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Neue jüdische Presse · 1921-01-07 · Heft 1 (7.1.1921) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 1 (7.1.1921)
Date
1921-01-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( FrankfurierIsraelitifches Familienblalt ’ > '■. Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auLwärtS bet der Post abonniert Mk. 4.50 stei inS HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis Jnserttonspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 3.—sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und 'Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und m allen Annoncen-BureauS. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 19. Jahrgang. Freitag, de« 27. Tewes 5681 (7. Januar 1921) Rr. 1. Der Antisemitismus in Svwjet-Rutzland. Im heutigen Sowjet-Rußland gibt es, ivie Halevp im „Volk" schreibt, keinen offiziellen Antisemitismus. Die gleiche „Rote Regierung", die mit aller Macht die jüdischnationale Bewegung unterdrückt, verteidigt die Men. schenrechte der Juden überall, wo sie verletzt werden. Der gesellschaftliche Antisemitismus ist jedoch stark. Außerhalb Rußlands wird man diese Tatsache nicht glauben wollen; denn man denkt, daß. sich mit der großen Umkehrung in Rußland auch die Phyche der Massen vollständig geändert haben müsse. Wohl drückt sich der gesellschaftliche Antisemitismus nicht mehr in Pogromen und Verfolgungen mrs, er ist aber moralisch nicht weniger feindlich. Für alte Sünden der Sowjet-Regierung werden die Juden verantwortlich gemacht, trotzdem in den Sowjets fast gar keine Juden sitzen und auch die Rote Armee säst judenrein ist. Das Volk wie die Intelligenz, beide sind der einen Meinung, daß die Juden Len gegenwärtigen Beherrschern des Landes den Kopf verdreht haben. Die Russen natürlich, — die sind zu harmlos. Lenin hätte schon längst nachgegeben, ließe Trotzki mit, seinen jüdischen Genossen es zu. Mehr als eimnal ist die Legende verbreitet worden, Trotzki habe Lenin gestürzt. Die bolschetvistischen Führer sehen sich gezwungen, mit dieser Stimmung des Volkes zu rechnen, und cs ist längst kein Geheimnis mehr, daß die geringe Zahl von Juden in den Regierungsstelle» von Tag .zu/Tag noch Keiner wird. In Petersburg z. B., wo xs zu Kerenski's Zeit ziemlich jüdische Beamte gab, sind jetzt keine zu sehen, mit Ausnahme natürlich einiger „Großer", die» > man behalten muß. Besonders, in der Provinz fühlt der Jude Len Antisemitismus auf Schritt und Tritt. Man braucht nur in einem Eisenbahnwagen zu fahren, um zu hören, wie auf die Juden geschimpft wird. In kleinen Orten muß der Jude angst haben,, ans den Markt zu gehen, denn es heißt gleich: Die Juden kaufen alles auf. Geht der Jude in Stellung, ist es nicht, recht; tut er cs uicht, dann beschuldigt inan ihn, Laß er die Teuerung inache. Die traurige Lage der russischen Juden, die ja meist der Kleinbürgers- und der Handelsklasse aygehören,^ ist . leicht zu verstehen. Mehr als - andere Bevölkerungsschichten haben sie durch den Bolschetvismus gelitten, und mehr als das Bauerntum wünschen sie die Befreiung von der bolschewistischen Herrschaft. — und trotzdem müssen sie mit Schreck und Zittern den Tag erwarten, an dem die bolschewistische Herrschaft fällt. Rür die Furcht vor der bolschewistischen Macht läßt es heute nicht zu Ausschreitungen gegen die Inden kommen. Wer es von den Juden irgend bewerkstelligen