Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1921)
- Date
- 1921-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterLfraeliüfches Familienblatt 90 [90 Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mt. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Rebaliioi» und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saltz Geis Jnsertionspreis für die sechsgespalteneRonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Ännahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nt. 4864. 19. Jahrgang. Freitag, de« 5. Schwat 5681 (14. Januar 1921) Rr. 2. s» h“• a 75 I™* fi® L Die Frankfurter Israelitische Gemeinde zur Frage der Gesamtorganisatiou der deutschen Jude». Der Deutsch-Israelitische Gemeinde-Bund hat auf den 23. Januar nach Berlin einen Gemeindetag einberufen, den: neue Statuten, deren Annahme die Umwandlung des Gemeinde-Bundes in eine Gesamto r g a n i s a t i o 11 der deutschen Jude n bedeuten, oorgelegt werden. Die Gemeindevertretung der Frankfurter Jsr. Gemeinde sollte in ihrer Sitzung vom 6. Januar ein Mitglied zu dieser Tagung delegieren; der Vorstand hatte bereits zwei seiner Mitglieder (Justizrat Dr. Blau und Dr. B ä r - w a l d) delegiert. Zn diesem Punkt lag seitens des Justizrats Auerbach der Antrag vor, das Akteimiaterial des Vorstandes über die Frage der Gesamtorganisation oorzulegen. Als Vertreter des Vorstandes ergriff Dr. Bärwald das Wort und präzisierte die Stellungnahme des Vorstandes wie folgt: Eine Gcsmntorganisation der deutschen Juden ist wünschenswert, jedoch unter folgenden Voraussetzungen: 1. sie muß eine möglichst allgemeine sein; das verlangt, daß sie auch die Trennungsorthodoxie in sich embezieht; 2. ihr Wahlrecht muß sich auf m ö g l i ch st breiter Basis aufbauen; 3. die K o st e n der Organisation müssen m ö g - lichst beschränkt werden, damit sie ihrer wesentlichsten Aufgabe, leistungsschwache Gemeinden zu unterstützen, gerecht werden kann. Justizrat Dr. Auerbach sprach sodann zu seinem Antrag. Er ist gegen die Umwandlung des Gemeinde-, Bundes in eine Gesaintorganisation. Die politische Vertretung der deutschen Juden würde seitens deS Verbandes der deutschen Juden erfiillt, — und der Einwand, der gegen den Verband' gemacht werde, daß er nicht die ganze deutsche Judenheit umfasse, bestehe auch gegen den Gemeinde- Bund. Auch dürfe eine Bereinigung, die sich auf Relig i o n s g e m e i» d e n aufbaue, nicht politisch wirken. „2>ie Hebung des religiösen Lebens unter Wahrung der Autonomie der Genieinden" sieht das Statut als wesentliche Aufgabe vor. Bon der Berliner Zentralleitung aus solle also dieser Programmpunkt verfolgt werden! Er halte eine solche.Zentralisation, die das gesamte deutsche Judentum Berlin unterstellt, für ein »amenl o se s U n g l ü ck. Uebcrall zeigt sich das Bestreben zu dezentralisieren, — und da wolle man hier jetzt zentralisieren. Er sehe nur die Unterstützung der leistungsschwachen Gemeinden als den berechtigten Zweck einer solchen Organisation an. Aber gerade diese Ausgabe werde durch die Ko st «ii desgewaltigen Aufbaus, den das Statut vorsieht (60 Mitglieder der Verwaltungskörperschaft und 300 der parlamentarischen Körperschaft) aufs empfindlichste geschädigt, — und es lasse sich dieses'Ziel auf anderem Wege zweckniäßiger erreichen. Er fasse seine Ausführungen dahin zusamnicn: Das vorliegende- Statut darf unter keinen Umständen angenommen werden! , Julius Werner beleuchtete besonders die großen materiellen Verpflichtungen, die der Frankfurter Israelit. Gemeinde durch, die Gesamtorganisation in der .geplanten Form grade jetzt erwachsen würden, da sie so wie so schon Jahre schwerster finanzieller Probleme vor