Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 8 (25.2.1921)
- Date
- 1921-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FranffuMWaeliiisches Kamilienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertelt ahr: In Frankfurt am Main, bei der Neuen jüdischen. Presse, aufwärts bet der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis * Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 P g., für die Reklamezeile Mk. 3 — sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Ilnnoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Freitag» den 17. Adar 1. 5681 (25. Februar 1921) Rr. 8. Der Maudatsentwurf. Wir haben die wesentlichen Paragraphen des Manvatscntwurfes gebracht. Inzwischen ist bekannt geivorden, dass der Entwurf nicht nur' die Zustimmung der englischen, sondern auch der französischen und der italienischen Regierung erhalten hat. Man darf also annehnicn, daß der Text des Entwurfes ohne wesentliche Aenderungen zum Gesetz werden wird, sobald der Friedensbertrag Mit der Türkei ratifiziert wird. WaS brinjgt das Mandat? Wohl ist das, was wir ror dem Kriege nie erhofft 'hatten, Tatsache geworden^ —. pnd doch tvird die Wirklichkeit vorerst noch weit entfernt von jenem Bilde sein, wie es Herzl sah. Allzu sehr hängt die Durchführung der Mandatsbestimmungen von dem guten Willen Englands ab, das auch hinsich :lich der Ernennung des Oberkommissars freie Hand hat. Andererseits verkündet das Mandat die historische Vcrkniivstcheit deS jüdischten Volkes mit Palästina, Enjqland übernimmt die Pflicht, ein jüdisch-nationales Heim zu schassen, die jüdische Einwanderung zu erleichtern und die noch ünerschlosseneu Landstriche der jüdischen Besiedlung zu erschließen, und die Zionistische Organisation wird als die Vertretung der Judenheit völkerrechtlich anerkannt. Es muß gesagt.werden, daß mehr nicht zu erwarten war, da die jüdische Bevölkerung noch lange nicht die Majorität im Lande «bildet. Doch das Zuge standen« gewährt bereits die M ö g l i ch feit, zu eineni frei überfein Schicksal b est i in in e nd e n Ij irdischen Palästina zu gelangen Jetzt kommt es nur auf die En er g ie des jüdischen Volkes an. «Besonders die Zionisten haben heute den Beweis zu bringen, ldaß sie nicht nur zu sprechen, sondern auch zu tun ver- Iftehen, dass chicen der Zionismus nicht Lippenwvrt, son- Ider» heiligste Herzenssache, das Größte ihres Lebens ist. I * J I D r. Schabad schreibt im „ I S r. W o ch e n b l. f. Id. Schweiz": . I „Aus jeden Fall spricht man jetzt in. den offiziellen kitten von einjer palästinensischen Staats Zugehörigkeit Kuitb von einem jüdischen Volke." I „Ter-Völkerbund, verpflichtet den Mandatar (Großbritannien), die Errichtung, einer nationalen Heim- »ätte.sür das. jüdische Volk in Palästina lu verwirklichen. Mit dieser Anerkenung unserer böchsten Mechte durch den Bund der Völker erhält der Zionis- Mus die offizielle Sanktion durch die oberste völkerrechtliche Behörde. Ein imposanteres Dentmal bätte die Mensch- Iieit Theodor Herzl nicht errichten können." I ,^Vie jede Gesehnorm, schafft das Mandat einen Rahmen, dessen' Ausfüllung dern praktischen Leben vorbc- »alten. bleibt. Was im Mandat stpht, ist ungemein wert- M>ll. Manches Wünschbarc steht in ihm nicht. So hätte Man eine präzisere Regulierung der Beteiligung der „jü- Msschen Behörde" an der jeweiligen Bestellung der palä- Winensischen Regierung begrüßt. Sehr wesentlich ist aber Mcse Lücke nicht. Denn, wie 'Andre Spire treffend bemerkte, ein Reich, das einen Juden zum Bizekönig von Madien ernennt, wird gewiß nie einen Fehlgriff bei dev, Muswahl seines Statthalters in Jerusalem machen. Im Übrigen gilt cS, die errungenen Vorteile