Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1921)
- Date
- 1921-02-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 4. ... , : i NeusZübifche Presse. " Lea Manti Künstlerspiele SuserstrasBe 69. Beginn 8 Uhr« Tel. Hansa 5516. - Täglich 4 Uhr-Tee =■=■ ■ unter Mitwirkung erster KhnBtkrafte. _ auf Setrin Hunderte Personen täglich hingerichtet wurden. D« Auswanderzug ohne Oefen und ohne Fensterscheiben auf dem Moskauer Bahnhof wollte sich gerade in Bewegung scheu, da erschien im letzten Augenblick der jüngst verstoßene An — ski. Josse schreibt nun über dieses Zusammentreffen- Für ihn war die Lage gefährlich. Er war ein berühmtes Mitglied der Sozialrevolutionäre, war Mitglied der russischen Konstituante mid einer der tätigen Gegner der. Bolschewiken. Bevor wir die Grenze passierten, wußte auch niemand im Zuge, wer der Alte mit der weißen Löwenmähne, mit dem markanten, adeligen und leuchtenden Antlitz sei. Im Nu eroberte er sich die Liebe seiner Nachbarn, vor allem der Jungen und der Kinder, denen er Sagen und Schale ohne Ende erzählte. Er wurde ihr Liebling und chr Mittelpunkt. Alle merkte» es, daß ein ungewöhnlicher Mensch in ihrer Mitte sei, und mehrmals fragte man mich über ihn aus. Wrr verließen Moskau am Erew Jomkipur. Abends, als.der Zug auf einer Station stehen blieb, gingen wir in den Wagen An—skis hinüber. Wir wurden aufgefordert, zusammen mit den Insassen dieses Waggons das Kol- Nidrei beten. Es war ein trüber, kalter und regnerischer Abend. Die Türen und Fensterläden geschlossen. Eine schwarze und traurige Abendfinsternis umgab uns. Der Regen fiel unaufhörlich und beängstigte die Seele. Er klopfte an die Wände und an daS Dach. Eine schwere und bedrückende! Trauer senkte sich auf das Herz nieder. Aus Kästen und Brettern machte man ein Vetpult und bedeckte es mit einer Decke. Kerzen wurden, angezündet und ihr trübes Licht, verscheuchte die 'Finsternis und machte die Schatten schwärzer, die in den Ecken des Waggons umherirrten und hin- und herhuschten. An—ski legte einen geflickten und vom Alter vergilbten Tallith an und begann, Kol-Nidrei vorzutragen, in der Melodie eines alten, ersährenea Bal-T'silah, wie man ihn nur noch in den entlegensten Städtchen finden kann.' Wir alle standen um ihn. Auch die Frauen und die Kinder stiegen von den Bänken und Bündeln herunter und sammelten sich um ihn. Betäubt und hingerissen lauschten wir dem Gebete und sprachen ihm nach. Seine Stimme war etwas heiser, die Melodie gelang nicht. Bielleicht war auch das Hebräisch nicht ganz korrekt. Aber noch nie in meinem Leben habe fch ein solche Gebet, doll von unsäglicher Trauer über ein Leben der Unstetig keit und der Bedrohung, voll der Gefühle einer das Elend beweinenden, sich sehnenden und flehenden SeÄe gehört — wie dieses erschütternde Gebet am Jom- WocbeBbett-AasstattiingeB Hugo Rothsehild Langestrassa 85. Telefon Hansa 9926. kipur-Abend, in den unendlichen Steppen, im finsteren Waggon, in welchem wir wie in einen Totensarg eingeschlossen waren, beim trüben und zitternden Kerzenlicht, beim Heulen des Windes und beständigen Klopfen des einförmigen Regens. Es war so befremdend, - An—ski in der Rolle des Bal T'filah zu sehen, das Mitglied der Partei ,/Lolkswille", das unter die Bauern ging, um sie zu unterrichten und.ihre Kinder zu erziehen, den Sozialrevolutionär, den Sekretär von Peter Lawrow und Mitglied der Konstituante, wohin er als Vertreter der Bauern irgendeines Gouvernements Tiefrußlands geschickt worden war. Icttt Eure Kotier m Um io da N lMmIn. Anmeldungen schriftlich: J8d> Turnverein! Unterlindau LI. Letzte Berichte. London. „Jewish Chronicle" bringt den Entwurf LeS Palästina-Mandats, wie ihn die britische Delegation ausgearbcitet hat und wie er voraussichtlich demnächst im Rat des Völkerbundes zur Verhandlung kommt. „Times" erllärt anläßlich der Vorlage des Mandatsvertrages