Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1921-06-09 · Heft 22 (9.6.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 22 (9.6.1921)
Date
1921-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2692297-2693227-2693249--11499-2706964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich am Freilag. Bezugsp r e i 8 pro -D i or teljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der PostabonniertMk. 4.50 -frei lii§ Haus. Bei Zusendung durch Streifband sür Deutsch- >. länd Mk. 3Ü.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, * " . im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnsert^Knspreis für die sechsgespaltene NonpareilleHeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3 — sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. : 19v Jahrgang. Donnerstag» den 3. Siwan 5681 (9. Juni 1921) Nr. 22. j| .... Ä«m Schownossest. .. Da-)'Wort von der Llnserwähltheit des jüdischenVolkes einpsiingt in -den Tagen de» Schownosfests immer eine besondere Weihe. Es gibt auch andere Völker,, die den Glauben an ihre besondere Berufung, ihre höhere Bestimmnng haben. Nirgendivo aber ist das "Wort von der Anserwähltheit der nationalen Sendung so tief verwurzelt im ganzen Glauben und Deisten des VölteS, so lebendig und jo tief ersaht wie im.Judentum. lind bei keiner Nation ist dieser Glaube von i solcher geschichtssormendcr Gewalt'—ein mächtiger geistiger i Motor — gewesen wie bei den Inden. : Das Wort von der jüdischen Anserwähltheit hat eine» doppelteil Sinn. , Es spricht zunächst davon, das: dem Volte i in der Wüste seiner Wanderung, ain Berge Sinai, die Gnade l ivnrde, die Gottheit in ihrer überwältigenden Größe und i Allgewalt zu erkennen, zu erschaue». Das ist die Anser |? ivähltheit als G n a d c, als Geschenk. Es kündet dann weiter, daß dein Volke am Berge Sinai ein heiliger. Auftrag, eine Aufgabe wurde: Gottes heilige», offenbartes Gesetz zu er--, füllen. Das ist die AuSerwählthcit als Forderung, als t V e r p f l i ch t u n g. Nicht auf dem „dlnScrlcscnsein" schlechthin — ans dem Anserlescnsei» „ivozu" liegt der Schwerpunkt des jüdischen I Begriffs der Anserwähltheit. Nicht der Gnadencharakter, . — der BcrvslichtnngSchamtter der AuSerwählung ist hier betont. Nicht wie >vo anders -wird die AuSerwählung als I Befreiung, urplötzlich vom Himmel kommend, als Erlösung I gedacht; hier bliebe der Mensch in seinem Tun unbenick- I sichtigt, würde dem Menschen Gnade vl»ie sein Zutun, ohne I; jegliches Verdienst zuteil. Die jüdische Aiiserwälstiheit I ist ein Beginn, leine Bollendniig, ist Anssordernng zur nach--. I lräglichc» Sclbslcrringnng der Giiadc, Träger einer göit- I lichen Mission zu sein. Ein heiliger Anstrag ist gegeben: I GottcS offenbartes Wort zu erfüllen, das Littengesetz vom I Sinai zu verwirklichen. Nicht ist er der J^ensch anserwähli; I er wird anserwähli, wenn er die sittliche Tat tut. Dies I ist entscheidend an dem jüdischen Glauben von der A»S- I crwählthcit: die Verpflichtung zur sittliche» Tat. I Darum sind die im Unrecht, die in der Benennung I „das auserwählte Volk" Anmaßung und Selbstgcrechtigkeit I' am Werke sehen und verhöhnen. Und die irren noch mehr, I die glauben, das jüdische Volk sei nn» einmal auserwnhit I und müsse cs bleiben, auch wenn cs nichts