cruszunütze», »nt tut Lande möglichst schnell eine effektive jüdische Ma- Mrität zu 'schassend Hüten wir uns, unsere Forderung nach Wlankvkrcdit zü übersvanNen und beweisen wir durch die Mat, baß wir willenS und imstande sind, das uns vom »ölkerbund Und von Großbritannien in hohem Maße gc- Wenkte Dertrmren..zu rechtfertaen. I Das Mandat für Palästina ist eine Errungenschaft, die Man Vor 6 Jahren für ein-'Utopie gehalten hätte. Der »ri-g hat nicht nur große Teile des Judeirtums nnsag- Mr.'n Leiden ausqcsetzt, sondern auch — in ausgleichendcnl Wercchtiqkeit der Geschichte — den Weg zur Wiederauf- Miehüng geebnet. Große Teile des Judentums nt üssen Mute iauswandern und sie dürfen es tun, wenn sie es »ur können. Der Völkerbund rechnet auf die Solidari- MnitSt gand den Qpferwillen der Inden. Der K e r e n M a j e f so d allein vermag aus dem verhcißungslollen Mandat lebendige Wirklichkeit — -» blüchenden Judenstaat — zu machen. Die 'elt hat uns-eine Magna Charta verliehen. Jahrtausende Vergangenheit, und derZukunft blicken aus unsere "genwärtige Generation. Möge sie die heiligste und höchste ller Pflichten freudig erfüllen! -.Republikaner, Rohalistcn, Orleanisten, Bonapartist-n. Legitimisten: das alles sind nur Vornamen. Der gemeinsame Familienname aller ist: Patriot!" Wenden wir dieses herrliche Wort des französischen Staatsmannes Paul Deroulßde auf unsere Parteiverhältnisse an und bekennen .wir ohne Hintergedanken: „Misrachist, Zionist, Agudist, Poalezionist: bas alles sind nur Vornamen, und der gemeinsame Geschlechtsname ist: Jude!" Keren Hajessod ist die Barrikade, die nicht etwa Zionisten und Mcht-- zionisten, sondern Juden und Mchtjuden trennt. Ein Drittes gibt es nichr, denn die Barrirave hat irur zwei Seiten. Wir werdeic sein ein einig Volk von Brüdern, oder wir werden überhaupt nicht sein!" * Tie antisemitische „Morni ng Po st " erklärt, es muffe zugegeben werden, daß der ManoatScntwurf alle Bedenken entkräftet, als ob die Errichtung der jüdischen Nationalheimstätte eine Gefährdung der Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas bedeute. Sir Herbert Samuel, Oberkommissar von Palästina. v‘_&M yCfiS'S r#w WWW >';-s MR Die Berliner „ I ü d. Presse “ beanstalldet, daß nach Artikel 16 die Tätigkeit der MijUion nichr gehindert ooer gestört Neiden darf- Unternehmungen, die nur dazu untcrhaltc» tverdcn, nm Angehörige der einen Glanbrnsgrmcinschafl in die andere hineinznziLhen, seien in Palästina nicht um Platz. Dagegen verzeichnet bas Blatt als erfreulich" daß zum ersten Mal micbcr seit dem Untergang des jüdischen Staates der Sabbat als der gesetzliche Ruhetag für die Juden staatsrechtlich anerkannt wird. Die Zeitung schließt ihre Ausführungcm mit folgenden Worten: „Was seit der Zerstörung des Tempels und der Verbannung der Juden nicht mehr war, ist jedenfalls heute zur Tat geworden: Das Rech t des jüdischen Volkes auf Palästina ist anerkannt, die Tore sind ihm geöffnet und die Möglichkeiten gegeben, ans dem Lande das nationale: Heim des jüdischen Volkes zu machen. Wer bis - jetzt, noch beiseite gestanden hat, wird cs jetzt hoffentlich erkennen, tvas wir seit Jahren gepredigt hiaben, daß die gefaulte, Verantwortung für das Schicksal hnseres Volkes auf ihm selbst liegt. Ergreifen wir jetzt die Gelegenheit nicht, arbeiten wir noch immer nicht mit am Ausbau des Landes, dann kann uns auch - jetzt noch das Glück wieder verloren gehen, daß Gott uns nach so langer Zeit geschenkt hat. Arbeitet aber das gesamte jüdische Volk mit und tut seine Pflicht, dann wird sich das erfüllen, was der Völkerbund will, und Palästina wird unser jüdisches Land werden!" Religiöse Orqanisieruvg in Palästina! Wie der Straßburger