Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 48 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FmukfurterIsraelitisches Familienblaii Erscheint wöchentlich mn Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main Lei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 frei ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition:. Frankfurt a. M./Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeher: Galy Geis Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Pfg., für die ReklamezeileNtk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 18. Jahrgang. Freitag, den 20. Tewes 5681 (81. Dezember 1920) Nr. 48. Ältnene Wege. Der Tod des Altouaer Oberrabbiners Jakob Ettlinger im Jahre 1871 bedeutet in der Geschichte der deutschen Judenhcit die Vollendung des Umwandlungsprozesses des . einzigartigen Gebildes der jüdische» R el i g io ns n-a t i o n in eine Glaube ns gemahns ch a s t. Denn der Rabbinatsbezirk - des Oberrabbiners Jakob Ettlinger war der letzte, der die bürgerlichen Beziehungen Livischen den Juden nach jüdischem Recht regelte. Seitdem hat die deutsche Judcuheit das jüdische Recht verstauben lassen; cs ist ans ihrem Leben und aus ihrem Denken geschwunden. Diese Wirkung der E m a n z i p a t i o n s b e w e g u n g ist verhängnisvoll geworden. Während früher der Judenhcit eine besondere Gedankenwelt eigen war, flüchtete sich nunmehr ihr bewußtes jüdisches Denken in die vom Getriebe des Lebens abseits liegenden Augenblicks, und bas Judentum wurde so zu einem Moment jenseit des bewegenden Lebens. Schon im Uranfang der jüdischen Volksgeschkchte hatte sich aus gleichen Ursachen eine Tragödie entwickelt, indem es versäumt ivorden war, den dem Religiösen zügewandten Jakob-Typus mit dem im Weltlichen sein Genüge suchenden Esau-Typus 311 vereinigen. Die Geschlechter der Emanzipationsepochc hätten diese alte Lehre vergessen, — und deshalb schwemmt seitdem in der zur Glaubensgemeinschaft gewordenen Religionsnation das' Leben ■ alle die von der Verbindung mit dem lebendigen Judentum weg, die picht religiös gesinnte Jakobskinder sind. Auch in'4er Jadengasse des Ghetto hat cs die verschiedenartigsten Menschen gegeben:' Religiöse und. Unreligiöse, vor der Tradition Erschauernde und alles Traditionelle skeptisch Belächelnde, — aber da das Leben mit dem Judentum durchsetzt war, da nicht nur nach dem Judentum der einzelne betete, sondern auch die Gesamtheit - alle menschlich-persönlichen Beziehungen regelte, so wurden auch alte die mit ihrem Denken am Judentum festgehalten, die rationalistisch dachten und fühlten. Das war jetzt anders geworden. Jetzt prägte sich der religiöse Charakter des Judentums zu seinem Gesamtcharakter, — doch die Religio» hatte nicht Nützen, sondern nachhaltigsten Schaden von ihrem scheinbaren Vorteil. Zür Zeit, da noch das vielgestaltige Leben mit dem /Judentum verbunden war, wurde durch diese Stütze 'auch die Religion gestützt. Nunmehr wurde aber der 'Abfall in allen Formen, beginnend Mit Fndifserentismus und Unwissenheit und endend mit Mischehen und Taufen — früher seltene Ausnahmefälle —, charakteristische, allgemeine Erscheinung im Leben der deutschen Judenheit. * Es erhebt sich für uns die Frage, wie bas Verlorene wieder zu erwerben ist. Das Problem besteht nicht nur bei uns, sondern in alten Läirdern, die den Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt haben. Die Lösung dürfte nur eine teilweise sein, denn es ist nicht