Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 21 (2.6.1921)
- Date
- 1921-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2693227-2693248--11490-2706954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main Lei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts Sei der Post abonniert Mk. 4.50 frei.ins HauS, Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im BorauS zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt» Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25^ Teuerungs- Zuschlag. Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Donnerstag, den 25. IZar 5681 (2. Juni 1921) Rr 21 Die Inden nnter der Sowjet-Herrschaft. Die Präger „Selbstwchr" bringt ei» Interview mit einem! ans Rußland' cingetroffeuen amerikanischen Journalisten'. Wir geben hier den die Juden.betreffenden Teil des Jntervieiv wieder: „Der .Anteil von Inden an der kommunistischen Bewegung betrifft hauptsächlich Literatur und Propaganda. Dagegen findet inan in staatlichen Stellungen selfr wenig Juden, in führenden Stellen überhaupt nicht. (Also wie im reaktionärsten monarchistischen Staatswesen! D. Red.) Der größte'Teil der' Inden widmet sich lvciter dem Handel, obwohl er streng verboten ist und bestraft wird.'Die jüdische Arbeiterschaft ist beinahe verschwunden. In Wittcbsk, ivo früher '10—12,000 jüdische Arbeiter waren, gibt cs seht nnst ' 600, ebenst' ist das 'Verhältnis in änderen Städten. Dieser ungeheure Abgang ist durch Auswanderung und Ucbergang zuni Handel zu erklären. - -Das innere Verhältnis'der Juden zur Sowjetherrschast war diktiert durch die antipogromistische Haltung der Sowjctherrschast. Das erregte Enthusiasmus bei den Inden, der. (freilich geringer wurde, als.mau erfuhr, daß es auch Gegestden in Rußland gab, wo Pogrome auch.ohne Sowjets verinkeddn wurden, z. B. Litauen. Trotzdem glcuiben .die Inden ' in Rußland auch heute noch, daß ■ ein' Ende der Towjetherrschaft mit großeil Pogromeli verbunden sein wird. Man hat zwar kein Vertrauen zur Negierung, aber fürchtet doch-ihren Fall? Ich haltediese Furcht nicht für begründet. Die menschemikischen und soziälrevolntionären Arbeiter: sind heute, so reis, daß sie eine demokratische Regierung von derartige» antisemitischen Schritten zurückhalten würde». Von einer Diktatur des Proletariats innerhalb des jüdischen Volkes zu sprechen, ist sinnlos. Es gibt wohl, jüdisches Kapital genug, aber es fällt- -wenn es verteilt' wird, nicht' den jüdischen Proletariern zu, sondern den russischen, z. Bden Arbeitern der betreffenden Fabrik. So entfällt dieses. Hanptagitationsinittel des-Bolschewismus für die Propaganda des Bolschewismus unter den 'Juden. Wie haben sich^a die jüdischen Kommunisten geholfen? Auf eine alte jüdische Art, auf die typische Galuthart, die hier, in diesem Zusammenhang eine tragikomische Anserstehung feiert: durch Philanthropie! Und noch dazu in i t a»i erika n i s che m Geld! Da inan kein zu verteilendes'Volkskapital hat, bietet man Philanthropie! Man hat ein jüdisches Komitee konstituiert und einige wenige - „Paradebourgeois" hineinge- »oinMen, damit die Jlmerikaner das' Geld geben. Die jüdischen Gemeinden sind aufgelöst; an ihre Stelle sind Kommissariate getreten, die jedoch rein bureaukratische Aemter sind mit 150 'Angestellten, bedeutungslos für das jüdische Leben. Sie sind mehr ein Jnsormatiönsbnreaü für die Regierung üver die kontrorevolutiönäre Gesinnung der Juden. Die religiösen Gemeinde» existieren wohl, aber inoffiziell, ohne Steuergcwalt. Die Stimmung der Inden ist oppositionell, Sie'haben aber keine eigene Organisation mehr. Der- „Bund" hat sich aufgelöst, „Poalc-Zioil" ist ganz bedeüttingslos, die „Zeire-Zion" können nur gehest» arbeiten.