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Neue jüdische Presse · 1921-06-30 · Heft 25 (30.6.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 25 (30.6.1921)
Date
1921-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Bierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Reuen Jüdischen Presse, auswärts bet der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Lander Mk. 40.00 jährlich, im Boraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa LSVL Herausgeber: Sach Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25 % Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen > Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. » » . _.__ 19. Jahrgang. Donnerstag, Le» 24. Siwan 5681 (80. Juni 1921) Rr. 25. Der Talmud. Bon Max vrod. . . (Schluß.) Die Antwort ist ja sehr leicht, aber der böse Wille, der deu Talmud als Staatsanwalt liest (vgl. Rohlings „Talinud-Jude"), will ja keine Antwort, sondern ein Argument. Er gibt vor, alles für Halacha, alles für verbindlich zu halten, mich das als paradox Erzählte. Er Übersicht absichtlich, daß es dem'talmudkundigen Juden eine Wissenschaft, und keine leichte, bedeutet, aus der im Talmud anfbemahrteu Diskussion der Rabbinen mit großer Vorsicht die Halacha zu finden, das; die Diskussion eigentlich bis heute weitergeht, daß in ihr Entwicklung und Leben liegt. Es gereicht unfern Vorfahren zur Ehre, und ich liebe sie darum, daß sie, trotz der prekären Lagen des Judentums mitteir unter übelwollenden Völkern, ihren Mut aufrecht bewahrt" haben, und zu diesem Mut gehört auch, daß sie sich nicht als Heilige drapierten, wo sie es nicht wirklich waren, und wo sie es waren, erst recht nicht, denn die Heiligkeit war ihnen dann fast eine natürliche Sache, kurz, daß sie den wahrhaftigen Rhythmus ihrer Herzen nicht anfgaben, um bei anderen Wohlwollen und Gefallen zu erwecken. Diese Frühgenerationen des Exils, in denen der Talmud entstand, waren eben noch nicht domestiziert, sie lebten noch das' lebendige Dasein ihrer Frömmigkeit wie ihrer bösen Gelüste, sie lebten ihren Kampf, und, ohne nach rechts und links zu sehen, beivahrten sie au .seltsamen Aussprüchen, Gewohnheiten, Begebenheiteil auf, wasihnen! merkwürdig, groß, auffallend, von der Regel ungebeugt, persönlichkeitserfüllt schien. Einen guten Eindruck auf die „nichtjüdische Oeffentlichkeit" zu machen, — daran lag ihnen noch nicht soviel 'wie unser» .patriotischen Feldrabbinern. So.kommt.es, daß int Talmud durchmls nicht abstrakte Vorschrift für jedermann überlvicgt. Sondern meist ist er 'Aufzeichnung über die denkwürdige Art, in der die großen Lehrer, die Vorschriften sehr eigenwillig auslegten, ja von ihnen abwichcn. Es herrscht der hervorragende oder besonderq Einzelsall, nicht langweilige philiströse Allgemeinheit. So wird von R. Gamliel berichtet, er habe in der Nacht nach dem Tode seiner Frair gebadet, oblvohl er selbst gelehrt hatte, eiic Leidtragender dürfe nicht baden. „Ich bin nicht wie andere Menschen, ich bin kränklich," erwiderte er den Schülern, die ihn deshalb befragten. Und als sein Sklave Tabi starb, nahm er Beileidsbesuche an, oblvohl rr gelehrt hatte, daß man nach einein Sklaven nicht trauere. „Mein Sklave Tabi," lautet diesmal die Belehrung an die Schüler, „war nicht wie andere Sklaven. Eiir rechtschaffener Mann war er." Im Anschluß an diese Ausnahmen, die der Meister sich gestattet (vielleicht liegt sogar! in dem Nacheinander der beiden Fälle eine kleine Bosheit verborgen), bringt der Talmud