folgendes: Das Mandat setzt die Bedingungen fest, die für Freiheit und Fortschritt des Landes und zur Erfüllung der Balfour-Deklaration notwendig sind. Das Mandat definiert nicht die Bedeutung des Begriffes „National Home" (Nationale Heimstätte), aber es interpretiert ihn in weitem und großzügigem Sinn, so daß die Juden eines Tages ihre Staatsnation besitzen werden. Die Definierung der politischen Rechte und die Verpflichtung der „Jewish Agency" ist mit vernünftiger Spannweite gezogen. Die Juden kommen mit vielen Gaben, die britische Regierung wird bei der Auslegung des Vertrages und der Verwandlung des jüdischen Enthusiasmus in der Tat fast gänzlich von der Zionistischen Organisation abhängig sein. Palästina muß, um selbständig zu sein, ein Staat werden; ohne HUfe deS Judentums ist aber eine Entwicklung zum Staate unmöglich. Die , Juden bringen auch den Arabern wertvolle materielle und geistige Kräfte. Die Lasten des Palästinamanbates sind im Vergleich! etwa tritt denen von Mesopotamien für England viel geringer. Und ihre baldige Verringerung steht in Aussicht. Die Klausel über die Aufstellung lokaler Freiwilligentruppen verdient besondere Billigung; wir müssen festhalten an dem Ideal eines selbständigen Palästina, das sich auch selbst verteidigt. Der einzige Weg hierzu ist eine kluge fübische Jmmtgrationspvlitik. Der einzige Fehler des Mandates ist der Mangel der ausdrücklichen Festsetzung, daß der künftige Staat das Ziel ist, London. Reuter meüiet aus Jerusalem: Sir Alfred Mond ist heute nach einem vierzehntägigen Besuch in Palästina nach Aegypten abgereist. Die zionistischen Behörden teilen mit, baß er das endgültige Versprechen gegeben hat, nach seiner Rückkehr nach London die jüdischen Finanzkreise der Welt für den Aufbau Palästinas in Bewegung zu setzen. Einer der ersten Pläne, die burchgeführt werden sollen, nachdem das Mandat erledigt ist, wird ein Hydroelektrisches Nr. 6. Diabetiber werden wieder beliefert durch Bademanss HährmUteliabrik Frankfurt a. M.-West. Niederlage Goethestr. 80. Han verlange Preisliste. Unternehmen am Ford au sein, welches zwei Millionen P fund kosten wird, Tr. Weizmann begibt sich nach Amerika, um feine Kampagne für dieselbe Sache einzuleiteu. London. Die bedeutsamsten Paragraphen des Mandats-Entwurfes lauten: Artikel 2, Der Mandatar soll dafür verantwortlich sein, daß bas Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bringungen gestellt .wird, welche die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte, wie in der Einleitung niebergelegt, und die Entwicklung von Selbstverwaltungsinstitutionen sowie die Wahrung der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Einwohner Palästinas, ohne UnterschiÄ» der Rasse und Religwn, sichern. Artikel 4. Eine angemessene jüdische Vertretung „Jewish Agency" soll als eine öffentliche Körperschaft anerkannt werden für die Aufgabe, der Verwaltung Palästinas in solchen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten Rat und Mitarbeit zu gewähren, die die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen, und immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung bei der Entwicklung des Landes zu helfen und teilzunehmen. Die Zionistische Organisation soll, solange ihre Organisation und Verfassung nach' der Meinung des Mandatars angemessen sind, als solche Vertretung« anerkannt werden. Sie soll, im. Einvernehmen mit Seiner Britischen Majestät Regierung, Schritte unternehmen, um die Mitarbeit aller Juden zu sichern, die gewillt sind, bei der Errichtung der jüdischen nationalen He imstätte zu Helsen- Literarische Rundschau. Der Jude. (Eine Monatsschrift von Dr. Martin Bnber. Hest 10. Berlin NW. 7, Dorvtheenstr. 