos, alle anjzuzählen. Die folgende Ausstellung belehrt aber, ivie bedeutend ihr Einfluss aus die industriellst Entlvickluug Preußens gewesen ist *). 1719 eröffnet Isaak Joel eine Broderie und Ausnähfabrik im Potsdamer Waisenhaus, Ephraim u. G u mp e r tz eine Kantenknöppelei, B a ch a r a ch eine Fabrik für - seidene, baumwollene, leinene und wollene Handschuh, Strümpfe und Mützen. Ein Jahr später: M i ch a e l H i r s ch eine Fabrik für Baumwollen-, Wollen- und Leinenzeug, 2l a r o n Meyer pachtet das Alaunwerk bei Freienwalde, 17S3 installiert Mendel eine Birkenölfabrik, 1759 betreibt Wolf eine Nähnadelfabrik, 1756 baut'David Simon die erste Kattunfabrik, 1763 Joel eine Tapetenfabrik in Glienicke, 1765 versucht E P h r a i m eine Bleiweißfabrik ins Leben zu rufen, ein Jahr später assoziiert sich David Friedländer mit Daniel G a r d e m i n zur Herstellung von Seidengewebe, 1770 finden wir eine Tressensabrik von Feli x, 1782 Ab r a h am F r i e d l ä n d e r als Seidenfabrikant. ' Der Regierung wurden allmählich die jüdischen Fabrikanten, die sie selbst gerufen, zuviel, insbesondere als der große König gestorben war, und die Bürokratie mumifizierte. Sie erlaubte ihnen die Anlegung von industriellen Unternehmungen nicht mehr. Im Jahre 1800 z. B. wurde A b r a - Ham Levi ausdrücklichst die Begründung einer Kattundrückerei untersagt, da cs schon znvielc konzessionierte Juden gäbe. Bon. den oben angeführten Gründern waren besonders die Wulff - Jtzig -Friedlän der bemerkenswerte wirtschaftliche Erscheinungen.. Isaak Benjamin Wulff eröffnete 1774 mit seinem Neffen und Schwiegersohn Moses Daniel Jtzig eine größere Seidenfabrik zu Berlin (s. Freudenthal: 2lus d. Heimat Mendelssohns S. 141) und eine kleinere zu Potsdam, denen 1777 noch eine dritte und zwar auf Wunsch Friedrich des Große» in Bernau folgte. Mit dem Privileg der letzteren wurde ihm zugleich trotz des Widerspruchs der Konkttrrentcn das Recht eingcräumt, auch Samt fabrizieren zu dürfen. 26 Stühle waren bei der Gründung des - Seidengeschästs aufgestellt worden. 1779 war ihre Zahl auf 63 angewachsen., so dass der Wert der von ihnen geliefereten Ware 80 000 Taler betrug. Der Absatz belief sich in der Margäretenmesse des Jahres 1783 'zu Frankfurt a. O. auf 10 740 Ellen. Neben diesen Fabriken besaß»Isaak Wulff noch eins Kattunfabrik von 80 bis 90 Stühlen, welche Wulff persönlich leitete, während.die Führung des Seidengeschäfts mehr in den Händen seines Schwiegersohnes lag. Nach dem Tot des Schwiegersohns wollte Wulff die Seidenfabrikation cingehen lassen, was ihm aber der König bei Strafandrohung untersagte. Daniel Jtzig war vielleicht der größere Unternehmer. Der'Sohn eines aus Grätz nach Berlin eingewanderten Pferdehändlers, war er nicht nur Seidenhändler und '.Fabrikant, sondern auch Teilhaber an zahlreichen Unternehmungen insbesondere der Besitzer einer grossen Lederfabrik in Potsdam und des Eisenhütten- und Blechwerkes zu. Sorge und Voigtsfeld, das er 1782 an das Königliche Hüitendcpärtenient verkaufte. Mit dem Tode des' Enkels M o r i tz Jonathan Jtzig, der bei Lützen 1813 verwundet wurde, stirbt der jüdische Hauptzlveig dieser Familie aus. I". Die Geschichte der-Familie Wulff, die Freudenthal in. mustergültiger Weise klarstcllte, ist aber das beste Beispiel cines 'unteriiehmungslnstigen Geschlechts, das trotz der schier unüberwindlichen Schwierigkeiten an dem Wirtschastsaufbäu Nbrbbentschlands im-18. Jahrhundert tätig war. Wir treffen dieMulffs nicht nur als die Handelsleute^die die Waren auf. den einzelnen Märkten und Messen aufkausen und vermitteln, wir.