Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1921)
- Date
- 1921-04-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Neue Jüdifrve rprege. Nr. 16 16 aiizuzünden. Sie war zur Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und .Doch selbstbewußt- Ähr ganzi^Westn, ihre Augen drückten wahre, tiefe - Muhe mid Seelenfrieden aus. Sie dankte'dcm Schöpfer für die Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in . Eesunicheit hatte erleben lassen. — Ihre Kleidung war -reich'wie die einer Patrizieriir jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige Abkunft. Mancher . von der jungen Generation wird. bei dem Wort „adliger ' -Abkunft" spöttisch lächeln, als gäbe es keinen.jüdischen Adel! Freilich hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Äönigspalästen für Heldentaten auf - der großen Landstraße erworben. De» jüdischen Adel gab ' das geistige Leben: lebeiidiges Talnmdstudium, Liebe zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diese» ' , Älgenden auch äußerer Reichtum und Würden kamen. Run erschienen meine älteren, verheirateten Schtvestern . in reichem Putz: man trug in den vierziger Jahren statt setz goldgestickten, schmalen Rockes einen faltenreiche», breinui Rock, der aber weder Reifrock noch Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. .Auch meine vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinstcn trugen Schmuck. Die Scderjafcl glänzte und strahlte, der Meschores -'Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit,' nicht aus Pflicht, als fühlte er sich den Herrschaften gleich. Er brachte dos silberne Becken und triefe Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald erschienen. - Schon best« Hcrcinirctcn meines Vaters fühlten wir an dem Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow" (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse 'Feierlichkeit, eine wohltuende 'Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder säintliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hieraus nahmen wir an dein Tische Play, und zwar nach der Reihe des Alters. Heute durfte auch Schime», der Meschores, an einer Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem Abend - alle gleich sind — Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige» rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige. Patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kinder» sowie * leiten anderen gegenüber flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er ein Greis von achtzig Jahre». Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. ' Mein Vater ließ sich gemütlich aus seinen Ditz nieder, legre, eine prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtascherlimh aus den Tisch zu seiner Rechteir und bcgmrn, in der Hagadah zu lesen. Er bat die Mittter, ihm die einzelnen Gerückte von den Tellern zu reichen, auch die jüngeren Herren iolgten seinem Beispiel. Dann füllte die' Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher - tritt Rotwein. Die verheirateten Schwestern füllte» hierauf auch ihren Mäniicrn die Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich - - auch beim Meschores versah. Jeder der Herren bekam auf - leinen Teller drei Sch'nmrah-Mazzoth, zwischen denen fick) 'bereits die Seroa, ei» wenig von dem vorbereitete» Meerrettich, ein wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein . Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen - Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in feine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet mid leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinein Beisipiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. ■ Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre Männer, während'die Becher der anderen Tischgeiwssen mit süßem Rosinenwein gefüllt . würben. Dann nahm der Vater das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe "und sprach dabei laut das Kapitel Ha lächma anja. Die - männliche» Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten- Kapitel Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei Tische zu ftagen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme aus der Hadadah kessnd: „Awadün hajineu". . . - »Knechte waren wir bei Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott. der .Allgütige in seiner Allmacht nicht erlosch und wären wir nicht _ von dort ausgezogen, wären wir, unsere Kinder und Kindeslinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen. Und wenn wir auch . alle kluge Schristgefehrten wären, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus Aegypten zu erzählen." . 