Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2693227-2693230--11350-2706796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I Srscheint wöchenttich am Freitag. Bezugspreis pro I Sierteljahr: Irr Frankfurt am Main bei der Reuen I Mischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 | frei ins HauS. Bet Zusendung durch Streifband für Deutschland M. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Ami Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Znserttonspreis für die sechsgespalteueRonpareille-Zeile 100 Pig., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Ännahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Buceaus. — Konto bei dem Postscheckamt . in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 19. Jahrgang. Donnerstag, den 11. Schwat 5881 (20. Januar 1921) Rr. 3 Die Krise im ZionismnS. Bon Kaleb Schalkowitz. Wir geben im folgenden unserem Mitarbeiter das Wort zu längeren Ausführungen über die heutige Lage im Zionismus. Indem wir gleich zu Anfang Evnen, daß loir nicht mit allen Gedanken des Aufsatzes einverstanden sind und gelegentlich uns die Darlegung unserer eigenen Auffassung zur Frage: noch Vorbehalten, stellen wir die ' nachfolgenden Ausführungen zur Diskussion. Die Red aktiv ii.. ir. sch Uv S6* ag »gr er ide te. Mir scheint, wir alle haben heute mehr oder minderitlich das Gefiihl, daß die zionistische Bewegung eine iste Krise durchmacht. Bei den einen — den meisten ist es eine Empfindung des Unbehagens über den and und. den Gang der Dinge im Zionismus, bei i anderen ist es schon eine ausgesprochene Unzusrieiheit mit der heutigen Lage und eine gewisse Unsichert in der Bewertung der Zukunftsaussichten für die »niHsche.Asrbeit und Verwirklichung. Es wäre sinnlos d wenig klug, die Tatsache der heutigen Krise im Ziort^mus zü leugnen: sinnlos, weil die Erkenntnis des ihren Standes der Bewegung schließlich doch durchingen müßte und töricht, weil -nur dann die Krise ohne oßeü Krastverlust überwunden werden kann, wenn sie, ihrem Ernst und ihrer Bedeutung erkannt, dazu zwingt, len Weg zu ihrer Lösung zu suchrö und zu finden. Mit vollter oder ungewollter Blindheit ist noch nie eine fahrbeschworen und glücklich umgangen worden. . Man kann die heutige Krise im Zionismus die dritte ii tiefergehender Natur in der ganzen Geschichte der »nistischen Bewegung Nennen. Die erste ist durch die gända-Frage ausgelöst worden; und es war eine ganisakorische, vor allem aber eine geistige Gefahr, die mälS den Zionismus in seinem Wesen bedrohte. Der se.-^natioaale Sinn des Zionismus wurde von dem >andismus verkannt oder falsch gewertet; der eine gebe Weg nach Erez Jisroel, zugleich der "Weg zur na-, malen geistigen Befreiung und Erneuerung, sollte sich einige schmale Wege der Rettung aus wirtschaftlicher W Dt. Verzweigen. Die Reinheit der zionistischen Uwe war t fährdet, die Einheit der Bewegung bedroht: Die Krise I »er wurde am Ende — nach heißen Kämpfen — über- R unden. Das zweite Mal war' es das umwälzende Ge-- F sehen des Krieges, das den Zionismus/ oder besser: mm e zionistische Weltorganisation in eine gefahrvolle Krise neinriß; und es war damals vor allem die organitorische Einheit des politischen Zionismus in der ganzen ielt, gegen die sich die ganze Wucht des Kriegssturmes chtete; die Idee des Zionismus aber würbe in ihrer uswirkung mächtig - gehemmt. Auch diese Gefahr wurde staunlich leicht abgewendet; vermöge der eindeutigen, bein ringenden