-chegegnen ihnen als Hofjuden, die den Staatshaushalt Gesetzlich Ware,? die Judenfür die Ausfuhr von 1500 Rhltr. inländische Manusakturwareu verpflichtet, hatten die Erhaltunglder Templinschen Mützen- und Strumpffabrik, zugleich die Beuieltuch- und Blondenfabrik, die Exportation. einer gewissen Menge von Porzellan usw. (Spicker, a. £>. znsammcnhalten, wir tresfen sie sogar auf diplomatischen Gängen und zuletzt als die Leute, an die sich. Friedrich II. Ivandte, damit sie die Jndnftriealisierung Preußens bewerkstelligen. Der 'große König, der nichts weniger als ein Judenfreund war, hätte sie bestimmt nicht gerufen, wenn er sie nicht hätte brauchen können, wenn ohne sie die ökonomische Entwicklung rentable Fabriken geschasfen hätte. Wir haben Beweise für diese Auffassung. Am 20. April 1731 fragte z. B. die preußische Regierung den Königsberger Magistrat an, ob hier ein sachverständiger Jude vorhanden wäre, der dieses Privileg präjndizieren könnte (nämlich die Anlegung einer Samtfabrik). Dafür legten zu Königsbergs bereits damals (1732) Israel Jacob eine Zeug- und airnoit Joseph eine Tuchfabrik an. 1724 hatte H i r s ch S a m u e l S l o m k e bereits in Schnialenürücken eine Juchtenfabrik angelegt, der Jude Baar!in Bischofswerder erhielt am . 17. Sept. 1732 ein Patent zur Anlage von 8 Wollwebstühlen r »Im Falle auch gedachter Jude über vorerwähnte 8 Woll- . webestühle noch andre 2 Tuchzeug- oder Strumpfmacherstühle ansetzen und beständig in Arbeit unterhalten würde, so soll er alsdann von allen jüdischen Praestandis befreyet sein.". _ Die Kabinettsordre^aii das Gencraldirektorium Königsberg vom 12. 11. 1764 verbietet z. B. ausdrücklich die Pachtung landwirtschaftlicher Betriebe und spricht nur von den Betrieben, die die Regierung für die Jude» für gut befindet.. Selbst im Handel soll den Juden die Tätigkeit versagt sein. Ein Reisewerk aus den -Jahren 1770 von L. v. Baczko erwähnt in seiner Geschichte Königsbergs eine grosse Zahl gebildeter und reicher Juden, die die Begründer und Erhalter der Hauptfabriken der Stadt waren, so die Entrepreneurs! der Saffian- Und Cordian-, der Gazefabrik, der Silber- . Raffinerie, Abraham Rieß, S a l o m o n L e v i n I s a a c, Seligmann Joseph, Marcus S a l o m o n Lev in. Rieß, der Verfasser der kleinen Schrift: „Berichtigungen der von Herrn Dr. Hildebrand zu Erlangen herausgegebenen Betrachtung über die Lohgerberei in der Seguinolen-Methode, das Leder in wenigen Tagen zu gerben" exportierte auch ins Ausland. Ebenso die Gazefabrik ooit Seligmann Joseph u. C o. mit ihren 20 Stühlen und 80 Arbeitern und die Leidenfabrik des Kejppel Meyer B e n j a m i n, die es bis auf 37 Stühle brachte. Nach der Ztschr. d.Ihistor. Ges. s.d. Pr. Posen X S. 112 bemerkt Hans Kieivning in dem Artikel Seidenbau und Seidenindustris im Netzedistrikt 1773—1805, dass