Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1921)
- Date
- 1921-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Srsckwint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts Bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei inS HauS. Bei Zusendung durch Streifband iür Deutsch, land Mk. 80.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis JnserttonöpreiS für die sechsgespalteneNonparetlle»Zeile 100 P'g-, für die Reklamrzrile Mk. S.— sowie 25% TeuerungS» § »schlag. Platz, und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. nnoncen-Annahme bei der Expedition und in alle» Annoneen-BureauS. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. IS. Jahrgang. Freitag, de» 8. Adar II. 5681 (18. März 1921) «r. 11. Anm Purim. Es gibt ein Problem des sinnvollen Zufalls: Leben des Einzelnen, im Leben der Gemeinschaften, in 1« Historie. Sinnvoll und zufällig scheint zunächst absurd Inb widersprüchlich. Denn ein Vorgang, der von Anbeginn unbedingt, das heißt aus dem vorhergehenden Werden iational zu begreifen und zu begründen ist, hat nicht mehr den Charakter des Zufälligen, Unfaßbaren, des Unerklärlichen und Nicht'weiter-ableitbaren an sich. Zweifellos. Und deshalb ist ein sinnvoll-zufälliges Geschehnis nur nach seinen süßeren Manifestationsformen zufällig; nach seinen weiteren, Auswirkungen aber und nach seiner Bedeutung für die gestaltung der Zukunst sinnvoll, irgendwie aus der Ent- »icklung heraüsgewachsen, und damit historisch notwendig. vollzieht sich nach einer tieferen, verborgenen Gesctznäßigkeit, die zunächst unsichtbar ist oder auch immer Imsichtbar bleibt in ihrer kausalen Bedingtheit, die aber — Pies ist entscheidend — erspürt und geahnt werden kann, öer an eine» ideenhasten Sinn in der Geschichte glaubt, ilr den fügen sich alle die einzelnen Geschehnisse, auch s>ie zufälligen, zu einer zusammenhängenden, geschlossenen rinheit des geschichtlichen Werdens zusammen. Dem wird smch der „blinde" Zufall zu einer sinnvoll-geistigen Notwendigkeit in dem Verlauf der ganzen historischen Entvicklung. Vielleicht die Geschichte keines Volkes ist so reich an Äußeren . Zufällen, an plötzlichen Wendungen und Umschwüngen wie die der Juden; und kein Volk hat wohl bei so vielen Nöten, bei so häufigen Gefahren so überraschende — für den Fremden so überraschende Rettungen, befreiungen erlebt, wie das. Volk der Juden. Nur nannten (vir diese — für den gegenwartsgebannten Blick — Zufälle poltet Glauben an den göttlichen Sinn in der Geschichte linder, himmlische Wunder, und sahen in ihnen Werke der Vorsehung, tiefe ideenhafte Notwendigkeiten. Wir gaben dem Blind-Zufälligen metaphysischen Zusammenhang und Isymbolische Bedeutung — wir begriffen den Zufall auS unserer religiösen Geschichtsauffassung heraus, wir machten |ba§ Sinnlose sinnvoll. Pu r im ist das Fest der sinnvoll-zufälligen Erret- Ilung aus schwerster Lebensnot. Hier wie bei keinem anderen unserer Feste scheint der Vorgang der Besreiung von so geringfügigen Zufälligkeiten bedingt und abhängig zu sein; und nirgendwo scheint der glückliche Ausgang der Dinge bis (zuletzt so ungewiß, in Frage gestellt und am Ende so jusöllig entschieden zu sein. Daß Achaschwerosch Esther, die Jüdin, vor allen An .fremden Jungfrauen, zu seiner (Frau erwählt, daß Mordchai, der Jude, der Verschwörung (gegen den König inne ward, daß am Vorabend der Judenverfolgung Achaschwerosch die Lust angewandelt, einiges °uö den Aufzeichnungen der Chronik zu vernehmen, baß (er hierbei just auf die Tat MordchaiS hingrlenkt wurde (und den Drang in sich empfand, den Thron- und Lebens- Iretter allsogleich reich, fast überreich, zu belohnen — womit (sich dann die Befreiung der Juden auS