Macht der nationalen Idee., Und-nun, dls ' europäisch-amerikanische Krieg — zumindest auf den in, ichlachtfcldern — .zu Ende ging und erlosch, setzte die ritte, letzte Krise im Zionismus ein, die mir tiefer und »deutsamer als olle die' vorhergehenden erscheint, weil e organisatorisch und finanziell, wirtschaftlich und sozial, eistig und seelisch zugleich schwüre Fragen an den Zioismus stellt >und llare Entscheidungen fordert. Wrch inn. die Fragen falsch.oder, gar nicht beantwortet werben, »ird der Zionismus, früher oder später, sein erstes und itzteS Ziel: daS jüdische Palästina erreichen — nd in diesem Sinne ist die heutige Krisis im Zionismus :iüe Krisis der Idee, sondern nur der Organisaion —; aber die Art» das Tempo und das volle Geingen der Derwirllichung wird von der richtigen oder erkehrten Lösung jener Grundfragen von Politik, Wirthast, und Wiltur abhängen, kurz: es wird die Zu- ' des jüdischen Palästina davon abhängen. Heute ije gw^eit illimtunift^B .Upd lulillchkeiten in der Hand', um sie zu prüfen und zu wählen: morgen sind sie uns aus der / sind, eindeutige, für eine lange Zeit, hinaus xibhellen/geschasfen. Wählen wir recht, daß Kalästinä die ersehnte große Zukunft erstehe. V ' - :r •* ' ... - . Geschichte despolitischen Zionismus um». die r Bewegung heute schon am - Beginn der Er-' füllung. In einem erstaunlich schnellen Lauf hat der Zionismus die erste Hälfte seines Weges zurückgelegt, die Wegesstrecke, über der die Leitworte standen: Durchsetzung innerhalb der jüdischen Gesamtheit und in der Welt, politische Vorbereitung für die tatsächliche Besitzergreifung von Erez Israel. Und das Tempo dieses Fortschreitens der Bewegung wurde in den letzten Jahren so schnell, daß die Entwicklung in den Köpfen und den Seelen nicht gleichen Schritt halten konnte. Wir waren, zumal nach dem jähen Hlusbruch des Krieges, nicht innerlich gefaßt auf eine so rasche und gründliche Durchsetzung und Anerkennung unserer Ideen in der Welt; und Balfoursche Dellaration samt-den Schlag auf Schlag darauf folgenden Erllärungeu der verschiedenen Regierungen für den Zionismus kamen für uns zunächst überraschend, waren jedenfalls nicht in dieser Form Und so konkret erwartet. Binnen zwei Jahren erhielt dxr Zionismus nach der Sanktion durch die Masse des jüdischen Volkes die äußere Sanktion durch die politischen Mächte. Es fiel nicht schwer, sich auf das rasche, befeuernde Tempo der Entwicklung umzustellen. Ws aber daun der Umschlag kam und das folgende Geschehen in und um den Zionismus keine sichtbare Fortsetzung der großen Erfolge war, sondern ein langsam fortschreitendes Ringen um die praktische Auswertung des ganzen diplomatischen Gewinns schien, — griff die Enttäuschung und' der Zweifel in uns Platz über den Stillstand in der Bewegu>rg, über die Untätigkeit innerhalb des Zionismus und über unsere eigene Unsicherheit. Wir waren eben nicht vorbereiiet und eingestellt auf eine so schnelle Ueberwindung der außenpolitischen Widerstände und konnten deshalb nun, nach San Remo, da die äußeren politischen Voraussetzungen für den Aufban von Palästina gegeben waren, nicht sosort mit schon bereitgestellten Geldmitteln und fertigen Aufbau-Plänen an die.eigentliche Arbeit im Lande gehen. Hier liegt eine äußere, zeitliche Ursache der heutigen Krise im Zionismus beschlossen. Zwischen San Remo und dem Beginn der großzügigen Wiederaufbauarbeit dehnt sich — noch heute —, die kritische, weil „tote" und