Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1921)
- Date
- 1921-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»I * Redaktion und Expedition: Krankfurt>.M, Langestraße 2 Fernsprecher Acht Hans- 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnfertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. S.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Spedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto Lei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Erscheint wöchentlich ani Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Maiü bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 fteiäns Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, ' im Voraus zahlbar. 19. Jahrgang. Donnerstag, de« 11. Ijar 5681 (19. Mai 1921) Rr iS. Die Inden im Wirtschaftsieben Deutschlands. Dr. Felix A. T h e i l h a b e r, Berlin-Dilmersdors. (Schluß.) AuchwerinteUigciiie Deutsche .der heute auswandert, wird draußen Kausiiian», Händler, Agent. Historisch ist dieser Vermittler der ProdMe nötig gewesen. Noch im l8..Jahrhundert. waren Hungersnöte stärkster Art in" Deiitschlaiid sogar an der Tagesordnung; im -agrarischen Rußland treffen wir sic sogar noch bis in die neueste Zeit, wobei nicht wie jetzt Kriege die Wirtschaft vorher erschüttert halten. Die »langelüde Technik vernwchte nicht, bei Mißernte^ .de» lleberslhs; .an die Stelle der Rot zu transportiere»,. das Fehlen /von Werten machte die ländliche Bevölkerung wehr- . los gegenüber den Schädigungen von uiangclhaften Ernten. . Der Handel der Neuzeit, die Aufspeicherung von Kapital bat die Welilvirtschast orgmiisicr), hat die Bmnenwirtschaft. ausgelöst. .Ihrer Einbeziehung Deutschlands hat das jüdische Unternehmertum vorgearbeitet. In diesem iapitalislischen Uinbildungsprozeß waren die Juden treibende Kräfte. Der fleißige dcntsclw Handwerker uild Arbeiter! hätte auch ohnehin notloS gearbeitet. Aber er hätte nicht so rasch sich an Bednrsnissen des WeltiuarkicS, nicht cinnial des cigencii Marktes, sich angcpaßr. DaS an und für sich nicht erfreuliche Abzahlungsgeschäft, das die Inden erfanden, ist eine der .Methoden, den Massen, zu Möbeln. Büchern, Schmuck (Uhren) usw. zu verhelfen, das Grimdstückgeschäft, die Form, „schwere Licgenschascswcrte zu mobilisieren", der Bichhandel, die Zucht anszubcssern, Kleinbauern Kühe, zu leihen. Der Spürsinn des Juden fand rasch, wo ein Warenbedarf sein könnte, die Form/ die Artikel zu beschaffen lind nnterznbringen.. Geschickte rechnerische . .Zlalknlatioich . und die wirksame überzeugende Akquisition, woraus Pinne x. schon .hinweist, znsanunen .mit der Fähigkeit, Kapital, zu sparen und damit darüber zu verfügen, waren Mittel, die deutsche Oekvnomie .ans der Binnenwirtschaft herausznsührcn und auch im Innern die Stagnation zu überwinden. Ob die Jude» ein Orgaiiisatioiistaleiit besitze», darüber kann man, meint R. E. May, nicht streiten: auf Gebieten, wo noch keine Organisierung bestand/ haben sic die -moderne Form des Wirtschaftslebens diirchgeführt. Biah erbringt .diesen Beweis aus den Ereignissen der letzrcn Tage. . Er weist es an zahlreichen Verbänden und Wirtschaftsformen nach und bringt dasür Belege. Vier Verbände, die zu Kricgsbcginn sich an die Ocsfentlichkeii wandten. wurden geleitet von Vorsitzende» jüdischen Blutes: Der Berciu Hamburger Reeder (Ball in), der Hansabnnd für Gewerbe, Handel und Judnstrie (Dr. R i e ß e r), der Zentralausschuft der vereinigten Jnnungsoerbände Dentschlmids (P.anl Marcus), der Zentralverband des deutschen Bank- und Bankiergewcrbes (Dr. S a l o m o n - j o h n). Die Organisierung dieser Verbände bezeichnet May in jedem einzelnen Fall als ein Meisterwerk. Selbst von der hohe» Bürokratie sind anerkennende stimme» laut geworden, so hat der Geh. 