Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1921)
- Date
- 1921-03-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FfankfurierZsraelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Ronpareille-Zeile 100 P-g.. für die Rekkamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Piatz- und Datum-Borschiist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Lnnoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt xiu Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Freitag, den 1. Adar II. 5681 (11. März 1921z Rr. 10. Zwingende Forderungen. ■. Wie miS Washington gemeldet wird, hat die vereinigte Senat- und Kammerkommission den Entwarf des Senats angenommen, der ab 1. April die Zahl der Einwanderer einer Nation auf drei Pro - z e n t der Zahl beschränkt, die ihre Volksgenossen im Jahre 1910 in den Bereinigten Staaten zählten. Als Laaer des Gesetzt wurden fünfzehn Monate bestimmt. Die Nachricht genügt noch nicht, um die Einzelheiten des kiinftigen Gesetzes zu überblicken, — sie genügt aber, um mit der erheblichen Einschränkung der Einwanderung als mit einer Tatsache zu rechnen. Es ist nicht anzuaehinen, daß iin Repräsentantenhaus und im Senat das Plenum zu einer.wesentlichen Aenderung kommen wirb, — und der neue Präsident, Har ding, hat bereits den Ruf, daß er sein Amt konstitutionell aussaßt, und so dürste auch er, trotzdem er der jüdischen Bevölkerung freundlich gegeniibersteht, dem neuen Gesetze seine Unterschrift geben. Die zahlreichen' Proteste aus den Reihen der amerikanischen Judenheit haben demnach! nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt. Erst jüngst hatte die „Hias" (Hebrew Immigration Aid Society), die über 121000 Mitglieder zählt, eine Riesenversammlung veranstaltet. ES sprachen der bekannte Rabbiner Stephen Wise, Maslia n L k y und der Präsident der Organisation, B e r n - stein. Nach den Ausführungen des letzteren sind während der letzten 40 Jahre 2064672 Juden in 'Amerika eingewandert, gleich 8 Prozent aller Einwanderer. Iin letzten Jahre wandelten 65 000 Juden ein — davon mindestens 9/10 zu ihren Verwandten —!, und cs wurden von den Eiirwandernngsbehörden nur 12 zurückgewiesen und auch von diesen 12 nicht ein einziger wegen Unmoralität, Kri- »linalverbrechen oder Radikalismus. Die Geschichte Amerikas beweist, so schloß Bernstein seine Rede, welch gute? Element die Juden sind, wie sehr sie-zum Aufblühen deS Landes beitragen. > 1 Doch was bedeuten in unserer Zeit vernünftige, gereckte Erwägungen? Und gar der Anspruch an Menschlichkeit, wie darf er heute auf Gehör hoffen? Mögest noch Millionen Menschen verelenden und umkommen, was verschlägt das denjenigen, die die Politik machen! Dazu, wenn es sich um Juden handelt! Und die Ostjudenheit muß Hrrnderttausende ihres Bestandes durch Auswanderung abstoßen! Der wirtschaftliche und politische Druck lastet mit solcher Schwere ans ihr, ein so fürchterliches Muß drängt und drängt, daß nur ihre Verringerung durch die Flucht eines Teiles ihrer Masse über die Grenze den erwürgenden Strick etwas zu lockern vermag. Doch wohin? Amerika schließt für fünfzehn Monate für den größten Teil dieser Unglücklichen seine Grenzen, — und verhungernde, verschmachtende Menschen köimen keine fünfzehn Monate warten. Nur e i n Weg in der ganzen großen Welt ist geöffnet: der Weg nach Palästina. Hier allein sind für die jüdische Zukunft Möglichkeiten und zlvar gewaltige Möglichkeiten, — und dazu verlangen gerade diese Möglichkeiten, daß das großzügigste Werk für eine schnelle und große Einwanderung geschaffen wird, ein Werk, das nur durch.die Zusammenfassung aller Kräfte des gesamten jüdischen Volkes geleistet werden kann. Ter Beschluß von Washington ist eine Warnung für jeden .Juden — er mag denken, wie er wolle, er mag! Berantwortlichkeitsgefühl für das Schicksal seiner Glaubens- und Stammesbrüder im Osten empfinden oder nicht, — sich mit wachem Sinn dem Palästinaproblem zuzu- | wenden. Wenn den aus der osteuropäischen Hölle heraus'- j drängenden jüdischen Massen kein Ausweg nach Palästina geschaffen wird, dann wird nicht nur die unerträgliche politische Situation der Judenheiten dieser Länder noch gesteigert, sondern auch den Judenheiten der westeuropäischen Länder werden mancherlei politische Gefahren erwachsen. Darum, loen von den Inden Westeuropas nicht Bruderliebe oder Ehrgefühl treiben, den sollte der nackte Egoismus nötigen, Herz und Hand jenen Bestrebungen zu geben,' die in der Zionistischen Organisation ihren Niederschlag gefunden haben. Die Frage der Wiener ostgalizische« Flüchtlinge vor dem Börkerbnnd. Der Pariser J.