sich sieht. . Dr. Merzbach, der Vorsitzende, wies darauf hin, daß der Plan einer Gesamtorganisation der Deutschen Juden auch toacmc Befürworter in der Gemeindevertretung habe.' Jacob Wolfs machte auf den von der Zionist i s ch e n O r g a n i s a t i o n a u s g e a r b e i t e t em Satzung s c n t w u r f aufnierksam, der gerade Gesichtspunkte in den.Vordergrund stelle, mit denen auch Justizrat Auerbach, nach seinen Ausführungen zu schließen, einverstanden sein müsse. Die sehr eingehende Debatte zeigte, daß die Majorität der neugewählten Gemeindevertretung sich init dem ganzen Fragenkomplex noch nicht so vertraut fühlte, um bereits am gleichen Abend bindende Entschlüsse zu fassen. Es wurde daher die Anberamnung einer weiteren Sitzung beschlossen. Da aber bis zum 9. Januar die Namen der Delegierten nach Berlin gemeldet sein müssen, so wurden — ohne dadurch irgend, welche Stellung genommen zu haben — vorerst Dr. Merzbach (lib.), Felix Meyer (kons.) und Dr. Emmerich (zion.) delegiert, entgegen dem Vorstandsantrag, der nur einen Delegierten vorschlug. Anmerkung der Redaktion. llnser Wunsch, daß. die Umgestaltung der Frankfurter Israelit Gemeinde nicht nur eine Reorganisation ihres äußeren Aufbaus, sondern auch ein kraftvoller Anstoß für ihr geistiges Leben bedeuten möge, scheint sich schneller, als irir dachten, verwirklichen zu wollen. .Bereits die zweite Sitzung der Gemeindevertretung brachte das ungewohnte Bild großer Gesichtspunkte. Zur Behandlung stand die Wahl von Delegierten für de» Gemeindetag in Berlin, der sich mit der Verwirklichung einer Gesaintorganisation beschäftigen soll. Schon der Vorstand hatte sich nicht mit der Ernennung von De» legierten begnügt, hatte vielmehr einstimmig seinen Standpunkt zur Frage der Gesamtorganisation wie folgt präzisiert: Die Statuten einer Gcsamtorganisation müßten so gestaltet werden, daß mich die Trennnngsorthodvrie keinen Anlaß hätte, sich nicht anzuschließen, die Statuten müßten ferner von demokratischem Geiste durchweht sein, und entgegen dem von Berlin vorgeschlagenen sehr kostspieligen Apparat der Organisation müßte der Apparat so beschaffen sein, daß der Hauptzweck, die Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden, weitgehendst erfüllt werden könne. Räch dem Berliner Statutenentwurf, der eine Körpe» lchaft von GO und eine von 300 Personen vorsieht und! dem so etwas wie Oberhaus und Unterhaus vorschwebt, würde sür arme Gemeinden schließlich sehr wenig übrig bleiben, lleberhanpt Berlin! Justizrat Dr. Auerbach goß die ganze Schale seinerglänzenden Beredsamkeit über Berlin. Ihm hat cs nicht -nur die geplante kostspielige Ausmachung der Organisation angetan, sonder» auch die Bestimmung des Statutenentwnrses, der die Hebung des religiösen Lebens als einen Hmrptzweck heroorhebt und die Berliner Leitung unter der Gloriole eines Konsistoriums mit Einfluß auf die Gestaltung des religiösen Lebens ausstatten würde, sowie ferner, daß die Organisation nach außen die politische Vertretung der deutschen Judenheit darstcllen solle, was sich nnt einer Vereinigung von Rcligionsgemeinden nicht vertrage. Interessant ist jedenfalls, daß eine so ausgesprochene liberale Persöu- - lichkeit wie Dr. Auerbach mit seinem Mißtrauest gegen die Berliner Ansichten und Msichtcn sich mit dem gleichen von traditionstreuer .Seite stets gehegten Gefühle begegnet. Unter Ablehimng jeglichen Einflusses auf die religiöse Autoiwmie sind wir sehr wohl der Meinung, daß die geplante Gesamortganisation neben rein finanzielle» Aufgaben die politische Repräsentanz der deutschen Indenbeit sein sollte, denn für uns sind die jüdischen Ge-, meinden mehr als Religionsgemeinden, da wir Juden