schwerster, drohend- Ister Gefahr anzubahnen begann: all diese Momente, Bor- IgSnge, Entschlüsse, Handlungen sind so wundersam, zufällig, (sprunghaft und teils innerlich so zusammenhanglos, daß ■an dein ganzen Geschehen etwas Unerwartetes, Ueberraschen- (des bleibt. Denn es waltet auch hier sinnvolle Zufälligkeit: (das Wie der Befreiung ist zufallsbedingt, das Was ist istnnhaft» notwendig. Eine Notwendigkeit, notwendiges Wun- (der, daS symbolischen Sinn verkörpert: die Unsterblichkeit (des jüdischen Volkes und seiner Idee. Der sinnvolle Zufall, das Wunder ist in seiner Häufigkeit (ein Kennzeichen jüdischer Geschichte. DaS Wunder des (Purim im besonderen, Symbol der Unsterblichkeit des Judentums, wiederholt sich immer von neuem in der jüdischeu Historie und wird von uns auch wieder alS äußerlich vielleicht zufällig erscheinender, im Grunde aber tief notwendiger, sinnvoller, befreiender Vorgang erkannt. Eine neue zionistische Föderation. Am 6. März beschloß eine von älteren Zionisten zahlreich besuchte Versammlung die Gründung der Föderation „Binjan Haarez (Aufbau deS Landes)". Die Föderation verlangt für den Ausbau deS heiligen Landes die Mitarbeit deS Gesamtjudentums. Sie verlangt die Schaffung einer Organisation, die alle Juden und jüdischen Verbände, unbeschadet ihrer Stellungnahme zu Einzelfragen, in dem Gedanken für Erez Israel eint. Die Föderation verlangt als Bedingung für die gesinnungSmätzige Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation nur das Bekenntnis zum Basler Programm. Sie lehnt jede darüber hinausgehende Forderung irgendwelcher Art ab. Die Föderation verlangt, daß bei der Auswahl der Methoden und Maßnahmen für den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas a'l lein die Rücksicht auf die baldige Prosperität deS heiligen Landes maßgebend sei. Die Föderation Binjan Haarez betont die Notwendigkeit und die Bedeutung der jüdischen Diaspora-Arbeit. DaS Verhältnis zum Staate wird bestimmt durch die Tatsache, daß sich in jedem Staatswesen eine Verbundenheit seiner Bürger herauSbildet, die in der gemeinsamen geschichtlichen Entwicklung begründet ist. In voller Würdigung der bürgerlichen Pflichten, die den Juden gegenüber dem Staat« erwachsen, überläßt die Föderation die Entscheidung über Zweckmäßigkeit und Art einer jüdischen Landespolitik den Juden der einzelnen Länder. Die Föderation Binjan Haarez fordert Ehrerbietung gegenüber der Ueberlieferung, dem sittlichen Ideale unserer Religion, insbesondere fordert sie eine Erziehung der Jugend im Geiste der Ehrfurcht und des Judentums. In daS vorbereitende Komitee der Föderation wurden gewählt: Prof. Dr. Earl Lew in, Prof. Dr. Gotthold Weil, Prof. Dr. Julius Citron, Dr. Eduard Leszynski, Dr. Alfred Klee, Dr. Arthur Kollenscher, Dr. Isaac Zwirn, Dr. Gustav WitkowSki, Arno Wagner und Dir. Georg Kare S k i. Das Büro der deutschen Abteilung der Föderation befindet sich Berlin W. 62, Bayreutherstr. 86. Wiener Allerlei. Rach zehnwöchentlichem DuSharren haben sich endlich die Gewaltigen der Wiener Israelitischen KultuSgemeinbe dazu verstanden, ihren Lehrern die Gleichstellung mit de» städtischen Lehrern zu gewahren. Auch in den übrigen BerhandlungSpunkten — Personalvrrtretung, Pensionsbezüge, usw. — wurde eine Verständigung erzielt Der Streik der Lehrer ist nunmehr beendet. Doch hätte die Kultusgemeinde nicht das gleiche Resultat vor zehn Wochen haben und so der Welt das unschöne Bild eines Streiks ihrer Jugenderzieher ersparen können? Bon dem A n t i s em i t e n t a g, an dem auch Reichsdeutsche und Ungarn teilnehmen, läßt sich nicht viel ererzählen. Es waren die bekannten demagogischen Hetzreden. Am liebsten möchte Man den Juden so tun, wie es der Herzog von