Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1921-05-05 · Heft 17 (5.5.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 17 (5.5.1921)
Date
1921-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2692297-2693227-2693244--11460-2706920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts Lei-der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Krankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Jnsertionsp reis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Rellamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. m 19. Jahrgaug. Donnerstag, de« 27. Fi88rm 5681 (5. Mai 1921) Nr. 17. Zur Lage im Osten. >cr siebenjährige .ürieg im «ntvpäischeii Cftcn - uon IlsH i ailgrfangcn bis lief i» die Gegcntvart hinein — scheint sich heute seine», Ende zuzniieigeii. Das, der Llbschluß tcs p o l n i s ch - r n s s i > ch e i, Friedens einen weite- | reu Fortschritt in de», langsamen Abwicklungsprozes; des »riegcs im Oste» darstcllt, ist gettsiß: ob der Friede tuii'flirft ooii Dauer sei» wird, dafür allerdings kann f heute »-emand sicher bürgen. Wichtig für die östlichen Staaten : vor l allem. Polen, dann Litauen, Lettland, Estland, auch lluumiliiicu unö tvichtig 'damit. mich für die Jndenheiten aller dieser I Länder ist. jedenfalls heute die Tatsache, das;- der FriedenStnnand sich bei ihnen wieder »»bahnt, daß der politische I und wirtschastliche rlonsolidierungsprozes;, der Wiederaufbau Im größeren Dimensionen beginne» und sich vollziehen kan», »»geheuer sind die Zerstörungen dieses .gricgeS: und gewaltige-Arbeit ist »otivendig, für alle die zertrümmerten Iwirlschastliche» nud kulturelle» Guter neue an Zahl und sLcdcutung gleiche Werte zu schassen. Daß von der allgemeine» ivirtschastlicheu .Katastrophe Iin, Osten man denke vor altem an Rnsztanv, aber auch 1,1,1 Polen die Millionen Jude » überall am furchtbar- 1 ttf” betroffen wurden, ist bekannt : aber über den ganzen Um- »sang unddie Schwere des wirtschaftlichen 'Niedergangs Iiiud Niederbrnchs der östlichen F»de»heit während deS' gan- Izcn Krieges ist man sich in der übrigen jüdischen Welt noch. Iniclit im entfernteste»'klar ge,vorden. Hnnderltausende von IFuden in Großrustland, in' .der verwüsteten Ukraine, in Itzelcit (besonders Galizien, find heute in schtverster wirt- Ischastlicher Not: keine sichere Et'istenziuöglichkeil, Bedrohung Idurch wirlschaftlichen stampf der fremden Nationen, Schutz- Ilojigkeil und Furcht vor Pogromen, - so stellt sich das I'flild dar. Rettung ans dieser Lebensgefahr scheint heule;iir die Ilitlaiiicr Flldeiiheit, die ein Marrnrrmn sondergleichen in Iden letzten vier Jahren durchlebt hat, vor allen Dingeir I», der A » s w a n d c r n n g ans dem Lande' des wirtschastliich und politische» Ehaos zu liegen. Die -Frage nach Idem „Wohin" kömmt, für sie erst an zweiter Dielte. In ^Wirklichkeit ist das Problem der Einwanderung in Länder vvtitifch und' wirtschaftlich geordneten Verhältnissen von fast ebenso entscheidender Bedentiing wie die Frage «er blosten Ll u s wandtrung ans zerstörten Gebieten. Bon dm eniopäischcn Ländern ivird keines eine Eiiuvandernng Im größeren Ausmaßen zulasten trollen, oder auch können, lös bleiben als chnflnchtsstätlen für die .Heimatlosen nur IPa l äst i» a und A m erik a. - Obwohl Palästina heute Iwiilschaftlich in einer ernsten, lähmenden steife steht, wendet Isich ein —relativ ge.Niger—Teil d.r Auswanderer 'darnute - Iviele Chaluzim) nach dem im Wiederaufbau begriffenen Kaitbo. Bei dem — notgedrungen selir beschränkten limch'lNig dieser Einwanderung nach Palästina kann hier die Wsiing des ganzen Problems jiiv absehbare Feit nicht mge». Das .Hanpizirl der jUtUjiltcn Answanderer ans dein iCjtcu wird und raust wie bis der '.'lmerika bleiben. Daß Amerika in tcnier .seit der jüdischen Einivanderung -- in üstcr Linie 'aus ivirischasnickeu Gründen — Hindernisse den Weg legen tvill, ist inzlvischen durch die Einjbringnna einer .,Jmmigrat.oiiS-Begre>t-,tt»gsbitt" in den beiden Verfasiungsliänstrn in aller stlarheik doknineiitiert wor-" feen. Die BegrenznngS-Bili, die die Fahl der Einwandcrer einer fremden Ration auf drei Prozent der bereits in Amerika Wenden Angehörigen dieser Ratio» jäh herabsehen will, ist, ttst in letzter Instanz — vom srühercn Pristi"c»ten W i l s 0 n s-'zu Fall gebracht wurden. Die märe, in solcher Form Mgenommeiu und in prari dnrchgesührt, für die jüdische V»wa»dc»iiiig von katastrophaler Bedeutung geivesen. Daß die Gefahr noch lange nicht ganz beschworen ist, ergibt P) ans der Tatsache, daß die IminigrationSgegner ihre Pläne null unter der Herrschaft des neuen Präsidenten riiSzusühreli versuchen und die Begrcnzungsbikl iviedcr anftehmen wollen. Tic amerikanische Iudcnheit wird hiergegen eptschiedencii Einspruch erheben müssen, um die Ben-nrc» jtchung .dieser für das ganze indische Volk verderblichen Absichtenzu vereiteln. Währenddessen üinß ader die 'Answandeinnig von Zehnlaust,iden östlicher Juden organisatorisch geleite! unddnrch- Minhrt werde». Im Osten, in den Haiiptzeiltren jüdischen Lebens,' hat man diese Notwendigkeit erkannt: man gründet chiswaiideriliigSäittter, AuskliiiftSbüroS, schaffc Unterkunsts. iiälte» für die Aiisivanderer, sorgt für ihre ungehinderte Weiterreise. Aber noch immer ist eigentlich die Arbeit der EmigrationSämter nicht einheitlich organisiert. Früher oder später ivird auch dieses enge Ztlsaiiliueuarbeiten beginne» »lüsscil, um die Auswandernng planvoll und ohne gcsährliche Stockungen durchzuführen. Man vergesse es nicht: die 'Auswanderungsfrage ist heute für das jüdische Volk von zentraler.Bedeutung, ihre richtige Lösung eine nationale Lebensnotwendigkeil. Es ist klar, daß die AuSivandernng in Umfang und Tempo von der weiteren Gestaltting der politischen Dinge lin Osten in weitem Maße abhängig sein wird. Der Friede zwischen Polen und Rußland, die Vollendung der polnischen Berfasfuiig, die polnisch-jüdischen AnS'gleichSverhaitdlungei» und anderes mehr geben der Kurve der politischen Entwicklung im Osten die Richtung nach oben (für wie lange Feit?). Der W i e d e r a n f b a n de? wirtschaftlichen Lebens der östlichen Jttdenheiien ist aber noch lange nicht genug fortgeschritten. Die jüdische Masse im Oste», vor allem in Rußland-Ukraine und Polen ist im Kriege völlig verarmt. Die, bedarf zu ciueiu großen Teil noch der geldlichen Hilfe von außen, um zu neuen Existcitzinöglichkeile» zu komme». . - Die HiljSarbcil der aincrilauijchen Jndenhcit uu Osten ist Heu te »och immer RettimgSarbeit. Es ist schwer aiiszudeilkeik, welches Martyrilim die ärmsten Sckvchte» der potnischeu Iudenheit ohne die ainerikanischen ttnterstützungsgelöer hättetl bnrchinachen müssen. Und nun kommt die Meldung, daß das „Joint Distribution Eoinnlittee", das HaupthilsSkontiiee der amerikanischen Inden, seine Geldsendungen nackt Polen nnc> anderen östlichen LänOern zu einem Teil vorläufig cinslellt. Würde dieser Beschluß aufrechterhalten, so wäre die Folge für ganze Teile der jüdischen