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Neue jüdische Presse · 1921-03-04 · Heft 9 (4.3.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 9 (4.3.1921)
Date
1921-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugs preispro Nterteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 stet ins Haus. Bet Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 7903 Herausgeber: Galh Geis Jnsertionspreis für die sechsgespalteneRonpareille-Zeila Ivü Ptg-, für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Ännahme bei der Expedition und in allen- Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. Munter Nr. 4884. IS. Jahrgang. Freitag, de« 24. Adar L 5681 (4. Marz 1921) Nr. 9. Ethos rrnd Politik. Zur inneren Lage im Zionisnrns. Es gibt ursprünglich einen immanenten Gegensatz irische» Ethos und Politik, einen Widerstreit irischen Idee und Verwirklichung; naturgegeben und erdcbincir. Denn Ethos — im weitesten Sinn genommen — ft in seinem Fordern, seinem Gesetz radikal und absolut; Politik aber ist durchaus in den Bereich der irdische» edingtheiten^ mitten in die Wirklichkeit hinein gebannt, o Ethos Gesinnung und Tat fordert, dringt Politik imf. die Leistung. Der Ethiker, radikal in seiner geistigen und moralischen Tat, ist heroische Gestalt, weil r die Wirklichkeit bezwingen will, der Politiker, der die Wirklichkeit bejaht, um daun das Werk der allmählichen lingestaltung pi, ihr zu vollziehe», ist eine unheldische alläglichc Figur. Ethik und Politik verhalte» sich zueinander, lim idealen Falle) wie Ziel und Weg. Das Ziel ist udlich, der Weg aber scheint 'endlich, must endlich cheine», weil er nur dann von Menschen beschritten wird; loch unendlich ist auch er. Darum gibt es im Grunde eine Synthese von Geist und Politik in der Wirklichkeit. 78 siegt bas eine oder das andere; oder, für eine Weile,; der goldene Kompromiß", der einen Vertrag zwischen beten aus gegenseitige Duldung darstellt. Jede nationale der iiienschheitliche Bewegung, die von der Idee heronimt, und in die Tiefe des Volkes dringt, must ein- >ial, früher oder später, diesen inneren Konflikt zwischen ,bee Und Verwirklichung an sich erleben. Wie der innere Zwiespalt überwunden wird, ist zukunftsentscheidend sür ic .Bewegung. Die Wahl zwischen Elhos und Politik st das Schiboleth für jede Bewegung, ist eigene Schick« lsbestimmung; und wird ihr oft zum Todesurteil, znnr Menetekel. I Ter Zionismus ist heute von diesem inuereu Widerstreit zwischen Geist, Ideal, Traum und Natur, Gcebenheit, Realität beherrscht. Seine heutige. Krisis ist, cistig genonimeil, Ausdruck dieses inneren Kampfes; und :in zukünftiges Schicksal ist mit dem Ausgange dieses ampfes eng verbuirden. Es ist eine Krisis an Geist und ecke des Zionismus. Der Ursprung des modernen Zionismus ist eine der, nicht, wie manche, glauben, politischer Machtwille er wirtschastlichps Glücksstreben. Hinter seinen politilen. Forderüngen an die Welt stand immer eine inorasche, eine geistige Forderung. Zweitausend Jahre trug ^as Volk unerhörtes Leid uni seines Ethos, seiner Region, seiner Knltnrmission willen. Die ganze jüdische alntgeschichte hätte ihren Sinn verloren, wenn mit der cfreiung des Holkes zugleich der' Verfall seiner zenalen Ideen eiicgeleitet worden wäre. Ursprünglich in menr Programm, seinen Forderungen, seiner Haltung »d Gebärde kühn, radikal, droht der Zionismus heute ropäische Methoden der Politik samt und sonders annehmen; droht er mit dem Grundsatz