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Neue jüdische Presse · 1921-03-25 · Heft 12 (25.3.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 12 (25.3.1921)
Date
1921-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis p ro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neum Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße I Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber : Galy Geis . Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 P?g., sür die Reklamezeile Mk. 3 — sowie 25% Teuerungs- - Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. ' Slnnoncen-Annohme der der Expedition und in allen; Annoncen-BureauS. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4£64. IS. Jahrgang. Kreßtag, verr 15. II. dv81 (25. März 1821» Rr. 12. Provinziattagnng des Jüd. Krauenbnnves, OrtSgrnppe Frankfurt a. M. Aü s zü g e a u S den R e fe r a t.e ».*) I. , . ' W a s w i l l d e r I ü d. F r a u e n b u n d? * Don Pan ta Nassauer- Frantfurt a. M. ES ist jetzt oft und viel von Bänd:» der Erneuerung >je Rede, die das Leben der Gegenwart aus einer opferrcudigen, mehr nach innen gelehrten Gesinnung heraus im aüfb'auen wollen. Der I. F.-B. wollte von Anfang an in solcher „Bund der Erneuerung" sein, ein Brückenbauer wischen dev alten jüdischen Ethik und dem Gegcnwartsinpfinde,,. Wohl war und ist sich der Bund dabei stark lettmjjt, dass zu solch' einem Erneuerungswillen ein großer Optimismus gehört, eine Riesenkraft, die irtr Stande sein luifite, Trägheit und Skepsis zu besiegen. Aber der I. F.-B. hat "unter den Bünden der Erneueung einen grossen Vorsprung, — er wird getragen von >er jüd. Ethik, den jüd. Eivigkeitsgedanken, die heute wie >or Jahrtausenden in jüdischer und in veränderter Form >clten und über dir Zeit hinausragen. Mit 'den jüd. Grundgedanken verwebt, mischt sich im I. F.-B. die 'deutsche Kultur, wie sie in der allleinetitert Frauenbewegung zum Ausdruck kommt. Diese Verbindung löst wohl nicht immer eine vollömmene Harmonie aus, aber'sie sorgt für ein Durchdenken »er Probleme und erzeugt Leben. Im Bund finden alte politischen Parteien, von den onseroativen bis zu den sozialistischen Parteien, Platz zu reier Betätigung und alle religiösen Gruppen sind in ihm vertreten. Politisch und religiös voilkommen neutral, lithält sich der Bund jedweder Einmischung in die Lebensluffasfuiig seiner Mitglieder. Aber er weckt Verständnis nid gibt den Anreiz zu politischem Leben überhaupt, in oelcher Form auch immer es sich äussere. Seitdem die neue deutsche Verfassung treu Frauen die lang erstrebte Gleichberechtigung gebracht hat, tritt an die Fraueil die grosse Aufgabe heran, de» politischen Befähigungsnachweis 511 bringen, zu zeigen, wie sie ihre neu erworbenen Rechte gebrauchen. * In den jüd. Gemeinde» steht die Mitarbeit der Frau »och voltkomnien am Anfang. Die Frankfurter jüd. Gemeinde gehört zu den ivenigcn, deren Verfassung den Frauen die gleichen Rechjx gibt wie den Männern. Eine Frau gehört dem Vorstand, drei Frauen dem Ausschuss der Gemeinde an. Mit allem Flachdruck mutz die Notwendigkeit der Frauenarbeit in der jüd. Gemeinde betont werden; Männer und Frauen müssen gemeinsam die allen gemeinsamen Interessen vertreten. Nicht die oft ausgestellte Formel, Frau-Gefühl, Mann- Berständ ist in Wirklichkeit stichhaltig; denn» auch die Frauen werden lernen, sachlich zu sein und nicht jeder Mann ist gefühlsarm. Frauenausgabe in der Gemeindepolitik