Masse int Osten schwere wirtschaftliche Rot. Es ist ünmöglich, daß die Judenheil Amerikas sich aus solche Weise Vvn dem »ationateu Hiljswerk in Polen, zurückzieht. Tie Dörgen der polnischen Juden sind'auch ohnehiil grösst nud .schwör geiiüjr. Dtarte wirtschaftliche Bedrängnis durch die potnifche stvutnrrenz, politische Entrechtung ohne Ende kennzeichnen ihre heutige Lage. Bo» der polnischjüdischen Berständigll'.ig ist bisher nur viel gesprochen, im wesentlichen mir gesprochen worden. Aber schon die Tatsache derständigen Berhandlungen zwischen Polen und Juden pedenlet einen Dchrird vorwärts. Günstige Anzeichen sind vorhanden. 'Es »ins; einmal tagen', selbst in Polen. In Licauen habe» die Juden tatsächlich — nicht nur ans den, Papier — bürgerliche und nationale Gleichberechtigung errungen. In Lettland gehl es den Juden erträglich. Rümäilicn, das „gelobte Land" des hartnäcktgcn AniisemitisillttS, hat sich nun auch allmählich den" Forderu>cge>r «ns Demokratie und Gleichstellltiig aller Bürger anbegnemt. lstur. Polen, verbohrt in chanvinisrischem Judenhaß, weigert sich, der jüdischen .Minderheit volle bürgerliche und nalionaie Rechte zu geben und im Leben, dllrchzuführen. ES ivird schließlich trotz allem nachgeben müssen, auch zu seiilenl eigenen Heil. Der Osteil hat setzt den D t a a t e 11 frieden: es fehlt ihin noch der ebenso wichtige N a t i v » a l i t ä : c nfriede». . Israel Hildesheimer und die „««Stritts-Halacha". Bon Rabbiner Dr. Jakob Horovit;. (Schluß.) Ick bi» mir dessctl bewußt, das; ick, durch die vesondere Hervorhebung dieser vier Punkte nur den Eindruck aüichwäche, den meine srüheren 'Aüsiührungrn durch die Fw le de3 Materials, .daS ich bcigebracht habe, auf jeden llnbesangenen inachen mußten. N i »t 1111 nt a n alles h i nz u . i ch ü b e r die B 0 r t r ä g e Hildesheimers w c. in der Ge»1 eindesij n a g vg e am Bö rne p l atz oeiagl, über seine u n zä hl i g e >l Briefe an m e i n e ir Vater „ ,1 r g a » z kurz a n d e u t e n k o 11 n - t r, was i ch sonst gestreift habe, und was i ch n a m e n t l i ch. n b e r bas in R e d e st e h e »de F 0 r - miilav i m Gegcnfa tz z'nm Israelit und in lkch b e r e i n st i m m u 11 g m s r d e r Erklärung der „a 11 ko rl t a t i 0 sr e n Seite" ansführen dur-ste, «inen Punkt, ans den der Israelit mit keinem Worte mehr zurückkommt, auf den die „Jüdische Presse' aber, nicht ohne Grund,- das Hauptgewicht ihrer Beweissührung legt, so gehört i» der Tat. um mit dem Israelit zu sprechen, eine „beneideuZwerte B-orcingenommenheit" dazu, nm nach alledem z n b e h a n p t c i,, daß ich cs gewesen sei. der das B e w e i s t h e »1 a verschiebe. Dem JZraelit aber halte ich als Spiegel seine eigenen Worte vor: „ES würde ein seltsamer Verstoß gegen alle wissenschaftlicheil Grundsätze historischen Denkens sein, die späteren Entwicklungen in die Persönlichkeit Hildesheimers vom Jahre 1873. da es sich um den Austritt ans der Geineinde handelte, hiiieinznreflektieren." Diesem Satz ist nur einiges hiilzuzusuge». - Einmal: Um den Austritt aus der Geineinde hat es sich nicht nur im Jahre 1878 gehandelt. Vielmehr ist die damals' beziv. in den Jahren 1876/77 neu aufgerollte und recht eigentlich praktisch gewordene Frage seitdem nicht mehr von der TageSordnililg v'erschlmltldeit und für den Israelit ist sie noch heute die erste Frage, die Frage aller Fragen. Und weiter: Nicht ich, sondern der Israelit reflektiert den späteren Israel Hildesheimer hinein in den vom Jahre 1878, indem er