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Neue jüdische Presse · 1921-06-16 · Heft 23 (16.6.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 23 (16.6.1921)
Date
1921-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich am Freitag. BezngspreiS pro Biertetjahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse,, auswärts Lei der Post abonniert Mk. 4.5V frei ins HauS. BLi Zusendung durch Streifband für Deutsch, land ML 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber : Ealy Geis Jnfertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile lüv Pig., für die Reklamezeile ML 8 — sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit.. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annonren-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Donnerstag, de» 19. Siwan »«,81 (16. Juni 1921» Rr 23. Die Inden im Wirtschaftsleben Dentschlavds. Dr. Fe li x. A. T h e i lh abe r, Bcrlin-Wilinersdors. : II.: ' - Naturgemäß waren die meisten Juden im Handel tätig, da ihnen 7— was fast nicht mehr bekannt ist — biS ttef in das 19. Jahrhundert die Ausübung des Handwerks gesperrt war. Dann versuchten es aber nur mcnige mit diesem neuen Beruf. Unter ihnen war Ludwig Löwe, der Freund Ferdinand Lasalles, ehe er seine eigene Fabrik auf denkbar kleinster Basis einrichtete (Dr. Felix Piuner), gewöhnlicher Mechaniker in der Krafstaler -Maschinenfabrik in Berlin, der Vater des sozialdemokratischen Schriftstellers Bernstein Lokomotivführer. Löwe hat rascher wie die Industriellen des Rheinlands, die sich auf die Erfahrung inehrerer Generationen und oft auf deren 'Werke stützen konnten, ein erstklassiges Unternehmen geschasfcu, das eine Weltfirma bedeutet. Löwe verdankt der Einführung amerikanischer Fabrikationsmethoden seinen Er-' folg. Damit ähnelt er den Warcnhauskönigen, dem Führer des Transportuntcrnebmens Ballin, den Bahnbrecher» des Baggerwesens und der Tiefbauten O r e n st e i n u. I ulius Berger. Fried lä»der-Fou l d u. Caesar Wollheim haben so den Kohlenmarkt sich erobert und James Simon den Wollmarkt in Deutschland amerikanisiert. So haben Aron Hirsch u. Beer, Sondlheimer u. Co. den Kupferu. Metallhandel und deren Fabrikation in Deutschland organisiert. Rathenau die Welt mit elektrischen Unternehmungen augefüllt. > Während Krupp als Erfinder und Unternehmer lange [mit der Behörde zu kämpfen hatte, bis er ein Regierungs-! Monopol für die Heereslieferungen erhielt, mußte Löwe [die Beziehungen zu Preußen bald einstellen, da man ihm als Jude nicht traute. Was für Krupp schwierig war, wurde für Löwe fast zur Unmöglichkeit. Und nur der grandiose Wagemut, der erfolgreich den Weltmarkt aufsuchte, ließ Löwe seinen Weg machen. Eine geniale Leistung für 'die modernsten Erfindungen und ihre Auswirkungen. verband ein Jude mit großzügig organisatorischer und merkantilistischer Begabung und sicherte rechtzeitig damit der deutschen Technik, der deutschen Präzision, Gewissenhaftigkeit und Fleiß die Ausnutzung der großen Erfindungen, deren sich England und Amerika bereits zu bemächtigen begannen, nämlich der I elektrischen Kraftübertragung, des elektrischen Lichts und. Idcs Telephons. Emil Rat Henau Hai »mit der Einführung der ersten Drehstrommotoren nach Adolf Slaby „die Kultur zn einem neuen Wendepunkt geführt, ihm allein I gebührt der Ruhm .für den Vorsprung, den die deutsche (Elektrotechnik gewann, und der bis zu den Viktoriafällen liir Afrika seine wirtschaftliche Bedeutung-hatte." Die um lein Menschenalter länger bestehende Konkurrenzfirma Sie- IiiicnS u. Halske, die sich um eine Schar tüchtiger Techniker »gruppiertes verließ sich darauf, daß der Konsum zu ihnen »kam, aber Rathenau schuf sich selbst seinen Konsum (Pinner), lindem er für eigene Rechnung unö mit eigenem Risiko »Elektrizitätswerke, Kraft- und Lichtstationen, Bahneil und »Geschäfte gründete und die Erfindung sernsten Ländern anf- Idrängte. Von allen industriellen Werken, die Deutschland »vor dem Krieg besaß, war die A.