wie in der Politik' überhaupt ist es, nicht den eigene» Ehrgeiz und die -Verachtung 'des Gegners, sondern ruhige Sachlichkeit-herrschen-zu lassen -und sich zur Durchführung von Frauenfragen mit den Vertreterinnen der anderen Parteien zu verbindeil. Hoffentlich werde bald keine jüd. Gemeinde mehr' so rückständig fein wollen, dass sie ihre Angelegenheiten imr einseitig vom Männerstandpimkt ans erledigt sehen will. ' ' Im religiösen Leben sind die -Möglichkeiten zur Betäligung der Frau die tiefgreifendsten, lvenn auch die inniger sichtbaren. Mit von den Frauen Hängt es ab, ob die Kinder jüdisch empfinden und sich als Juden bekennen. Gründlichere Kenntnisse in jüdischen Dingen tun den Frauen allerdings bitter not, damit die Ausübung der religiösen Vorschriften eine durchgeistigtere werden kann. Für alle Frauen aller Richlungen bedeutet die Gemeinschaft im Bund Rückgratstärkung, weil er alle versteht und ihnen einen Zusammenschluss bietet. Selbstredend können neben den geistigen auch die wirtschaftlichen Fräuenintexessen durch eine starke Gemeinschaft,' wie sie der . Bund darstellt, sowohl innerhalb der jüdischen Gemeinde» und Organisation als auch iii der christlichen . *). Wir - häben^zn den Referaten einiges zu sagen; doch weiden wir 'dies bis nach dein Abdruck dev Referate ausschieben. . Die Rrdakt. Umwelt ganz anders vertreten werden, äl-s durch einen Einzelverein oder eine Einzelperson Dabei ist zu beachten, dass die Arbeit in und mit deni Bund nicht so zu verstehen ist, dass etwa der Bundesvorstand der Anregung gebende, die Vereine und Mitglieder der ausübende Teil sei. Der Bund wird immer so sei», wie seine Vereine ihn gestalten. Jil ihm sammeln sich wie in einem grossen Wasserbecken die geistigen Ströme, die von der christlichen Umwelt,und der jüdischen Eigenwelt gespeist werden. In.veränderter Form fließen sie zurück und suchen, neue Wege.. Deshalb kann auch das Bundc-sprogramm kein für alle Zeiten feststeheildes sein, sondern ist wandelbar wie daS Leben selbst. — Neben dein Zusammenschluss nennt das Bundesprogramm Hilfe, Erziehung und Kampf als Kennworte für seine Ausführung. Selbst im Jdealstaat der Zukunft bei möglichster Herabminderung der wirtschaftlichen Gegensätze, würden die Menschen immer auf gegenseitige Hilfe angewiesen sein. Wir verdanken Gustav Landauer durch seine Uebersetzung aus dem Russischen die Kenntnis der Untersuchungen von Peter Kropotkin über die gegenseitige Hilfe in der Tier» und Menschenwelt. Sie sind-so erfreulich, weil sic dem sonst meist üblichen Jammern über den Egoismus die Tatsache enkgegensetzen, dass das ganze Tierreich in der Ver° eiiliguilg die besten Waffen für de» Kampf »nis Dasein findet und dass die gegenseitige Hilfe bis zu den niedersten Stufen des Tierreiches zurück verfolgt werden kann. Und auch bei den Menschen sinden sich dir beiden T iebe neben - einander. — Sorge für das eigene Ich und Hilfe für den Schwächeren, die wiedernm dem, der -sie leistet, hilft, oft ihm selbst unbewusst. * Die konfessionellen Bünde haben von jeher ein gut Teil charitative Hilfe geleistet, und die jüdisch soziale Arbeit ist gewiß nicht zurückgcstanden. Sie umfasst alle bekannten Gebiete der Hilfstätigkeit, und auch in den Vereinen des I. F.