eine Religionsnation sind. Aber diesen Begriff verstehen heute nur Zionisten und bewußt traditionstreu Gesinnte. Doch hören wir, was die weitere Debatte der. Frankfurter Israelitischen Gemeindevertretung, die auf die nächste Sitzung verschoben wurde, dringen wird! Die katastrophale Lage der Frankfnrter jüdischen Wohlsahrtsanstalten. Herma«» Seckbach, Letter öeS Gumpertz'fche» SiechenhaufeS. Ihre an nrick, gerichtete Anfrage betrifft ein Gebiet, das heute ganz besonders mit der bidt zu kämpfeit hat. Unsere jüdische Krankenfürsorge hat stets das Höchsts Ideal zu erreichen versucht. Alle modernen Errungenschaften der Wissenschaft wurden nutzbar gemacht zmn. Wohlc der Kranken. Und gerade, werk wir diesen wunde» , vollen Aufbau miterlebt haben, weil wir in der schweren Kriegs- und Nachkriegszeit gesehen haben, wie unsere jüdischen Krankenhäuser ausnahmslos in materieller und ideeller Hinsicht überwältigendes geleistet haben, gerade deshalb sind die für uns sich Tag für Tag jetzt ergebender? Schwierigkeiten ein trauriges Erleben. Wer, wenn ich so sagen darf, hinter den Kulissen unserer Krankenanstalten -Einblick hat und sieht, wie der nagende Wurnr der Zeit alles zerfressen will, was sahrzehntelang in seltener Hin-' gäbe erreicht wurde, der sucht nach einem Ausweg aus * dem Labyrinth dieser bedauerlichen Verhältnisse. Und wenn wir nach Wegen suchen, die uns aus diesem unhaltbaren Zustande führen können, so müssen wir, so paradox es in unserem materialistischen Strudel klingen mag, uns mehr als je dem «Uea jüdischen JdealiSnmS zuwenden. Unsere Tradition kennt hinsichtlich der Krankenpflege keinen Achtstundentag. Alles, was Acrzte. Schwestern und Mitarbeiter vollbringen, das entspringt einem alten jüdischen Gebote wahrhafter, edelster Menschenliebe. Wollen wir deshalb die in ihren Säulen erschütterte» Institutionen über Schweres hinwegbringen» so müssen wir in erster Linie versuchen, einen Stanim ideal empfindender Menschen als Schwester» und Mitarbeiter heranzubilden. Wie tiefgehend eine so erfaßte Pflichterfüllung den Aufgabenkreis der Anstalten erleichtert, das sehen wir bei den Ordens- und Diakonie-Anstalten. Aber selbst die größte Hingabe ist ganz umsonst, wenn nicht die Allgemeinheit mehr als je in weit größeren» Maße wie bisher helfend und schützend eingreist.. Wir all» wissen, wie schwer jede einzelne jüdische. Anstalt jetzt nur ihre Existenz ringen muß, sind doch durch die Geldentwertung wohl sämtliche gemeinnützige Institutionen ohne größere finanzielle Sichcrimg. Diese allgemeingehaltenen Ausführnngen mußte ich vorausschicken, um Ihre weitere Anfrage wegen des Gumvcrtz'kchrn Siechenhauscs beantwortenzu können. Wenn man sich vor Augen hält, daß unsere Jlnstalt durchschnitttick 50 Schwerkranken Verpflegung, medizinische und chirurgische Behandlung angedeihen lassen muß, und, was, heute von eminenter Bedeutung ist, sie nnt Kleidung und» Wüsche versehen muß, so kann man-die gewaltige Auf- gäbe, die hier gestellt wird, ermessen, wenn Man in Betracht zieht, daß die vorhandenen Zinsen kaum die Kostest für eine« Monat decke». Welche Unsumme von Sorge» und Mühe ist da nötig, um die kaufenden Mittet anizu-, bringen. Dank einer treuen Anhängerschaft war es bisher möglich, wenn auch mit einem großen Defizit, über Schweres hinwegzukommen. Vornehmlich waren es Ged ä ch t n i s st i f t u n g e n in der Anstalts-Synagoge» die unserem finanziell bedrängten Hause wertvolle Beihülfe leisteten. Von der allergrößten Wichtigkeit wird es über für die Zukunft sein, unbemittelten Kranken, für die weder Private noch Behörden etwas zahlen, also die Aerinsten der Arnicn, die Wohltaten unseres Hauses nicht zu ent* \ H