kan», flieht ans Rußland, — die anderen setzen ihre einzige Hoffnung ans eine künstige demokratische Regierung. Die jüdischen Rechte im Rigaer Friedensvertrage. Dem „Moment" wird aus Riga gemeldet: „In den Kreisen der russischen Friedensdelegation verlautet, der Kommissär für die nationalen Angelegenheiten 'der Inden, Mo re in a, habe sich in einem Memoran- *<bum an den Volkskommissar für Aeußeres, Tschitscher i n, gewendet, in welchem er darauf hinweist, daß in , den Zunkten des Präliminarfriedens, welche die Rechte der nationalen Muderheitcn behandeln, sorgfältig alles verm-iedc» worden sei, was ans die Inden Bezug hat. In Pimkt 4 des Vertrages, der die gegenwärtigen Garantien für die freie Entwicklung der Kultur, Sprache und Religivnsübung behandelt, werden nur die russische und die ukrainische Nationalität genannt, da» gegen die weißrussische und jüdische nicht genannt, obwohl faiit dem Vertrag au Polen Gebiete fallen, in denen Millionen von Angehörigen der weißrussischen und jüdischen Nationalität wohnen. Diese Mchtnennnng sei unbedingt ein Mangel des Vertrages, und wenn Punkt 4 unverändert in den endgültigen Friedcnsvertrag ausgenommen werde, werde es unmöglich sein, die Gleichberechtigung der j ü - di scheu Sprache zu fordern. Daher müsse im endgültigen Vertrag der Punkt über die nationalen Minderheiten so abgefaßt sein, daß in ihm ausdrücklich auf die Entwicklung der jüdischen und weißrussischen Sprache hingewiesen und mich diesen beiden Nationalitäten die freie Religionsübnng garantiert werde. Zu de» Fehlern des Präliminarvertragcs gehöre auch, daß in ihm das Prinzip der nationalen Minder h c i t s r e ch t e im allgemeinen kei n en An s d r u ck finde; dieser Fehler müsse im endgültigen Friedens- Vertrag verbessert werden. Als Antwort auf dieses Memorandum gab Tichitscherin dem Kommissär Moreina bekmrnt, er stehe gleichfalls ans dem Standpunkt, daß die Rechte der nationalen Minderheiten im allgemeinen und der Inden im besonderen gewahrt werden müssen." Die „Wiener Morgenztg." bemerkt zu dieser Nachricht: „Daß cs Unbedingt notwendig ist, die Prinzipien der jüdischen Minderheitsrechte bei der Rigaer Konferenz energisch zu vertreten (in der russischen Delegation gibt cs einen Experten für jüdische Angelegenheiten, in der polnischen hat man nichts von einem solchen gehört), das beweist am besten der von polnischer Seite gemachte Vorschlag in der „Frcmdensrage", die für die Juden von großer Bedeutung ist. Es handelt sich dabei darum, auf welche Weise die Hunderttausende von Juden, die aus den: durch den Rigaer Frichensvertrag Polen zugesprochenkn Gebiet wohnen und bis jetzt als „Fremde" angesehen werden, das Optionsrecht werden ausüben können, das Recht, zwischen polnischer und russischer Staatsbürgerschaft zu wählen. Da hat, wie der-Rigaer Korrespondent des „Kurjer Warszawski" seinem Blatte mitteilt, die polnische juristisch-politische Kommission (in welcher übrigens als Spiritus rectorder jüdische Täufling SimonRundst e i n sitzt) bei der Rigaer Friedenskonferenz folgende Fassung vorgcschlagen: Das Recht, polnischer Staatsbürger zu werden, hat jeder Einwohner der „Randgebiete", die an Polen fallen sollen, der beweist, daß einer seiner Angehörigen väterlicher- oder mütterlicherseits uminterbrochen auf dem Gebiet gewohnt habe) das einst zuin ehemaligen polnischen Staate gehörte, oder der beweist, daß. er oder seine Eltern ihre