Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1921-03-31 · Heft 13 (31.3.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 13 (31.3.1921)
Date
1921-03-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2693227-2693240--11426-2706882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich cmt.Freitag. Bezugspreis pro Viertels ah r: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse. auswärts bei der Post abonniert M. 4.50 frei tnS HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 80.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 7903 Herausgeber: Saly Geis InserttonSpreiS für die sechsgespalteneNonpareille-Zeile 100 P»g., für die Reilamezeile Mk. S — sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. IS. Jahrgang. Donnerstag, de« 21. Adar II. 5681 (81. März 1921) Nr. 13 Brovinrialtaanna des Jüd. Frauenbundes, Ortsgruppe Frankfurt a. M. A u s z ü g e a u S d e n Referaten II. Ueber Bundes fragen. Referat von.Helene Meyer, Berlin. Eines der wichtigsten volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Probleme für den Wiederaufbau Deutschlands ist das Problem der Berufsberatung. Der Raubbau, der ntt unserer Volkskraft getrieben worden ist, die Einstellung aller Produktion auf die militärische Notwendigkeit und die damit verbundene übermäßige Bezahlung ungelernter Arbeit, hat unendliche Verwüstung unter den Jugendlichen «„gerichtet. Es gilt, die richtige Ausnützung jeder vorhandenen Arbeitskraft zu erreichen und eine dementsprechendes praktische Berufsberatung auszuüben. Da solche nur auf Grund eingehendster volkswirtschaftlicher und statistischer Erhebungen, auf Grund des Studiums der psychologisches und physiologischen BerussciguungSfragen möglich ist und derartige umfassende sozialpolitische Arbeiten nicht von Einzelorganisationen geleistet werden können, ist es Sache des Staates, mit üffentiichcn Mitteln eine gute Berufsberatung vorzubereiten, einzurichte» und auszubauen. Eine ministerielle Verfügung vom Mürz 1019 fordert denn auch die Einrichtung von kommunal-, KreiS-, Provinzial- und Landesberufs-Aemteru. Alle .bisherigen gemeinnützigen Beratungsstellen' sollen in den kommunalen Stellen aufgehen und alle versierten und interessierten Kreise zur tätigen Mitarbeit herangezogen) werden. Jedem Anite sollen Fachausschüsse und ein Beirat allgegliedert werden, in denen die Berufsvertreter, Jugendpflege-Ausschüsse, Arzt und Geistlichkeit vertreten sind. — Neben der allgemeinen Berufsberatungsstelle soll auch die konfessionelle Berufsberatung erhalten« bleibenderen Arbeit aus den verschiedensten Gründen nicht zu entbehren ist. Die Gründe hierfür sind verschiedenster Art. .Die sittliche und moralische Verwahrlosung, die sich als Kriegs« folge eingestellt hat, verlangt Arbeit an uns selbst, die bei der Jugend beginnen muß. Eine solche Beeinflussung kann nur einen religiösen Charakter tragen und muß dementsprechend von den Konfessionen selbst durchgeführt werden. Auch das religiöse Moment selbst spielt eine wichtige Rolle. Die Sabüatheiligung, die Notwendigkeit einer jüdischen Lehrstelle, sobald der Beruf die Anwesenheit im Haushalt des Lehrmeisters erfordert, dazu kommt die pflegerische Arbeit der Beratungsstelle und die individuellste Behandlung jedes Einzelfalles, die der amtlichen Stelle nicht möglich ist. Tatsächlich sind auch die Berufsaussichten für jüdische Mädchen nicht immer die gleichen wie für ihre christlichen Kolleginnen. Die jüdische Berufsberatung ist kein Plagiat der allgemeinen Berufsberatung, sondern deren notwendige 'Ergänzung. 