Sprüche, mit denen einzelne der. großen Weisen ihr Gebet zu beenden pflegten. Denn „wer anr täglichen Gebet nicht eine Aenderung vornimmt, der har nicht wahrhaftig gebetet," heißt es. Einige der Lehrer wieder hatten ihre besonderen Sprüche »ach dein Fasten oder nach Lektüre des Buches Hiob. Wie iir eitler Familie liebevoll Gewohnheiten der Ahnen immer wieder erzählt werden, so ist!" es hier. Keine Rede voN einem „Du sollst". Es wird nichts anderes beabsichtigt, als Beispiele von Tiefe, Weisheit, Ergriffenheit zu geben. Im' Traktat Kidduschin wird erzählt, auf welche Art unsere Weisen ihre Eltern zu ehren, pflegten. Die außerordentlichen, für unser"- Gefühl übersentimentalen Ehrfurchtsbezeugungen dienen natürlich nicht als Vorschrift, — sie erschüttern und erschrecken. So hat das Gewaltige, das Absonderliche seinen Vorzug vor dem Banalen, das nicht überliefert zu werden braucht. Int Traktat Gittin gibt es ein entzückendes Märchen ' von König Salomo und dem Dämon Aschmodai, auch anderwärts Geistergeschichien genug, bizarre Traumdeutungen (die aber, wenn man Freuds „Traumdeutungen" kennt, nicht ' mehr ganz so phantastisch klingen. So wird noch manches, was heute lächerlich erscheint, von späteren Geschlechtern begriffen werden). Im Traktat Gittin lesen wir aber auch die. fürchtbaren Schilderungen der Belagerung Jerusalems, der Hungersnot, des Falls und der Tempelzerstörung, die Märchen von Titus, an dem der Geist des geniarterten Volkes in Gestalt einer Mücke mit ehernein Schnabel Rache nimmt. Ueberall brennen die lebhaftesten Farbe». Den. Geist der zahmen bürgerlichen Orthodoxie Frankfurts wird man da vergebens.suchen. 'Sondern Rabbi Jochanan pflegte sich vor die Badehäustri zu setzen, -und sagte: Wenn die Töchter Israels ans dem Bade komme», so mögen sie mich ansehen. damit sie Kinder bekommen, die so schön sind wie ich. Und R. Simon ben Gamliel, der ein schönes heidnisches Weib aus den Stufen des Tempels erblickte, sagte den Scgensspruch: Wie groß sind deine Werke, Ewiger, siik alle hast du mit Weisheit gebildet. — Nicht mechanischer Formalismus herrscht, sondern der Psalniensätz, ans den sich der Talmud ausdrücklich beruft: „Zur Zeit, da man für Gott wirken soll, haben sie die Lehre aufgehoben." — Und „das Gesetz ist dem Volke gegeben,'damit es lebe, — lebe, heißt es, und nicht sterbe!" Oder: „Lebe eher am Sabbat, wie du es an einenr Wochentage gewohnt bist, als daß du von ander» abhängst." Ebenso unschablvncnhast wie die Anssprüche der Lehrer sind ihre Lebenstänse. Risch Lakisch, der große Gelehrte, war vor seiner Bekehrung — Räuber, und Streiche seines grimmigen Humors, an den SimsvnS anklingend, werden überliefert. Aliba war Hirt. Das Studium wurde ihm nur dadurch ermöglicht, daß seine Frau ihre Haare verkaufte. Nach vielen Jahren kehrte er an der Spitze einer ungeheuren Schülerzahl zu ihr zurück.- Er nahm am Freiheitskampf Bar Kochbas teil und starb in einer römischen Folterkammer. — Rabbi Meir war (so will es die Sage) ein Nachkonnne Kaiser Neros.. Er lernte von Sicher, dem Apostaten: der Lehrer entweihte de» Sabbat, indem er ritt, der fromme Schüler lief demütig neben dem Roß her. Es ist derselbe Meir, von dem nebst unzähligen tiefen Gedanken auch der weltkluge Ausspruch aufbcwahrt ist: „Wie es verschiedene 'Ansichten bciiu' Essen gibt, so auch in bezug auf«die Frauen. Es gibt Leute, denen eine Fliege in den Becher fällt und die deshalb nicht weiter trinken, andere werfen die Fliege hinaus und trinken weiter, endlich