-E.-Geine der jüngsten, I gleichwohl die kapitalkräftigste, die weltbcdeutendste, die an »Arbeiterzahl (mit ihren Töchterinstituten) alle anderen weit »hinter sich ließ, mit ihrem wirtschaftlichen Nutzen, an erster »Stelle stand und selbst die großen Kruppwerke hinter.sich »znrücklietz, die allerdings durch ihre lokale Geschlossenheit I bedeutender erschienen. Man kann diese Riesenleistung Iber Lebensarbeit Raihenaus nicht durch glückliche Zufälle »erklären, mm so weniger als dieser geniale Wirtschaftler mit »überaus beschränkten Mitteln gegen eine eingesessene Kon- »kurrenz aüfzukommen hatte, gleichzeitig im In- und Ausland-fiir eine Fabrikation Interesse wecken mußte, für die »er Technik, Kapital und Organisation in ständigem Atem »halten mußte. » .^on Werner Siemens wissen wir", führt Kurt Wil- »densels,-in dem Buch „Das Persönliche.im modernen Un- »ternehmertum" an, „daß er den Titel des Kommerzienrats labgelehnt'- hat, weil er doch gar nicht Kaufmann sei, »während er "den des Geheimen Regierungsrates, b. h. »des Verwaltungstechnikers, des Betriebsorganisators als an- »gcinessen, annahm. Der Leiter des gewaltigen Konzerns der »A. E.-G«, obwohl früher einmal Ingenieur und deshalb »Geheimer Baurat, also technisch betitelt, ist doch nicht ^durch" seine technische. Wirksamkeit-.inaller Munde,. und bei dem Haupt des Löwe-Konzerns kam schon im Titel wieder zum Ausdruck, welche Art seine Tätigkeit war, die ihn aus kleinen Anfängen so hoch' emporgehoben hat. Auch dürfte der Generaldirektor der Hamburg-Amerika- Linie aus seiner früher gewonnenen Kenntnis von der Technik des Auswandererdienstes schwerlich eine wesentliche ' Grundlage für seine heutige Tätigkeit ableiten, während das Organisatorische, was in der Lenkung der Austvänderungslustigen liegt, sicherlich ihm noch zu gute kommt." Diese Persönlichkeiten", zu denen Wildenfels die nichrjüd. Unternehmer Mevissen, Stinnes, Wiegand rechnet, '„ganz und gär auf Organisativnsfragen eingestellt, wie sie sind, sind die Träger der straffen Verbandsbilduagen, durch die sich Deutschland so charakteristisch von England unterscheidet. Die Diszipliniertheit des deutschen Unternehmertums hat in der Gestaltungskraft seine positive Ausstrahlung gesunden." „Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft" hat nach Wildenfels „gerade organisatorisch bahnbrechend gewirkt; sie ist zuerst dazu übcrgegange», zur Förderung ihrer Fabrikation von sich aus Betriebsgesellschaften zu errichten und zu sinnieren und vom 'System Rathenau spricht man noch imnier als von einer eigentümlichen Mischung von Fabrikations- und Kapiialmacht-Tätigkeit. Die Union hat dieses letztere Element noch mehr betont. „System Löwe" war es, von bestehenden Pferdebahnen die Aktienmehrheit zusammenzukaufen und dann, darauf gestützt, die Einführung des elektrischen Betriebes beschließen zu lassen, wobei natürlich mit der Ausführung des Beschlusses die Union betraut wurde." Und selbst dem Unternehmer Strousberg widmet Wildenfels die Anerkennung, daß er mit seinen weittragenden Plänen nur an Her Verständnislosigkeit seiner Zeit zu Grunde ging. Hat doch Schmoller 