der offenen Volkslitik z» brechen, um dafür das politische System Eurols mit allen seinen Unaufrichtigkeiten, Händeln, seinen ngcrechtigkeiten und seiner Heuchelei einzutanschen; ist in Gefahr, feinen inneren Elan, sein sittliches PaoS einzubüßen. Bon der einen Seite dringt Machtü'itik in den Zionismus zersetzend ein: von innen her irkt unheilvoll nationale Beschränktheit, Apathie, unziale Gesinnung, und. beginnt das Gefüge der Orgaisation zu lockern, an der Einhvit und Geschlossenheit der olssbewegung zu rütteln, die Quellen innerer Kraft für '» Zionismus zu verschütten. ES ist so, wie vor kurzem n zionistischer Führer es ausgesprochen hat: Von zwei Seiten droht der zionistischen Arbeit die esahr einer Abdrängung von dem rechten Weg: von ni Nur-Politikern, die ihr ganzes Heil iir der Politik |()cn Und von der Politik 'das Letzte und Höchste erarten, — und von den Nstlr-Praktikern, für die es >r ein dringliches, entscheidendes Problem des Aufus in Paliistina gibt: die sichere wirtschaftliche Funeruiiq. des werdenden jüdischen Gemeinwesens in Pastina. Beide vergessen über den politischen und den wirtlaftlichen. Notwendigkeiten das geistige Ziel des Zio- -mus: das jüdische Volk in Palästina wieder zum lang einer freien kulturschöpferrichen Nation! fiporzusühren. — das letzte, sinn- und richtnng-gcbendc el des zionistischen Erneuerungswerks, Der Zionismus .ist heute au einem entscheidenden! »kt inseiner , Gxschichte angelangt: . politisch wie geistig, i ist die Frage: Ethos oder Politik'(beides im weitfasttc» Sinn),die ihn heute erschüttert und brircgt; heute vielleicht noch nicht in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Schärfe erkennbar, aber in der nahen Zukunft, in Palästipa, imnier wahrnehmbarer und sichtbarer werbend, immer bedeutsamer und solgeuschwerrr. Sie ist vielleicht die geistige Schicksalsfrage des jüdischen Volkes in Palästina. * Dem Zionismus der'Idee, dem radikalen Zionismus wollen die „Freien Zionistischen Blätter"*) das Wort reden, lieber die Reinheit der zionistischen Idee zu wachen, frei-unabhäNqig die zionistische Politik zu werten- und zu kritisieren, sei ihre Absicht, ihre Aufgabe. Notwendig sei sie, weil der Zionismus heute von dem einzig richtigen geraden Weg, dem, der ihm durch seine Idee klar vorgezeichnet ist, dem Weg der radikal nationalen und geistigen Politik abgedrängt zu werden droht. In den „Blättern" wird denn auch strenge, herbe Kritik geübt an der Politik des gionisnilis in der nahen Vergangenheit und der Gegenwart, - wird die heutige Krisis im Zionismus beleuchtet, ihr Wesen und ihre Ursache» dargestellt, ihre Lösung erörtert. Die einen werden hier heftig widersprechen und polemisieren wollen, andere in inanchen Punkten beistimmen, im übrigen sich ablehnend verhalten, die dritten vielleicht restlos bejahen. In jedem Fall: man! wird sich mit der Auffassling, die in den „Müttern" verfochten wird, auseinandersetzen müssen.. In zwei einleitenden Aufsätzen über „Jüdische Politik" und die „Bilanz der zionistischen Politik" ivird von Jacob 5k l a tz k i n und N'achnm Goldman u eine grundlegendc Kritik der gesainten Kriegs^ und Nachkriezspolitik des Zionismus versucht. Zunächst wird die nationaljüdische G a l li t Politik inl Kriege der ivertenden Untersuchung unterzogen. Es wird festgestellt und scharf verurteilt, daß der primäre Grundsatz deS jüdischen Nationalismus von der Einheitlichkeit und dem überterritorialen Eharakter der jüdischen Volkspolitik von den Zionisten im Kriege fast überall tatsächlich! durchbrochen und lügenaestrast worden ist. Drastische Belege (vor allem über den Zionismus in Polen) werden beigebracht. Von Ueberspaimuiigcn eines Prinzips soll hier nicht gesprochen! Ircrbcn. 