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Neue jüdische Presse · 1921-02-04 · Heft 5 (4.2.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 5 (4.2.1921)
Date
1921-02-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei inS HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk.-10.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis Jnferttonspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile lüü P>g., für die Reklamezeile Mk. 3 — sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Freitag, de« 26. 8vLva1 L681 (4. Februar 1921t Rr. 5. Pole«scha«. Die polnisch-jüdische Verständigung ist in der letzten Zeit wieder Gegenstand lebhafter politischer Erörterung in und außerhalb Polens gewesen. Was dieser Frage eine solche aktuelle Bedeutung.verliehen hat, waren vor allem die Verhandlungen zwischen Polen und Juden zur Herbeiführung eines polnisch-jüdischen Ausgleichs im Lande. Seit Monaten dauern nun diese Beratungen niit nicht wenigen Unterbrechungen an; ihr Gang.ist langsam, schleppend- und ihr praktisches Ergebnis ist bisher recht mager, fast nur moralischer Art gewesen. Die Bedeutung dieser von der polnischen Regierung angebahnten Verhandlungen liegt heute noch ganz in der Tatsache, daß Isie vorbereitend wirkt und eine ruhigere politische Atmosphäre für die polnisch-jüdische Auseinandersetzung schasst. Was bis heute auf den Konferenzen zwischen den polnischen und jüdischen Parlamentariern erreicht wurde, ist nur: ecne sachlichere Einstellung der Polen zu dem ganzen schwierig-verwickelten Problem. Bon einem festen Willen der Polen, zu einer gerechten Verständigung zu lommcn, auch um den Preis bedeutender Zugeständnisse, Ja *? heute »och nicht zu reden. Sowohl bei den rcak- Mtionären Parteien — vor allem bei der starken National- Wdeinokratie — wie auch bei betr Liberalen und den Sozial- »demokraten hat man. augenscheinlich noch immer nicht die »Notwendigkeit eines polnisch-jüdischen Ausgleichs — eine minner- und außenpolitische, eine wirtschaftliche und soziale ^Notwendigkeit zugleich — in ihrem ganzen Ernst erkannt; jmait glaubt noch immer, in den alten Wegen der anti- Olseinitischen, törichten Judenpolitik weitertrotten zu können, .Olum schließlich am Ziel'bei der Lösung der jüdischen Frage "''anzügelangen. Wie lange noch wird diese, weise Politik betrieben werden? * :? Unter dem schweren Druck der inneren wirtschaftlichen und der außenpolitischen Lage Polens scheint bei seinen führenden Politikern schließlich eine klügere Auffassung von der notwendigen Politik gegenüber den Juden durchzudringen. Das Land ist politisch — vor allem aber wirtschaftlich und finanziell in schwerer Not« Das Wirtschaftsleben ist zerrüttet, die Finanzlage des Staates wird immer unhaltbarer — die polnische Mark fällt und fällt, notwendige Folge der unsinnigen, täppischen Außen- und Innenpolitik des Landes. Da man der geldlichen Unterstützung durch das Ausland bedarf, wendet man sich an das amerikanische Kapital, findet aber da kein Vertrauen und wenig Sympathie. Schuld daran ist nicht zum geringsten Teil auch die Politik gegenüber den Juden, eine Politik der nationalen und wirtschaftlichen Unterdrückung, Niederhaltung, Bekämpfung. Wohl oder übel muß man sich mit dem Gedanken vertraut machen, den Forderungen -Amerikas oder der jüdischen Finanzmänner Amerikas nach der Verbürgung und Verwirklichung der jüdischen Gleichberechtigung in gewissem Maße nachzugeben. Man nimmt die inzwischen schon einige Male unterbrochenen und eingeschlafenen Ausgleichsverhandlungen mit den Juden wieder yuf, macht Versprechungen für die Zukunft, veröffentlicht endlich den Versailler Minderheitsvertrag, ihn damit auch nach innen hin offiziell anerkennend, und sucht nach einem Weg, die fordernden Amerikaner um der in Aussicht gestellten Anleihe willen zu befriedigen, ohne doch zugleich die antisemitischen Empfindungen des Volkes zu verletzen. - Ein anderes kommt hinzu: die Wilnaer Frage. Wilna ist heute in polnischer Hand. Der Besitz der Stadt ist aber trotz militärischer Machtmittel den Polen nichtsicher. Man gerät nämlich an Konflikt mit den Grundsätzen des Selbstbcstimmungsrechts und — denn das allein wäre nicht allzu schlimm und tragisch — stößt aus den Widerstand des Völkerbundes, einer Institution, die zwar für die Sieger-Großmächte, eben weil sie moralisch ist, keine