gibt es Leute, die eine Fliege, die in ihre Schüssel gefallen ist, erst aussaugen, bevor sie sie wegwersen und dann ruhig lveiter trinken." Und von demselben: „Wenn der Mensch zur Welt kommt, sind seine Hände geschlossen, als wollte er sagen: die.ganze Welt ist »rein! Wenn er aus der Welt scheidet, sind seine Hände ausgestreckt, als ivollte er sagen: Ich habe von dieser Welt nichts zum Besitz genommen!" N Es scheint, daß gute legendarische Biograph i e n fehlen, die all das im Talmud zerstreute Licht einer Person um sie als Mittelpunkt zu sannneln wüßten. Eine Reihe solcher Biographien würde die von mir angeregte Talmud-Anthologie in ihrer Wirksamkeit gewaltig stützen, wo nicht übertreffeu. Daß der „Inhalt des Talmud" oder sein „Geist" oder seine „Grundstimmung" identisch mit dem ist, was ich in diesem Buch als jüdisches Weltgefühl, jüdische Religiosität ' dargestellt habe, läßt sich aus einer Spruchsammlnng nicht erweisen. Aber, die gelebten Leben der Heiligen und Lehrer ivürden es beweisen! Gegen jedes Zitat zwar läßt, sich ein Gegenzitat stellen, denn der-Talniud ist das Buch der Widersprüche. Aber wie es zum' Leben der Idee gehört, daß sie beständig logische Widersprüche ausgleicht, so zeigt um so klarer die Idee eines Lebens, lvie wörtliche Widersprüche in nichts zusammensinkcn vvr der Kraft einer realen Eristenzfonn, die irgendwo in den Grundtiefen mit den Instinkten und Geheimnissen der jüdischen Rasse zusannnenhängt. , 1. Tagung des Verbandes bayrischer israelitischer Gemeinden. Nürnberg, 21. Juni 1921. Am 19. und 20. Juni tagte hier zum erstenmale der Verband' bahr. isr. Gemeinden, der aus den beiden Körperschaften: Rat und Tagung besteht. Und diese Tagung bedeutet einen Wendepunkt von tiefer historischer Bedeutung für die bayrische und wohl auch für die gesamte deutsche Judenheit. Was in jahrelanger Arbeit die besten Köpfe in allen Schichten und Berufen und Anschauungen unablässig erfüllte und beschästigte, das ist nun Wirklichkeit geworden: Wir haben in Bayern endlich eine autoritative Instanz für jüdische Angelegenheiten. Von vornherein wollen wir eins betonen: Der Verband ist durchaus anderen Charakters, als z. B. die Konsistorien im Elsaß oder der badische Oberrat u. a. Die religiöse Unabhängigkeit der Gemeinden ist durchaus gewahrt, keinerlei Bevormundung ist gegeben. Im Rahmen des bayr. Gemeindeverbandes ist Raunt für.alle, und kraftvoll können sich alle anskeben, soweit sie innere Kraft des Geistes und Herzens aufzubringen vermögen.' Es ist kein Grund vorhanden, Proselytenmächerei zu fürchten. Die Zeiten sind für uns in Bayern vorbei, in denen sich z. Bliberale Männer berufen fühlten, ihre Meinung allen auszudrängen, iveil sie eben die Orthodoxie für überlebt verachteten und sie mit Gewalt zu zerstören suchten. Im Rahmen des Verbände» kann und sott die Orthodoxie ihre innere Kraft uno geistige Bedeutung entfalten, ihre Vertreter sollen sich als solch machtvolle Persönlichkeiten zeigen, die man nicht beiseite schieben kann. Damit ist denn ein für allemal gewährleistet, daß sich späterhin, wenn sich der Verband durch seine Leistungen eine feste Stellung erworben hat, kein Versuch hervorwagen kann, die Orthodoxie zu brüskieren und sie etwa zum Weichen aus dein Verbände zu zwingen oder ihr 'Ausscheiden wagen zu können ohne Erschütterung des Ganzen. Diese Garantie ist in die Hand der Orthodoxie selbst gelegt. Das imiß ihr Leitstern sein. Auch die j ü d. B o l k s p a r t e i, die als dritte im Bunde erscheint, kann