Friedrich II. vermögenden Juden gestattete, Seidenmagazine anzulegen, damit die Seidenindustrie in die Höhe käme. Den Tuchhandel in Bromberg dagegen wußte sich ein Kaufmann Tepper aus Filehne gegenüber einem jüdischen Konkurrenten, Aron L e w i n, der als Eisenhändler privilegiert war. als Privileg zu sichern. Ein 20jähriger Prozeß entschied gegen die jüdischen Tuch°- händlcr. . , M. M. Haarbleicher behauptet in dem Buche „Zwei Epochen der ’ deutsch - isr. Gemeinde in Hamburg", daß in der Blütezeit der Hamburgischen Kattundruckerei (1770 bis 1800) die Fabrikation häufig von Juden und durch Juden betrieben wurde. Die Geschichte der Lederwaren-Jndustrie, die Ludwig Hager dem Offenbacher Kreis widmete (Karlsruhe 1905), beginnt mit dem Wirken der Familie Mönch, die sich 1786 mit dem Offenbacher Handelsmanne Joseph Isaak d e I o n g e verbindet, um dem Geschäft eine größere Aüsdehnung zu geben. Die Annonce in Nr. 50 der Frankfurter Kaiserl. Reichs-Oberpostamtszeitung vom 28. März 1786 - gibt hierüber Nachweis: „Da die alte Finna des Etuisfabrikanten I. K- Mönchs zu Offenbach erloschen, durch seine mit Isaak Joseph de Jonge daselbst eingegangene Sozietät aber die neue Firma Mönch >ii. I. de Jonge entstanden ist. .- . . Uebrigens werden in^ dieser Fabrik alle Arten von Lederwaren in Saffian und Seiden, Etuis wie auch alle Arten von Portefeuilles auf englische Art, in Saffian gestickte und gemalte, in Seiden verfertigt und sind zu billigsten Preisen zu haben." In Süddeutschland überhaupt ist ihnen die Gewerbefreiheit noch länger zumeist verschlossen wie in Preußen. Trotzdeni kann Lewin in der Geschichte der badischen Juden von Gideon Jakob Uffenheimer berichten, „der durch den Wagemut, mit den: er Fabriken errichtet, über seine Zeitgenossen hervorragt. In Altbreisach hat er die „Wolle fabrique" im -Werte von 8070 fl. und die „Leinet seide fabrique", die mir 11195 fl. 54 Kr. zu Buchsteht, errichtet. Die „Fabriqüe-Geräthschafft" sind mit 1006 fl. 3 Kr. berechnet. Die Außenstände betragen 14457 fl." Int ganzen schien er 65 000 fl. zu besitzen. Gothein erzählt in dev. Handelsgeschichte der Schweiz vieles von ihm: „Um 1785 pachtete Götz (ein übrigens auch bei den Frankfurter Juden wicderkehrender Vornanie!) Usfenheimer das Zuchthaus in Breisach und richtete «ine Hans- und Leinenspinnerei ein. Zugleich beschäftigte er in de» österreichischen Dörfern am Kaiserstnhl gegen 330 freie Arbeiter. Auch nach der Baar suchte der unternehmungslustige Mann überzugreifen, dem eS auch gelungen ist, die teilweise Freigabe des Lederhandeks zu erwirken. Er, der Freiburg nicht betreten durfte, hatte dicht vor den Toren der Stadt Macht über Hunderte von Arbeitern." Der Amtmann..von Neustadt knüpfte 1765 mit ihn: Verbindung an, daß er dort Hausindustrie für Baumwollspinnerei einführe, wobei täglich 5—7 Kr. zu verdienen waren." In Mannheim, wo sie uiangels einer Zunft lange schon das Handwerk betreiben dursten (eine Seltenheit in Deutschland), arbeiteten die Juden schon zu Ende des 17. Jahrhunderts den Schneider» mit zu viel Gesellen, und den Lchustern verkauften sie zu viel Schuhe! Der Jirdeiidoktor Hayum, der 1689 den Kurfürst Karl Ludwig behandelte, galt als einer der tüchtigsten Häuserspekulanten. Natürlich erregt das den Ilnwilleu der nichtjüdischen Bevölkerung. Gleichwohl tresfen wir später die S e l i g m a n n's an der Spitze der Tabaksabrikanten. Um das Jahr 1779 errichtet Aaron Elias S e l i g m a n n eine Schnupf- und Rauchtabaksabrik in Leimen und Heidelberg. 