'Deshalb ist dir Eingliederung der jüdischen Beratung in die Berufsämter zu fordern. Schritte hierfür sind bereits eingeleitet. Als erste Voraussetzung für die Ergreifung eines Lebensüerufes ist Berufseignung und Berufsneigung anzusehen. Ist diese in besonderem Maße vorhanden, so sollten selbst wirtschaftlich ungünstige Berufsaussichten nicht ausschlaggebend sein. Besonders tüchtige Menschen setzen sich auch in überfüllten Berufen durch. Das gilt im speziellen für die geistigen Berufe. (Die Rednerin belegt zahlenmäßig die enorme Steigerung des Frauenstubiums, welches fast auf keinem einzigen Gebiete noch Chancen biete.) Für den. Lehrerinnenberuf ist die Eignungsfrage von besonderer Bedeutung. Eine verfehlte Wahl trifft nicht nur den einzelnen Menschen, sondern schädige die Entwicklung einer Anzahl junger Menschen. Die Ausbildung und die spätere berufliche Tätigkeit verlangen zwei völlig verschiedene Begabungsthpen und es ist vielmehr die Befähigung zur praktischen Verwertung als die theoretische Begabung für das Studium selbst ausschlaggebend, vor allem die Eignung zur Erzieherpersönlichkeit. Zur pädagogischen Tätigkeit gehört viel praktisch psychologisches Verständnis besonders Hessen, was ein anderer Mensch braucht und was auf ihn einwirkt. Für den wissenschaftlichen Lehrberuf sind.die Aussichten sehr ungünstig, ganz anders jedoch gestaltet' sich' die Situation, sobald die Lehrerinnenbilbung?ls Vorstufe zux. Handels-, Gewerbe- und Fortbildungs- Ichullehreriir dient. Auch die' Ergänzung durch - technische Examen in Hauswirtschaft, Handarbeit, Turnen, Zeichnen und Gesang sind sehr zu empfehlen. Bei den Beamtenberufen ist auf die guten Anstellungs- und Aufstiegsmöglichkeiten bei der Post hinzMeisen. Freilich ist auch der Nachtdienst in den Telephonämtern zu berücksichtigen. Die Postscheckämter erfordern gutes Rechnen und Zuverlässigkeit. Der Sozialbeamtin steht ein unendlich großes Arbeitsfeld offen, sie kann sich in hygienischer, pädagogischer und allgemein wirtschaftlicher Wohlfahrtspflege betätigen. Sicher wird die notwendige Etatsbeschränkung in allen Verwaltungen auch die Verminderung der Anstellungsmöglichkeiten mit sich bringen, aber wahre jüdische Gemeinden und Organisationen müssen andererseits anstelle ehrenamtlicher immer mehr zu besolderter Wohlfahrtspflege übergehen und damit erstehen unfern jüdischen" Mädchen immer neue Aussichten. Für die jüdische Krankenpflege fehlt es völlig an Nachwuchs, hier ergebe sich für geeignete Mädchen ein großes Tätigkeitsgebiet, auch für die Säuglingsschwester, die Jugendleiterin, die Kindergärtnerin und Hortnerin sind die Aussichten günstig. Dagegen wird so oft der Beruf der Bibliothekarin ergriffen, der bei seiner 4 jährigen Ausbildung als ungünstig angesehen werden muß. In verstärktem Maße ist dies von der technischen und wissenschaftlichen Hilfsarbeiterin zu sagen. Während der vieltausendjährigen Entwicklung des Judentums hat sich dasselbe geistig durch sich selbst erhalten. So wertvoll dies einerseits ist, so hat sich dadurch ein starker Hang der Jude» zu den rein geistigen Berufen herausgebildet. Die Folgeerscheinung bildet der hohe Prozentsatz der Juden zum geistigen Proletariat. Gehen nun die Mädchen auch den gleichen Weg, dann muß man bei der Jnnzucht der Juden durch allzustarke Vergeistigung mit körperlicher Degenerierung rechnen. Auch wirtschaftlich