unschöpferische Zeit der zionistischen Verwirklichung. Ob der „Keren hajessod" oder ein anderes das Mittel hierzu bietet: der heutige Stillstand in der zionistischen Arbeit in Erez Israel selbst mutz tu kürzester Zeit überwunden und durch die neuschasfende Tat in Bewegung umgewandelt werden, um die Krise in ihrer Schärfe abzumildern oder, womöglich ganz zu lösen. * Die heutige Entwicklung im Zionismus samt ihren kritischen Momenten läßt sich, unter innerjüdischem Aspekt gesehen, im wesentlichen aus zwei verschiedenen Gegebenheiten. oder sagen wir: „Gewordeuheiten" heraus begreifen. Die eine Tatsache ist, daß der Politischphilanthropische Zionismus sich — wie im Verlaufe der letzten Jahre immer offenbar wurde — als unhaltbar und wirklichkeitsfremd erwiesen hat. Das andere ist der Durchbruch und die Durchsetzung der sozialistischen Ideen im Zionismus und bje Verstärkung des Kampses zwischen den nationalen Idealisten und den nationalen Utilitaristen. Jener Zionismus, der als sein eigentliches Hauptziel die Behebung der wirtschaftlichen jüdischen Mot in der Welt ausgab und dieses Ziel durch die restlose Verpflanzung der notleidendeni östlichen Judenheiteu nach Palästina erreichen wollte — jener heute ein wenig naiv anmutende Zionismus ist im Kriege endgültig ad absurdum geführt worden. Demi es erwie? sich als blanke. Unmöglichkeit, jenes radikale Befreiungswerk an den östlichen Judenheiten auch nur innerhalb eines Menschenalters auszuführen. Nun dieser naiv-radikale Gedanke des politischen Zionismus überwunden und abgetan.war, gewann ganz naturgemäß die Idee Achat» Haams vom geistigen Zentrum in Erez Israel wieder an Macht und steigender Bedeutung. Zugleich ergab sich die unaustpeiMiche Notwendigkeit für den Zionismus, zwiefache Politik zu treiben: für und im Galut und für Palästina. Diese Entwicklung, die schon vor dem Kriege begonnen, aber erst im Kriege eine -solche kategorisch-dringliche Bedeutung erlangt hat, führte zweifellos zu einer. Zersplitterung der Kräfte, zu einer Verzögerung der eigentlichen zionistischen Arbeit: in Palästina. Welche riesigen Geldsummen hat allein die — an sich unbedingt notwendige —. Hilsstätigkeit für die .Ju-enheiteni des Ostens ausgezehrt und sie dadurch — mittelbar; «her unmittelbar. — cher, Kolonisation Palästinas entzogen? Die Idee der schnellen, restlosen Befreiung des jüdischen Volles vom Galut durch Erez Israel, die Idee der tatsächlich-konkreten Aufhebung des Galut har versagt: sie hat vor der übermächtigen Wirklichkeit im Galut und in Palästina kapituliert und damit einer kritischen Entwicklung im Zionismus den Weg freigemacht. Die zweite große Ursache der kritischen Gestaltung der Dinge in der zionistischen Bewegung war und. ist heute in noch stärkerem Maße das Wirksamwerdeir der sozialen Gegensätze, der Durchbruch der sozialistischen Ideen im Zionismus. Solange die zionistische Bewegung das Gepräge einer engen Parteibewegung trog, und — weiter — solange der Zionismus' um die national«' / Anerkennung durch die Mächte rang, blieben die in ihm' auch damals .schon keimhast vorhandenen sozialen 'Gegensätze latent und unwirksam. Je mehr der Zionismus die ' jüdischen Massen in seinen Bann zog, um die nationalste, die umfassendste jüdische Volksbewegung zu werden, umso kraftvoller begannen die sozialen und sozialistischen Gedanken in ihm auszusteigen, aktiv zu werden und sich langsam durchzusetzen. Hier liegt ohne Zweifel der tiefste und