'Es geht hier um die grundsätzliche Frage: Durste und darf auf die von Klatzkin verpönte „Realpolitik" der Konzessionen und des zeitweiligen Kompromisses im Galut ganz und endgültig verzichtet werden und durfte und darf iiiaii sich bloß ans die radikale Forderung» unnachgiebig und schroff, beschränken? — Mir scheint: nein. Wo die jüdische Existenz iinmittelbar bedroht ist — und sie war es ivähreud des ganzen Krieges im Osten, — wo die Fundamente des' jüdischen Lebens ständig einzuftürzen drohen, muß notgedrungen zur Galut-Erhalt u n g s - Politik, das heißt zur „Real"-, ja äußprstenfalls selbst „Schlndiloni>n"-Politik schweren Herzens, iin Bewußtsein ihrer inneren Unmoral. aegrijfen 'werden, als zuni letztem, zum schlechtesten Mittel. In einer Atmosphäre der Pogrome, der brutalen Willkür muß alles andere vor der Notwendigkeit der Lebenshaltung verstummen. Radikalismus wäre hier frevelhaft, er märe hier auch unmöglich. Und was anders ist auch die erste, die selbstverständlich erste Forderung des jüdischen Nationalismus als: Rettung des jüdischen Volkes vor Untergang; — bann erst: Rettung und Befreiung durch Palästina. Wer die Dinge unter diesem Aspekt ansieht, wird, glaube ich, zehn Balfoursche Deklarationen saint dem ganzen übrigen diplomatischen Gelvinn bedenkenlos dafür hingegeben haben: das; die russische Jndenheit vor der über sie hereingebrocheilei, Katastrophe bewahrt worden wäre. Selbst bloß aus nationalen Erwägungen heraus. Man kann die (bedingte) Berechtigung der „Erhaltuiigs"-politik im Galut bejahen; und kann darum die KriegSvoliiik des RatioiialjudeiituniS in den Ostländern erklären und verteidigen. Man kann, -man soll aber nicht das Pathos rechtfertigen, mit dem diese Politik verkündet und bejaht wurde und die ganze falsche Einstellung der Ausgesühnthelr mit den Dingen, aus der sie entsprang und entspringt. Hier liegen die eigentlichen Sünden und Verfehlungen bei dieser Politik;, in dem inneren Bekenntnis zu ihr, in der seelischen Haltung zu dem „notwendigen llebel" in nichts anderem. Hier wird die Kritik des radikalen Zionisten Klatzkin zutiefst berechtigt und verdienstvoll. Wie liegen die Dinge bei der Palästina-Politik "des Zionismus in und nach dein Kriege? Nicht wesent¬ *) Eine Zeitschrift, herans'q. von Tr. I. Klatzkin und Dr, N. Goldman» in Heidelberg. Heft 1, 1921. lich anders. Hier werden schwerere Borwürfe erhoben: daß der Zionismus im Laufe der letzten sechs Jahre sich iminer mehr und bedingungsloser in das ganze politisch« System Europas eingeorbnet, und einen Bund mit Geheim^ biplomatie und Machtpolitik imperialistischer Staaten geschlossen hat. Weiter, daß er diese schlechte Politik mit falschem Glanz umgeben ihren Erfolgen eine maßloje Bedeutung beigelegt hat. und ein leichtfertig-gefährlich^ Spiel mit der Volksseele getrieben hat! Wie stehts mit dieser Anklage? — Meinen die Klatzkin und Goldmann etwa: Durch eine radikale politische Strategie» durch Absgae an lebe Hiuter-Kalissen-Diploruatie und bloße Berufung auf die Idee, auf das moralische und nationale Recht hätte das Ziel: Palästina eher gewonnenwerden können? Nein: auch sie wollen die Zusammenarbeit des Zionismirs um imperialistischen Mächten, von gestern und