weiter dazu tue. I Der Jude aber, der vom wahren Geist der jüdischen AnS- I erwählnng ergriffen und beherrscht ist, weiß, daß eine heilige » Verpflichtung aus dem jüdischen Volk ruht und daß es gilt, I die Verpflichtung z» erfülle», um wahrhaft auserwählt zu I werden. Randbemerkungen. ^Während des Krieges sind diirch Werbung und durch Zwang tausende j ü d i s ch e A r b e i t e r aus dem Ost c n nach Deiitschland gebracht worden, damit wichtige Betriebe aufrecht gehalten werden konnten. Trotzdem jetzt der umgekehrte Zustand eingetrctcn ist und in Deutschland viele raufende Menschen nach Arbeit suchen, hätte es für Deutsch land ein Gebot des einfachsten Anstandes sein sollen, diesen jüdischen. Arbeitern, zn denen noch Flüchtlinge infolge Pogrome zugekommen sind, »nndestens solange die Freizügigkeit innerhalb seiner Grenzen zu gewähren, als die'Rückkehr, »ach ihrem Heimatlande nicht möglich ist. .MStatt-dessen besteht unverkennbar bei den Behörden diDMolitik; die jüdischen 'Arbeiter aus ihren Stellungen zli-vertreiben und sie dann in Internierungslager zu bringen, denn" die Möglichkeit der Rückkehr nach ihrem Herkunftslande ist vorerst noch nicht vorhanden. r Und weitst wenigstens noch die Internierungslager einen menschenwürdigen Aufenthalt und -eine menschenwürdige Behandlung bieten lvürden! Nicht einmal dies und dazu seitens eines Landes, das selber il>m zngefügics Unrecht so tief empfindet. Wie in der kürzlich in Berlin gegründeten Zei.ischcisl „Jüd. Arbeiterstimme" geschrieben wird, sind'in. dem In-, t er n ie rn u gs > a g e r Stargard die Juden in überfüllte Baracken eingepfercht und werden von den Wachmannschäften beschimpft und mißhandelt. Bor einigen Tagen brach ein Brand aus,— und die Wachtposten, anstait das Feuer zu lösche», solle» die Unglücklichen am Verlasse» der brennenden Baracken gehindert und mit Gewehrkolben aus sie cingesch lagen haben. Mehrere Inden liegen jetzt mit schwere» Brandwunden im Lazarett. An. dem -Tage nach dem Brande habe ein Feldwebel beim Appell gesagt: „Die Inden sollen ruhig verbrennen!" Wer sich jüdisch-sozial betätigt, der ivnßte cs längst, daß der ausländische Jude, ivenn er kein Geld hat, in Deiitschland der Willkür und der Laune eines jeden Schutzmannes prcisgcgcbcn ist. So war cs. im Kaiserreich und sticht aiidcrs ist eS in der Republik Deutschland. Die Tragödie-des armenausländischen-Inden in-Deutschland ist.eiil eigenes Kapitel. DaS deutsche Volk hat viele gute Eigenschaften, — aber Engherzigkeit und Chikane haben stets in ihm geblüht. Die Unmenschlichkeiten in Stargard schreiben wir jedoch noch auf das Konto des Krieges mit seiner Verrohung. ■*; DaS neue Deutsche R c i ch s in i n i st e r i u m genießt schon deshalb das Mißtrauen alter reaktionären Kreise, lvcil cs „verjndel" sei. Rat Heu an, der Wiederansbanministcr, ist nochdem Namen nach Jude, S ch i s f e r, der Instizminister und Gradnaner, der Minister de-s Innern, sind gewesene Jude» nnd R o s e n, der Minister des Aeußercn, ist -der Sohn einer Jüdin. Doch vielleicht ist gerade diese Znsainniensetziiiig - ein Glück für da-s deutsche Volk/— wie auch manches im Kriege anders geivoröen wäre, wenn die deutsche Engherzigkeil verbunden niit dem deutschen Antisemitismus nicht beim Militär jüdische Tüchtigleit