'Bei diesen Worten brach der Vater immer in Träneu - aus, — er konnte und durste seinem Schöpfer gewiß aus volley .Herzen danken, wenn er seinen Blick über die schöne - . Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! 1 - Er durfte sich wirklich im Vergleich - zu sener Zeit der ''Sklaverei alä einen Fürsten betrachten. Nmi folgten ßie Psalmen, die als Halfelgebet zusammen- - gefaßt sind, dann nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesemAbend die vielen bitteren Kräu- '1er essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß unsere Vorfahren «ich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickmrg hatten als bittere Kräuter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzath entzwei, fegten die eine Hälfte unter das. Polster zum „Aphikoinon" (Nachspeise) und. die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgcnosstn als „Mozi" (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). .Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror,.der in Eharotzeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da dies whne Mazzoth geschehen muß. Daun derKorech, wiÄrer eme Portion Meerrettich zwischen zwei Mäzzothstückchen gefegt. Für' jÄwn.Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen Mit einem Wort, inan bekam an diesem Abend den -Meerrettich gehörig.zü spüren (und wir müßten mit Tränen ist den Äugen zugebe», daß das Leben unserer Vorfahren in Aegypten bitter war. Später wurde» Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kmn das Abendbrot au die Reihe, das mit Pfeffersischen begann,, dein eine fette Brühe mit Mazzahmehlklößchen folgte, und das mit einem feinen ftischen Gemüse endete. Dann begann jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphiko,non. Nun wurden die Becher aufs iiene mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände, was man „Majin, Acheronim" nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einein lauten „ütrneit" ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet ,nitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum' vierten Male füllte man dst Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte ausgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser Brauch finbet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweistr Zahl ißt oder trinkt schädlich oder, es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gestillt werden. Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne, und iveiin sich die äußerste Schicht an der Oberfläche leist bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend lvar, und uns überrieselte cs kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann man das Kapitel „Sch'foch chmnathcha" zu rezitieren; hierauf folgten die Schlußkapitel des Hallet. Und zum Schluß das allegorische Liedchen „Chad Gadja, Chad Gadja", „Ein Zicklein, ein Zicklein". Mit diesen und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seine» vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspaiinnng und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenussts. Meine älteren und jüngeren Geschwister verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe nochdie Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etlvas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schirhaschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit ineiner ganzen Seele anfnahni. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte ans das Kmdesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Meine Dftittcr ermahnte inich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen. 'Ich aber bat, stoch bleiben zu dürfe», was sic mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd .und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ick wiederholte meine frühere Bitte noch inständitzer. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß ich die Erlmtbnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheine» und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Urmstuhl und hörte mit wahrem-Seefengcnnß dem Gesäuge zu. Bis zum Schtußhielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf (meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht fegte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. LMes im Haust war festlich geschmückt; überalt feierliche, herrliche Festesstimmüng! Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom Weiteren Himmel herab. Die Luft war mild mid warm. Die ganze Natur schien ei» festliches Kleid angelegt z» haben, wie wir alle im Haust. ■r ISodiemsfftlMtfcer. Freitag, Chomezverbot: 8 Uhr 40. Sabbat- und Festes-Anfang: 7 Uhr. Samstag Abend: 8\U Uhr. Wochengottesdienst GVi morgens, 7 nachm., Sefira 8»i in den meisten Synagogen. ftYftttffttYtev H«lmMe»»achrichte». Gestorbe»: Rihka Gunzenhäustr geb. Straßburger, Obermainanl. 14.. — Tr. Eugen Clkan, 00 I. Auswärtige Aamilieuuachrichte». hilft Inl-iml OratilDfl - Teppitb lim. Bergerstrasse 149; B. 4912. lottenverfifohtuna unten* Garantie. ’ Lea Manti Kimstterspiele Kaiserstrasse 69. beginn 8 Uhr. Tel. Hansa 5516. Täglich 4 Uhr-Tee - — unter Mitwirknpg erster Fnnstkr&rte. Eiugesaudt. Unter Bezugnahme auf Ihren oorwöchentlichen'Artikel betr. Friedhof .sei darauf hingewiestn, laß z Zt tagelang .'in der Friedhofshalle die Blumendekvratioii?-, stehe»'bleiben, fodaß bei Beerdigungen nach alten, Rirns der konservative Rabbiner mitten in den Blumenarrangements spreche» muß. Könnte das nicht vermieden werden? Allgemeine Mittettuuge«. Nachrichten des Reisebüro Hendschels Telegraph ' Frankfurt. Genua—Zentral-Amerika Ende April. Genua—Südamerika 22. April, 7. 19. 24. Mai. Genua—Aegypten 23. April, 5. 21. Mai. Genua—Levante 16. April, 5. 14. Mai. Ä» der alten Synagoge Ecke Schützen- und Rechnergrabenstraße eröffnet Mitte Mai die Firma Annsthoi Gestorben: .Leopold Neu, 77 I., Trmstadt, Isidor Weil, 66 I. Bruchsal. , Speude». Bei der Jü5. Nattonalfondskoimniffion (I. Heimann, Zeit 21, Postscheck 41441) gingen ein: - P.u rim spenb-e n: ' Durch Gerichtsreferendar Paul Arnsberg von N.N. 'Mark 300, Otto Grünsfelder 100, I. Schloß 30, durch Fräiikel jr.-von L. Lindenbamn 150, Dr. Nebenzahl 100, Manfred Rosenblatt a. d. Namen Rosi Rosenblatt gcb. Michael anl. Geburt ihrer Tochter 'Liefet 3 Bäume 78. Drei Adler ein großzügiges Unternehmen von Versteigerungen und Ausstellungen von Möbeln und Kunstgegenständen. Tie April 1919 im Hanse Goetheplatz gegründete Firma hat cs.verstanden, durch rege'Arbeit und Umsicht ihrer Leitung sich zu einer führenden- Rolle emporzuarbeiten. Das neu zu beziehende Heim ivnrde da»t der umsichtige» -Oberleitung des Architekten Tcrlam. Hier, zu einem eigens für Ausstellungs- und Borst-i gerung'szwecke geschasst,ich. Geschäftshaust umaebaut nun ist räumlich eines der größten Unteriielimen dieser Art in Süddeutschtand und das größte am Platze. Tic Bei steigernngen Werden i» altbewährte,- Weist durch Albert Weber persönlich geleitet. Letzte Berichte. Jaffa. Das Hotel Sa laut ist in den B-sitz des M i s r a ch i übcrgegan.gei,, der dort mit 70 Betten ein Einwandererheim, ferner eine Küche sstr Elianizim und einen Bet- und Lesesaal errichtet. New Aork. Zu Ehren des Komnoer Raws ve.- veranstaltctc der Mis ra ch i eine g lK nze n dr Be r samnilnng. Der ehrwürdige Gast sagte in seiner Rede, die.Arbeit für und in Palästina verlange die Einigteil der Orthodoxie, Misrachi und Aguda müßten fick in ihrer Tätigkeit snr den Ausbau .Palästinas einige,'.. Redakteur Gedal je Bn blik sprach sich' gegen eine Verbindung mit der Agnda aus wegen der von der Aguda beobachteten Politik. Die Bersannnküng nahm eine Re solntion an, der Misrachi möge sich mit allen orthodoxen Organisationen wegen eines Znsammenarbeitens in Verbindung setzen, auch mit wichen, die nicht die Absicht habe», in die Zionistische Organisation einzutreten Die nächste Kammer erscheint am 6. Mai. Raphael mul Jeanette Sttlinger - Keim, Hofheinn im Taunus« Einladung zur ordentlichen G e » e r a l v e r sammlung auf Mittwoch, den 4. Mai. nachmittags 61h Uhr, Bockenheimerlandstr. 25 II. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Verwaltungsausscknisies über die - fetzten zwei Jahre. 2. Kassenbericht. 3. Bericht der Revisoren. 4. Entlastungserteilung an Vorstand und Verwaltungsausschuß. 5. Statutemnäßige Neuwahlen des Vorstandes und Verwaltungsausfchufsts. Frankfurt a. M., 20. April 192k. Der .Vorstand.. Sonder-Angebot. Kin grosser Posten Fnlterseide solide halbseidene Serge-Qualität . in allen modernen Farben Mk. 19. per Meter . Edu< 5 Sti 2. Ma 4 M.) . Frai Ifissens. Vom Sprac Von Denk der ji 9 Sti 4. Ma 8 M.]!abbiner he Lite Mose und -1 und J delssc und 1 8 Sti 4. Ma 7 M.) Edus tssor Dt feltrelig 2. V. - 23. mann] (Höre Wahre: bil 39 2 Kt lleton ihr.; Imer ui Ihungen Iht. Ia lausanj 1-miker Zell 127, neben der Katbarinenkirche.