-Rorrespondent der „J.P. Z." berichtet: Von den ostgalrzischeir Flüchtlingen weile» derzeit noch 50—60,000 in Wien. Es gelang diesen nach großen Mühen, sich Existenz zu schaffen, — und ihre Kinder, in deutschen Schulen erzogen, sind der polnischen Sprache nicht mächtig und mit dem Wiener Milien völlig verwachsen. AE die österreichische Regierung eine» Ausweisungsbefehl gegen alle Angehörigen der Sukzessioirsstaaleir erließ, aber nur gegen die ostgalizische» Juden in Anwendung brachte, intervenierte das „Komitee der Jü'o. Delegationen" in 'Paris mehrfach. Die österr. Regierung depeschierte ihm am 17. Juli vor. Js„ sie werde die Anweisungen auf das allernotwendigste einschränken und au? das humanste durchführen. Leider aber hat jetzt die österr. Regierung wiederum begonnen, zu allgemeinen Ansiveisungsmaßregeln zu greifen, lvobei oft in der brutalsten Weise vorgegangen wird. Das K. ö. I. D. Hot nun anläßlich der BölkerbundZtagung in Genf in dieser Sache ein Memorandum überreicht. Unterdessen hat auch die polnisch« Regierung sich dieser ihrer Staatsangehörigen in Wien angenommen! und gegen Oesterreich eine Klage beim Völkerbundscah erhoben, die bei der jetzigen Tagung in Paris zur Sprache kommen soll. Ein ausführliches und reich, dokumentiertes Memorandum lvnrde dem Völkerbundsrate und all' seinen Mitgliedern vom K. d. I. D. überreicht. Der Vorsitzende des K. d. I D., der zu. diesem Zwecke eigens von London für wenige Tage nach Paris gekommen ist, hat mit den hervorragendsten Persönlichkeiten des VölkerbnndsraleS Fühlung genommen. 'Als Vertreter der Wiener Juden ist Landtagsabgeordueter Stricker nach Paris gekommen. Ein weiterer Bericht des Pariser J.-Korrespondentenj der „I. P. Z." meloet: In seiner Sitzung vom 24. Febr. hat sich der BölkerbnndSrat mit der Frage der ostjüdischen Flüchtlinge in Wien beschäftigt. In Vertretung der polnischen Anklage schilderte Prof, As kenazy die Lage der Ostjuden in Wien, worauf der Vertreter ' Oesterreichs, E i ch hoff, Oesterreich das Recht wahren wollte, seine Souveränität ans seinem Gebiete voll 'auszuüben und Ausländer ausznweisen. Der Völkerbnndsrat, dessen Mitgliedern ausführlicf.c Memoranden des Komitees der Jüd. Delegationen! in dieser Frage Vorlagen, beschloß die Erledigung dieser' Frage zwecks genauerer Prüfung des Materials aufznschicben. Am l. März setzte der Völkerbnndsrat die Behandlung dieser Frage fort und beschloß für Mittwoch eine Konferenz zwischen 'A s kenazy und E i ch h o f f unter Vorsitz von Balfonr abhalten zu lassen, am zu versuchen, die beiden Standpunkte einander näherzubringen. Das Elend der jüdische« Gemeiudebeamte«. Selbstmord eines Rabbiners. Der Rabbiner der jüdsschen Genieinde M a l a ck a (Slowakei), Vater von acht Kindern, beging aus Nahrnugs-- sorgen Selbstmord. Seine Situation hatte freilich znm Teil ihre Ursache darin, daß er auf dem Boden der Tradition stand und dadurch Differenzen niit seiner „neologen" Gemeinde hatte. Die „Wiener Morgenztg." bemerkt zu dem Fall: »Der ebenso tragische wie ungewöhnliche Vorfall wirft ein scharfes Licht auf eine am jüdischen Volkslörver zehrende Wunde, die ebensosehr einen Schaden wie eine Schande für das Judentum bildet. Die Rabbiner in zahlreichen kleinen und manchen größeren Gemeinden in der Provinz sind seit langem in einer Weise ausgebeutet, daß die Staatsbeamten und die übrigen Seelsorger ihnen gegenüber vielfach als wahre Krösusse erschei.rea. Dem Rabbiner, dessen Aufgabe es ist, der geistige Führer seiner Gemeinde zu sein, die jüdischen Traditionen tut weitesten Sinne lebendig zu erhalten und für eine wahrhast jüdisch« Erziehung der Jugend zu sorgen, das Judentum nicht als bloßen Konfessiönalismns zu lehren, sondern als eine alle Lebensgebiete umfassende national-cthisch-religiöse Ans-. schauung, ist unter dem Druck der materiellen Sorgen, infolge des schädlichen