von heute, nicht in Grund und Boden verdammen, eben ireil sie der einzige, Erfolg versprechende Weg und damit nationale Notwendigkeit war. Nur Einzelne, Gruppen oder Sekten können radikal und unerbittlich ein Ethos, unter Einsatz auch des Lebens, zu verwirklichen suchen.' Für ein Volk ist die „heroische Existenzform" (Klatzkin) nicht geschaffen, absurd und nicht kategorisch zu fordern. So verwerfen auch Klatzkin und Goldmann nicht so sehr den Pakt und die Verständigung mit der europäischen Geheimdiplomatie als ein anderes: Die Einstellung zu der politisch-nationalen Notwendigkeit. Daß von Genlah, der Erlösiing gesprochen wurde, wo die politische Anerkennung und Zusage einer Regieruirg vorlag: daß man messtanische Tage gekommen wähnte, wo sich eine bessere Zukunft anznbahnen schien. Den verfrühten Jubel, den Siegesrausch!, die Triumphgebärde verilrteilen sie, mit Schärfe und Rücksichtslosigkeit. lind verurteilen hier mit Recht; dasselbe; was sie oben bei der lleberprüfuixg der Galut Politik scharf kritisiert und abgelehnt haben. Es geht um bas Ethos des Zionismus: Politik droht es zu überwuchern, zu erdrücken. In jedem Fall, ob wir die europäischen Machtprinzipien mit Protest oder mit innerer Bejahung in unsere Politik herübernehmen: Die „zionistische Moralität"' ist und bleibt gefährdet durch geistlosen Tiplomatismus und Wirklichkeitsanbetung, durch! Volks- und gemeinschaftsseindlichen Utilitarismus, wie sie heute im Zionismus durchzudringen und überhandzunehmen drohen. Die heutige Krisis des Zionismus ist Ergebnis von verschiedenen, zusammenwirkenden, zutiefst not? wendigen historischen Prozessen. Sie ist organische, im Wesen des Werdens der Bewegung begründete Krise, die nicht zu verhüten oder im Keime zu ersticken, sondern nur zu hemmen und hinauszuzögern war. Die Kritik Klatzkins und Goldmanns hat darum zunächst nur Sinn, und Wert einer sachlichen, ehrlichen, notwendigen Feststellung von Tatsachen und Ergebnissen, »von Niederlagen und Gefahren. Vielleicht hängt mit der inneren Eigenart dieser Kritik ein Mangel in < den „Blättern" zusammen, dev Mangel eines konkreten Progr a m,n s. Mit allgemeinen .Leitsätzen und Thesen ist es allein noch nicht getan; verfehlt ,nan, bestimmte, reale, gegenwartsdringliche Forderungen zu erheben, muß mcur auf eine Wirkung ins' Breite verzichten. Oder will mau sich mit Warnungen, Ratschlägen, Hinweisen, Anregungen. begnügen, sich bei allgemeinen Kundgebungen radikaler Gesinnung, bei Protest und Polemik bescheiden? Wie dem auch sei: von tiefem Wert ist an der Zeitschrift schon die Betonung des ethischen, des geistigen, des -seelischen: Gehalts in der zionistischen Bewegung. Die priniäre Bedeutung der „nationalen Moralität", der psychischien Einstelluna des Volks wieder aufzuzeiqen und wieder bloßzulegeir, ist ein Berdienst. .Fruchtbarer und notwendiger allerdings wäre, konkret und bestimmt die Wege zu zeige», auf denen der Ethos des Zionismus erhalten und in die Wirklichkeit übergeführt werden kann. Den Weg, ans dein die — nationale, soziale, sittliche — Idee der zionistischen Bewegung sich erfüllen kann. Die Krisis des Zionismus ist heute noch an ihrem Beginn. Sie hat den Höhepunkt vielleicht noch nicht erreicht, vielleicht schon überschritte». Entscheidend ist ihr Ausgang: ob der Ethos, oder die Politik im Zionismus — entscheidend über das geistige Schicksal des jüdischen Volkes, Kaleb S chalkoiwrtz.

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