-B. findet sie weites Feld der Betätigung. Es kann hier nicht Ausgabe sein, alle Gebiete der sozialen H i l f s a r b e i t 'auszuzählen oder sogar in ihren hauptsächlichen Zügen zu kennzeichnen. Nur Richtung gebende Gedanke» und Arbeitsgebiete tönnen aiS wesentlich heraiiSgcschält werden. Für die Bnndesteitung besteht die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die vorhandciien Einrichtungen nicht veralten und dass, den Notwendigkeiten entsprechend, neue Einrichtniigeu geschaffen werden'. Anstalten und Fülsorgeeiiirichtungcn sind^immer wieder kritisch zu prüfen nach den Masssläden nioderner Sozialarbeit. So musste z." B. die alte Form des nur Geldünierstützunggebcndcu Vereines umgcwandelt werden. Man verlangt hcntc, dass die Verhältnisse von Not und Hülfe des Petenten möglichst geprüft werden, und dass keine Unterstützung gegeben wird ohne genaue Kenntnis und ohne Fühlungnahme mit der Person des Petenten. Ei» zweites Prinzip, das im Bund seine Vertretung findet und zur Gründung von Arbeitsnachweis und Berufsberatung führte, heisst „Arbeit statt A l m o s e n". Nicht nur im Interesse der Unterstütznngskassci,, auch zum Emporheben des Petenten selbst, können die Stellenvermittlungen nicht genug anegebaut werden. Wünschenswert als Postulate der Stellenvermittlung ist die Erzielung von Qualitätsarbeit und gleicher Bezahlung bei gleicher Arbeit. Die Wichtigkeit von Bernfsfragen und Arbeitsnachweis ist niit 'Bedacht im Programm der Tagung zum Ausdruck gekommen und wird in den Referaten eingehend behandelt. Einen ganz neuen Weg ist der Bund durch Errichtung des Isenburg er Heimes gegangen. Zum ersten Mal haben sich hier die jüdischen Frauen der sittlich gefährdeten Frauen und Mädchen angenommen und in ihnen nicht die „Gefallenen" sondern schwache Menschen gesehen, die ein Anrecht darauf haben, von ihren stärkeren Schwestern gestützt zu werden. Nur andeutungsweise kann in diesem Zusammenhang von dem herrschenden Sittenbegrifs im Geschlechtsleben gesprochen werden, der doppelten Moral, der bei dem Manit erlaubt, was er bei der Frau verurteilt. Mit dem Bund deutscher Frauenvereine tritt auch der I. F.-B. ein sür Abschaffung der Reglementierung und für eine sexuelle Gesittung, die die Naturtriebe nicht schwächt, sondern sie beherrscht und veredelt. Diese Auffassung entspricht gut jüdischen Grundgedanken, wie sie auch in den vom Bund herausgegebenen Blättern „Seid heilig" zum Ausdruck kommen. Der Wunsch, den Willen zur Ehe und damit zu einem gesunden Geschlechtsleben und zur' sozialen Entwicklung. zu fördern, führte den Bund zur Gründung einer Ehek a f s e. In Form einer DolkSversicherung werden kleine Beträge gesammelt, die dem Bund ermöglichen, den Mädchen zur Aussteuer, den Männern zu einem kleinen Kapital zur Begründung einer Häuslichkeit zu verhelfen. In einigen Städten, besonders in Berlin, hat sich die Eyekass'e sehr gut eingebürgert; denie müssten durch die Entwertung des Geldes selbstredend die Wvchenbeiträge, die mit 10 lino 20 Psg. beginnen, erheblich erhöht werden, wen» der Anszahln.igsbetrag einigermaßen in Betracht kommen soll. Der Gedanke, eine Eliekasse in Form einer Versicherung zu schassen, ist jedenfalls gesund und ausbaufähig. In der Fürsorge für die uneheliche Mutter und das uneheliche Kind veriangt der Bund, dass jedes jüdische' Kind, ehelich und unehelich, durch einen jüdischen Sammelvormund betreut wird, und dass diese Einrichtung ergänzt ist durch Frauenhiife für die Person des Kindes.' Ohne diese ergänzende Fürsorgeiätigkeii ist der Wert der Sainmelvorinundschast sehr erheblich eingeschränkt. Ein grosser Fürsorgepian beschäftigt seit längerer Zeit