35). Inhalt: Der heutige deutsche Antisemitismus (Arnold Zweig), — Entwurf einer Arbeitsgemeinschaft für wissen- K. Wirtschaftserziehung (Erwin Kohn). — Bialik und oder ne hebräische Dichtung (Jakob Rabinowitz). — „Jungnmhle“ Zell 56—58 im Hause der Kammerspiele Täglich 4 Uhr-Tee. fest und schaute..xfjm in die großen, von ebenso vieler Trauer wie Glück erfüllten Augen. . Da begann sie: „Du sagst, Patrila, daß Dü mir Dank schuldest; ich sehe dies nicht, denn was ich getan, war eben so natürlich wie ein Gebot der Pflicht; wie hätte-ich vor mirselbst bestehen können, hätte ich es unterlassen?« Und dann, das Größte und Notwendigste muß erst noch geschehen. Wenn einst diese Kerkerpforte sich hinter Dir geschlossen,. um Dich auf immer frei zu lassen, dann erst ist unser Ziel erreicht. Dennoch erhebe ich einen Anspruch an Dich, und Du mußt ihn mir erfüllen. Es muß klar sein zwischen uns Beuren, völlig Aar, und darum müßt Du mir Mitteilen, ivaS Dich damals von uns trieb, was Dich bewog, mir selbst, die Dir mit so vieler Liebe zugetan war, den Rücken zu wenden . . . Ach, es hat mich sehr unglücklich gemacht." Patrika schwieg; er war zurückgefahren und hatte seine Hand unwillkürlich aus der Ardo's gezogen; dunkle Schatten l«ten sich auf sein Gesicht, uyd seine Lippen bebten. Udo «schrak über die Wirkung chrer Worte, aber veharrte um so mehr in ihrem Verlangen. „Um Gott, Pa-' irfla, ist es denn etwas so Fürchterliches? Ich bin mir doch attchts bewußt, und habe niemals einen argen Gedanken, .wwergegen Dich) noch gegen einen der Deinen gehegt." — - Patrika hatte sich gefaßt, und sprach in bittendem Tone: »Ford re dies nicht von mir, teure M>do, nimm Deine Frage zurück, laß die traurigen Vorgänge mit der Nacht des Schlei- 'geüs verhüllt! Nein, Du bist schuldlos, ebenso wie ich; aber Du kennst dcs Wort der Schrift: die Schuld der Väter wird «n-den Kindern geahndet, und warum die Wunde wieder ,ankreißen, nachdem sie vernarbt? Warum den Riß wieder aufdecken, nachdem er verhüllt worden? . . Aber Jddo gab nicht nach. Sch fühlte, daß hier etwas verborgen lag, worüber sie hinweg müsse, wenn sie ihr Ziel, erreichen wollte, daß etwas aus der Seele Patrila's. geräumt werden müsse, was sonst ewig trennend zwischen ihm und chr stehen würde. Immer dringender wurdest daher die Worte, immer, feuriger ihre Blicke, immer zusprechender chre Geberden, und Patrika konnte nicht länger widerstehen. Er hob mit einer Stimme an, in welcher sich Abmahming und Widerwillen mischte: „Siehe, Jddo, es betrifft besonders Deinen Vater und leine nicht zu rechtfertigende Handlungsweise; und warum muß ich die Tochter deshalb erröten lassen? Wirst Du mir nicht darum gram, gesinnt.werden? Doch Du forderst S unbedingt, und ich muh'Dir willfahren. , f - . " Bon Kindheit an sah mein Vater in dem Umstande, baß er der Aeltere war, die Verpflichtung, Deinem Vater, als seinem einzigen Bruder, beizustehen und hilfreich zu sein, .wie er nur konnte. Sie hatten ihr väterliches Haus in zerrütteten Umständen überkommen, die eine natürliche Folge der Unruhen und Heimsuchungen waren, die über ihr unglückliches Vaterland hinweggegangen. Es gelang meinem Vater frühzeitig, den drückenden Verhältnissen abzuhelfen, und als Meschullam erwachsen, vereinigten sie ihre Anstrengungen, und knüpften ball» wieder die wettreichenden Verbindungen an» welche unsere Vorväter geschlossen, und durch welche sie Ansehen und Reichtum erworben hatten. Es wurde notwendig, sich auch in Rom festzusetzen, und obschon es voraussichtlich war, daß dem Glieds des Hauses, das sich dort 'niederließ, eine glänzende Zukunft sich öffnete, trat mein Vater dies seinem jünger» Bruder willig ab, und begnügte sich, sein bescheidenes Teil in der dunkleren Heimat zu behalten. Dein Vater, Jddo, besaß Gewandtheit und Klugheit genug, um sich in Rom emporzuarbeiten; aber seine Stellung war auch mit vielen Gefahren verknüpft, und jedes Mal fand er meinen Vater bereit, ihm die rettende Hand zu reichen und mit eigener Aufopferung ihn vom Rande des Verderbens