'ObcrregicrungSrai F r i tz in seiner Broschüre „Die Ostsndcnsrage" es offen ausgesprochen: „Wir verdanken es vielleicht nicht zum wenigsten den Juden, daß die schwere Prüfung dieses Bölkerbrandcs »ns mit Geldmitteln gerüstet fand." Aus dem Ausland, l wo man die Dingeobjektiver als in Deutschland sah, sind ähnliche Stimmen laut geworden/ Der bekannte,amerikanische Erfinder Ediiiso» äußerte sich: „Der grüße Fortschritt des deutschen Volkes in Handel.und Industrie beruht daraus, daß die herrschenden Militärs vernünftig gcmig sind, sich der Erfahrung der großen jüdischen Bankiers und Geschäftsleute zu bedienen. Ebenso lassen sie den Führern der Industrie freie Hand, und befähigen sie dadurch, die gewaltige Industrie des modernen Deutschlands anszubcmcn." Und weiter behauptet er, das; man in den großen und ersolgreichen Industrien jedesmal einen Juden aufspüre, dessen Fähigkeiten diese zu dem Erfolg cmporsührten. Die.--Führung im Wirtschafisleben (wie sie sich '». a. iit der Besetzung der .Handelskammern und. neuerdings im Wirtschaftsparlament ansdrückt) wurde stets von einem hohen Prozentsatz Juden ausgeübt. "Die Geschichte der Berliner Handelskammer umfaßt dasVLirken einer großen Zahl bedeutender Männer (die selbst wie z. B. Wilhelm Herz von dem. '-nichts weniger als jiidensreiiiidlichen Wilhelm II. mit all den üblichen Orden und mancher besonderen Auszeichnung für ihre außerordentlichen Verdienste ausgezeichnet wurden). Dieses Gefühl für das Zeitgemäße, der Instinkt für neue Wirtschaftsformen, der. ein Äquivalent in der politischen Auffassung in der Mitarbeit bei aiteu Neugründungeu von rechts und links, bei allen Unternehmungen selbst der reaktionärsten Richtung Zcnveit sie mittuii dürfen), bei allen Korporationen und Zusammenschlüssen, sei es zum Automobilfahren, für Fciierbestattung oder zur Bekämpfung des Lärms, zu bernslichen, Fporttichen oder idealen Zwecken, dieses Gefühl ist so ausgeprägt, daß es entschieden beim Juden stärker zu Tage tritt. . Stronsberg, der Eiscnbahngründer, T ietz, der Warenhansköiiig, R a t h e » au, der' Bahnbrecher der. Elektrizität, B a l i i n , der die größte Weltflorle schuf, .sie alle leben in. vielen Organisatoren ivicder auf. Dr. B. Wolfs,, oer die Berliner Nationalzcitnng in die Höhe brachte, gründete 184!) das Wvlffsche Telcgraphcn-Büro. Er organisierte das Telegraphenwesen der Presse, wie es M o s s e mit den. Inseraten, lat. Reinhardt überragt die Theaterorgänisation, S i m o n maiwpolisierte. Sie, Wolle, Hartmann schuf den Papiertrusi ... i Gewöhnlich wird der Geschästsjude als der Shylock hingestellt; dieser Typus des nur geizigen Kaufmanns, der sein Pendant im l'avare, im Meineidbauer und in hundert andern stilisierten Bolkssiguren hat, ist nicht der eigentliche Vertreter de-5 jüdischen Unternehmers. Ich habe schon betont, daß -man Kultur und Handel nicht trennen kann. 'Der große Kaufmann und Bankinensch muh Mcnschenkniioe besitzen, um sich in die Bedürfnisse anderer Kreise einznsühren. Baron Hirsch, der von vielen als üer größte Schwindler geschmäht wurde, war einer, der selbstlosesten Philanthropen, I a m e s S i m o u, Koppel, Mo s s e galten aus Knnstmäcene und Sammler bester Oualitäten, die in kluger Geistes- und Herzensbildung vieles für die künstlerische Entwicklung der Hariptstadt taten. Bekannt sind-ja.