ersichtlich, aus welche Weise das geschlossene Milieu, das wir. im Ghetto hatten, jemals wieder zu erreichen wäre. Eine teilweise Lösung ist aber jedenfalls möglich, und .sie energischst in Airgriff z,u nehmen, erscheint dringendste Aufgabe. Der traditionstreuen Judenheit liegt es ob, ihr Augenmerk auf die Wiedererwerbung eines Gutes zu richten, daS eine gewaltige Bereicherung ihrer Erkenntnis vom Wesen des Judentums bewirken und ihr auch quan- titativ stark nützen muß.' .Das Studium des jüdischen Kechtskodex (Choschen Mischpot) seitens der Lernenden und die Propägi«ung seiner Werte von der Kanzel und von der Rednertribüne führen den theoretischen und die Wiederintätigkeitssetzung des sich nur noch mit religiösen Fragen befassenden Beth- D i n auch für die Rechtsfälle, die zwischen Inden und Juden entstehe», führen den.praktischen Weg, den es zu bcschreiten gilt. __ Seit San Remo, seitdem sich in Palästina wiedeh ein nationales jüdisches. Eigenleben aufbaut, hat die Forderung nach diesem altneuen Weg noch einen Antrieb erhalten. Will der traditionstreue Jude den Problemen, die in Palästina erstehe», mit Urteilsfähigkeit gegenübertretcn, dann muß er selbst im jüdischen Recht heimisch sein. Die zahlreichen Versuche zur Stärkung der, traditionstreuen Judenheit fanden in Wirklichkeit stets' nur bei solchen Herzen Eingang, die dem Religiösen entgegenschlugen, die anderen gingen.. an die Assimilation verloren. Wird der gezeichnete Weg mit- Energie beschrittcn, dann wird es besser werden, dann werden die Erfolge weit über ihren jetzigen Wirkungskreis hinausreichen und so gegen die Assimilation einen Wall schaffen. Was sich aber in der traditionstreuen Judenhcit abspielt, das entsendet seine Ausstrahlungen in die.Reihen der liberalen Judenheit hinein, es umfaßt am letzten Ende die Gesamtjudenhcit. . _ Im Kampf um die jüdische Schule. In der deutschen Judenheit, soweit sie sich um die Erhaltung des Judentums Sorge inacht, hat sich gerade in. den letzten Jahren immer mehr die Ueberzengung durchgesetzt, daß für diese Erhaltung die jüdische Schule notwendig ist. An der Spitze zahlreicher Gemeinden stehen . jedoch Persönlichkeiten, die von assimilatorischen Tendenzen geleitet werden und diesen Tendenzen die jüdischen Interessen hintenanstellen. Diese Persönlichkeiten leisten der Errichtung jüdischer Schulen den größten Widerstand; mag das Judentum sich lieber weiter zersetzen und auflösen, als daß es sich in seinem Selbsterhaltungstrieb die eigene. Note wahrt und stärkt. Die letzte Sitzung der Breslauerjüdischen Revräsentanten war charakteristisch für diese Anschauungsweise, und es sei daher ihr Verlauf kurz wiedergegeheir. Auf eine Ansrage erwiderte im Namen des Vorstandes Justizrat Hirschberg, daß die Gemeinde mit der von einem privaten Verein betriebenen Errichtung einer höheren Schule, von der jetzt bereits die unterste Klasse bestehe, nichts zu tun habe. Wohl gehöre Nabb. Dr. Simonsohn zum Vorstand des Vereins, er beteilige sich aber nicht am Unterricht. Im Verlauf der Debatte fügte der Vertreter des Vorstandes noch hinzu, daß die Gemeinde die Schule niemals unterstützen werde. Die sich „liberal" nennende Majorität der Repräsentanten trat diesen Ausführungen bei. Professor Dr. W o h - lauer verlangte sogar, daß der Regierung mit geteilt werde, daß die Gemeinde dem Gedanken einer jüdischen Schule fernstehe, und Repräsentant Wals ch prägte den eigenartigen Ausspruch: „Mit dem jüdischen