zurückzureißen. Es liegen solcher Fälle nicht wenige vor. Mein Vater fand sein Glück und seinen Stolz darin; so eifrig er in seinen Geschäften war, so lag ihm doch an dem Besitze von Reichtümern nur so viel, als er damit Gutes tun konnte. Doch gehen wir weiter. Du wirst wissen; daß vor fünfundzwanzig Jahren sich sechs Männer in die Herrschaft des römischen Reiches geteilt; aber kaum waren die äußeren Feinde von den Grenzen des Reiches durch glückliche Schlachten zurückgewiesen, als jene Augusti sich einander zu befehden anfingen und Einer durch den Andun in das unfreiwillige Grab stürzte. So blieben zuletzt nur Maxentius und Constantin übrig, und auch diese Beiden, lange verbunden» um ihre Mitkaiser niederzuwerfen, erklärten einander den Krieg auf Leben und Tod. Die Spaltung ging mitten durch alle Völker. Denn Constantin hatte sich zum Beschütz« der Christen aufgeworfen; wohin xr kam, gründete er Kirchen und Klöstu und beschenkte sie aufs reichlichste mtt den Gütern, die er seinen heidnischen und jüdischen Untertanen abgenommen hatte. Er «klärte die katholische Kirche für die Religion des Staates und sichute ihr die höchsten Vorrechte zu; und wenn er auch noch den Schein einer gewissest Toleranz gegen Anders-, gläubige zu. bewahren, suchte, so konnte ihm dies bei dem) Hasse du Parteien nur schlecht gelingen. Wie daher, diel dem Judentume anhingen und die dem Heidentume noch nicht entsagt hatten, blickten auf Maxentius als ihren Hort und Schütz«, der wiederum nicht minder die Christen verfolgte und sich allen andern geneigt erwies." „Jedermann fühlte, daß es weniger einen Kampf zwischen den beiden Herrschern gälte» als zwischen den Religionen, von denen die eine die Herrschaft e«ingen, die andere nicht fahren lassen wollte und auch nicht konnte, ohne sich selbst den «größten Gefahren, den furchtbarsten Verfolgungen auszusetzen. Auf welche Sette sollten die Inden sich stellen? Die Antwort war einfach. Bon jeher hatten die Heiden sich duldsam bewiesen, die Christen hingegen betätigten gegen sie einen Haß, der sie mtt völliger Vernichtung bedrohte. So entstand eine große Verschwörung von Italien bis zum Euphrat, um Maxentius mit allen Mitteln zum Kampfe zu versehen, eine Verschwörung, an der Heiden und Juden teilnahmen. Sie ging besonders dahinaus, in jedem Lande die Widerstandsmtttel zu organisieren, daß, westn Eonstantin selbst dieses oder jenes erobert hätte, er in dem drttten denselben Kampf zu bestehen haben und sich in dielen unaufhörlichen Kriegen erschöpfen sollle. An der Spitze der jüdischen Partei standen unsre Väter, Jddo, indem die abendländischen ihren Mtttelpnnkt in Meschullam, die morgenländischen in Patrika fanden. Dw Kamps brach aus, Constantin drang in Italien ein, und hier zeigte es sich, daß wir eine schlechte Bundesgenossenschast in den Heiden hatten. Ohne Zuversicht, ohne Begeisterung, ohne Haupt - und Zusammenhang gaben sie den Kampf nach dem ersten Angriff auf, und ließen uns im Stich. Die Juden hatten es fürchterlich zu büßen, und in Mailand und Ravenna flössen die Straßen vom Blute unsrer Brüder über, ihre Häuser wurden geplündert, ihre Güter konsisziert, ihre Synagogen zu Kirchen und Kapellen umgewandclt. Der Kampf zog sich um Rom zusammen, und hier war es, wo die Heiden selbst MaxenttuS verrieten, so daß, er seinen Tod in.den Wellen des Tibers fand. Noch war Constantin nicht in Rom eing«ückt, als Meschullam schon in seinem Lag« erschien und ihm alles verriet, was von dem geheimen Bunde noch übrig war; alle Maßregeln, die getroffen, alle Vorräte, die gesammell waren. Auf der Liste der Verschworenen, die er dem Kaiser .vorlegte, stand an der Spitze der Name — meines Vaters, gewiß eine Bürgschaft seiner Aufrichtigkeit. Meschullam wurde belohnt; nicht allein sein Leben und sein Reichtum waren ihm-gesichert, sondern sein Einfluß, verdoppelte sich. ... (Fortsetzung folgt.)