- seit über >0», Jahren die Salonsder reichen deiltschcn Känflciike gewesen, in denen nicht nur von Geschäften, nicht nur vom Geld, sonder» von allen geistigen Strömungen des Tages gesprochen wurde und manche Politik voic der Demokracie bis zum Kommunismus gemacht wurde. Reiche Franksnrier Juden ermöglichten A dickes, die Universiläisstistuugen zu. beginnen, die den AüSban der Hochschule bedangen, jüdisches Geld finanzierte das .berühmte Forschungsinstitut. das Wilhelm II. förderte. - ' lieber einen Vertreter dieses. Typus sprach sich einmal Naumann aiis: - „Diesen Manu — E hartes Hatlgarteu — gekannt zu haben, bedeutet für mich einen Gewinn meines Lebens" beginnt- F r ied r i ch N au m a u u seinen Nachrns. „Hallgqrtcn war ei» erfolgreicher Geschäftsmann gewesen und stand durch die Verwaltung seines bedeutenden Bennögens in beständiger Beziehung zu den verschiedenen Zweigen des -industriellen und kapitalistischen Getriebes. Seine Hauptarbeit hatte sich in Nordamerika abgespielt, dort hatte er dea Wechsel menschlichen Schicksals an sich selbst erlebt, hatte organisiert, gerechnet, Eisenbahnen gebaut, .Hane Volkswirtschaft großen Stils erlebt und getrieben. . . . Sein Wirtschasisideal war die freie Entfaltung aller verfügbaren Kräfte. Insbesondere der Gedanke, das; der Mensch im Durchschnitt viel wertvoller gemacht iverden kann, als es herkömmlicher Weise geschieht, lehrt immer wieder. Der Mensch seihst ist das oberste Besitztum der Menschheit! /Das ist der -satz, in dem sich bei ihm Bolkswirtschaft, Politik und Wohltätigkeit berührten. Hallgarken war liberal. Er hielt nicht allzuviel vom Liberalismus als einem System von fertigen Lehrsätzen, aber er war als Person so sehr liberal, wie mir mir je ein Mensch, vorgekommen ist. Er war Kapitalist, aber kein Interessenverireter des Kapitals, sondern ei» Main», der gelegentlich bis an die Grenzen des ernsten Sozialisinnsging. Außerdem stand er den Berlrerern des sozialistiflWMOiedankeiis vielfach freundschaftlich nahe. — , ^Wssin nun Hallgarteil »nr für die Juden gesorgt hätte, so. wäre dieses schon an sich rin Werk der Humanitär gewesen, um alle Moraliiätssragen praktisch und überhaupt in' Angriff zii, nehmen. Er war über seine Konfession hinausgeivachsen, ohne ihr untren zu werden. Seine Religion >var, wenil ich so sägen darf, das Wohltun und Helfen cm vielen. Cr war ein Birtuose in praktischer Humanität, kein Mann des rednerischen Pathos und kein Fanatiker füv irgend eine sonderbestrebung, aber fabelhast vielseitig in mancherlei/Hilfe-.. Ich habe init ihm Arbeiterwyhuungei» besucht, Schulen, Lescsäle, über Gesetze, Enqueten. Statistik gesprochen, über Gewerkschaften, Genossenschafts- und Parteitage, iind immer war er vertraulich und kannte Einzel-» fragen . Das alles war ja aber doch mir ein Ausschnitt dessen, was ihn beschäftigte. Meist wurden ganz praktische Dinge erörtert: die beste Arr, eine Arbeiterwohnung zu Heizen, ftic Fassung eines vermitielnden Paragraphen in einem Statut usw. Und nur ganz selten, etwa am Schlüsse eines Togos, ging er auf die allgemeinen Grundlagen seines sozialen Wirkens ein, aus seine Erfahrungen mit den Menschen . Dann habe ich ganz still zugehört, denn mir war es andächtig zu Mute, wenn dieser Mann, desseir Güte so unendlich üst mißbraucht worden ist, über Dankbarkeit und llndankbarkeit der Mensche» zu reden anstng. Er harte die -Ansicht, daß der unfertige und ungereifte Mensch gar nicht eigentlich dankbar sein könne, und daß man unrecht tue, cs von ihm zu verlange». Es sei falsch, als Ziel des Wohl- -tnii-s ckinen psychokogischeic Besähigikiigszustaird anzusehen, sei es nur für das Subjekt oder für das Objekt der Hilfstätigkeit. Das Entscheidende sei das Objektive,, die Steigcrmig der in den Menschen liegende» Leistungskräfte. Wenn diese gelingt, dann har die Hilfe ihren Zweck er- . reicht."