nnd Intelligenz unberüctsichtigt gelassen und dem Juden jede Staffel der Beförderung anss äußerste erschwert hätte. Gleichberechtigung wurde dem Juden nur fürs Sterbe» geivährt. Der deutschen Iudenheit kann hiusichltich ihrer eigenen Probleme .die „jüdische Färbung" des gegenivärligen Kabinetts nur belanglos sein. Selbst R a t h e n a u hat nicht, einen Funken jüdischen Iiitcresses in sich, llnd von ge - wrseuru Inden' ist, wenn sic sich einmal mit jüdischen Angelegenheiten befassen müssen, nach alten Erfahrungen eher Widerstand als Verständnis, Gerechtigkeit oder gar Wohlwollen zu erhoffen. Wollte jemand deshalb nicht mit der Eisenbahn fahren, weil sein Großvater mit der Postkutsche gcsahrelr ist, ec würde mit dieser merkwürdigen Argumentation bei alter Well nur ein Erstaunen Hervorrufen. Nicht anders kann da-k Verbot ausgenommen iverden, daß der greise Rabbiner Svnncnfeld, der Führer des alten Iifchnw in P a l ü st i n a, gemeinsam mit seinem Rabbiiierkoll:giiim ans den Bestich all der Schulen gelegt hat, die sich im geringsten von dem alten Chcder unterscheiden. Selbst die Einführung von T u r n e n u n d Singen uik er, da sie im alte» Chcder unbekannt lvaren, ausdrücklich mit seinem Issur belcgt. Wir wollen nur die Tatsache kurz verzeichnen und auf ein näheres Eingehen verzichten. * ' ' Wer die Jnssaer Ereignisse überdenkt, faßt sich unwillkürlich an den Flops: Tel ckaj — Jerusalem — Jaffa: Kämpfe, Unruhen, Pogrome in Erez Israel — kann es so weiter gehen?. Wollen und werden die Araber in Palästina ihre Hetz--.und Faustpolitik jetzt »och sortsetzen? Glauben sie dadurch die Iudenheit der ganzen Welt von weiterer Palästinaarbeit abzüschreckcn? Wirklich? Dann müßten sie ihren Irrtum später teuer bezahlen. Oder wollen sie eine ehrliche Verständigung mit den Juden? — Auf der anderen Seite aber: Wird die Iudenheit in Palästina, sie, die Trägerin der nationalen, jüdischen Zukunft nun endlich die politischen. Notwendigkeiten der Stunde erkennen: auf die inneren Streitigkeiten zn verzichten nnd eine geschlossene Front gegenüber der Welt, gegenüber de» Arabern zn bilden? Um dann — was jüdische Gewaltpolitiker, die es gibt, nicht für sehr wichtig halten — sich iinit den Arabern umso leichter verständigen zn können —, was nicht nur, für die Gegenwart, sondern vor allem auch für die weitere Zukunft von schwerwiegender Bedeutung ist? Werden auch die jüdischen Bolschewisten in Erez Israel — ein Häuflein von. allerdings sehr regsamen und geschäftigen Menschen —, werden auch sie, deren Anteil an dem Ausbruch der Unruhen in Jaffa leider heute schon fcststeht, chrc Tätigkeit mit mehr Vcrantwortungsbcivnßtsein und Wirklichkeitssinn betreiben als bisher? Wird cndlich — mit die entscheidendste Frage — die Indenhcit der ganzen Welt endlich sich entschließen, alle Mittel für das Werk des Anfbans in Palästina ei»znsetzen: vor allem Geld, Geld nnd wieder Geld? Schlimm genug,^aß heute auf keine dieser Fragen mit einem bestimmten Ja geantwortet werden kanic — am ehesten schon, glücklicherweise, ans die letzte! Wir sind aber stark in unserer Höffnuiig. Jüdische WelthtlfSkoufereuz. Der Zciiircstrat der Jüdischen Weltliil'fskonserenz hielt in Wie» eine mehrtägige Sitzung ab und fasste Beschlüsse von weittragender Bedeutung. In