Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1921)
- Date
- 1921-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Dterteljahr: In Frankfurt am Main bet der Reuen Jüdischen Presse, auswärts beider Post abonniert Mk. 4.50 frei inS HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saltz Geis JnfertionspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile, 100 P'g., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerung-»' Zuschlag. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annohme bei der Expedition und in alle». Annoncen-BurecmS. — Konto Lei dem Postscheckamt irr Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. IS. Jahrgang. Freitag, de» 10. Adar 1. 5681 (18. Februar 1021) Kr 7*. "".. -| ' ~~ i ■— ■ — — ======^=. ' -- Interview mit Professor Dr. Pick. . Prof. Dr. Pick, der Leiter des Büros der MiSrachiweltorganisation in Jerusalem, der auf seiner Reise nach London hier weilte, hatte die Freundlichkeit, unserem Mitarbeiter über die Lage in Palästina und die Tätigkeit des Misrachi eine Reihe von Mitteilungen zu machen. Ucber die Stimmung in Palästina befragt, erklärte Prof. Dr. Pick.folgendes: „Die Stimmung im Lande ist seit einigen Wochen merklich besser geworden. Besonders durch die Ankunft Weizmanns und Monds wurde» die' Gemüter beruhigt, und man schönste .wieder Mut und Vertrauen. Zwar kritisiert der größte Teil des Jischuw noch immer sehr heftig die Tätigkeit und Untätigkeit der Zionistischen Organisation, aber mau beginnt, die wirtschaftliche Krise als eine Erscheinung zu '»erstehen, die heute beinahe in der ganzen Welt auf tritt. Uebrigens merkt man auch faktisch eine Besserung. Der größte Teil der Chaluzim ist trotz allen Schwierigkeiten doch in der Arbeit untergebracht worden. Die Zahl der Arbeitslosen ist sehr zurückgegangen, ich schätze die Zahl! dev Arbeitslosen im ganzen Lande zur Zeit meiner Wsahrt auf etwa 1000, was auf vorübergehende Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft zurüctzusühren ist. In der letzten Zeit hat die Einwanderung erheblich nachgelassen, was wahrscheinlich auch mit der Jahreszeit zusammenhängt.. Eine Lösung der wirtschaftlichen Frage erwartet man. vor allem vom Keren hajessod. Man vertraut auf ihn, und die Anwesenheit und das Auftreten von Mond hat dieses Vertrauen außerordentlich gestärkt. Mond hat mit großer Bestimmtheit die Unterstützung der jüdischen Finanztreise in Aussicht gestellt und sich mit starker Zuversicht-über die zukünftige Arbeit geäußert. Er ist zweifellos gewöhnt, als englischer Wnister seine Worte .auf die Wagschale zu legen undist sich ihrer Dragweitq wohl bewußt." ,Wie üst jetzt die Stellung des Misrachi zur Zionistischen Organisation und der Gesamtheit deS Jischuw?" »Wir halten nach wie vor die Politik für richtig, jeden -aus positive Arbeit gerichteten Zusammenschluß zu untere stützen. Wir sehen die Notwendigkeit der einheitlichen Organisation des Jischuw ein und haben daher auch bei der Ajsesath niwcharim mihgetan, und unsere Vertreter sind in> den Waad leumi eingetreten. Die Ansicht, daß der .Misrachi! hei den Wahlen einen Mißerfolg gehabt hat, stimmt njcht. Denn, obwohl sich manche Kreise serngehalten haben und rein wahltechnisch. die Misrachifraktion schwach ist, besteht doch ein. starker Block, der ans dem Misc-lchistandpunkt steht, obwohl seine Mitglieder unter anderen Namen organisiert sind (z. B. Sepharbim, Bürger, Kolonisten etc.). Diese Gruppen gehen von Fall zu Fall mät uns zusammen. Im übrigen wird der organisierte