sich nur durch positive Leistungen Ansehen schaffen und Zukunft, und wir haben das feste Vertrauen dazu, — sie wird sich durch übelwollende Behandlung von mancher Seite nicht beirre» lassen und fest ihr Ziel ini 'Auge behalten und nach dem Satze handeln: fortiter in re, suaviter in modo! * 'Nachdem am Sonntag im Lause des Tages der Rat und die Ausschüsse und Fraktionen alle Personenfrage» und Formalien erledigt hatten, konnte abends IP/i Uhr die feiern che. Eröffn n n g der Tagung beginnen. Ganz selbstverständlich geschah dies durch de» außerordentlich verdiente» und bewährten Führer und nun erivählten Präsidenten des Rates und damit des Verbandes, O b-e r t a.n d e s g e r i ch t s r a t D r. A. Neumeyer-München, dem D r. I. B a in b e r g e r - Nürnberg und 9t. Roselithal-Würzburg als Schriftführer imersten provisorischen Büro zur Seite standen. Namens der Kultusgemeinde Nürnberg übermittelte deren 1. Vorsitzender, Geh. Jnstizrat Dr. Held, der sich um das Zustandekommen des Verbandes ebenfalls sehr verdient gemacht hat, herzliche Willkommengrüße, nach ihm für das Rabbinat Rabb. Dr. F reu de'» t h a l und für ' die bahr. Rabbinerkonferenz Rabbiner Dr. Meyer-Regens-- burg. Dann erstattete der Präsident. Dr. R e u m c y e r, eingehenden Bericht über die Tätigkeit des Verbandes seit seiner. provisorischen Tagung im April 1920 — 2(U Gemeinden gleich 99 Prozent gehören ihm bereits an — sowie über die Verleihung des Korporationsrechtes seitens des Ministeriums, das sich durchaus wohlwollend verhält. Des Ferneren erörterte Dr. Neumeyer die Frage der W a h l zur Tagung mid ihren ganzen Verlauf, der als durchaus würdig zu begrüßen sei. Sie brachte bei ihrem beweglichen System für Rat und Tagung etwas über 100 Vertreter, davon 43 liberale, 24 orthodoxe, 12 volksparieiliche Ber- - treter in die Tagung. Nach herzlichen Worten der Begrüßung an die verschiedensten. Ehrengäste (Rabbinat und Bor-' standschaft.der Adas Jisroel in Nürnberg u. «.), überbrachten von diesen D r. I s m a r F r e n n d die Glückwünsche des D.-J. G.-B-, Dr. Marx die des badischen Oberrates usw. Zuin Schluffe gedachte Dr. Neumeyer noch der Tätig-, keit des s. Zt. eingesetzten 11 eberleitu ng saus schuf» ses, dessen ersprießlicher Arbeit es mit zu danken ist» daß wir nun so weit sind. Zu> uns gehören der pfälzische Gemeindeverband» der Bund gesetzestreney Gemeinden in Bayer» usw. In markigen Worten entwickelte R. noch die Triebkräfte, die zur Gründung des - Verbandes führten und die Aufgaben, die seiner harren. Dann erfolgte die Wahl des Büros der Tagung: 1. Präsident: Oberlandesgerichtsrat und Unioer» sitätsprofessor Dr. S ilb er sch midt-München (lib.), 2. Präsident: Distr.-Rabb. Dr. Stein- Scbweinfurt . (orth.), 3. Präsident: Justizr. Dr. Haas-Würzburg (lib.), 1. Schriftführer: Bankier Wassermann (Bolksp.), Bamberg, 2. Schriftführer: Kaufmann Die? tenhöfer (orth. Block), -Ansbach. Des ferneren wählte dm Tagung statutenmäßig ihrerseits die Herren K. R, F r ä n ke l (Vollsp.), München und Kaufmann Alfr. B r a n n s ch we i - ger (lib.), Würzburg in den Rat. Montag Morgen 9 Uhr setzten daun nach kurzer Erörterung über die Geschäftsordnung für die Tagung uni» die Tagegelder der Abgeordneten die Referate ein mit dnn Berichte: Die Lage der Lehrer und Knltüsbeamten in den Gemeinden (Berichterstatter Lehrer Dingfelder in Münchens. Diese Ausführungen wirkten erschütternd auf Kenner und Nichtkenner, »»trollten

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