ist eine praktische Berufsausbildung der geistigen vorzuziehen, sie erleichtern unfern Mädchen die Gründung des Haushaltes. Auch eine bessere hauswirtschaftliche Ausbildung aller Mädchen, gleich welchem Beruf sie sich zuwenden, ist heute mehr denn je eine Lebensfrage. An hauswirtschaftlichen Berufskräften herrscht ausgesprochener Mangel, freilich entsprechen nur wenig Anstalten den neuzeitlichen Forderungen. So wenig Zuspruch der hauswirtschaftliche Beru fhat, so stark ist er im kaufmännischen Beruf. Ungeeignete Kräfte haben, z. Teil den ganzen Beruf diskretiert, nur eine vollwertige Berufsausbildung und dauernde Fortbildung können dem abhelfen. Besonders empfohlen fei die Ausbildung im Handwerk und Kunsthandwerk, das zweifellos einer wahren Blütezeit entgegengeht. Je besser dabei die Ausbildung, um so sicherer der Erfolg. Zum Schluß ein paar grundsätzliche Forderungen! — Jedes Mädchen, gleich ob arm oder reich, muß einen Beruf erlernen, — das soll nicht heißen, daß sie ihn unter jeder Bedingung auch ausübeu muß. Wirklichen Wert besitzt heute nur unser Könne», unser Wissen und unsere Gesundheit. Darum gründlichste Lehre, beste Ausbildung! Die Ausbildung soll auch auf eine möglichst breite Grundlage gestellt werben, je größer das Berusswissen, desto sicherer das Fortkommen und der Aufstieg. Zn sorgen sei ferner für einen gesunden Körper, denn nur in solchem steckt auch eine gesunde Seele. Man lasse den Mädchen alle Freuden der Jugend, Spiel und Sport, aber hüte sie'vor Putzsucht und Verschwendung. Es gilt, unseren Mädchen klar zu machen, daß bei ihnen, den zukünftigen Frauen und Müttern, die Erhaltung des Judentums liegt. Sie müssen sich dieser Verantwortung bewußt werden und uns das 'Judentum rein erhalten für Kinder und KindeSkinder. HI. Die Sozialbeamtin. Bon Else Ester Eikemann. Im letzteil Jahrzehnt machte sich ganz besonders stark ein Umschwung in der sozialen Arbeit bemerkbar.. Während früher soziale Arbeit nur von Frauen in freier Liebestätigkeit ausgeübt wurde, sieht man inimer mehr selbstständig oder 'im Verein mit dieser die „Beamtin" in der Arbeit. Durch die Entwicklung und Ausdehnung der Arbeitsgebiete erwies es sich als unmöglich, nur uiit ehrenamtlichen, ihre Freizeit zur Verfügung stellenden, Frauen die Arbeit zu leisten. — Man mußte sich Frauen verpflichten, auf die .ju rechnen man ein Anrecht hatte, und trotz anfänglichem Mißtrauen hat sich die berufliche Arbeit dirrchgesetzt. Es wäre heute undenkbar, die Arbeit ohne die Sozialbeamtin zu leisten. .' Kurz skizziert sind die allgemeinen Grund- und Vorbedingungen an geistiger und körperlicher Eignung zum sozialen Beruf folgende: Gute Gesundheit, denn Körper und Geist werden meist gleich stark jn Anspruch genommen. Wie oft nach der Arbeit sind die Gedanken beim Aufsuchen und Umändern und Neuschöpfen für dix weitere Tat. Ein großes Maß an Selbstlosigkeit und Hineinversetzen in die physische und psychische Eigenart und oft Abnormität, anderer Menschen ist erforderlich. Biel Geduld und immer gleich bleibende Behandlung der Menschen. Die Ausbildung, einer Sozialbeamtin kann heute noch sowohl rein praktisch wie auch rein theoretisch, wie auch theoretisch und praktisch erfolgen. Das heißt, entweder nur durch die. Arbeit oder durch die Universität. Letztere Ausbildung wird auch meist mit praktischer Arbeit verknüpft oder durch den Besuch einer sozialen Frauenschule. Es ist zu verlangen, daß auch bei den jüdischen Sozialbeamtinnen