-Die Inden lind — mit Ausnahme der Bolschewiken, welche Assimilanten? sind —' durchwegs zionistisch gesinnt. - Die Lage der jüdischen E m i g r a t i o n ist katastrophal. Sobald'sichdic Tore öffnen werden, wird eine ungeheure Eiillgrationsbeioeguilg einsetzen, aber - nicht nach Amerika, sondern, nach Palästina. Die Balutaverhältnisse lassen aber diese.'Emigration als äußerst schwierig erscheinen, -pcho» die wirtschaftliche Entwicklung der Juden nötigt zur Auswanderung. Die Revolution hat die Inden nicht produktiv. zn matzen gelvußt. Sie sähe,, sich nur wieder unter den schwierigsten Verhältnisseil itt den Handel gedrängt. Es: ist daher die Reproduktivieruug der Juden bereits, auch seitens, der jüdischen Bolschelviken als brennendes Problem erkannt. Sie.versuchen es vergebens, dieses Problem mit amerikanischen^-Geld, - mit Beistellung von Maschinen zu lösen. Es? fehlt das Wesentlichste, ohne welche eine Repraduktw biemM unmöglich ist: .die Selbsttätigkeit der Juden-und, deren Dorausseßuug: die politische Freiheit!?A)WAn1isemitismus ist heute hauptsächlich gescllschäftlicherNatnr, insbesondere iu den Kreisen des BürgertuinS und . der Intelligenz. Die Arbeiter, Studenten und Beamten sind nicht antisemitisch.? SDidkulturelle Lage der Juden ist trotz der, schlvkerigstewVerhältnisse eine höhe! Pogrome, Bürgerkriege, die furchtbare wirtschaftliche Situation haben die literarischtz Produktion nicht zu ersticken vermocht. Bis zum Jahre 1910 gab es eine rege hebräische Verlagstäiigkeit, akademische Kurse, Vorträge aller Art. Die jüdischeir Kommunisten führe» gegen das Hebräische einen harten Kamps, — weniger ihre uichtjüdischcii Kollegen. Viele hebräische Schulen wurden aufgelöst, aber das Hebräische lebt unterirdisch ilild zäh in den illegale» Tarbutschulen. Die Lehrer dieser Schulen sind Helden. Ohne Gehalt, ohne sich durch anderweitige Beschäftigung ihren Lebensunterhalt in genügender Weise -beschaffen zu könne», wirkensie ii» Geheimen an ihrer hohen kulturellen Aufgabe. Das hebräische Theater „Ha bim ah" mutzte einen harten Kampf um seine Existenz fiihren. Als alle' Theater verstaatlicht wurden, suchte auch die Habimah 8arum an; die jüdischen Kvmmunisteir kämpften heftig dagegen. Eineinhalb Jahre wogte der Kampf, er kam bis zur höchsten Instanz,'-denk Rat der Volkskvmiiiissäre, Lunatscharsky trat dafür ein, ebenso die christlichen Kommissäre, und sg wurde es schließlich anerkannt und vom Staate übernommen. Es hat ein hohes künstlerisches Niveau und wird viel von den russischen Literaten Gorky, Salapin usw. besucht. Das Merkwürdigste ist: dieses als künstlerisches Institut allerhöchsten Ranges anerkannte Theater spielt in einem kleinen - Saal vor 50—70 Personen. Als ich dort war, wurde gerade der „Ewige Jude" von David Pinski gegeben. Die Aufführung war einfach begeisternd. Das.religiöse Leben hat sehr gelitten. Die Ortbodoxie ist sehr schwach. Zum Palästina-Problem. Die -eutsche Juöenheit für Palästina. Palästina ist heute zur bw e n n e u st cu jüdisch e it Frage.gewbrde». Das 1;at:'man endlich überall dort in der Judenheit eingesehe», wo . »och jüdisches Interesse besteht. So haben bei uns in de» letzten Wochen der Verband der jüdischen Jugeudvereine