*) Aft in e r k n n g de r R e da k t i o tt . Die Behauptung, wir Juden hätten eine. besondere Veranlagung für den Kansmannsstand, möchten wir invieserallgemeinen Form nicht unterschreiben. Solange wir Inden ein Volksleben inr eigenen Lande führte», schätzten wir mir Bauern- und Handiverkerstand, der Kansmannsstand >var über-s Ansangsstadinm nicht hinansgekomnie» lind war nicht beliebt. Das jüdische Schrifttum bringt zahlreiche Belege für diese „nrsprüngtiche" Veranlagung »rnseres Volkes. Erst auf dem Leidenswege der Zerstreuung ist unser. Volk allmählich durch Z>vaiig und nicht mis eigenem Willen zir einein Händlervolke g e z ü ch t e t worden. Dieser Zwang besteht heute »och. Noch heute sind zahlreiche Berufe den, Jude» verschlossea. lind es ist für ' viele ans unserer Mitte die Tragik ihres Lebeirs, daß sie/, deren Wesen z. B. ei» bescheidener Beamtenpostrn-gemäß gcivesen wäre, sich gezwungeir seheir, wenn sie nicht gerade in der Lage, sind, es zu einem der freien akademischen: Berufe zu bringen, den Kaufmannsberuf zu,ergreifen. Nicht, daß ein Jude infolge außerordentlicher Fähigkeiten Minister werdeir kann, ist etwas Besonderes — das kam sogar im Mittelalter wor —, sondern, daß er Anstellung in-den emfächen staatlichen uiid städtisck>en Beamtenstellen findet, — und das ist noch heute eine Ansnaynie. Selbst gewerbliche Betriebe sind ihm verschloss?», — und sinder er wirklich ciuinal einen Posten, dann erlebt er in der Reget mancherlei seelische Pein. Ein so inteiligentes Volk, wie wir Inden, hat die. Fähigkeit, auf jedenr Gebiete menschliche» Könnens. Hervorragendes zu leisten, man muß unS nur die Freiheit: - unserer Entwicklung gewähren: — doch die können wiv^ nur in Palästina finden, überall sonst lvirken ungeschriebene. Gesetze, wirkt der Wille der nichrjüüischen Beuölkernng dagegcn. Aber trotz aller Beschränkungen haben wir auch aus anderen Gebieten als auf dem des Haiidelsftandes Großes, ja Geniales geleistet. Wir erwähnen aus der jüngsten Vergangenheit nur den Namen des Physikers Albert - E i» st ein, — iinst Genies sind selten in der Menschheit, - manches Jahrhundert iveiß nicht von einenr einzigen zn erzählen. Mit vorstehenden Begrenzungen seien die Ausführungen . des Herrn Dr. Theilhaber anerkannt. Doch auf eine Tatsache möchte» wir zum Schluß »och-Hinweisen, sie beleuchtet die unhaltbare Lage der Judenheit in ihrer Situation als zersplitterte Teilchen in den verschiedenen Ländern. Jüdischer Geist, jüdischer Wille und Energie geben die Anregungen und bauen auf, —von dein 'Genuß selber sind Juden nach-, heroft, gar sehr oft, ausgeschlossen. Wieviele Firmen, ivicviele --Aktiengesellschaften, wieviele Banken gibr es, -die einem jüdischen Hirn ihre Größe verdanken, und in der Juden keine Aicftellung finden könne», weil der antisemitische Instinkt der Angesrellien sich dagegen wehrt? Ein bedeut-- samcs, noch zu wenig beachtetes Kapitell *) Gilt weiterer Aussatz über die Bedeutmig der Juden im Wirtschaflslebeir folgt. . : .