Jischuw viel stärker als bisher an der: Leitung der Arbeit beteiligt sein. Es wird allerdings noch einige Zeit, dauern, bis die Abgrenzung gegenüber der Tätigkeit des Waad hazirim gesunden ist. Die Assesath nrwcharim hat jedenfalls ein starkes Einheitsbtzwußtsein geschaffen, so daß auch andere Elemente,-die nicht mitgewählt haben, letzt die Assefah in gewissen Grenzen anerkennen, und ist anzunehmen, daß bei den nächsten Wählen bis auf euren ganz kleinen intrahsigcnten Teil der .Orthodoxie alle Kreise sich beteiligen werden." ' ,Wic ist die Zusammenarbeit i»r Schulwesen?" ,Wir befinden uns in dem Stadium der Durchführung der Londoner Beschlüsse, die wir nach stie vor für durchführbar halten. Allerdings kann man nach einem knappen halben Jahre noch kein definitives Urteil fällen. Cs ist noch nicht gelungen, alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, aber es ist ein ersprießlicher Ausgang für'beide Teile wahrscheinlich. Dem Misrachi unterstehen, heute 23 Schulen, vondenen nur 4 oder 5 ursprünglich im Besitz des Misrachi waren, die anderen müssen natürlich eine entsprechende- Entwicklung durchmachen. Zum Teil sind die Schulen auch vom pädagogischen Gesichtspunkt nicht vollkommen, was natürlich auch von den anderen Schulen in Palästina gllt. Einige SÄulen, besonders Jenrenitenschulen, die das vom: Waad bachinuch vorgeschrrebene Mindestmaß an weltlichen Gcgenstlnoen nicht annehmen wollen, unterstehen nur dem Atisrachi. ÄL Lehrerseminar des'Misrachi entwickelt. sich unter der Direktwn von L M' Lipschütz ausgezeichnet und hat etwa 10Y -H.örer: Die Tachkegwyi-Schule - in Jaffa hat 500 Schüler. Die Talmud-Thoras und Feschiboth wurden zum'größten Teil^ronJomtunterstütztuyd diese Unterstützung dürfte wahrscheinlich nach Auflösung deS Joint vom Central Relief Committee übernommen werden, dessen führende Mitglieder dem Misrachi angehören. »Hat denn die Agndas Jisroel kein Schillwesen?" „Die Agndas Jisroel unterstützt, soweit mir bekannt, gewisse Jcschiboth. Sollte sie auf dem Gebiete des Schulwesens arbeiten wollen, wird sie zweifellos von seiten des Misrachi nicht die geringsten Schwierigkeiten haben; wir wären sogar bereit, jeder nationalen religiösen Gemeinschaft diejenigen Schulen abzutreten, auf die sie irgendwie Anspruch erheben. Ueberhanpt ist nicht anzuneh-nen, daß der ‘ Agndas Jisroel, falls sie in Palästina irgendwelche Arbeiten unternehmen will, von irgend einer Seite Schwierigkeiten in den Weg gelegt werben würden, auch nicht von der Zionistischen Organisation." „Welche Aufgaben hat sich der MiSrachi in-bezug auf die wirtschaftliche Erschließung des Lande? gestellt?" „Der Misrachi steht jetzt vor allem vor zwei wichtigen Aufgaben: die eine ist die Löstmg der Chaluzfrage und die andere ist die Heranziehung des kleinen Mittelstandes, jener Schichten, die sich allmählich von der alten Orthodoxie ablösen, und denen man wirtschaftlich auf die Beine helfen muß. In der Chaluzfrage haben wir jene Chaluziin zu versorgendie sich dem Misrachi infolge ihrer religiösen Anschauung zugehörig fühlen und sich bei ihrer Ankunft in Palästina an uns wenden. Es haben sich bis jetzt gegen 2000 Chaluzim an uns gewandt. Ein großer Teil havo,» Iptrtb Mitglieder des Misrachi, während ein anderer Teil aus anderen iQJränben, zum Teil auch aus äußeren Gründe» zu uns gekommen ist. Es .gibt Einwanderer, die sich nur 'an den Misrachi an» schließen wollen. Die Anfänge einer jüdischen religiöse,e nationalen Arbeitxrjgruppe bereiten sich vor. Ich bin deck