Deutschlands/ der Rabbiner-Verband iir Deutschland und die Großloge des Bnei Briß- Ordens für Deutschland sich für die Teilnahine au dem 'Aufbau Palästinas ausgesprochen, lieber die Resolution des Verbandes der Inge ndvereine haben wir bereits berichte!» Die gleichfalls einstimmig angenommene Resolution des R abb inqr-Be rb andes erklärte es snr. eine heilige Pflicht des g e s a m t e n Indent» m s, sich an der Aufbringung der Mittel für den Älufban Palästinas tätkrästig zn beteiligt:», in der Voraussetzung, daß der Aufbau im Geiste der Lehre des Judentums erfolgt und die aufgebrachteil Mittel dem- Dienst -parteipolitischer Zwecke . entzogen iverdcu. Das Generalkomitee der Bnei Britz beschloß, mit der Zion. Organisation und anderen an Palästina interessierten jüdischeir Organisationen znsammenzuarbeiten und eine paritätische Zusammensetzung der Leitung des Ausbauwerkes und Garantien snr die ausschließliche Bertvendinig der gesammelten Gelder in Palästina zir fordern. Es zeigt sich eben gegenwärtig für die zur Auswanderung gedrängten jüdischen Massen des Ostens kein anderes Ziel als Palästina. Mag die Meisterung des jüdische» Aufbauwerkes in Palästiira noch so., schwierig sein, selbst wenn die Gefahr vorläge, Vorgänge wie die in Jaffa könnten sich wiederholen — der jüdische Aufbau Palästinas — 2000 Jahre ein Traum — ist plötzlich durch beu Beschluß der Entente zur grcisbarelr Wirklichkeit und durch die Gewalt der Tatsachen zu einem zwingenden Muß geworden. Eine Massenkundgebung iu Wien. Eing von dem Zionistischen Landeskomitee ins - Komödienhaus einbcrusene Versammlung war von tausenden Menschen besucht. . Dr. -Schälit, der Vorsitzende, wies in.seiner Begrüßungsansprache auf die Pflicht der Wiener Jubenschast hin, sich der etwa 1000 Chaluzim anzuneümen, die infolge der Ereignisse in Jaffa in Wie» zurückgehalten worden find. .'Dr. C.hajes, der Oberrabbiner von Wien, als erster . Redner, führte ans: Wahrscheinlich habe England den Konflikt in Palästina, in die Erscheinung treten lassen, um der Welt zu zeigen, wie dringlich die endliche Anerkennung des Mandatsentwurfes durch de» Völkerbund ist. Wir haben keinen Anlaß, das Vertrauen zu England und stinen führenden Männern z>i' verlieren, - allerdings - müssen wir verlangen, daß uns England nicht zn schwer mache, dieses Vertrauen zu erhalten, das heißt, daß es alle Schritte in Palästina'und beim Völkerbund unternimmt, die der Welt und vor allem den Arabern de» Beweis erbringen, daß ein Ankämpsen gegen den Beschluß von «an Remo uniiiögtich ist. Nun ist die Frage, ob auch England das Recht hat, zn uns Vertrauen zn haben. Als England das Abkommen mit uns schloß, wußte es, daß die zionistische -Organisation nicht das ganze jüdische Volk vertritt, aber es meinte, daß die zionistische Idee die Idee des ganzen Volkes vertritt, und daß die Inden alter Schattierungen beweisen werden, daß ihre. Sehnsucht nach Erez Israel ernst ist. Jetzt, ein Jahr nach San Remo, ist dieser Beweis noch nicht erbracht. Das jüdische Volk hat uns nicht die Männer zur . Verfügung gestellt, um das Palästina-Problem zu lösen, und während es sich dann» handelte, das Land aufzubauen, haben wir in der Partei selbst mit inneren Streitigkeiten über Methoden begonnen, lind außerhalb der Partei - ist »och ctlvas geschehen: Die amorphe jüdische. Masse im Osten, die zu persönlichen Opfern hätte gebracht werden könne», wurde von anderen Führern' dazu gebrächt, -nichts zu tu», weil nach ihrer