allen diesen wiederholt hier angeführten Zeugnissen zinn Trotz abzuleugnen versucht, daß der!K. Israel Hildesheimer vom Jahre 1878 eben nur eine tleine und sehr schnell vorübergehende Episode in dem gesegneten Leben und Wirken des Meisters war. Endlich: Mit der von dem Israelit selbst zngestaildenen späteren Entwicklung Hildesheimers in seiner Stellungnahme zur Neologie überhaupt ist untrennblir verbilnden seine veränderte Stellungnahme zur 'AnStrittSfrage Ja aus der anders gewordenen Stellnirg zn dieser ist erst, der veränderte Standpnnkt zu den allgemellien Fragen zu begreifen. Die.allmählich immer deutlicher werdenden Verschiedenheiten der Sluffassiing Hirsch's nud Hildesheiniers erklären sich hier wie dort „naturgemäß" aus der Verschiedenheit „der. Denkart^ des Temperaments nsw." der beiden großen Männer. Wahrlich, es hieße der Größe Hildesheimers zn nahe treten, wollte man aufrecht erhalten, daß dem Rabbi die in der Entscheidung Hirschs „immanent schlummernden Prinzipien" verborgen geblieben seien, und das; erst der Scharfsinn des Israelit diese» Znsannnenhattg entdeckt hätte. GetqWktlich der in meinem früheren Artikel erwähnten Besprechung hat ein eifervoller Vertreter des Trcttnuilgsgcüankens, loie schon dort mitgeteilt tvorden ist, Israel Hildesheimer zugeruseii: „Sie verleugilen ihre ganze Vergangenheit." Ter von allen verehrte Greis antwortete gelassen mit überlegener Schlagfertigkeit: „Ich. habe wenigstens eine." Ich erinnere mich noch deiitlich - der Stunde, da Dr. Hirsch Hildesheimer s. A. meinem sel. Vater von diesem Intermezzo berichtete. Ter Israelit* führt einen Brief an Rabbiner Goldschmidt, damals in Briefen, an, in. dem Hildesheimer schreibt, daß wer die F-rantfurter RabbinatZstelle anllehme, „sich dem iieologen Rabbiner subordiniere oder. Ivas vielleicht noch schlimmer" sei, „kollegialisch mit ihm „chawrilthost mache." Diese r'leußerung ist ganz nach dem Herzen des Israelit. Daß er selber in seinem ersten Aufsatz eine solche' „Chawrutho" überall da, wo eine Austritisgemeinde nicht' besteht, für gestattet erllärt hat, ist dabei ganz unter den Tisch gefallen. Mußte ich doch erst den Israelit ausinertsam machen, daß er in diesem Fall doch ivohl nickt der Dolnretsch der Hirsch'schen Lehre ist..und daß ihn Offenbar das Bestreben, den Standpunkt Israel Hildesheimers mir demjenigen Hirschs um jeden *t Bor mir liegt eine sehr interessante Denkichrtiteiner weit übe« die Grenzen Frankfurts hinaus bekannten Persönlichkeit^ die s. Zt. eine führende Stellung innerhalb der Gemeiiideoriliodorie einnahm. Aus den bezügliche» Tarlegltitgen ergibt sich, daß mancher, von dem -dies der Israelit am allerivenigsten erwarten -dürste, sehr gern bereit gewesen wäre, hierher zu kommen: -mancher andere, der' sich tirsprünglich beworben hatte —. ans dem mir vorliegenden Material geht hervor, daß 11 Bewerbungsschreiben eingelailsen waren — zog seine Bewerbung allLrdings später, zurück, nackdem er von den seiner wartenden -Unannehinlichrciten und Schwierigkeiten erfahren hatte. Nach dem Urteil des erwähnten'Gewährsmannes befand sich aber unter den letzteren keiner, der ernstlich in Betracht gekomiiien und der der Größe der Llnsgabe auch nur einigermaßen gewachsen geivesen wäre. Gegenüber dem „Israelit" sei übrigens hervorgehoben, daß man sich ossizielt an Herrn Dr. G. damals nicht gewandt hat, was natürlich nicht-ansschließl, daß'eine private Seite an ihn herangetreten ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.