Ansicht, daß diese Leute sich innerhalb des Misrachi nach Arbeiteckgäsichtspunkten organisieren sollen, sie brauchen nicht mit der Jugendbewegung identisch zu sein. Ob der Misrachi auch eine eigene Einwanderung organisieren wird, ist noch nicht feststechend. .Wenn der Londoner Beschluß bezüglich der paritätischen Besetzung der Palästinaämter durchgeführt wird, dann wären separate misrachistissche Eimvanderunqsämter im Galnth nicht nötig. Bisher allerdings läßt dze Organisation derPalästinaämt-r noch zu wünschen übrijg. Die Heranziehung des kleinen Mittelstandes ist außrrordentlich wichtig. An diche Kreise kommt die Zionistisch« Organisation vielleicht, wiegen der Fülle ihrer Aufgaben nicht heran. Es sind zum großen Teil Handwerker, die versuchen, sich den neuen Lebensverhältnissen anzupassen.- Für diese müssen 8eihk«ffen nnd ae"vssenlchaftlick>e Ein» richtnngen geschafft» werden. Der Msrachi hat.in dieses Richtung schon manche Erfolge. In Tibdrias, Jaffa und anderen Städten bestehen Krisen, die vom Misrachi fundiert sind oder in engem Konex mir ihm arbeitet. Wir, hoffen, daß wir bald Gelegenheit haben werden, ein großzügiges Projekt in dieser Beziehung zur Durchführung zu bringen. Wir sind der Ansicht, daß derartige Wirt-' schaftliche Arbeiten nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern auch nach vsycholckgischen Gesichtspunkten ausgeführt werden müssen. Daher ist es ganz falsch, wenn z. B. Brandeis in sein'er letzten Kundgebung die Teilnahme des Misrachi an wirtschaftlichen Arbeiten ironisiert. Es ist im Interesse der Heranziehuna der jreligiösen Kreise: sehr wichtig, daß die Arbeiten von Stellen gemacht; werden/ zu denen diese Kreise Vertrauen haben. .Jede Arbeit des Misrachi ia dieser Beziehung ist auch ein Fortschritt für die Gesamtorganisation, z. B. durch die Heranziehung des konservativen Mittelstandes an den Zionismus. - > Wir haben auch gewisse Anfänge mit KlcinkokonisatioH gemacht. In Jerusalem und Jaffa. bestehen die Gruppen .Haus und Garten". S,ie bestehen aus (Leuten. denen zwer bis pier Dunäm Landes in-der Mhe der Städte übergeben werden zum Zwecke des Hänferöaues nnd dev Kleinkolonisation- Jeder dieser Vereine besteht aus 4CÖ Mitgliedern, die im Misrachi organisiert sind und ihren Anteil schon gezahlt haben." , „Von gewissen Kreisen, besonders auch von unserer Presse, werden häufig Alarmnachiichten «iber 'bolschewistische Tendenzen der jüdischen Arbeiter verbreitet. Haben Sre den Eindruck, baH eine solche Lligitation. in Palästina um sich greift? „Es ist eine maßlose Uebertreibun.g und maßlose Irreführung der Oeffrntlichkeit, wenn von solchen Tenbenze» im Lande gesprochen wirb. Es gibt natürlich wie überall auch in Palästina einzelner Kreise, die eine Hinneigung! zum Kvmmnnisums haben, uni es gibt einzelne Heißsporne. Vielleicht sind mich in Palästina wie in ganz Europa und Asien einige bolschewistische Emissäre. Wer map ficht-gar! nichts von ihnen und merkt von einer derartigen Agitatio-nl im Lande nichts. Die verantwortlichen Kreise dec Uröriterschaft lehnen den Bolschewismus ab. Auch die Streiks, die m letzter Zeit in Palästina ausgebrochen sind, habe»! mit Bolschewismus nichts zu tun, sondern sind rein wird«, schaftliche Lohnkämpfe und wurden in den'meisten Fälle nj beigelegt. Man kann hoffen, daß die Arbeiterschaft .Veld» ständnis dafür haben wickd, .daß jede ihrer Handlungen! auch politisch von großer Tragweite ist." ,Sie ist die Stellung des «Misrachi -zum Ke r e» hajessod?" „Endgültige Abmachungen