Oesterreich ihnen vor 500 Jahren machte. Am 12. März 1421 wurden nämlich in Wien 86 Juden und Jüdinnen unter großem Gepränge verbwannt. Man hatte sie der Hostienschändung beschuldigt, — der wirkliche Grund war aber der, daß der Herzog Geld gebrauchte und' sich auf diese Weise in den Besitz der Vermögen der Juden setzte. Die armen Juden hatte man ausgewiese», die vermögenden gefangen gesetzt und ihnen den. Prozeß gemacht. Zahlreiche von ihnen entleibten sich wäh-, renb der Gefangenschaft. Sie hätten ihr Leben durch Uebertritt zum Christentum retten können. Die meisten unserer heutigen Wiener Juden hätte» wahrlich nicht diesen Opfermut. Ist doch unter ihnen der Weg ins Christentum schon längst eine tägliche Erscheinung geworden. Zuerst entfremdet man sich dem Judentum, indem man seinen Lehren und Traditionen kein Interesse «nt- - gegenbringt, gleichzeitig sucht man alles Erstrebenswerte außerhalb des jüdischen Milieus, — und wenn dieser Assimilierungsvorgang "seine Wirkung getan hat. dann sind Mischehen und Taufen kein Schritt mehr. A«S Bayer» und Württemberg. N ü r » b er g, 11. März. Anfangs Februar weilte Kurt Blumensetd in Süddeutschtand und besuchte dort die drei großen zionistischen Ortsgruppen, Nürnberg, München und Stuttgart. In Nürnberg sprach er vor etwa 300 bS 400 Personen über das Thema „Der Aufbau Palästinas". ES verdient, hervorgehoben zu werden, daß dieser Bortrag ein großer propagandischer Erfolg wurde, der umso bemerkenswerter ist, als wir uns in Bayer» gegenwärtig in ' einem heftigen Wahlkampf befinden, der die Gegensätze zwischen Zionisten und Nichtzionisten naturgemäß stark hervortreten läßt. — Es ist wohl der überaus sachlichen und deshalb besonders eindringlichen Art zu. verdanken, in der Redner bas Palästinaproblem und die Stellung der deutschen Judenheit dazu behandelte, daß sich nach dem. Bor-. trag soglsich tO neue Mitglieder und 13 Schekelzahleü anmeldeten. In Stuttgart sprach Herr Blumenfeld vor etwa 300 Personen. Persönliche Aussprachen mit Zionisten und Nichtzionisten gaben ihm im Anschluß an seine öffentliche» Ausführungen Gelegenheit, erfolgreich für den Keren Hajessod zu wirken. Der kurze Aufenthalt des Herrn Blumenfeld in München galt im wesentlichen der Aussprache mit dortigen Zionisten und der Vorbereitung einer demnächst dort ein» setzenden intensiven Aktion für den Keren Hajessod. Inzwischen ist in Bayern der Kampf um Me Gesamtvertretung deS bayerischen Juden7 tu ms in vollem Gange. Am 13. März 1921 finden die Wahlen zum Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden statt. In den meisten Wahlkreisen treten die Orthodoxen,. Zionisten und die von jüdisch empfindenden Liberalen gegründete Mittelpartri als „Jüdische Bolkspartei" der „Liberalen Wahlvereinigung" entgegen. Der Streit geht im wesentlichen um folgende drei Punkte ans dem Programm der Jüdischen Bolkspartei: tz 3. Die Jüdische Bolkspartei bekämpft die Entziehung oder Minderung des Wahlrechtes der ausländischen Juden in den Verfassungen einzelner Gemeinde» und des Verbandes. Sie verlangt innerhalb der jüdischen Gemeinden. die Gleichberechtigung der Gemeindemitglieder ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit. g 6. Die Jüdische Bolkspartei verlangt von den Gemeinden und dem Verband di« tatkräftige Förderung aller auf die körperliche, geistige und sittlich« Vervollkommnung der jüdischen Jugend gerichteten Bestrebungen. Sie fordert daher eine wirksamt Ausgestaltung des jüdischen Erziehungs- und Bildungswesens (Kindergärten, Schulen, Lehrkurse, Lesehallen). $ 8. Die Jüdische Bolkspartei verlangt, daß die jüdischen Gemeinden und der Gemeindeverband alle jüdischen' Angelegenheiten in ihren WirkungSkreK einbeziehrn und