Kindermädchen sängt es an, und mit der jüdischen Universität hört 'es' auf." Die Versammlung trat dem merkwürdigberührenden Antrag Wohlauer nicht bei, sie beschloß aber/ innerhalbdes jüdischen Gemeindelebens-gegxw die Schule aufzutreten. Wie iveuig weit? Kreise der Breslauer Judenheit mit den Führern einverstanden sind, zeigte am nächsten Abend' eine vom „Verein zur-'Förderung der jiid. Schule" einberufene, sehr stark besuchte und glänzend verlaufene Versammlung. Rabbiner Dr. Simon so hu sprach.von der jüdischen Schnlfrage als der Lebensfrage der d e n t s ch e n I u d e n h e i t. Dr. Jsaac Heine mann wies einleitend darauf hin, daß die Anhänger der jüdischen Schule bis in die Reihen der Liberalen reichen, und betonte in seinen weiteren Ausführungen, daß nur die jüd. Schule das vermitteln könne, was wir jüdisches Bewußtsein nenne». Dieses jüdische Bewußtsein niedergerissen und nivelliert zu haben, sei das zweifelhafte Verdienst des politischen Liberalismus. Dr. Carlebach - Lübeck ging in seiner Rede von der Behauptung ans, je origineller wir als Juden» sind, desto mehr werden wir als Menschen sein; größte Differenzierung bedeute größte Kraftentsaltung. , Kreisschulinspektor Dr. H ein m e r l e sprach als Christ dem Schulwerk seine Sympathie aus. Nur Professor Dr. Wohlauer sprach von gegnerischer Seite. Der Erfolg des Abends war, daß der Verein für seine Schule weitere -10 000 M. einmalige und 60 000 M. Jahres- 'beiträge erhielt. Gescheiterte Emiguugsverhaudlurrgcrr zwischen Misrachi und Aguva. „I. P. Z-" meldet: * . Am 16. Dezember fanden im Hause Sir. Stuart Samiiels Verhandlungen zwischen Misrachi- und Aguda-Bertrctern statt, um eine Basis zu schaffen, die daS gemeinsame Arbeite» der beiden -Organisationen erleichtern würde. Die Vertreter der Aguda erklärten sich nur unter der Bedingung;u einer Zusammenarbeit bereit, wenn sich die Misrachi-Organisatio» von den Zionisten trenne, womit sich die Misrachi-Bertreter nicht einverstanden erklären konnten. Der Vorschlag der Misrachi-Bertreter, der die Agudas Jisroel einlud, am Erziehungswerk des Misrachi in Palästina, für welches icin substantieller Vertreter im Erziehungsrat (Waad Hamsakeach) zugestanden: wurde, tcilznnchmen, wurde ebenfalls von den Agutla- Vertrcter» abgclchnt, obgleich heroorgehoben wurde, daß dieser Erziehungsrat volle Autonomie für die orthodoxen Schulen hat. Das Palastiuamaudat. . Räch Mitteilungen der „Times" hat England, dem vom Völkerbund die Ausarbeitung eines Mandatsentwürfes für Palästiica übertragen wurde, sich mit Frankreich und Italien über den Wortlaut dieses Entwurfes geeinigt. -^bcr Entwurf erkennt ausdrücklich die historische» Ansprüche der Juden auf Palästina an und -aßt die Schaffung von Selbflverwaltungskörpern ins Auge. Eine weitere Bestimmung erkennt die Zionistische Organisation als solche völkerrechtlich an; sie soll von der palästinensischen Regierung zu Rate gezogen werden, uanientlich in. Bezug aus wirtschaftliche Fragen und bei der Vergebung öffentlicher 'Arbeiten. Die Geschäftslage itt Palästina. „Palestine Weekly" berichtet: Auch Palästina ist in di-. Weltkrise knit hineingczogen und das Geld ist sehr knapp. Die Banken halten mit Krediten soviel wie. möglich zurück, und dies hindert das Geschäft sehr. Aber die ungünstigen Berichte; die in einige» Zeitungen zu sindeü waren, find übertrieben^ Palästina ist hauptsächlich ein Ackerbauland, und da cs wenig Industrie har >md wenig vom Weltaugebot