1783 wurde dem Frankenthaler Lazarus G o l d - s ch m i t t in Zuversicht, „daß selbiger sich bestreben werde, seine Grenaden - Fabrik (Halbedelsteinschleiserei) durch Anstellung eines Gehilfen wieder in Gang zu setzen, die ihm als Fabrikanten eingeräiimtcn Freiheiten auf weiteres ungestört belassen." (Fvrtsetzuiig folgt.) Randbemerkungen. Fünfzig Pogromwaisen aus der Ukraine — der erste Trupp — sind in Wien eingetroffen, um von hier ans in Kürze nach Kanada gebracht zu werden. Eine unscheinbare Notiz — und doch voll höchsten dramatische» Inhalts! Seit den wahnwitzigen, sadistischcir ukrainischen Blutbädern ist mehr als ein Jahr verflossen! Hunderttausend, vielleicht zweihunderttausend, vielleicht noch mehr jüdische Kinder, die in jenen Monate» der liebevollen Elternaugen, des schützenden Heims von menschlichen Bestien beraubt wurden, irren seitdem umher und verkommen an Körper und Geist! Wer weiß, wieviel von ihnen nach Wochen der Krankheit und des Hungers von ihren Leiden durch« den Tod erlöst sind? Jeder Tag. der sich, von neuem am. Horizont rötet, bedeutet für tausende von ihnen einen weiteren Abstieg an seelischer, moralischer und körperlicher Kraft. Jeder Tag Verzögerung ist in tausenden Fällen eine nicht mehr zu rettende und nicht mehr zu sühnende Einbuße. Und wie hat die Judenheit der großen Welt geholfen? — Fünfzig Waisen sind jetzt nach einem Jahre als erster Trupp in Wien eingetroffen, — sagt eine Notiz. Es müß der amerikanischen Judenheit anerkannt werden, dass sie in dem zerstörten Europa mir großzügig erfaßter Hilfe eingegrifsen hat. Zehntausende Juden im Osten Europas hat sie gerettet. In Warschau und in Wilna, in Lemberg und in Krakau, aber auch in Danzig, in Wien und in Budapest, überall sind große Summen der amerikanischen Judenheit durchs die von dem amerikanischen „Joint" errichteten Büros zum Besten der notleidende» Juden verwertet worden. Und doch — angesichts der ukrainischen Pogrom-. Waisen bleibt es eine Frage, ob der amerikanische Jude seiner Pflicht getan hat, ob er wirklich mit dem ganzen Ausmaß; seines Könnens und mit wahrem Interesse als Bruder Brüdern zur Seite stand, oder nur als, der reiche Brüden von seiner Ueberfülle -gab. Und die Juden Frankreichs, Englands, Italiens, Hol-- lands usw., — was haben sie zur Milderung des unsagbarer» Leids, das aus der Ukraine zu ihnen hinnberschreit, getan? Wieviel Waisenkindern sind sie Eltern geworden? Ein stummes Lchweigen auf diese Frage .... 2lber auch'die Judenheite» in den besiegten Ländern — darunter Deutschland —, die als Ganzes materiell geschwächt und sehr belastet worden sind, hätte noch! unendliche viele Möglichkeiten, ihr Brudergefühl zu beweisen. 2ln die deutsche Judenheit wird jetzt herangetreteu: — mag sie, die vor dem Kriege überall im jüdischen Leben führend war,'beweisen, daß ihr auch noch heule die Führung gebührt.

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