weiteren Schrecknisse in sich birgt, den kleineren Staaten aber, die sich gegen die elementaren Gesetze der . Gerechtigkeit im Bölkerleben verfehlen, manche politischen und finanziellen Schwierigkeiten bereiten kann. Allerdings.ist in Genf die ganze jüdische Frage i» Polen gar nicht aufgerollt, allenfalls nur kurz und in größerem Zusammenhang berührt worden. Aber der-Fall Wilna hat den Völkerbund stark beschäftigt, hat ihn schließlich zu energischMn Entscheidungen gemäß den Geboten des Selbstbcstimmungsrechts veranläßt. Für Polen «gab sich damit die Notwendigkeit, die Juden in Wilna,, ein Drittel der gclamten Einwohnerschaft der Stadt, kür sich zu gewinnen. -Man begann die Juden von Wilna zu umwerben mit einer judenfreundlichen Politik, mit viel verheißenden Versprechungen für die Zukunft und manchen anderen Lockmitteln. Die Antwort der Juden darauf war ihre aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen zum polnischen Sejm abgegebene Erklärung, sie wollten darauf verzichten, Vertreter in den polnischen Reichstag zu schicken. Nun wird von polnischer Seite versucht, die Wilnaer Judenheit umznstimmen; bisher ohne wirklichen - Erfolg. Wem von beiden Staaten müssen die Wilnaer Juden bcn Vorzug geben, dem judenfeindlichen, judenbedrückenden Polen oder dem litauischen Staat, der ihnen nationale und wirtschaftliche Freiheit verspricht und gewährt? Solange die Polen ihre Judenpolitik nicht ganz im Sinne der Demokratie und der nationalen Gerechtigkeit nmgestalten, werden die Juden in keinem Abstimmungsgebiet für den polnischen Staat zu haben sein. 'Werden es die Polen endlich einsehen? Es ist nicht zu leugne»,' daß sich die Erkenntnis voll der Notwendigkeit reiner besseren und klügeren Judenpolitik in den polnischen Regierungskreisen letzthin mehr und stärker durchgesetzt hat, als eS bisher der Fall war. Darauf scheinen verschiÄiene Schritte und auch einige Erklärungen der polnischen Regierung Hinzudeuten, so^die Veröffentlichung oö Mindexheitsvertrags» der allerdings bisher. noch keine Taten gefolgt sind. Und die neuerliche Bekräftigung ihres die -polnisch - jüdischen Äusgleichsverhandlungen auch weiter — »ach dem Ausscheiden des Sozialisten Daszpnski aus dem Kabinett fortzufctzen und greifbare Ergebnisse zu erzielen. Man wird in der nächsten Zeit seheit, wie der Hase läuft; schöne Worte' und Versprechungen haben wir von den polnischen Regierungen genug gehört; wo bleibt die Ausführung all ihrer, wie U»air uns sagt, guten Absichten? Im jüdischen wie im polnischen- Jnteresse ist es — wieviele Male soll diese Selbstverständlichkeit nochtviederholt werden? daß eine wahre Verständigung zwischen den beiden Nationen erreicht wird. Sie kann stammen, wenn es den Polen dann wirklich ernst zu tun ist. Gelegenheit hierzu wird sich den Polen in der nächsten Zukunst ebenso oft bieten wie seither immer. Wohlfahrtstaauug. Die von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden nach Berlin einberufene Taguitg wurde von Geh. Justizrat Timendorfer-Berlin erüsfnet. Es folgten Geschäfts- und Kassenbericht, und sodann wurde Dr. Georg Baum, der Leiter der Wohlfahrtspflege der Berliner jüdischen Gemeinde, zum Vorsitzenden gewählt. , Dr. B au.ni referierte über „Jüd. Sozialpolitik". Er ging davon ans; daß Eigenart nitd Wesen der deutschen Juden sich nicht mit 'ihrer Religion erschöpfe; vielmehr haben sie auch in ihrer wirtschaftlichen Struktur eine eigene Note (ihre Sorge nur den Bernfsanfstieg der Kinder, ihre Berufe: Kauslente und Akademiker). Infolge des Wirtschaftsantisemitismus ist eine jüdische Sozialpolitik nötig. Ein Teil der deutschen^ Judenheit muß zu technischen Berufen und zum Handwerk übergeleitet, werden. Die jüdischen Angestellten müsse» dazu erzogen iverden. innerhalb der allgemeinen Berufsorganisation den Kampf gegen den wirtschaftlichen Antisemitismus aufzunehmen,.damit es z. B. nicht vorkomme, daß durchs die Betriebsräte Juden aus den Betrieben hinausgedrängt.'werden. Zunt Schluß forderte Referent Frühehe und systematisch ausgebaute Jugendfürsorge. - - In der anschließenden Debatte wurde gefordert, mehr als bisher staatliche und koinmunale Mittel für die indische Wohlfahrtspflege zu beanspruchen, worauf der jüdische Steuerzahler ein Recht habe. Das nachfolgende Referat E m i l W a l d st e i n - Berlin „Die Not unserer Waisen-und-Erziehungsanstalten" ries