Einssnsses der ihn umgebenden» Enge Und öden Kleiugeistigleit in vielen Fällen seine Führerrolle entglitten, und er ist ein Werkzeug in de»! Händen der kleinen Gemeindegrößen geworden. die umsoweniger nach dem Gesichtspunkt ihrer jüdischen Eignung gewählt werden, je mehr die Dekadenz des jüdischgeistigen Lebens fortgeschritten ist. Daß kleine Krähmrrvkelpaschas sich, sogar in seinen eigensten Angelegenheiten zu Despoten des Rabbiners auswerfen, ist eine fast alltägliche Erscheinung, die so zur Regel geworden ist, baß bald niemand an ihr Anstoß nehmen wird. So sind der innere Niedergang der Gemeinden und der Verfall b^i Rabbinats Hand in Hand miteinander gegangen, und beide Erscheinungen entspringen der eineu Ursache: der Dekadenz eines seinem eigentlichen Wesen untren gewordene»! Jndentums . . . An dieser Entwicklung sind auch die Rabbiner nicht ohne Schuld; als Gesamtheit angesehen waren sie teils zu schwächt teils nrcht nüllens, sich erneu Entwicklung entgegenzustemnien, die schließlich auch über sie selbst hinwegzugehen droht, und der Selbstmord be§| armen, gehetzten und verhungerten Rabbiners von Malaeka beleuchtet ein trauriges Kapitel in der neuesten jüdischen! Geschichte." Fürther Brief. Fürth i. v.. 4. März. Die Wahlen für die Tagung be3 h ay er. Genie indeverbande» haben unserer Gemeinde Leben" gebracht, wie es hier mir selten zu beobachten ist, unserer Ruhe ist ein wenig unsanft gestört worden. - . Das können wir weniger sagen von der Bersammluag am 1. März, in der Justizrat Dr. Erlanger- Nürnberg und St. Leo Stahl-Fürth ihren Standpunkt klarlcgten und vor altem bekannten, warum sie, obwohl selbst liberal ein Zusammengehen mit den Orthothodoxen für notwendig halten, — um des Friedens willen soll jetzt in der Zeit des Antisemitismus kein Kampf gegeneinander geführt werden. Die Orthodoxest gehen lieber mit den ' Liberalen zusammen, die in Fürth bisher für die Bedürfnisse der Orthodoxie gesorgt haben, wie sie sagen, als mit den in der „Botkspartei" eingeschtossenen Zionisten. Abgesehen von ein paar etwas unangenelMen Fragen über die Ausländer u. a. verlief dieser Wend ganz, ruhig. Ganz anders die Versammlung am 2. März, die von der „jüd. Volkspartei" (Orthodoxen, Mittelpartei, Zionisten, Ostjuden) einberufen worden war. Der Hauptredner des Wends, Rechtsanwalt Dr. E. Strauß- München entwickelte in seiner bekannten überaus vornehmen, klugen und klaren Weise zunächst die' historischen; Verhältnisse der Juden in Bayern seit 1813, sprach über das Judenedikt, die Ministerialversügung von 1863, über das vorläufige Statut des Gemeindeverbandstages, die Parteien und dann über die Wahlflugblätter von Nürnberg und Fürth und unterzog diese einer vernichtendest Kritik. Schon zeigten viele heftige Zwischenrufe, daß di« Kritik die Wahrheit getroffen hatte. Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen, die schiefe Position der Fürther; Orthodoxie war schwer getroffen und klar gekennzeichnet. Rechtsanwalt Dr. Sinauer -Nürnberg entwickelte die Stellung der Mittelparrei. Als wahrhaft liberale Partei tritt sie für das Recht dev' Orthodoxie ein, nicht für „Zugeständnisse", har sie Verständnis für die Palästinaarbeit und ihre hohe Bedeutung für die Gesamtjudenheit. Cs waren die Liberalen in Fürth, die von Dr. S. sich überzeugen ließen, daß auch sie keiner»' Grund haben, die „Volkspartei" zu bekämpfen, die ss» stark in Verruf gebracht worden war. ohne innere ns Grund. > # Namens der Zionisten sollte Dr. B am berger- . Nürnberg sprechen, besonders über die Bedeutung der jüd. Schule, gegen die sich die liberalen Flugblätter zum Teil wendeten — soweit sie ohne Orthodoxie austraten, ganz »»verhüllt: — in Fürth aber überging mau diesem Punkt, wie anderes' auch, nachdem hier die Orthodoxis im Bunde mit Liberalen wählt, ohne p r i uzrprell anders zu denken und zu handeln. Es soll freilich den Fürther Liberalen zu gute gehalten werden, daß sie seit Fahr und Tag die Mrs. Realschule finanziell wacker unterstützen, nicht aber st» die Kultusverwaltung. Umsomehr hätten sie ihre liberale»! Brüder anderswo bewegen müssen, nicht gegen die jüd. Schule zu arbeiten, wenn man selbst chren Segen einsieht. Und dre Orthodoxie, die in Fürth schon so» viel Uuary-