mehr wie bisher auch die theoretische Ausbildung, verknüpft mit der praktischen Arbeit, berücksichtigt wird, da dadurch die Zusammenhänge der Arbeit erkannt, der Einblick in verschiedene die Fürsorge berührende Interessen gewonnen wird. Wichtig sind, wie eigentlich bei jedem Mädchen, hauswirtschastliche Kenntnisse. Bon Leiterinnen von Heimen verschiedener Art müssen, diese meist in hohem Maße verlangt werden. Die Arbeit in allen sozialen Gebieten ist ein Frauenberuf, der stark befriedigt und ihrer Eigenart voll ent- - spricht. Hier .kann sie nach ihrer Eigenart und Veranlagung wirken, ihre Kräfte voll ausströmen lassen. IV. Die Krankenpflegerin. Von Schwester Julie. * 1889 meldete sich die jetzige Oberin des Frankfurter! jüdischen Krankenhauses als erste jüdische Helferin im So»:' spital der jüdischen Gemeinde. Dieser erste Versuch, der nicht ohne Zweifel und Befürchtungen unternommen wurde, hatte ein über Erwarten günstiges Resultat. Dank dem fortdauernden Interesse, das die Loge durch Heranziehung von neuen begabten Schülerinnen dem jungen Unternehmen bewies, sowie dem stetigen Entgegenkommen des Pflegeamts 'des Gemeinde-HosvitalS konnten immer mehr Schülerinnen ausgebildet werden, so daß gegen Ende des Jahres 1892 bereits 7 jüdische Pflegerinnen' in Frankfurt ihres Amtes walteten. Mittlerweile hatte auch das Hospital. die Kräfte einer dieser Schwestern für seine Anstalt gesichert,, die erste der ausgebildeten Schwestern zur Oberin des - Hospitals erwählt. Ende des Jahres 1893 schlossen sich die Schwestern zu einer Organisation zusammen, es wurde der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ins Leben gerufen. Das Beispiel, das Frankfurt in dieser Gründung gegeben hatte, fand bald auch in der Reichshauptstadt Beifall und Nachahmung, Köln und Hamburg folgten nach und erhielten von hier je eine Oberin. Als ein wichtiger Punkt der Tätigkeit des Vorstandes muß die Schaffung und Vergrößerung des Pensionsfonds für Schwestern Erwähnung finde, der denselben die Zusicherung einer angemessenen Pensionierung beim Eintreten der Invalidität oder Erkrankung gewährt, weit über den gesetzlichen Rahmen hinaus. Entsprechend diesen Anfängen ging der Fortschritt stetig weiter, es wurde mit dem Bau eines Schwesternhauses begonnen. 1902 öffnet das erste jüdische Schwesternhaus seine Pforten. 1993 wird eine wichtige Institution, der Schwesternrat, ins Leben gerufen, der den Zweck haben soll, ein harmonisches Zusammenwirken zwischen Vorstand und Schwesternschaft zu ermöglichen. 1906 kommt der deutsche Verband jüdischer Krankenpflegervereine zu Stande, dem alle damals bestehenden 14 jüdischen Vereine beitraien. 1998 wurde beschlossen,, die neu eingeführte staatliche Prüfung obligatorisch zu machen. 1909 unterzogen sich die ersten 7 Lehrschwestern derselben. An auswärtige Gemeinden. Institutionen, Familien wurden die Schwestern im gegebenen Falle gesandt; neue Arbeitsgebiete, besonders das soziale, kamen' hinzu. Durch den Krieg sind auch i» diesem Beruf viele Hoffnungen, Erwartungen und Pläne zerstört worden, wenn auch in den ersten Kriegsjahren eine Menge Schwestern) zuströmten, so zeigte sich doch im Laufe der Zeit, daß viele , der jungen Menschen seelisch, und körperlich den Anforderungen nicht gewachsen waren. Der auffallende Stillstand der Zahl der jüdischen Schwestern in der letzten Zeit ist als Folge der wirtschaftlichen und gesellschastlichen Zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.