bedeutsamste Antagonismus im heutigen Zionismus beschlossen und von dieser, der sozialen Sphäre her drohen die eigentlichen großen Gefahren für die weitere zionistische Arbeit in und außerhalb von Erez Israel, Ich versage mir hier, den seitherigen Weg uw» die seitherigen Ergebnisse dieser sozialen Auseinandersetzung im Zionismus — im jüdischen Doll darzustellen und zu beleuchten.: ich erinnere nur an den Kampf der Poale Zion gegen den „bürgerlichen" Zionismus und an ihre inneren Zerwürfnisse, ich erinnere weiter an den mach sozialer Aussöhnung und Verständigung strebenden Hapoel Hazair und an die ihnen stehenden Zeire Zion. * Zu einer eigentlichen, heute noch zum Teil latenten Krise ist dieser soziale Konflikt und das Versagen des radikal-politischen Zionismus erst infolge zweier bedeutsamer Vorgänge in der jüdischen Welt selbst ausgeartet. Das eine ist der jäh und unerwartet gekommene wirtschaftliche Zusammenbruch der russischen Judenheit, das andere ist die Nationalisierung, d. h die „Zionisierung" der amerikanischen Juden heit. Wir kennen heute noch nicht alle die Einzelheiten der jüdischen Katastrophe in Rußland (vor allem in der Ukraine); wir wissen aber, daß die russische Judenheit heute wirtschaftlich einfach ruiniert ist, und wissen, daß die anderen Judenheiten des Ostens, im großen gesehen, in einem bald langsameren, ball» schnelleren wirtschafllichen Medergang begriffen sind. Es scheint fast ein tragisches Verhängnis, daß nun, in diesen: Moment höchster Mot, wo Palästina die'einzige Rettung sür die ruinierten jüdischen Massen im Osten bietet, die Tore Palästinas aus politischen und vor allem aus wirtschaftlichen Gründen für eine Einwanderung größeren Stils geschlossen sind. WaS soll werden, wenn der erst nochzn erwartende eigentliche ,Mandersturm" beginnt? Es ist eine schwere Krise des ganzen jüdischen Volkes, nicht nur des Zionismus, die sich hier angebahnt. hat und immer größere Formen anzunehmeu droht; es inuß ihr ohne Feigheit ins Auge gesehen werden, wenn sie gelöst werden soll; und sie kann im wesentlichen gelöst werden. Das ist das eine wichtige Geschehen, das für den Zionismus von kritischer, entscheidender Bedeutung geworden ist, das andere ist die Gewinnung der ameich» konischen Juden für den nationalen Gedanken, für den Zionismus. Es ist ein nationales Glück gewesen, daß die amerikanische Judenheit sich nicht lange nach KriegSbeginn zum Zionismus bekehrt und bekannt hat; und die ganze Bedeutung dieses Vorgangs ist heute noch nicht abzuschätzen. Ein anderes darf aber nicht verkannt werden: daß durch die Wirksamkeit der amerikanischen Zionisteü die sozialen Gegensätze im Zionismus mächtig verschärft und vertieft worden sind. ist ein nationales Verhängnis, daß in dem heutigen zukunftsentscheidenden Moment des beginnenden Aufbaus von Erez Israel die jüdischen DolEmassen im Osten finanziell fast ohnmächtig dastehen Und sich darum, jedenfalls vorerst, dem Willen des geldkräftigen, aber zu einem wichtigen Teil unsozial und ana» tional denkenden Amerikanern unterwerfen müffen. Söll das amerikanisch-jüdische Kapital Herr werden von oder .in Palästina? Hier liegen Keime zu künftigen Konflikten, liegt eine — man sagt nicht zuviel: — schwere Gefahr .für. das werdende jüdische Palästina. Erez Israel, IjaS auf den Fundamenten kapitalistischer Wirtschaft aufgebaut ist, Erez Israel, das' auf sozialer Ungleichhell Und nationaler Gefchästsmacherei gegründet ist, wird in Wide