1892 (in den Preuß. Jahrbüchern) gewarnt, daß die Aktiengesellschaften schon der Uebergröße nahe seien! In den Stadien der westfälischen und rheinischen Jndustriebezirke waren nur wenige Juden an dem Äufleben der modernen deutschen Großindustrie tätig. Um so intensiver ist ihr Einfluß besonders im Osten. In denr crzearmen Posen gründete nach. Philippsohn MichaclLevy das Salzbergwerk in Hohensalza und sein Sohn Julius die Kalk-- werke in Wapno (Bromberg). Zu Beginn der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts kam ein Teil des Erzbergbaues Oberschtcsiens in jüdische Hände. Untrennbar von der Montanindustrie ist das Aufkommen der großen Hüttenwerke. Moritz F r i e d l ä n d e r, S i n a j L e w y und David L ö w e n f e l s gehörten zn den Initiatoren und Organisatoren, elfterer der Friedenshütte,, die später in die oberschlesische Eisenbahnbedarfs-Aktiengesellschafi umgewandelti wurde und heute das größte Hochofen- und Stahlwerk Oberschlesicns darstellt. An.die Spitze dieses Unternehmens trat vor einiger Zeit der Generalkonsul Eugen Landau, Die oberschlesische Eisenindustrie-A.-G. ist das Werk der C a r o s. M. I. Caro u. Sohn lautete die Firma, die die Julian-, Beidon- und Hermionen-Hütte anzündete. Durch die Fusion mit der A.-G. Deutscher Eisenhandel traten die Raocnes in den Konzern ein. Damit gewannen die Caros nicht nur eine ausschlaggebende Bedeutung auf dem Gebiet der Herstellung/ sondern auch auf dem Markt, wo der Konzern der W o t.s f, Net t e r und I a c o b i im Blechhandel brillierte, während die -Schweitzer und Opvler die Führer im Alteisenhandel unter vielen anderen bedeutende jüdischen Firmen darstellen. Der Generaldirektor des denrschen Eisenhandels ist heute L ü st i g, einer der führenden Männer des Wirtschaftslebens Deutschlands. Allerdings haben sich die oberschlesischen Großindustriellen von der Beeinflussung der deutschen Außenpolitik im Krieg und', in den anschließenden Zeiten fern gehalten. Sie sind deshalb in der Oejfentlichkeit nicht so bekannt. Man wird ihnen diese 'Zunickhaltung nicht als Fehler anrechnen können. Eine Reihe weiterer prächtiger oberschlesischer tsnternehmen geht auf jüdische Gründer zurück. E l i a S S a ch s und S a l o m o u Hammer (später S i g e s m u n d Born als Vorsitzender des Aufsichtsraies) haben die weltberühmte Bismarkhütte geschaffen, Hermann Roth brachte dir oberschles. Zinkhütien-A -G , das ö.-größte Zinkwerk zu ihrer Blüte, die Gebr. Lachmann die Emailliewrrke „Sll sia" in Parochowitz, Otto Friedl ander die Grube Heinitz. R. Pringsheiin, der oberschlesische Eisenbahnunternehmer und Eugen Sieg heim, das ehemal Rheinischr Eisemverk in Zawodzie, die spätere Eisenindustrie-Mtien-G«- sellschaft „Ferrum". Die. Röhrenwerke ,H u d s ch i n 3 f i>- A.-G. tragen deir Namen des einen Schöpfers, der. mit Moritz Hahn die Fabrikation ausgenommen hatte. - Fm Reich tauchen allerorts Metall- und Hüttenwerte jüdischer Industrieller auf. Bär und Stein, I. C. Spinn ». Sohn, sowie die Panzer-A.-Gin Berlin, die Kayserschen Hüttenwerke unter Dr.