Ansicht die Arbeit der zionistische» - Führer schlecht wäre. Wenn die „Agudas Jifroel" positive Arbeit in Palästina leisten wollte, so wäre dies zn be- . griißen, auch wenn es zu einenc Kulturkampf in Palästina käme. Aber es ist zu fürchten, daß die bloß negative Tätigkeit der -Agndah die Massen iveiter in Lethargie hält. Ohne Enthusiasmus kann keine- 'Arbeit geleistet werden, negative 'Arbeit jedoch hat noch nie Enthusiasnuis hervorgebracht. Das; trotzdem die englische Regierung das Vertrauen nicht verloren hat, ist einzig und allein der Arbeit von wenigen tauseno Chaluzim zu -danke». Nun aber ist es höchste Zeit, daß nicht nur ein kleiner Teil, svnderir daß das ganze Volk Opfer stir Palästina bringt. Ein Pal äst i» a, das ohne Opfer' erobert ist, würde uns demoralisieren. .. Prof. Artur F r e n d sprach sodann 'über die Jaffaer Ereignisse. Reben den -Hetzer» gegen die jüdischen Interessen in Palästina sei der Geist der europäischen Politik anzuklagen, die bis heute eine Kläruicg in der Weltlage verhindert hat. Aber auch bei» jüdisclw Volk sei mitschuldig; da es bisher die Taten versäumte, ans die es aukommt. Am Schluß der Versammlung wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Versammlung ihre Bereitwilligkeit erklärte,,die größten Opser -für den' Aufbau der nationalen Heimstätte zu bringen, und in der des ferneren der englischen Regierung, insbesondere Sir- Herbert Samuel, das Vertraue» ausgesprochen wird. Ei» Interview mit Jaöotinskh. „Jewish Chroniele" bringt ein Interview' mit Wladim i r I a b o t i n S t y, der Kommandeur der ehemaligen jüdischest Legion in Palästina lvar und jetzt als. Direktor des Keren Häjessod in London wohnt. Jaboiinsky mißt dem jüdischen Volke selber an den Ereignissen in Jaffa die Hauptschuld zu. Warum? Es jubelte der Balsonr-Deklaration und San Remo zu, es hißte blauweiße Fahnen zü Ehren der Chaluzim, aber es hat verabsäumt, die erforderlichen Gelder anfzubringen, um den ersten Grundstein für das nationale Heim zu legen und um die Eimvanderuilg einer-größeren Anzahl dieser Chaluzim wirtschaftlich zu ermöglichen. Die jüdischen Massen haben häufig gegen die Eiuwanderungsbeschränkungen protestiert, aber es ist Tatsache, daß seit der'. Ernennung Sic Herbert -samuels bis zum heutigen Tage der Jaffaer Unruhen es keinerlei Beschränkungen gab. Es handelte sich nur darum, iittvieweit die -Zionistische Organisation jedem Einwanderer, der nicht über private Mittel verfügt, ein Zertifikat verschaffen kau», daß er drüben Arbeit -finden wird. Während der Monate, die seit San Remo verflossen sind, hat das jüdische Volk es versäumr, seine Pflicht zu tun. . Ich feinte all die Entschuldigungen, wie finanzielle Krisis usw. Das mag eine genügende' Entschuldigung fm dafür, daß die 25 Million Lstr. noch nicht gezeichnet sind, aber die Juden der ganzen Welt oder sogar die Zionisten der ganzen Welt könnten leicht ein Viertel oder ein Zehntel dieser- Summe aufgebracht haben. Sie habe» jedoch noch nicht 3 Prozent des Betrages ansgebracht. - - Dies ist die wirkliche Ursache und der Grund' aller unserer Sorgen. Mit allem Zujnbeln und allen Rede» über die Chaluzim sind wir bis jetzt imstande -gewesen, 3000 dieser glänzenden Pioniere nach Palästina zn bringen.. Zehntausende von ihnen warten in ganz Osteuropa, aber, wir können leider nicht daran denken, sie ins Land? zu bringen, weil wir kein Geld haben, um ihnen Arbeit zu verschaffen. Wären wir dazu inistande gewesen, so wären