misrachistischen Zeitschrift ,Le Jnif" aus Palästina geschrieben wird, habe eine von dem Oberkommissar Sir Herbert Samuel eingesetzte Kommission folgenden Vorschlag für die religiöse Organisierung der palästinensischen Judenheit ausgearbeitet: Es soll eine oberste religiöse Behörde ohne administrative Gewalt konstituiert werden. Diese Organisation wird, waS jeden einzelnen Ort betrifft, den Gemeinderäten der betreffenden Städte anvertraut werden, und für Fragen^ allgemeiner Natur einer Generalversammlung. Diese höchste religiöse Behörde wird ihre Tätigleit über ganz Palästina ansdehnen. Jede Stadt soll das Recht haben, ihre religiösen Funktionäre selbst zu wählen. Da eS schwierig wäre, sich über die Wahl eines für ganz Palästina maßgebenden religiösen Oberhauptes zu einigen, ist es nötig, eine Gruppe von Rabbinern zu konstituieren, die zu gleichen Teilen aus Sephardim und Aschkenasim besteht. Dieser Rabbinerrat hat.zwei Präsidenten, einen Aschkenasi und einen Sephardi, welche für eine bestimnite Zeitdauer gewählt werden und die Anführer der beiden Gemeinden sein sollen. Dieser Rat soll das oberste Beth Din Jerusalems sein. Er^ soll auS 8 Mitgliedern bestehen, ciiffchließlich der beiden Präsidenten: die anderen 6 bilden das Beth Din von Jerusalem und sind in zwei Gerichtshöfe je zur Hälfte für beide Gemeinden geteilt. Der aschkenasijche Präsident wird den Titel Großrabbiner tragen, und der sephardische den des Rischon Leziocc. Einer der beiden Präsidenten wird, gemäß der Entscheidung der Rabbinerversammlung, welche den Rabbinerrat wählt, der Präsident des Tlppelationshoses sein. Der Rabbinerrat wird füjck 3 Jahre gewählt; nach Ablauf dieser Zeit erfolgt eine Neuwahl. Ueber den Modus der Wahl des Rates ist man noch nicht einig; wahrscheinlich wird, man von seiten der Regierung Hilfe bekommen. Die Majorität ist geneigt, die Wahl den Rabbinern zu überlassen und sie mit der der Repräsentanten der jüdischen Gemeinden Palästinas zu vereinigen. Die Kommission hält es für ratsam, die Zahl der Wähler ans 70 festzusetzen, zwei Drittel Rabbiner, ein Drittel Laien. Ein konstituierendes Komitee soll ernannt werden» bestehend aus einem Vertreter des gegenwärtigen rabbini-, schen Büros, zwei Vertretern des gemischten Jerusalemer Gemeinderates, einem Vertreter der orthodoxen aschkenasischen Gemeinde und einem Vertreter des Nationalrats. Dieses provisorische Komitee wird die Generalversammlung einberufen, welche sich über den Vorschlag der Regierung betreffs der Wahl eines Großrabbiners oder eines Rabbinerrats von 8 Mitgliedern aussprechen soll, dem durch die Versammlung noch 3 Laien hinzugesügt werden sollen. Der so gewählte Rabbinerrat wird die oberste Gewalt in allen religiösen Aegelegenheitcn Palästinas ausüben: er wird das offizielle Beth Din von Jerusalem sein. Jede Gemeinde kann ihr besonderes Beth Din haben, aber die Regierung wird kein Urteil vollftreckeu, das nicht von dem offiziellen Beth Din in Jerusalem bestätigt ist. Wenn die Versammlung sich für die Bildung eines Beth Din oder Appellationshoses entscheidet, wird dieser ans 7 vis ^Mitgliedern des Rabbinerrates zusammengesetzt sein und in letzter Instanz über die von den religiösen Gerichten ganz Palästinas ausgesprochenen Urteile entscheiden. Die Ernennung der religiösen Gerichtshöfe durcü die Gemeinderäte der Städte wird gleichfalls durch den Rabbinerrat von Jerusalem legalisiert werden. Der kommeude Pari« als Speudetag skr Palästiua. Der gegenwärtige geschichtliche Augenblick gibt, uns wie nie zuvor die Möglichkeit, große jüdische Massen, besonders des Ostens, die im Kriege auch das letzte verloren haben, in Palästina aiizusiedeln und dadurch die Juden-