bezug auf die Kindersiirsorge lvnrdc die Schaffung cineS speziellen, unter der Leitung des Oberrabbiners Dr. C h q j e s und der Frau A n i t t a M ü l l e r stehenden Z e n t r a l b u r e a n s für K i n d e r f ü r s o r g e in Wien beschlossen. Seine Lknsgabe ist: Organisierung'und Durchführung von Kindertransporten, Gründung von Tränsitheimen usw. Demnächst sollen mehrere Kindertransporte nach Argentinien, Südafrika, Paris usw. abgehen. Der Exekutive in Paris bleiben die E m i g r a t i o nnnd F l ü ch t l i n g s a n g e l e g e n h e i t en Vorbehalten, und zwar hauptsächlich die Herbeiführung des Zusammenschlusses aller jüdischen Hilfsorganisationen zur Lösung des Eniigrationsproblems und das Ansfindigmachen von neuen Länder», die den Emigratioiisstrom auszunehmen imstande wären. Hiezu ist ein inniges Zusmnmeiiarbeiten mit den politischen Faktoren vorgesehen, nnr durch geeignete Verhandlungen die politischen Vorbedingungen, für die Einwanderung in die neuen Länder zn schaffen. Gleichzeitig wurden die Griindznge der ersten demnächst anfznnehmendc» W a i s c n a k t i o n festgesetzt. A n i t t a ' M ü llcr, Herr O ch bcrg aus Südafrika und Dr. K r a in e r sollen sich demnächst nach Wothnnien begebenM um einen Kindertransport zusanmienziistetleii. Die diesem Transport angchörenden Kinder sollen nach Wien zur Dürchsnlirniig, beziehungsweise Beendigung ihrer Kur gebracht und gleich darauf nach Südafrika befördert werden. Ebenso soll eine spezielle W a if e n a k t i o n n ach Palästina, jedoch nicht nach privaten, sondcrii gesellschaftlichen Grundsätzen, dnrchgcführt werden. Zum Präsidenten des Z e u t r a l r at e S wurde Prof. Dr. S i nt o n f c » (Kopenhagen) gewählt. „Wiener Morgenztg." Allgemein deutscher Kautoreutag. Kantor Deiler-Stettin wünschte eine Enguöte über die GehaltSverhälinisse der Knltusbeamten in jüdischen Gemeinden. Flatow forderte, daß in dem Sonder-Ausschuß des D. I. G. B., der über die Lage der Knltusbeamten berät, auch einige Kultusbeamte Sitz und Stimme erhalte». Die Erfüllung dieser Forderung wird von Dr. Freund zugc-- sagt. Obcrkantor Schmal brachte die Beschwerden eines Berliner Kantors-zur Kenntnis, der heute noch ein Gehalt von 641.— Mk. monatlich erhält und übermittelt den Antrag, einen ständigen Ausschuß zur Wahrnehmung der Interessen der in Deutschland angestellten Kultusbeamte». gegenüber ihren Gemeinden einzusetzen. /• Kantor Berthold- Friedman»- Berlin beantragte die Knltusbeamten folgenden Gehaltsgruppen zu« ziiteilen: die ersten Kantoren der Großgemeinde» der Gruppe 10; die zweiten Kantoren der Großgemeinden der Gruppe 8; die ersten Kantoren der Miitelgemeinden der Gruppe 8; idic zweiten Kantoren der Mittelgemeinde der Gruppe 7; die Knltusbeamten mit Lehrerqnalifikation - in Kleingeineinden ohne Rabbiner der Gruppe 9; ohne Lehrerqnalifikation der Gruppe 7. Er begründete seinen Antrag mit den bereits in Baden und Württemberg in diesem Sinne geregelten Verhältnissen. Kantor F r en d e n t h a l - Luckenwalde beantragte eine, Gesmntorgmiisation der Kantoren und alter anderen Kuktusbeamten-Gruppen zn schaffen, um durch gemeinsames Vorgehen eine nachhalrigere Wirkung für ihre Forderungen zn erzielen. " " . -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.