zwischen den Leitungen des Keren hajessod nnd des Misrachi find noch nicht erfolgt. Ech freue mich aber, feststellen zn -können» daß einzelllck andsmanüschaften sich sehr eifrra an der Aktion beteiligen, so z. Bdie deutsche Landsmannschaft. Ter Glaube, daß die Düse nur durch schleunige Aufbringung des Keren hajessod überwunden werden kann, ist allgemein. Zweiftk-t los wird der Misrachr an oer.Agitation vollen Anteil nehmen, doch handelt es sich noch um eine Einqgung 'über seine Teilnahme an der Verwendung der Gelder..' Es steht z. Bdie Möglichkeit, misrachistrsche Kolonien zu gründen, und solche Pläne sind auch. in Vorbereitung. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Zwnistrsche Organisationeine'Zentrale sein soll, innerhalb derensichi die. Leute auch in ihrer Siedlungsarbeit nach wirtschaftliche und geistigen Interessen zusammentun. Meine Anschauung bezüglich der Krise in der Exekutive will ich nicht äußern, bevor ich in London war. Jeden» .falls sind wir der Ansicht, daß her zionistische Kontzretz und auch der jüdische Weltkongreß s» schnell als möglich zusammentreten sollen. Wenn der Misrachi seine Kraft in den Dienst der einheitlichen Organisation stellt, so hat er l das Recht, vomj Keren hajessod diejenigen Mittel zu fordern, 'die er für seine Aufgaben in Palästina nötig hat." Zur polnischen Juveupolitik. Ueber die jüngste Entwicklung der polnisch-jüdischen Beziehungen, wie sie vor allem durch die von der polnischen Regierung angebahnten Ausgleichsverhandlungen mit den Juden gekennzeichnet wird, haben wir uns in unserem Polenbericht in Nr. 5 eingehender ausgesprochen. Zum Schlüsse haben wir betont, daß es von den künftigen Taten der polnischen Regierung abhängen wird, ob die polnisch-jüdische Verständigung allmählich- - realere Form als bisher annimmt oder nicht. Nim (liegen unS folgende neue Nachrichten vor über weitere Schritte der polnischen Regierung in der Richtung einer wirklichen, d. h. auch für uns Juden annehmbaren Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen. Ob all diesen Erklärungen eine größere Bedeutung zukommt, wird sich erst später beurteilen lassen. Nachstehend die Meldungen: In einem Gespräch mit einem jüdischen Pressevertreter hat sich der polnische Ministerpräsident Witos über dir Frage der polnisch-jüdischen Verständigung geäußert. Aähreiü» des Gftsprächs legte der Minister eine schriftliche Erklärung vor, die kurz zusammengefaßt die Meinung des Ministerrats zmn Ausdruck brachte- Diese Erklärung hat folgenden Wortlaut: ( .Wie ich (Minister Witos) bereits erklärt habe, betrachte ich die Frage der Regelung der Beziehungen zu de» Juden in Polen als S taatSNo twendigkeit» deren Aktualität und Bedeutung vom Willen der Minister völlig unabhängig ist, ebenso von der Zusammensetzung des Kabinetts. — Es handelt sich nun um die Stellung des Kabinetts, dem ich vorstehe. Nach dieser Richtung hm kan» ich erllären, daß sämtliche Mitglieder der jetziger^ Regierung in gebührender Weise die Bedeutung des jüdischen Problems zu werten wissen. In - Anerkennungder Wichtigkeit der Durchführung einer energischen Aktion hat die Regierung einige ihrer Mitglieder hierzu beauftragt, deren Ressorts die Bearbeitung' von Fragen obliegt, die mit der augenblicklichen Judenftage zusannnenhängen." Es wäre verfrüht, schon heute Einzelheiten mitzuteülen. Ich kann nur erklären, daß die Regierung sich aus . den Boden der Tatsachen stellen und die Judenftage entsprechend regeln will. Sämtliche Fragenkomplexe, die sich!