- Noa. die Hüttenwerke der Ginsberg, in Mannheim vie L a d e n b u r g , in Frankfurt - Nürnberg der Bin gkonzern, in Augsburg machte der zielbewußtr Generaldirektor Guggenhermer das Werk Augsburg- Nürnberg zur größten deutschen Maschinenfabrik der Vorkriegszeit, die an Leistungsfähigkeit und technischen Einrichtungen kaum ihresgleichen in der Welt hatte. Bei den starken Zusammenhängen, die die organische Entstehung der Maschinenindustrien aus dem AnwachsL» kleiner technischer Betriebe bedingt, ist es nicht verwunderlich, wenn wir das. Einströnien der ursprünglich rein kommerziell interessierten Juden erst relativ spät beobachteten. Um so bedeutsamer ist ihre Bedeutung auf dem Handelsmarkt der Metalle. Draußen in der großen Welt haben die Lewisfohn Brothers und Guggenheim Sons (letztere ursprünglich deutsche Juden), die Barnat» Broth. und die Werner, Beit n. Co. (gleichfalls deutsche Emigranten) den Diamantenmarkt, den Handel in Kupfer und Silber monopolisiert. In Deuischtänd organisierten Frankfurter Juden den Vertrieb der Erze in mustergültiger Weise. Die Metallbank (ursprünglich Merallgesellschaft und metallurgische Gesellschaft), an der die Kommerzienräte Zachary H o ch s ch i l d und Leo Ellinger sowie M e r t o n besonderen Anteil nahmen, überragt alle anderen Unternehmungen durch die geschickte Organisation, -die präzise Arbeitsfähigkeit und die kaufmännische mustergültige Leitung. Relativ früh bemächtigte sich eine jüdische Familie der Gewinnung des deutschen Kupfers und nahm sich dessen Fabrikation an. 1820 gründete Aron H i r s ch deir Kupferhammer in Jlsenburg a. H. und übernahm iväter vom Staat die nicht lebensfähigen Werke bex Eberswälde, die unter ihm und seinen Nachkommen zu dem größten Kupferwerk Deutschlands ausgestatict wurden. Das kupferarnie Deutschland ist vermöge der Hirsch'schen Werke der bedeutsmnste Kupferfabrikant des alten Kontingents geworden.*) Bon Halberstadt und Frankfuri ans nahmen diese Firmen Fühlung mit den oberschlesischeu Gruben. Schneider weist in dem angezogenen Werke „E. Heiniann" daraus hin, daß die Hauptabnehmer der oberschlesischen Erze folgende Firmen waren: Aron Hirsch u. Sohn, Beer, Sondheimer u. Co., S. B Go ld s chm idt ii. Sohn, A lzHeimer u. Co. in Frankfurt, ferner M. I. Caro u. Lohn, H. Lchoyer-, Felix Feibelsohn, Moses u. Co., Gustav- Meyer. E. H e k m a n n setztsich frühzeitig fär die Pr», dukte vo.i Giesches Erbe.i in London durch» während Jakob Landau die des Grafen Hugo Hencket den Markt erschloß. Ein Brief Heimanns an die Firma Alfred Boedebcck in Livorno enthüllt am besten die Geschäftsoraktiken dieser Firma. „Wie ich Ihnen schon sagte, so kann ich als Verkäufer der Hütte (der Hohenlohe-Werke, die erst durch die geschickte Kommissionstäligkeit ihre Bedeutung erlangte) natürlich immer nur streng marktmätzig verkaufen, wahrend die großen deutschen Händler, zn denen neben der Metallgefellfchaft in Frankfurt die Herren S. B. Goldjchmidt u. Sohn, Beer, Sondheimer u. Co. ebendaselbst, und die Herren Aron Hirsch u. Sohn, Halberstadt gehören» spekulativ zu Werke gehen, d. h. in der Hausse haben sie tzorher eingekauft, während sie in der Baisse Vorverkäufen oder fixen, wobei sie oft ganz hineinfatlen. Ans diese Weise darf ich ihnen selbstverständlich nicht folgen, und-so kann cs kommen, daß ich vorübergehend einmal teurer sein mutz als jene. Jeder Konsumrnt..der sich aber bei mir als bet der ersten Hand dauernd versorgt, wird bald finden, datz er *) Karl Hilmar lagt in seiner Schrift „die deutschen Juden im Weltkrieg": „Ohne das Bestehen einer so leistungsfähigen Weltfirma wie die Aron Hirsch-Kupser- und Messingwerke wäre Deutschlands Geschützfabrikation zweifellos in arge Bedrängnis geraten. . . . Hier har eine Familie, in der geschäftlicher Wagemut und Intelligenz sich von einer Generation aus die andere 'vererbten — genau so wie bei Krupp — ein Unternehmen geschajfen, das für Deutschlands Wehrmacht zu Wasser und zu Lande von größter Bedeutung gewesen ist."

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