de» Bund: 'die Gründling eines Heimes sür schwer erziehbare Knaben. Die Folgen der durch den Kricg gegebenen Verrohung zeigen sich bei den Ju.igen in traurig großer Zahl; bei Versage» des Elternhauses fehlt cs an der ErziehungSstelie, die rechtzeitig vor Verwahrlosung oder gar Verbrechertum bewahrt. Geeignete Pflegestellen sind nicht in genügender Zahl vorhanden, sodass die Errichtung eines Knabenheimcs dringende Notwendigkeit ist. Wie Isenburg, so sott auch das zit griindsiidc Knäbenheim allen jüdischen Gemeinden Deutschlands zugängig sein. Vom Verständnis und dem Interesse, das der Plan findet, wird es abhängen, ob der Bund in der Lage sein wird, ei»e von allen Wissenden als notwendig erkannte Neueinrichtung zu schaffen. In noch weiteres Ferne liegr die Erfüllnng eines anderen Lieblingspranes des I. F.-B. — d i c Err ich * tung eines Abendhciincs. Der Bund möchte so gerne Frauen ^»us dem Mittelstand dazu verhelfen, einen schönen Lebensabend zu haben, aber während es dem Bund gelungen ist, für das Knabcnheiin ivenigstens schon eine» kleinen Teil der nötigen Geldmittel zu erlangen, fehlt für das Abendheim leider noch jede materiett? Unterlage. Die untrennbar mit jeder Hilfeleistung verbundene Wechselwirkung zwischen Gebenden und Nehmenden, welche so stark ist, dass oft nicht festgestellt werden kann. Werder gebende und wer der nehmende Teil, zeigt sich auch bei jeder Erziehung. Wollen wir auch im Erziehungswesen den herrschenden Anschauungen nachgehe», so sind sie vielleicht durch eine andere Einstellung der Jugend zum Alter zu kennzeichnen. Die Jugend sieht es als ihr gutes i Recht an, nach ihrer Auffassung zu ieben. auch lvenn sie mit derjenigen der Eitern nicht übereinstimmt und die' Eltern können sich nicht damit absinde», dass d i e Zeit enogültig vorüber ist, in welcher sie von den Kindern absoluten Gehorsam verlangen, in der sic ihre Ideale einfach auf - die Kinder übertragen zu können glaubten. Der frühere manchmal zu starke Druck der Eltern har jetzt einen schroffen' Gegendruck erzeugt. Der Krieg mag eine weitere Verschärfung mit sich gebracht haben, jedenfalls ist es trau-' rige Tatsache geworden, dass das vielgerühnite jüdische Familienleben heute ernsthaft bedroht ist. Viel ehrlicher Wille von beiden Seiten' ist nötig, wenn Die Musst, dci: säst überall Eltern von Kindern zum Unglück beider trennt, wieder überbrückt werten soll. Wir Jude», bei denen sich in Folge unserer Art und unseres Temperamentes die Schäden vielleicht noch schlimmer zeigen, sollten unsere ganze Kraft ausbieten, um diesen erkrankten LebeilSn'Nv wieder gesunden zu lassen. Den jüdischen Frauen gibt d,r Bund dazu die Lehre: „Erzieht Euch selbst, wißt, was Ihr wollt, verfolgt ausrecht Euer Ziel und versucht, die andc.e.i zu begreifen." — Besser als die Familie hat die Schule wenigstens > der Idee nach erkannt, worauf eS ankommt. Wohl sind Arbeitsschule, Schükergemeinschafien usw. nicht über die. Versuchsstadien hinaus gekommen, wohl legen unsere Schule» noch immer mehr Wert aus Wissensbildung als auf Charakterbildung, — aber die Versuche bewiesen doch, dass die Schule beniüht ist, sich den Forderungen der Jugend, soweit sie ihr berechtigt erscheinen, anznpassen, und auch' die jüdischen Schulen werden folgen müssen. Freilich wird der Kampf der Mcimmgen noch dauern, Kiis ein? ^Klärung entstehen kann: aber Kampf, nicht der gewalttätige,-.

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