eine sehr lebhafte Diskussion hervor. Rabbiner Dr. Emil E o h n - *001111 wandte sich scharf gegen eine etwaige Zusammenlegung solcher Anstalten. Tr. Klee wies ans die Notwendigkeit richtiger Testamentsberatungen für die Zuführung.von Mitteln an unsere Wohtfahrtsinstitutioilen hin. B e r t h a' P a p P e n h e i m - Frankfurt kritisierte schärf die Art,' wie die meisten jüdischen Erziehungsanstalten geleitet lverden, und forderte eine Konferenz der Erziehungskommission niit den Leitern der jüdischen Erziehungsanstalten . in Deutschland. Es folgten dann eine Reihe Spezialreserate. Die zweitägigen Verhandlungen waren von einem einheitlichen Streben getragen, von j^n Streben, die jüdische Wohlfahrtspflege methodisch, zweckmäßig und unter Heranziehung möglichst umfangreicher geistiger und materielle« Kraft auszubauen und zu verbessern. A«S dem Komitee der Jüdische« Delegationen. Das Komitee der Jüd. Delegationen in Paris beschloß einstimmig, eine Liga zur Unterstützung der Idee des Völkerbundes zu gründen. Es ist anzunehmen, daß dieser Plan in der Judenheit viel Sympathie finden wird. Die Liste der Pogromorganisaioren in der Ukraine, die vom Komitee der Jüd. Delegationen der Bölkerbundsversannnlung in Genf überreicht wurde, enthält folgenden Namen: Kozyr-L-irko, Armee- Kommandant bei Petljura, Oskilko, Simossenko, Angiel, Zaporojetz, Schepel, alles Mitglieder der Armee Petljura und Offiziere der unabhängigen Banden; ferner Wolynetz, Nikolski, Struk, Zypiniuk, Ulvarow, Tiutiunik. Netschajew, Pawlow, Gorbenko, Mordaliew, Zakussylo, Lazarenko, Prichodko, ^-ololow, ■ Sokotowski, Koia, Klimento, Diakow, Jazenko, Golnb, ~ Popow, Offiziere der Armee Petljura, der unabhängigen Banden und teils der Freiwilligen und Grigoriew-Armee und die führenden Bäncen-Attamane Machno, Zieliony und Grigoriew. Dazu kommen noch die Mitglieder der Freiwilligen Armee Denekins: General Mamontom und Korwin-Krukowski, Oberst Mejernitzki, Bitlerow, Bogaterow, Anipmow und Baranom und Kapitän Svennsky. I. P. Z. . Bor» jüdischen Freiwild. Nach einer Meldungder „Wiener Morgenztg." über Riga sind im russischen Gouvernement Hömel Pogrome ausgebrochen. In Kras nopol seien 72 Häuser ein geäschert und einige Dutzend Juden erschlagen worden. * * Der Verfassungsaus schuß des pol urschen Parlaments besprach die Frage der Errichtung einer ukrainischen Universität in Stanislau. Grün bäum wies bei dieser Gelegenheit darauf hin, daß die jüdischen Studenten, die -sich bei dem Kamvf zwischen Polen und Ukrainern neutral verhielten, deshalb unter der Ausrede, sie hätten ihrer Militärpflicht nicht genügt, von der Lemberger Universität ausgeschlossen worden sind. Unterrichtsniinister R a t a j gab eine ausweichende Antwort, und die Entschließung über die Frage wurde bis aus eine gemeinsame Sitzung mit der Kommission für äußere Angelegenheiten vertagt. Inzwischen bleiben hunderte von jüdischen Studenten ohne die Möglichkeit, ihre Studien fortzusetzen. , * In Budapest reflektierte der Oberstleutnant G e z a K elemen auf die Geschäftslokalitäten der ungarischen Staatsbürgerin Frau Benjamin Hirsch, deren Manu österreichischer Staatsbürger ist. Er ließ Hirsch und seine Frau verhaften und ins Schubhaus bringen. Die Rekurse Hirsch's halsen nichrs, der gesamte Beamtenappärat llappte innerhalb weniger Tage nach den Wünschen des Oberstleutnants. * Ein Bote aus dem Ministerium des Innern brachte nach dem Schubhaus die Ausweisung mit dem Vermerk, daß der Rekurs zurückgewiesen sei. Die katastrophale Lage der Frankfurter jüdischen Wohlfahrtsanstaltev. ui. 8. Fürth über die Suppenanftalt für Israel. Arme. Unsere Anstalr wurde im Jahre 1880 gegründet und hat mit kleinen Anfängen in etniietetea Räumen begonnen. Sie erweiterte später in ihren eigenen Räumen, Theobaldstraße 5, ihre segensreiche 'Tätigkeit und dehnte dieselbe dahin aus, daß sie ivährend der Wintermonate täglich ö—600 Kinder, Frauen und Männer gratis speiste. In gesonderten Sälen'wurden verschämte Arme für '20 Psg. kräftig gespeist, sie erhielten gute Kost und reichlich Brot, welch letzteres ain Eingang des Saales den Gästen übergeben wurde. Den Kranken und Wöchnerinnen wurde nach «ärztlicher Vorschrift besonders zubereiteto Kost gegeben. Durch gestiftete Freiplätze erhielten meist Studenten oder junge

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