Zugehörigkeit zur polnischen. Nafionalitär bekundet haben. Mit anderen Worten: Polen, welches sich durch die Unterschrift seiner Bevollmächtigten zur Durchführung des Vertrages von Versailles verpflichtet hat, der über die polnische Staatsbürgerschaft klar festsetzt, daß alle Bewohner Polens, die dort bei Inkrafttreten des Vertrages ansässig sind, ohne weitere Formalität polnische Staatsbürger werden, wenn sie auch früher russische Bürger waren, sobald sie nicht imlerhcflb zweier Jahre für Rußland optieren, — schlägt jetzt in Riga vor, daß für dig Erlangung der polnischen Staatsbürgerschaft nicht der persönliche Wohnsitz des Einwohners, sondern dokumen» tarische Beweise der polnischen St aatsbLrgerichaft der Eltern notwendig seien, die natürlich, gar nicht leicht zu erbringen sind. Eine Ausnahme wirk» bloß für nationale Polen gemacht." Die Einwandernngssrage in Amerika. Wenn auch das amerikanische Repräsentantenhaus den Beschluß gefaßt hat, in Rücksicht aus die wirtschaftliche Depression die Einwandernug aus ein Jahr z» verbieten, so besteht doch noch eine Hosfirung, Laß der Senat diesen Beschluß, der für. hunderttauscnde Indien Osteuropas verhängnisvoll wäre, nicht annimmt. Senator Colt, der Vorsitzende des Einwanberunzs» komitees im Senat, ist ein Gegner der Unterbindungder Einwanderung. Er behauptet, die bisherigen Informationen über die Frage seien ungenügend, es müsse erst; authentisches Material vorliegen, um zu einem maßgebenden Urteil zu gelangen. Der WUnaer jüdische Bevölkernnr beteiligt sich nicht an de» Parlamentswahlen! 'An den Vorsitzenden der Wahlkommission ging anf seine Aufforderung zur Einreichung der Kandidatenliste von den jüdischen Organisationen folgende Antwort ein: „Die jüdische Gemeinde von Wilna beehrt sich, folgendes mitzuteilen: v . Die Grundlagen der Wahlen, ihre Zeit und ihre Bedingungen, verhindern es, daß das Parlament ein Spis» gelbild" der Bevölkerung unseres Landes sein kann. Deshalb sieht sich die Wilnaer jüdische Gemeinde zu Lev Erklärung gezwungen, daß die jüdische Bevölkerung von Wilna an den Wahlen keinen Anteil nehmen kann." Die Erklärung trägt folgende Unterschriften: Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wilna, der Vorsitzende der Zionistischen Organisation in Litauen Dr. Regensburg, der Vorsitzende der Jüd.-demokrat. Partei Dr. Schab ad, der Vorsitzende des Verbandes Kaufleute und Handwerker Kruk, der Vorsitzende der Bolksvereinigung Rubin st ein, der Vorsitzende der Zöirei Zijmin in Litauen N a t o w i l. 8rez Israel. Verschiedenes. Der Generalgouverneur hat angeordnet, daß die jüdischen Beamten in den Regierungsämtern am Freitag bereits eine Stunde vr»r Sonnenuntergang vom Dienst zu befreien sind. Der englische Arbeitsminister Sir Alfred Mond' wird Mitte Januar hier erwartet. Wahrscheinlich wird ihn Professor Weizmann, der seine Reise nach Amerikaverschoben hat, begleiten. ' . Deutsches Reich. Boykott jüdischer Geschäfte. Am 2. Dezember fand im „Friedeberg" eine Versammlung des Deutschvölkischen Schutz» und Trutzbundes statt, in der laut „Schles.-Ztg." der Reichstagsabgeordnete Wnlle und Prof. Frhr. v. Frey tag» Loringhoven znm schärfsten Boykott der jüdischen Geschäfte ausforderten. In Breslau wird ein „Verzeichnis christlicher Kanfleute und Gewerbetreibender" versandt, das weit flSg&r 100 Firmen umsatzt. ' j,en . Anen -ohn,"

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